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Zu Begriff, Funktion und Dyfunktionen eines Zentralbank-Leitzinses.
Auf der Basis eines Wikipedia-Texts kurzgefaßt. C. G.
Leitzins (LZ) ist der Preis, zu dem sich Kreditinstitute bei Zentralbanken mit Zentralbankgeld versorgen können. Im Bereich der EZB entfaltet die Veränderung der Leitzinsen Signalwirkung auf die Volkswirtschaften der Mitgliedsstaaten. Eine Erhöhung des Leitzinses verteuert die Liquiditätsbeschaffung der Banken, so dass sie gezwungen sind, diese Verteuerung an ihre Bankkunden zu überwälzen, wollen sie keine Gewinneinbußen hinnehmen. Umgekehrt wird bei einer Leitzinssenkung die Geldaufnahme der Geschäftsbanken erleichtert, wodurch ihnen eine Weitergabe an ihre Bankkunden ermöglicht wird. Damit beeinflusst der Leitzins indirekt auch die Preisentwicklung, weil niedrige Leitzinsen eine Inflationsgefahr in sich bergen und umgekehrt.
Der LZ beeinflusst auch die Geldschöpfung der Kreditinstitute, indem eine Leitzinserhöhung die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Institute einschränkt und umgekehrt. Die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Banken wirken sich auf die Geldmenge aus. Will die Zentralbank die Geldmenge einschränken, so kann sie das über eine Erhöhung der Leitzinsen indirekt bewirken. Eine direkte Maßnahme zur Reduzierung der Geldmenge wäre die Erhöhung der Mindestreserven. Die Steuerung der Geldmenge über den Leitzins ist ein entscheidender Faktor für die Entwicklung des Preisniveaus.
LZ als währungspolitisches Steuerungsmittel.
Leitzinsveränderungen haben zudem auch eine Veränderung des Außenwerts der Währung zur Folge, denn eine Leitzinserhöhung führt zu einem Anstieg des Wechselkurses der betroffenen Währung. Das wiederum hat negative Folgen für den Export und verbilligt die Importe, verschlechtert also die Terms of Trade. Leitzins und Wechselkurs verhalten sich mithin reziprok zueinander, da eine harte Währung einen niedrigen Leitzins zulässt. Folglich spiegeln sich im Leitzins auch die Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung von Wechselkursen und Inflation wider. Die Bank of England berücksichtigt bei der Festlegung des Leitzinses die „balance of payment position“ und die zu erwartende Inflationsrate.
Beeinflussung von Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenquote.
Der US-amerikanische Ökonom John B. Taylor hat 1993 mit der Taylor-Regel die grundlegenden Richtlinien für die Bestimmung des Zinssatzes entwickelt. Die meisten Zentralbanken bestimmen demnach den Leitzins nicht mehr nur aufgrund des Geldmengenwachstums und der Inflation, sondern auch Richtgrößen wie Arbeitslosenquote und Abweichungen vom natürlichen Wirtschaftswachstum fließen in die Bestimmungen ein. Damit wurde das klassische LM Modell modifiziert. Die Leitzinspolitik der Zentralbanken hat deshalb auch die Funktion übernommen, die Arbeitslosenquote und das Wirtschaftswachstum zu beeinflussen. Billiges Geld etwa ermuntert Investoren und Verbraucher dazu, Investitionen auf Kredit zu tätigen und dadurch Wirtschaftswachstum zu begünstigen.
Orientierungsfunktion.
Leitzinsveränderungen werden an prominenter Stelle in den Nachrichten präsentiert und von der Wirtschaft sensibel registriert. Eine Veränderung der Leitzinsen signalisiert der Volkswirtschaft, dass die Zentralbank mit ihren geldpolitischen Möglichkeiten die Wirtschaft in eine bestimmte Richtung lenken möchte. Wirtschaftssubjekte richten sich mit ihrem Reaktionsverhalten auf Leitzinsänderungen ein. Am sensibelsten reagiert meist die Börse, denn Leitzinssenkungen führen oft zu Aktienkurssteigerungen und umgekehrt. Das liegt daran, dass man eine Verbesserung der Unternehmenssituationen erwartet und/oder wegen sinkender Anleiherenditen die Anleihen zugunsten von Aktien umschichtet.
Ökonomische Dysfunktionen.
Beim Leitzins ist aber in den letzten Jahren eine zunehmende Entkopplung zu den tatsächlich erhobenen Soll- und Habenzinsen der Geschäftsbanken zu beobachten. Obwohl der Leitzins (Hauptrefinanzierungssatz) ab Oktober 2008 drastisch abgesenkt wurde, hatten die Kreditzinsen sich nicht entsprechend verhalten, während die Habenzinsen deutlich zurückgenommen wurden.
Die Gründe dafür sind seither wirtschaftspolitisch und -theoretisch umstritten.

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Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de