Kap. 1: Zur Inhumanität als wesentlichem Moment der Hochkultur-Entwicklung, erörtert an Hochkulturen des vorderorientalisch-mediterranen Altertums. Einführung in das Gesamtthema.

I. Zu den zentralen Begriffen des Vorlesungsthemas und seinem theoretischen Konzept.

Die Worte 'Unterwerfung, Unterdrückung, Vertreibung, Versklavung und Vernichtung' stehen als anschauliche Aufzählung anstelle des unanschaulicheren, aber an sich zentralen Begriffs 'Inhumanität'. Inhumanität ist die Verletzung fundamentaler Bedürfnisse von Menschen unter Mißachtung der üblichen Normen und Ideale eines freundlichen und rücksichtsvollen menschlichen Verhaltens ('Humanität'). Inhumanität richtet sich insbesondere gegen Leben, Gesundheit, Freiheit, Würde, lebenswichtigen Besitz, Sitten, Gebräuche, grundlegende Überzeugungen und Loyalitäten anderer Menschen. 'Inhumanes' Verhalten in diesem Sinne pflegt denjenigen Menschen, die handelnd oder leidend daran beteiligt sind, als 'unmenschliche', d. h. schonungs- und rücksichtslose Verletzung der Interessen, Güter, Rechte und Würde anderer Menschen bewußt zu sein. Dennoch gehört zum Begriff der 'Inhumanität' nicht begriffsnotwendig ein Unrechts- und ein Schuldbewußtsein derjenigen, von denen sie ausgeht. Vielmehr pflegt 'inhumanes Handeln' sich zu verbinden mit dem Bewußtsein von irgendeiner unausweichlichen Notwendigkeit oder gar mit irgendeiner Rechtfertigung dieses Tuns. Typischerweise ist aber dennoch alle 'Inhumanität' - sowohl aus jeweils zeitgenössischer als auch aus historischer Perspektive - im Hinblick auf ihre sittlichen oder rechtlichen Maßstäbe und die Arten der dem Begriff unterfallenden Phänomene - im allgemeinen stark umstritten.

'Inhuman' kann das Verhalten einzelner Menschen gegen andere sein - wie z. B. bei Mord, grausamen Verletzungen, eigensüchtiger Mißachtung der Sorge für hilfsbedürftige Andere. Solche individuellen Handlungen pflegen in den menschlichen Gemeinwesen seit jeher und überall in irgendeiner Weise als 'strafwürdiges Unrecht' verfolgt zu werden

Das gilt jedoch nicht für das inhumane Verhalten ganzer menschlicher Gruppen und Einrichtungen oder einflußreicher Teile von ihnen ('kollektive Inhumanität') gegen Menschen, die anderen Gruppen und Einrichtungen zugehören, oder gegen diese Gruppen und Einrichtungen als ganze. 'Kollektive Inhumanität' dieser Art ist nicht ohne weiteres 'justiziabel'; denn es stellen sich im allgemeinen - wie z. B. im Kriege - schwierige Fragen nach ihrer rechtlichen Einordnung, ihrer Schuldhaftigkeit und eventuell auch nach der 'kollektiven Haftung' 'inhuman' handlender menschlicher Gruppen und Einrichtungen 'als ganzer'.

Die Vielfalt der für 'kollektive Inhumanität' in Frage kommenden menschlichen Gruppen und Einrichtungen ('Sozialsysteme') ist groß. Es kann sich um alle Kollektive handeln, die in irgendeiner Weise ein Agieren der in ihnen verbundenen Menschen auch nach außen organisieren können. So kann es um Volks-Gemeinschaften, Staaten, soziale Stände, religiöse Institutionen, die Einwohnerschaft von Städten, aber manchmal auch um kleinere Gruppen wie etwa Siedlungsgemeinschaften, Verwandtschaftsverbände oder gar Vereine gehen. Für die vielen unterschiedlichen in Frage kommenden 'handlungsfähiger Gruppen und Einrichtungen' wird im folgenden zumeist deren abstrakte Zusammenfassung 'Kollektiv' gewählt.

