Kapitel 7:

'Christliche Herrschaft' (II).

Christliche Landesherrschaft seit der Reformationszeit.

I. Zu den weiterhin inkompatoblen politisch-ideellen Wurzeln neuzeitlicher Vorstellungen von 'christlicher Landesherrschaft'.

A. Außerantike Traditionen aristokratischer Kriegs- und Fürsten-Herrschaft, vermittelt durch die humanistische Wiederentdeckung oder Neubearbeitung 'klassischer' griechischer und lateinischer Literatur, zu der auch Caesars 'Bellum Gallicum' gehört.

Die Auffassung des Germanen-Fürsten Ariovist vom Herrscherrecht als Kriegseroberungsrecht in dem Textquellen-Beispiel: Caesar, B. G. 1,36,1:

(1, 36, 1) Ad haec Ariovistus respondit: ius esse belli, ut, qui vicissent, iis, quos vicissent, quemadmodum vellent, imperarent; item populum Romanum victis non ad alterius praescriptum, sed ad suum arbitrium imperare consuesse. (2) si ipse populo Romano non praescriberet, quemadmodum suo iure uteretur, non oportere se a populo Romano in suo iure impediri. (3) Haeduos sibi, quoniam belli fortunam temptassent et armis congressi ac superati essent, stipendiarios esse factos. (4) magnam Caesarem iniuriam facere, qui suo adventu vectigalia sibi deteriora faceret. (5) Haeduis se obsides redditurum non esse neque his neque eorum sociis iniuria bellum inlaturum, si in eo manerent, quod convenisset, stipendiumque quotannis penderent. si id non fecissent, longe his fraternum nomen populi Romani afuturum. (6) quod sibi Caesar denuntiaret se Haeduorum iniurias non neglecturum, neminem secum sine sua pernicie contendisse. (7) cum vellet, congrederetur: intellecturum, quid invicti Germani, exercitatissimi in armis, qui inter annos xiiii tectum non subissent, virtute possent.

(36,1) Darauf antwortete Ariovist, das Kriegsrecht erlaube den Siegern, den Besiegten nach Belieben zu gebieten; ebenso pflege auch das römische Volk den Besiegten nicht nach fremder Vorschrift, sondern nach eigenem Gutdünken zu gebieten. (2) Wenn er selbst dem römischen Volk nicht vorschreibe, wie es sein Recht ausüben solle, so dürfe auch er in der Ausübung seines Rechtes vom römischen Volk nicht behindert werden. (3) Die Häduer seien ihm tributpflichtig geworden, weil er sie, als sie mit den Waffen in der Hand ihr Glück gegen ihn versucht hätten, besiegt habe. (4) Cäsar begehe ein großes Unrecht, weil er durch sein bloßes Erscheinen seine Einnahmen mindere. (5) Er werde den Häduern ihre Geiseln nicht zurückgeben, aber auch nicht widerrechtlich Krieg gegen sie oder ihre Bundesgenossen führen, wenn sie bei den vereinbarten Bedingungen blieben und jährlich ihren Tribut zahlten. Andernfalls werde ihnen der Titel "Brüder des römischen Volkes" wenig nützen. (6) Wenn Cäsar ihm erkläre, er könne die Übergriffe gegen die Häduer nicht unbeachtet lassen, so müsse er wissen, dass noch niemand ohne sein Verderben gegen ihn gekämpft habe. (7) Wenn er wolle, solle er gegen ihn antreten! Er werde merken, wozu die Tapferkeit der unbesiegten und im Waffengebrauch überaus geübten Germanen in der Lage sei, die seit 14 Jahren kein festes Dach mehr über dem Kopfe gehabt hätten.

B. Die 'princeps-legibus-solutus'-Behauptung des römisch-kaiserzeitlichen Herrschaftsbegriffs als Grundlage neuzeitlicher 'Absolutismus'-Ideologie.

1. Die bis in die Neuzeit fortdauernde ideologische und propagandistische Funktion der Begriffe 'princeps' und 'dominus'.

2. Ideologische Aspekte der Rezeption des Römischen Rechts.

Beispielstext Ulpian, Digesten 1,3,31: 'Princeps legibus solutus est. Augusta autem licet legibzs soluta non est, principes tamen eadem illi privilegia trbuunt, quae ipsi habent.'

