Kapitel 9: 'Das Vaterland' und 'der gerechte Krieg'.

I. Zur ideen- und sprachgeschichtlichen Herkunft der Vorstellungen von 'Vaterland' und 'gerechtem Krieg'.

Das griechische 'patris'- Ethos in den 'Historien' (über die 'Perserkriege' von Herodot aus Halikarnassos, 5. Jh. v. Chr.) : 'Wanderer kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl'.

Die 'mos maiorum' und 'patria'-Loyalität der römischen Republik (ezwa bei Horaz, 65 - 8 v. Chr, Carmina 3 , 2, 13 :'dulce et decorum est pro patria mori').

Die germanischen Traditionen der Kriegsrechts und der Volks- und Stammeszugehörigkeit: Caesar, B. G. 1, 36, 1; siehe Kap- 7, Abs. 1.

Die Anknüpfung an antike Philosophie, etwa des Aristoteles (etwa 'Ethica' 4, 8, zum 'Siegerrecht').

Generell die Anknüpfung an die Traditionen der Kriegs- und Feldherren-Darstellung der Monumentalkunst

schon der Antike.

Die Anknüpfimg an das römische 'ius gentium' und seine Vorstellungen von 'occupatio', 'ius belli' und 'ius in bello'

Geberell die Vorstellungen und Motive ('Ideen') eines neuzeitlichen 'Nationalsmus' mit seinen Identifikationsformeln und Vorurteilen.

Die Vorstellungen und Motive staatsbürgerlicher Loyalität in 'demokratischen' politischen Gesellschaften.

Diw auf Töuschung und obrigkeitlicher Anordnung erzungene Folgsamkeit in 'autoritären' und 'totalitären' politischen Systemen.

Leitvorstellungen und folgenreiche Irrtümer neuzeitlicher Rassen-Anthropologie.

II. 'Nation', 'Volksgemeinschaft' und 'unvermeidliche Kriegswillkür' bei 'Angriffs- und Verteidigungskrieg'. Die innere Verbindung der Ideen und die unbeherrschbare Praxis der Kriegfürung.

A. Die rücksichtsose Aufopferung militärischer Kräfte für kriegerische Anriffswecke.

B. Beabsichtigte und unbeabsichtigte Kriegführungshandlungen gegen eine 'feindliche Zivilbevölkerung'

C. Die Verwüstung der Lebensgrundlagen und die Vertreibung einer 'feindlichen Bevölkerung'.

'

III. Unterdrückung, Ausgrenzung und Vertreibung von Bevölkerungsgruppen,

Das nationalsozialistische Ghetto-, Konzentrations- und Vernichtungslager-System zur Zeit seiner größten Entfaltung.

Die Kinder der Familie Reis vor ihrer Deportation in das Konzentrationslager Auschwitz' (um 1941).

C. Vertreibung.

Zivilisten bei der Flucht und auf einem Bahnhof ihres Heimatortes (1945).

Vertreibung deutschsprachiger Bevüökerung seit Anfang 1945.

Ethnisch motivierte andere Bevölkerungsverschiebungen in Europa von 1944 bis 1952.

IV. Zur Sprache der Propaganda für 'nationale Größe' und 'gerechten Krieg'.

A. Zur bildlichen Propagandasprache des NS-Systems.

'Nationale Größe' in der Sprache nationalsozialischer Propaganda-Architektur ('Neue Reichskanlei', Berlin).

B. Zu den zentralen öffentlich-rhetorische Formeln der NS-Propaganda..

1. 'Lebensraum'.

2. 'Volksgemeinschaft'.

3 'Rasseeinheit'.

4. 'Weltjudentum'.

5. 'Führer und Volk'.

V. Zur propagandischen Einwirkung auf eine 'feindliche Bevölkerung' durch Abschreckung und Gesten der Unterwerfung.

Atombombenabwurf auf Hiroshima (1945).

Totalzerstörte Stadt Hisoshima 1945.

Totalszerstörte Stadt Magdeburg nach systematischer Flächenbimbardierung 1945.

