Kap. 8: 'Suum cuique'.

I. Zur ideen- und sprachgeschichtlichen Herkunft der Maxime 'suum cuique' / 'Jedem das Seine'.

Die eigentumsähnliche und herkunftsbezogene Struktur der römisch-rechtlichen Begriffe 'suum' und 'sui'; ihre begriffliche Verwandtschaft mit den Begriffen 'dominium' und 'familia.'

Die vererbliche Nicht-Gleichheit in den römischen Personenstandsklassifikation des 'ius civile' und des 'ius privatum'.

Die Verachtung des Nicht-Vermögenden im römischen 'ius publicum'.

Die Politisierung der 'dominus'-Stellung in einem römischen Kaisertitel ('dominus').

Die vielfältige Anknüpfung mittellalterlichen und frühneuzeitlichen Herrschafts- und Standesdenkens in Europa an den Eigentums-, Standes- und Politikmustern der römischen Antike.

Der Beitrag griechisch-'klassischer' politischer Philosophie.

Alltagspraktische Zweifel an der Gerechtgkeit geltenden Rechts seit der Antike bis heute ('summum ius, summa iniuria').

Traditionen der Stände-Ordnung und ihnen entsprechender öffentlicher, die gesellschaftliche Ungleichheit betreffender Sprach-Regelungen.

II. Zur traditionellen politisch-selektiven Bedeutung der Maxime 'suum cuique'.

A, Ideologische Scheinbegründung sachlich aus dem menschlichen Wesen nicht begründbarer Formen der Einzel- und Gruppenherrschaft in der Antike.

Platon, Politeia IV 433a - e: (transskribiert) 'to ta autou prattein kai me polypragmonein dikaiosyne esti'. [Gerechtigkeit besteht,] "wenn man das Seine tut und nicht vielerlei Dinge treibt".

Aristoteles, Nikomachischen Ethik, Buch 5 (deutsch):"Daß die Verteilungsgerechtigkeit ieinen Wertmaßstab voraussetzt, ist allgemein anerkannt. Aber unter diesem verstehen keineswegs alle dasselbe. Die Demokraten meinen die Freiheit, die Oligarchen den Reichtum, andere die vornehm-adlige Herkunft und einige sogar die Tugend und ihre Verdienste.

Aristoteles, Politik, 2. Bich Kap. 5, 2 - 5a.

Cicero, De legibus 1, 6 19: "Eamque rem [i. e. legem]) illi Graeco putant nomine a suum cuique tribuendo appellatam.".

Cicero, De officiis I,15: " in hominum societate tuenda tribuendoque suum cuique et rerum contractarum fide.“

Justinian (Corpus Iuris Civilis, Institutiones 1,1,3):: “iuris praecepta sunt haec: honeste vivere, alterum non laedere, suum cuique tribuere.".

Ulpian Corpus Iuris Civilis, Digesten 1, 1, 10: und Trobonian, Institutionen 1,1,1 "Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi."

B. Die Rechtfertigung institutionalisierter Standes-Unterschiede in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Monarchien und Adelsgesellschaften.

Mittelalterliche und heutige Sozialschichtung im Vergleich.

Als 'Ständeordnung' wird historisch-restrospektiv ein Gesellschaftsmodell bezeichnet, in dem die Einwohner nicht primär als Angehörige der Bevölkerung eines politisch begrenzten Gebietes betrachtet wurden, sondern vor allem als Angehörige eines Standes: zum Beispiel des Adels, der Geistlichkeit, des Bürgertums, des Bauernstandes und der Arbeiter. Die Standeszugehörigkeit bestimmte die Rechte, die eine Person hatte; die Rechte wurden vom Fürsten den Untertanen vorgegeben und innerhalb des jeweiligen Standes ausdefiniert. Diese spezifisch 'ständische Ordnung' entstand im Mittelalter und setzte such bis in das 20. Jahrhundert fort. . Die mittelelalterlichen und neuzeitlichen Epochen der euripäischen Gesellschaftsgeschichte bis zum Beginn der neuzeitliche Revolutionen um 1789 waren wesentlich von diesem Struktur-Prinzip geprägt.