3. Die auch nach der 'Reformation' des christlichen Glaubens in der Neuzeit fortdauernde christlich-theologische Unterstützung-obrigkeitsstaatlicher Herrschaftsprogaganda und Untertanen-Gesinnung nach den Maßstäben des Römerbriefs des Paulus Kap. 13, V. 1 - 8.

4. Die in Herrscher-Beinamen hervortretende neuzeitliche Ideologie von naturgemäßer Führungsfähigkeit,Tugend und Weisheit eines Landesherrn.

Griechische Philosophen des 'klassischen' Zeitalters des 5. und 4. Jhts. v. Chr.- wie Platon in seinen Dialogen 'Politeia' und 'Nomoi' - stellten philosophisch-ethisch vor allem die Tugenden der Tapferkeit (andreia), der Gerechtigkeit (dikaiosyne), der Besonnenheit (sophrosyne) und der Klugheit (phrónesis) als wesentlich für den Menschen, dabei aber auch und gerade für den 'Herrscher' heraus. Sie betonten also auch politisch-ideell die menschliche Eigenverantwortlichkeit für Bestimmung und Praxis tugenhaften Verhaltens unabhängig von religiösen Überleferungen und göttlichen Geboten.

In der Zeit der 'humanistischen Renaissance auch antiker Philosophie wurde diese 'Tugend-Konzeption' griechisch-antiker Philosophie, teilweise im Kondlikt mit christlich-religiösen Traditionen, wiederaufgegriffen.

Neuzeitliche Herrschernamens-Zusätze wie etwa in den Namem 'Friedrich der Weise', 'Friedrich der Große', 'August der Starke', 'Ivan der Schreckliche' sind ein Reflex auf diese nicht-religiös motivierte Rezeption antik-philosophischer Ethik.auch herrscherlichen Handelns. Dessen 'pragmatische' Durchsetzungsfähigkeit wurde dabei betont und schnell auch zum Mittel einer herrscherlichen Regierungspropaganda. Herrscher-Beinamen erhalten so etwa eine Funktion bei der öffentlichen Demoralisierung aller den 'Landesherren' und ihrer schwer legitimierbaren Herrschaft widerstreitenden politischen Kräfte.

5. Die nach dem Auseinanderfallen christlicher Konfessionen im Reformations-Zeitalter entstehende paradox-ideologische Fehlvorstellung vom 'allerchristlichsten Herrscher'.

Nachdem mit der Reformation die mittelalterliche Verselbständigung. christlich-kirchlichen Selbstbewußtseins gegenüber 'weltlicher' Herrschaft ihre besondere Bedeutung verloren hatte, eigneten sich viele, nunmehr in der Sache 'absolutistisch' regierende Herrscher die Funktion von 'Glaubens-Schutzherren' an. Das bracht für die Angehörigen aller christlichen Konfessionen üblicherweise eine Unterstellung unter neue 'von Gott vorgegebene' säkulare Herrschaftsordungen mit sich. Es entstand die neuzeitliche Form der 'Herrschaft von Gottes Gnaden'.

6. Die Verselbständigung christlich-gemeindlicher Herrschaftsansprüche in politisch-freikirchlichen Gemeinschaften und neugebildeten protetantischen Bundes-Verfassungen am Beispiel der Schweiz und der Niederlande.

Es gibt aber auch andere neuzeitliche Formen der paradoxen Kombination von 'weltlicher Regierung' und 'Christentum', etwa in 'christlichen Republiken', 'Siedlergemeinden', 'Bundesbildungen' oder 'Parteibildungen' (Beispiel: 'CDU').

II. 'Christliche Landesherrschaft'.

Tugend, Glaubensfürsorge und Glaubensaufsicht' am Beispiel der Förderung der protetantischen Reformation durch den Kurfürsten Friedrich 'den Weisen' (III.) von Sachsen, 1463 - 1525, Kurfürst von 1486 bis 1525, Reichsvikar.

Friedrich der Weise trat als Landesherr für die Interessen der Territorialfürsten im Deutschen Reich ein und tendierte dabei, obschon in der Reformationszeit katholisch bleibend, zu einer Unterstützung des 'Reformators'.Martin Luther, den er nach dessen Verurteilung als 'Ketzer' auf dem Reichtstag zu Augsburg 1518 unter seinen informellen Schutz nahm. Die Machtminderung der kaiserlichen Zentralgewalt im Reiche, aber auch des päpstlichen 'Kirchenstaats' dürften dabei politisch maßgeblich gewesen sein.