Bericht über die militärische Besetzung eines Dorfes i. J. 1945.

[Ort] Mark Brandenburg, den 6. I. 1946

K[]irchplatz

Sehr geehrter Herr [] !

Herr Superintendent [] übergab mir Ihr Schreiben vom 28. Dezember vorigen Jahres zur Erledigung, da ich wohl die einzige bin, die Ihnen Näheres über die letzten Lebensmonate und den am 23. IV. 45 erfolgten Tod Ihrer Frau Mutter berichten kann. Um Ihnen ein abgerundetes Bild geben zu können, muss ich wohl etwas weiter ausholen u. mich Ihnen erst einmal näher bekanntzumachen.

Ich bin die Sekretärin vom Superintendenten und werde demnächst festangestellt; meine Angehörigen (Eltern und Großeltern) und ich sind Flüchtlinge aus Westpommern. Wir haben durch den unglücklichen Krieg alles verloren, Haus und Hof, Einrichtung und alles, was dazu gehört. Da ich meinen Dienst als Rentamtsleiterin in Pyritz/Pommern bis zum letzten Tag versehen musste und auch auf Abberufung durch das evamgelische Konsistorium-Stettin warten musste, konnte ich nicht zusammen mit meinen Angehörigen fliehen und verlor sie ganz aus den Augen. Es waren für mich furchtbare Wochen und Monate der Ungewissheit. Glücklicherweise erreichte mich ein Telegramm in Anklam /Vorpommern, und ich machte mich trotz der schlechten Verkehrsverhältnisse auf, um meine Eltern und Großeltern in Potsdam wiederzufinden. Meine Eltern waren schwerkrank in einer Baracke untergebracht und von meinen Großeltern erfuhr ich nur, dass sie nach Lehnin weitertransportiert wurden. Ich fuhr sofort hin und musste nun zu meinem Schrecken hören, dass die Großmutter bereits an den Folgen verstorben war. Ich unternahm daraufhin Schritte bei dem damaligen Bürgermeister von Lehnin und erreichte es, dass meinen kranken Eltern und mir ein Zimmer zugewiesen wurde. Und das war bei Ihrer Frau Mutter n der Waldstraße. Es bestand vom ersten Tag an zwischen uns ein sehr herzliches Verhältnis; Ihre Frau Mutter war rührend um meine kranken Eltern bemüht. Obwohl sie selbst nicht viel übrighatte, so brachte sie meiner damals bettlägerigen Mutter jeden Vormittag eine Tasse warme Milch und jeden Sonntag vorm. einen frischen Blumenstrauß von ihrem Spaziergang. Unser Flüchtlingsschicksal rührte sie tief und sie freute sich mit mir, dass ich hier beim Superintendenten wieder eine feste Anstellung finden sollte und damit in der Lage war, für meine Lieben ordentlich zu sorgen. Wir sollten bei ihr wohnen bleiben; sie stellte uns alles zur Verfügung und wir haben bei ihr auch eine zweite Heimat gefunden. Viel Ärger hatte sie allerdings mit den ebenfalls zwangsweise einquartierten Ukrainern in der Villa Priese.

Am Tage zuvor, als die Russen in Lehnin einbrachen,, sprachen wir noch zusammen über die Lage, und sie fragte uns, was wir zu tun gedächten; wir konnten nur sagen, dass wir aushalten müssten, denn wo sollten wir hin! Sie sagte dann, dass sie auch zu bleiben gedächte und außerdem würde sie niemals lebend aus der ihr liebgewordenen Wohnung gehen.

Am Tage darauf fuhren gegen Mittag die russischen Panzer die Gartenstraße hinauf. Es war unbeschreibliche Aufregung! Ihre Frau Mutter hatte gerade noch Besuch von einer alten Dame (den Namen habe ich in der Aufregung vergessen, als sie uns bekannt machte), und sie wollte noch Nachtquartier bei Bekannten besorgen. (Sie sprach oft von Ihnen und zeigte uns auch Bilder u. ihre größte Sorge war, ob Sie sich und Ihre Familie rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten und ob Sie überhaupt noch am Leben seien.