Die Begrümdungen für gesellschaftliche Unterschiede dieser Art , soweit sie nicht theologischer Herkunft waren waren älter und verwisen traditionell letztlich auf Gottes Willen, der die Menschen unterschiedlich geschaffen habe. Erst seit Beginn des Zeitalters der 'Aufkläring' entwickelten such philosophisch-theoretischen Überlegungen über einen 'Naturzustand' des Menschen Aus diesem hätten sich, so Thomas Hobbes ('Leviathan', 1651), die gesellschaftlichen Ordnungen mit ihren Unterschieden entwickelt. Entsprechend 'natürlichen'.Machtverhältnissen hätten sich vertragsförmig fixierte Rechtsbeziehungen unter den einzelnen Menschen, aber auch innerhalb menschlicher Gemeinschaften über eine Staatsgewalt, entwickelt. Dieser Gewalt sich zu unterwerfen sei aber letztlich eine 'natürliche' Pflicht jedes Gesellschafts-Zugehörigen. Hobbes kam auf diese Weise zu einer Rechtferigung auch unerträglicher politischer und sozialer Ungleichheiten und Mißstände unter den Menschen. - Aus diesem Grunde widersprach seinen Annahmen

Jean Jacques Rousseai in seiner Abhandlung 'Discours sur l'origine de l'inegalote parmi les hommes (1754),

in dem im Kern bereits die Rechtferigung für die politisch-sozialen Revolutionen der nächsten Jahrzehnte enthalten war. Grundgedanke dabei war, daß gesellschaftliche Mißstände menschengemacht und damit abänderbar sei und abgeändert werden müssen, wenn die Mehrheit einer Bevölkerung es will. Damit widersprach er dezidiert dem philosophisch-politischen Theoretiker des 'Absolutismus' Thomas Hobbes (1588 - 1679), der in seinem Hauptwerk 'Leviathan' mit der Konstrukrtion eines naturrechtlichen 'Gesellschaftsvertrags' die Herstellung einer 'souveränen' - d. h. in jeder Hinsicht rechtlich ungebindenen - Staatsmacht rechtferigte.. Rousseau radikalisierte demgegenüber die zuvor schon von John Locke vorsichtig vetretenen Aiffassung über die Notwendigkeit einer Begrenzung und Verfassungsbindung der Staatsmacht (Two Treatises of Government: In the Former, The False Principles and Foundation of Sir Robert Filmer, And His Followers, are Detected and Overthrown. The Latter is an Essay concerning The True Original, Extent, and End of Civil-Government,. 1689).

C. Das Prinzip 'suum cuique' der Privilegien-Verteidigung bis zu den europäischen Revolutionen des 18. bis 20. Jhts.

Das widersprach jedoch dem institutionell abgesicherten, interessengeleiteten Bestreben privilegierter Stände, Schichten und Gtuppen, die tatsächlich herrschende Standesordnung durch scheinaren Rekurs auf Maximen der Vernunft zu verteidigen. Die Maxime 'suum cuique' bedeutete in diesem Zusammenhang die Behauptung, daß gesellschaftliche Ungleichheit ohne besonderr rationale Begründung ein natürlicher Zustand der Menschheit sei. Diese Position vertrat philosophisch u. a. John Locke, der theoretische Ptotagonist 'leberalen' Witzschaftsgandelns als Grundlage von Wohlstand und gesellschatlicher Produktivität.

III. Zu den - sehr verschiedenartigen - Propagandamitteln des Ideologems.

Zur christlich-religiösen Unterstützumg des ständischen Prinzips 'suum cuique': in der boblischen Verkündigung.

Römerbrief, Kap. 13, V. 1 - 7

Zur Propaganda-Funktion einer gegenwärtig medial-alltäglich oft verwendeten 'Elite'-Formel,.

Zu einer - angeblich 'anthropologisch begründeten' - Verwendung der 'suum xuique'-Maxime für Zwecke der 'Rassentrennung' und 'Rassenvernichtung' in der NS-Epoche.

Eingangstor zum KZ Buchenwald.

Literatur, Medien und Quellen zur LV Gizewski Traditionen und Typen wirtschaftlicher Wertbildung und -aneignung seit der Antike.' im WS 2014/2015.


Bearbeitungsstand: 1. Juli 2015.

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de