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Lösung zu Übung 8 a.

Die Aufgaben lauteten:

Die nachfolgend wiedergegebenen Auszüge aus Jean Bodins Werk 'Six livres de la République' - einschließlich einer Abbildung der ersten zwei Seiten der Erstausgabe seines Werks aus dem Jahre 1576 - befassen sich mit der Entwicklung einer 'Theorie staatlicher Souveränität', die grundlegend für das neuzeitliche Staatsdenken wurde.

a) Was sind die Kergedanken Bodins in den Ihnen vorliegenden Ausführungen? Warum, d. h. durch welche denkbaren äußeren Umstände, durch welche Erfahrungen, Überzeugungen und Interessen bewegt, entwickelt und vertritt er wohl seine Auffassung von einer Souveränität so entschieden? Handelt es sich dabei um ein analytisches oder um ein politisch-programmatisches Konzept?

b) In welchen Punkten bezieht sich Bodin auf antike Vordenker und Grundlagen, und wo weicht er andererseits bewußt und entschlossen von ihnen ab?

Römisch-rechtliche und andere antike Grundlagen des neuzeitlichen Souveränitätsbegriffs. Aus Jean Bodin, Six livres de la République (1576).

Deutsche Übersetzung auf Grundlage der französischen Erstausgabe d. J. 1576 nach: P. C. Mayer-Tasch, Jean Bodin, Sechs Bücher über die Republik. Übersetzung ins Deutsche, München 1981, S. 290 - 292 und 320 f.

Anfangsseiten der 1576 in Paris erschienenen Erstausgabe des Bodinschen Werkes.


Zu a)

Die Argumentation Bodins ist ausführlich in ihren rationalen und historischen Ausführungen. Eine Textauswahl soll hier nur einige Grundgedanken seines Werkes illustrieren.

Aus dem Vorwort ist zu entnehmen, daß das Buch im Frankreich einer Zeit entsteht, in der innere Konflikte das Land bis aufs äußerste erschüttern. Der Verfasser, ein der politischen Spähre, nach der Widmung etwa einem Miglied des Königlichen Geheimen Staatsrats nahestehender Gelehrter, will ein allen 'natülichen' (d. h. 'geborenen', evtl. auch außerhalb des Königreichs lebenden) Franzosen seiner Zeit verständliches Werk "über das Gemeinwesen" verfassen, um darin Grundsätze für einen funktionsfähigen Staat zu entwickeln, in dem Bürgerkriege ausgeschlossen sind, das Gesetz herrscht und dem auch keine Intervention von außen droht. Der Autor ist Jean Bodin (1530 - 1596), an den Universitäten Paris und Toulouse ausgebildeter, schon früh mit mit römisch-naturrechtlichen und politiktheoretischen Publikationen hervorgetretener Theologe und Jurist, seit 1561 Advokat am Pariser Parlament und aufgrund seiner wissenschaftlichen Prominenz bald auch Berater im Dienste des französischen Königs (1567), aber schließlich aus politischen Gründen aus diesem entlassen (1576), versuchte seit dem Ausbruch des religiösen Bürgerkriegs (1561) zwischen katholischer 'Liga' und der Parteider 'Hugenotten', der schließlich in den Massenmodrden der Bartholomäusnacht gipfelte, ein neutrale , religiös tolerante Linie der königlichen Politik anzuraten und und bildete das Zentrum einer kleinen Partei der 'politischen Vermittler', welche sich aber zu Bodins Zeit nicht durchzusetzen vermochte. Durch seine Entlassung entfernt von der Möglichkeit direkter politischer Einflußnahme,wendet er sich den Möglichkeiten der Publizistik zu und publiziert noch im Jahr seiner Entlassung sein Werk 'Six livres de la république'). Dessen Vowort bezieht sich mit seinem Bilde des in einen gefährlichen Sturm geratenen Staatsschiffs auf die Religionskriege in Frankreich zwischen der katholischen und der protestantisch-calvinistischen Partei, die nach seiner Einschätzung nicht nur Gesetzlosigkeit und barbarische religiöse Inteolernz, sondern auch die Gefahr einer Auflösung Frankreichs mit sich gebracht habe. In seinem Buch versucht er, dagegen ein Konzept innerer Ordnung zu stellen, das den inneren Frieden, die Gesetzesordnung und das allgemeine Wohl trotz religiöser Diffenezen wiederherzustellen vermöchte. Von ständigen Diensten für den Staat freigestellt, schreibt er ein mehrbändiges Werk und erarbeitet in diesem theoretisch das begriffliche Instrumentarium und zugleich die Legitimationsgrundlage für das politische Konzept der 'politiques': er will die Voraussetzungen einer neutralen, friedenstiftenden und effektiven Staatsmacht einerseits klären und andererseits rechtlich und historisch begründen.