Dann kam der Abend - und die Nacht des Schreckens heran. Prieses und wir gingen in den Keller, Ihre Frau Mutter blieb n ihrem Eßzimmer, und dann strömten die Russen ins Haus. Ihnen alle Einzelheiten zu schildern ist brieflich geradezu unmöglich. Sollten Sie aber, sehr geehrter Herr [], einmal nach hier kommen um den Nachlaß Ihrer Frau Mutter zu regeln, würden wir Ihnen gern Einzelheiten berichten, die hier zu weit führten. Sie untersuchten uns alle nach Wertsachen und dann waren oben Soldatenschritte und laute Stimmen; dann ein Schreien aus dem Zimmer Ihrer Frau Mutter. Die eine Ukrainerfrau, die bei Ihrer Mutter die Aufwartung mit ihren Töchtern besorgte, sagte: "Mein Gott, jetzt sind die Russen bei der Oma [], sie werden sie totschlagen, wenn sie nicht alles herausgibt. Ich gehe nach oben und will nachsehen!“ Das Gepolter wurde schlimmer, die betrunkenen Russen suchten uns Frauen aufzustöbern und zu vergewaltigen. Ach lieber Herr [], was waren das für grauenhafte Stunden der Finsternis. Im dunklen Haus die gellenden Hilferufe und das Schreien der Frauen, dazwischen das Gröhlen der Russen und die Schießerei

Wir suchten den Garten auf und versteckten uns zwischen den Sträuchern. Die obere Etage war erhellt; gegen morgens, es kann drei Uhr gewesen sein, ging das Getöse wieder los; Gröhlen, Brüllen, russische Kommandoraufe, dann dumpfe Schläge, wieder Schreien, wieder Schläge und dann ein nicht enden wollendes Gewimmer, das langsam in ein Stöhnen überging. Dann kam die Ukrainerin herausgehuscht und sagte: "Die Frau [] hat ein junger Russenbengel erschlagen. Weil er eine 'Uhrre' haben wollte und sie die ihrige schon durch einen anderen losgeworden war.“ Noch lebt sie, aber sie ist ohne Bewusstsein! Wir, die wir uns im Garten versteckt hatten, konnten nicht wieder ins Haus zurück; wir hielten uns drei Tage ohne Essen und Trinken im Garten verborgen, bis man uns aufstöberte. Der Wirt war mit Frau und Sohn geflohen und die Schwiegermutter von Herrn [] war mit meinen Eltern zusammen. Die Ukrainerfrauen, die gut russisch sprachen, waren in den letzten Stunden um Ihre Frau Mutter herum. Sie haben die Schlagwunden gekühlt, haben mit ihre gebetet und ihre die Augen zugedrückt, nachdem sie den letzen Atem ausgehaucht hatte. Nachher gewaschen und angezogen. Die Russen, die große Angst vor Toten haben, trieben uns alle mit vorgehaltenem Gewehr zusammen, zeigten auf jeden von uns und mit du und du und du und befahlen uns sofort, ein Loch am Haus zu graben und tote Frau hineinzulegen. Rasch, rasch, sonst abtransportiert, Zwangslager! Ob Sie das alles begreifen können, weiß ich nicht, aber wer es nicht miterlebt hat, weiß, dass es fürchterliche Stunden waren. Wir sträubten uns, sie so zu verscharren, und mein Vater ging zum Friedhof , um den Totengräber aufzufinden; (auf einigen vergeblichen Gängen begleitete ich ihn). Niemand getraute sich aus dem Haus zu gehen; nur die Ukrainer, die überall waren und denen die Russen [Unterdtützung] gaben, durften ungehindert die Straßen passieren. Nach dortiger Sitte gingen sie in die Häuser, wo Menschen erschlagen wurden, durchsuchten alles und begruben die Leichen. Also diese Ukrainer-Frauen überredete ich dann auch, Frau [] doch auf den Friedhof zu bringen; sie besorgten einen großen Handwagen, schlugen ein weißes Tuch um die Tote und trugen sie die Treppe hinab auf den Wagen. Um uns herum die Russen! Einen Blumenstrauß hatten sie ihr in die gefalteten Hände gelegt. Die Straße menschenleer, um uns herum das Knallen von Maschinengewehren! Auf dem Friedhof angekommen fanden wir ein offenes Grab vor, in dem schon eine in Tücher eingehüllte Leiche, nur wenig von Erde bedeckt, ruhte; zu ihrer Linken betteten wir Ihre Frau Mutter. Lieber Herr [], lassen Sie mich im Gedanken an diese Stunde still Ihre Hände drücken! Dann ist mein Vater an das offene Grab getreten und hat laut ein Vaterunser gebetet und alle Anwesenden haben dann der lieben Entschlafenen Erde nachgeworfen. Die Tränen, die geweint wurden, flossen reichlich! Denn jeder von uns dachte: "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!"