Der Kurfürst erreichte es, auch durch Verhandlungen mit dem Kaiser, daß Luther seine reformatorisch-theologischen Auffassungen auf den Reichstagen von Worms und dann nochmals Augsburg erläutern und verteidigen durfte. Als Luther es beide Male ablehnte, seine Glaubensüberzeugungen zu widerrufen ("Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, so kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen“), verhängte der Reichstag ein vom Kaiser erlassenes Bann-Edikt über ihn: Es verbot - unter Berufung auf eine vorhergehende 'Bann-Bulle' des Papstes - im gesamten Reich, Luther zu unterstützen oder zu beherbergen, seine Schriften zu lesen oder zu drucken, und ordnente allen Amtsgewalten gegenüber an, ihn festzusetzen und dem Kaiser zu überstellen. Der Kurfürst gewährte dem zum Trotz daraufhin Luther Schutz und Unterhalt auf der Wartburg bei Eisenach, wo Lither seine Bibelbersetzung in die deutsche Sprache erarbeitete.

Seither galt Friedrich der Weise als verdienter Förderer der protestantischen Reformation in Deutschland,

III. 'Der katholische 'allerchristlichste König'

am Beispiel Ludwigs des XIV und Ludwigs des XV..von Frankreich..

IV. Neuzeitliche christliche 'Bundesbildungen' in der Schweiz und den Niederlanden.

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V. Preußisch-königliches und deutsch-kauserliches Gottesgnadentum im 19. und 20 Jht.

Karikatur zur Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. (1849; Zeichnung von Isidor Popper).

Noch Friedrich Wilhelm IV. (Künig von Preußen) betrachtete - historisch unbelehrbar - eine Herrscherstellung des preußischen Königs und eines deutschen Kaisers als jeweils nur 'von Gottes Gnaden' herleizbar. Als ihm vonseiten der Deutschen Nationalversammlung 1849 - unverständlicherweise - die Kaiserkrone einer konsitutionellen Monarchie angeboten wurde, äußerte er sich zu seiner Ablehung späterhin folgendermaßen: "Jeder deutsche Edelmann, der ein Kreuz oder einen Strich im Wappen führt [das sog. 'Bastardskreuz'] ist hundertmal zu gut dazu, um solch ein Diadem aus Dreck und Letten [Lehmkumpen] der Revolution, des Treubruchs und des Hochverrats geschmiedet, anzunehmen. Die alte, legitime, seit 1806 ruhende Krone deutscher Nation, das Diadem von Gottes Gnaden, das den, der es trägt, zur höchsten Obrigkeit Deutschlands macht, der man Gehorsam schuldet um des Gewissens willen, das kann man (nur) annehmen, wenn man in sich die Kraft dazu fühlt und die angeborenen Pflichten es zulassen.

Sogar in dem Abdankungsscheiben des letzten deutschen Kaisers (Wilhelm II., 1919) wird noch deutlich, daß er mehrdeutig die neue demokratische Reichsregierung als eine von "Inhabern der tatsächlichen Gewalt" ausgeübte bezeichnet.

VI. Zu antikirchlich-antichristlichen Frontstellungen in neuzeitlichen Revolutionen.

Revolutionspropaganda und Reaktionäre Gegenpropaganda

auf Flugblättern der Revolutionszeit um 1789.

VII. Zu Medien und Sprache 'christlicher Herrschaft' seit der Reformationzeit.

A. 'Die Schrift' in theologisch-dogmatisch 'freier' (d. h. 'anti-katholischer') Druck-Publikation.

Am Beispiel der Psalmen Kommentare des Johannes Calvin.

B. Die bildliche Repäsentation christlich-protestantischer Kirchen-Regimente

am Beispiel des christlich-reformatorischen Predigers und Landespolitikers Ulrich Zwingli.


Literatur, Medien und Quellen zur LV Gizewski Traditionen und Typen wirtschaftlicher Wertbildung und -aneignung seit der Antike.' im WS 2014/2015.

Bearbeitungsstand: 28. Juni 2015.

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de