Vorwort

zum Skript 'Gizewski, Geschichte des römischen Rechts' (LV im WS 2000/2001).

Das vorliegende Skript ist im Zusammenhang mit einer althistorischen Vorlesung des WS 2000/2001enstanden. Die Vorstellung des römische Rechts in einer solchen Lehrveranstaltung hat nicht dieselben Ziele wie eine juristisch-rechtsgeschichtliche Einführung in das 'Römische Recht' als Teilfachgebiet der Jurisprudenz sie hätte. Es kommt bei einer allgemeingeschichtlichen Darstellung vor allem auf die kultur-, völker-, gesellschafts- und politikgeschichtlichen Entwicklungsbedingungen und Wirkungen der römischen Rechtsordnung in ihren verschiedenen Epochen an, dagegen nur in zweiter Linie auf eine 'rechtsdogmatische' oder 'regelungskonstruktive' Geschichte der Rechtsinstitutionen, wie sie sich insbesondere aus einer juristischen Perspektive der Gegenwart auf die Gesetzgebungs- und Rechtsanwendungssprobleme der Antike als interessant erweisen. Beruht doch aus der juristischer Sicht das heutige deutsche Recht in vielem nicht nur allgemein kultur- und geistesgeschichtlich, sondern gerade rechtsdogmatisch-konstruktiv auf den Lösungsansätzen der Antike; so etwa besonders ausgeprägt das 'Bürgerliche Recht' aufgrund seiner aus der 'Rezeption des römischen Rechts' hervorgegangenen 'pandektistischen' Wissenschaftstradition.

Allerdings muß auch Teilnehmern an einer althistorischen Lehrveranstaltung über das römische Recht - und folglich auch den juristisch im allgemeinen nicht vorgebildeten Lesern dieses Skripts - ein gewisses Verständnis für spezifisch rechtliche Fragen sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart nahegebracht werden. Sie sollen zumindest exemplarisch genauer erfahren, worum es etwa in einer 'lex' oder einem 'plebiscitum' der römischen Republik oder vor einem Berufungsgericht der Kaiserzeit oder in einer spätantiken 'Kodifikation' oder in einer mittelalterlichen Digestenexenegese als Rechtsproblem geht.

Dabei stellen sich Studenten der Allgemeiingeschichtein einer Hinsicht durchaus ähnliche Probleme wie Jura-Studenten unserer Zeit, die mit dem Inhalten des juristischen Teilfachgebiets 'Römisches Recht' konfrontiert werden. Sie erfahren, daß sie eigentlich die (zumeist) lateinischsprachigen Rechtsquellentexte in ihrer Ausgangssprache heranziehen und darüberhinaus methodisch sorgfältig interpretieren müssen, wenn sie zu einem angemessenen Verständnis der römischrechtlichen Quellen gelangen wollen. D. h.: sie erfahren in der Regel auch, daß sie viele Kenntnisse und Fähigkeiten, die ein Allgemeinhistoriker ebenso wie ein Rechtshistoriker haben sollte, um seine wissenschaftlichen Aufgaben möglichst vorurteilslos und autonom wahrzunehmen zu können, für den Bereich der Alten und der Mittelaltergeschichte noch nicht haben. Auch die Abschätzung dessen, was man (noch) nicht weiß, ist aber - gerade für Historiker - eine mehrfach wichtige Erkenntnis.

Die dadurch beim Hörer oder Leser möglicherweise verursachten, aber dennoch ganz unnötigen Fluchtimpulse zu überwinden, mußte ein besonderes Anliegen der Lehrveranstaltung und auch dieses Skripts sein. Im Mittelpunkt seiner 'didaktischen' Grundüberlegungen stehen daher zahlreiche Übungen, die an die Quellen des römischen Rechts unprätentiös, d. h. ohne allzu viel an sprachlichen, allgemeingeschichtlichen und rechtlichen Vorkenntnissen vorauszusetzen, heranführen sollen. Auf dieser Grundlage werden vom Autor Verallgemeinerungen und Systematisierungen vorgenommen und wird den Lesern die Einordnung der neu zu erwerbenden Kenntnisse in einen vorhandenen allgemeinhistorischen Wissensstand hoffentlich erleichtert.

Eine Durcharbeitung vor allem der Übungen ist gerade deshalb besonders zu empfehlen.

Die Texte der Kapitel sind prinzpiell kurz, manchmal nur in stichwortartigen Übersichten gehalten. Das Wesentliche - und hoffentlich auch Nützliche - ist zumeist ihre Systematik. Es ist unmöglich und auch nicht sinnvoll, an dieser Stelle eine ausführlichere Bearbeitung der Vielzahl hier nur angesprochener wissenschaftlichen Themen bieten zu wollen. Insbesondere ist das dort so, wo die Aspekte der 'römischen Rechtsgeschichte' bzw. der 'Geschichte des römischen Rechts' und ihrer jeweiligen geschichtlichen Umfelder durch hervorragende Fachgelehrte eingehende Erörterung erfahren haben.

Es sei auch deshalb betont, daß eine Einführung dieser Art eine weitergehende Beschäftigung mit Quellen und Literatur nicht etwa überflüssig macht, sondern gerade anregen will. Es sei dem Leser daher angeraten, vor allem dann, wenn er sich mit speziellen Fragestellungen des sehr großen Gebietes, das die Geschichte des römischen Rechts darstellt, eingehender befassen will, den Hinweisen sowohl des Allgemeinen Verzeichnisses als der einzelnen Kapitel auf weiterführende Literatur, Medien und Quellen zu folgen.

Die thematische Weite des Stoffes entspricht dem Bedürfnis, mit einer solchen Lehrveranstaltung möglichst rationell - gemessen an den Bedingungen des Studienbetriebs für Allgemeinhistorker - die Bedeutung des römischen Rechts sowohl in der Antike als auch in den Epochen der nachantiken Geschichte zu beleuchten - eine vielfältige historische Bedeutung, die von einem Studenten der Geschichte, gleich welcher Epochen, ohne entsprechende belehrende Hinweise zumindest für die nachantiken Epochen erheblich unterschätzt zu werden pflegt. Das Thema des Skripts lautet daher wie das der Lehrveranstaltung: 'Geschichte des römischen Rechts' und nicht 'Römische Rechtsgeschichte'.

Christian Gizewski, 29. März 2001


LV Gizewski im WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)