Wenige Tage darauf mussten wir das Haus räumen für die Russen; es folgten noch furchtbare Tage, Wochen und Monate, die wohl keiner von uns jemals vergessen wird. – Nachdem die Besatzungstruppen den Kampftruppen gefolgt waren, wurde es stiller in []. Bei unserem nächsten Gang zum Friedhof erfuhr ich durch den Totengräber, dass das Grab Nr. 74 ein Massengrab geworden war und dass darin wohl 12 bis 14 Leichen ruhen. Auch heute nachmittag war ich mit meiner Mutter zum Friedhof und fand eine Tafel darauf mit dem Namen: Professor Friedrich [].! Die Tafel gehört aber auf die andere Seite, denn unter ihr ruht unsere liebe Frau [].! –

Der Hauswirt, den wir heute Ihretwegen aufsuchten, sagte nur, dass von den Sachen wenig übriggeblieben ist. Die Ukrainer und die Russen hätten alles gestohlen. Die beigefügte Aufstellung gibt Ihnen einen Überblick über den zur Zeit noch vorhandenen Nachlaß. Morgen gehe ich zum Standesamt und lasse zwei Todesurkunden ausstellen, ich füge sie dann diesem Brief bei. –
Am 1. Advent haben wir auch meinen Großvater zu Grabe getragen; wir teilen alle das gleiche Schicksal.

Vielleicht hat der Herrgott es so gewollt, dass wir das alles miterleben mußten. Sie, sehr geehrter Herr [] hätten sonst niemals etwas über Ihre liebe Frau Mutter erfahren u. sie wäre irgendwo still verscharrt worden, ohne dass Sie jemals Näheres gehört hätten.

Ich werde morgen auch auf der Polizei Bescheid sagen wegen des Nachlasses, denn wie der Wirt sagte, sollten die Sachen schon beschlagnahmt werden, da sich Angehörige nicht meldeten. - Eine Frage u. Bitte habe ich noch: Sollten Sie den Nachlaß Ihrer lb. Mutter verkaufen wollen, bitte denken sie dabei an uns; wir sind im Begriff, eine Wohnung zu mieten u. wären Ihnen herzlich dankbar. Dann bitte ich, die Polizei zu benachrichtigen und den Kaufpreis uns mitzuteilen.
Ihre Antwort erwartend verbleibt mit den herzlichsten Grüßen

Vera [] und Eltern

VI. Ideen gegen Krieg und Unterdrückung. Zur Ablehnung der Kriegswillkür von der Antike bis zur Entstehung eines neuzeitlichen Kriegsvölkerrechts.

A. Das christliche Gebot der generellen Menschen- und auch Feindesliebe.

B. Zu den humanitären Prinzipien des heutigen Kriegsvölkerrechts.


Literatur, Medien und Quellen zur LV Gizewski Traditionen und Typen wirtschaftlicher Wertbildung und -aneignung seit der Antike.' im WS 2014/2015.

Bearbeitungsstand: 8. Juli 2015.

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de