Im Kern seines Denkens steht der Gedanke von der eindeutigen und praktisch wirksamen Zusammenfassung der staatlichen Letztentscheidungsgewalt an einer Stelle des staatlichen Verwfassungsaufbaus, in der 'Souveränität'. 'Souveränität' ist für ihn nicht nur als monarchische denkbar ist, wie seine Ausführungen zum römisch-rechtlichen 'Majestäts"-Begriff und zu der aus der griechsich-römischen Antike überkommenen Verfassungslehre belegen. Doch macht Bodin auch klar, daß es eines scharfen politisch-analytischen Blickes bedarf, um unabhängig von gängigen Verfassungstraditionen und -lehren festzustellen, ob es in einem Staate überhaupt 'Souveränität' gibt und wo sie genau liegt; das platonische Konzept einer idealen 'politeia' stuft er deshalb als tatsächliche Aristokratie ein, das polybianisch-ciceronische Kontept von einer römischen 'Mischverfassung' und zahlreiche Verfassungsformen seiner Zeitebenfalls anders als es nach ihrer Selbstdarstellung nach außen zum Ausdruck kommt. Eine genaue Ánalyse der Souveränitätsfrage in einem Gemeinwesen ist für Bodin gleichbedeutend mit der Möglichkeit zu erkennen, ob es nach seiner Verfassung in der Lage ist, tieferreichende Krisen zu überstehen, und nicht, wie er es für das Frankreich seiner Zeit befürchtet, durch interne Konflikte auseinanderzufallen.

Bodin postuliert damit aber zugleich auch eine klare 'Souveränitätslösung' für ein funktionsfähiges und krisenfestes Gemeinwesen und denkt konkret , was das Frankreich seiner Zeit betrifft, an einen Monarchen, nämlich an den König von Frankreich als Stelle im Verfassungsaufbau, der die 'Souveränität' in Frankreich unzweideutig und wirksam zugeordnet sein sollte. Er postuliert damit einen 'monarchischen Absolutismus' als praktische, konkrete Lösung für die durch die Religionskriege in Frankreich entsandene Lage eines Dauerkonflikts.

Insoweit hat seine Arbeit sowohl analytischen als auch politisch-programmatischen bzw. herrschaftslegitimitätsbegründenden Charakter.

Zu b)

Als Wurzeln seines 'Souveränitätsbegriffs' sind im vorliegenden Textauszug deutlich antike Denkmuster erkennbar, nämlich einerseits der römisch-rechtliche 'maiestas'-Begriff , der zur Zeit der römischen Republik sich zwar auf das Volk, in der Kaiserzeit aber im wesentlichen auf den römischen Kaiser bezog(vgl. dazu etwa die Negriffe 'maiestas' und 'legibus solutis' on der sog. 'Lex de imperio Vespasiani', um 70 n. Chr.). Andererseits wurzelt seine Theorie in der auf Plato und Aristoteles zurückgehenden Lehre von den Verfassungsformen, die auch im römischen Bereich, etwa durch Polybios und Cicero Verbreitung fanden. Bodin folgt der antiken Tradition zwar nicht unbesehen; die Konzepte einer 'idealen Politei' (Platon) und einer 'Mischverfassung' (Polybios, Cicero) verwirft er. Auch bringt das Vowort zum Ausdruck, daß die lateinische Sprache nur noch eine Sprache der Gebildeten, nicht der politischen Praxis sei und insoweit für die Verbreitung einer zeitgemäßen und allgemein zu akzeptierenden Staatstheorie nicht tauge. Anderereseits ist Bodin aber gerade in seiner Orientierung auf die Monarchie als von ihm präferiereten Lösungstyp für die französischen Politikproleme seiner Epoche notwendig gedanklich eng mit der römischen Vorstellung von der letztentscheidenden Gesetzgebungskompetenz des Kaisers und seiner Stellung'über den Gesetzen' verbunden ist.

Bodin begründet damit generell den 'Absolutismus' als natur- und vernunftrechtlich begründete Lehre von der Notwendigkeit monarchischer Souveränität und seine politische Praxis, bereitet mit dieser Art der Begründung allerdings gedanklich auch anderen (etwa republikanisch-demokratischen) Formen neuzeitlichen Souveränitätsdenkens den Weg. Es bleibt festzuhalten, daß diese rechtliche und politische Denkweise in starkem Maße auf antike, speziell römisch-kaiserzeitliche Vorbilder rechtlichen und politischen Denkens zurückgeht (siehe Kap. 5, zu P. 1).

Literatur:

Hans Maier, Heinz Rausch, Horst Denzer, Klassiker des politischen Denkens, 2 Bde., Bd. 1 (Von Plato bis Hobbes), München 1986 6, S. 245 - 265. - Jean Bodin, Six livres de la République, Paris 1576. Deutsche Übersetzung: P. C. Mayer-Tasch, Jean Bodin, Sechs Bücher über die Republik. Übersetzung ins Deutsche, München 1981, Einleitung.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)