'Hochkultur' ist eine in allen Bereichen des materiellen und geistigen Gemeinschaftslebens, was die Differenzierung menschlicher Kenntnisse und Fähigkeiten betrifft, grundsätzlich zu dem unter den jeweiligen Bedingungen Äußerstmöglichen entwickelte menschliche Gesellschaft.

Unter 'Altertum' werden solche Epochen menschlicher Hochkulturen aller Erdteile verstanden, die sich in den ersten Phasen ihrer Entwicklung aus vorhochkulturellen Zuständen heraus befinden 1) und deshalb für die Entwicklung räumlich benachbarter Kulturen und später folgende Hochkulturformationen eine stark prägende Wirkung haben.

Unter 'vorderorientalisch-mediterranem Altertum' (Abk. 'VMA') sollen die Hochkulturen des 'Alten Orients und des mediterranen Raums' verstanden werden. Dabei soll der 'Alte Orient' die 'Altertumshochkulturen Westasiens und Nordafrikas' umfassen; 'Westasien' meint die Gebiete Asiens zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer einerseits und der Indus-Region andererseits. Unter 'mediterranem Altertum' sind alle 'alten Hochkulturbildungen im Mittelmeerraum, aber auch in den mit ihnen verbundenen Regionen nördlich der Donau und der Alpen einschließlich der Bereiche Galliens, Germaniens und Britanniens zu verstehen.Der damit abgegrenzte Bereich enstpricht ungefähr der geographischen Kenntnis von der Erde, wie sie sich im Lauf der Antike entwickelte 2).

Unter 'Antike' werden in der europäischen Geschichtsschreibung und -wissenschaft traditionell vor allem die Hochkulturen des griechischen und des römischen Altertums verstanden. Traditionell ist ferner üblich die historisch variierende Abgrenzung einer 'Antike' von einem 'Mittelalter' als einem 'Zwischenzeitraum', der seinerseits historisch variierend von einer 'Neuzeit-' bzw. 'Gegenwartsgeschichte (Moderne') abgegrenzt ist.

Unter 'Theorie' ist ein Erkenntnis-Verfahren zu verstehen, das zum Zweck der Beantwortung bestimmter wissenschaftlich wichtiger Fragen vorhandene gesicherte Kennrnisse systematisch kombiniert, um auf dieser Grundlage Hypothesen über Sachverhalte zu bilden, die noch unbekannt sind. Um ihren Zweck möglichst gut zu erfüllen, muß eine Theorie generell verschiedene Anforderungen erfüllen:

Auch die Geschichtswissenschaft ist nicht nur eine beschreibende und deutende Wissenschaft, sondern bedient sich notwendigerweise der Theoriebildung, um zu neuen Erkenntnissen auf der Basis vorhandener, aber auch zu Modellen der Erklärung historischer Prozesse und Systeme zu gelangen. Im vorliegenden Skript wird der theoretische Charakter von Ausführungen in den Überschriften derjenigen Abschnitte der einzelnen Kapitel hervorgehoben, die als 'Theoretische Annahmen' (1 - 4) markiert sind. Im Text selbst wird gelegentlich durch ein (T) besonders auf den theoretischen Charakter einer Annahme hingewiesen. Das Thema dieses Skripts 'Essentielle kollektive Unmenschlichkeit in Hochkulturen' (des vorderorientalisch mediterranen Altertums) ist in vielerlei Hinsicht eine theoretische Baustelle. Gerade deshalb bedarf es einer wissenschaftlichen Bearbeitung und Erörterung.

Seine Grundannahmen beziehen sich auf:

1) das Wesen menschlicher Hochkulturbildungen generell zeit- und ortübergreifend für die Menschheitsgeschichte, d. h. aus einer geschichtsphilosophischen, anthropologischen und systemtheortischen Perspektive,

2) die 'kollektive Unmenschlichkeit' (Kriegführung, Beseitigung und Unterdrückung von Völkern) als wesentliches Moment menschlicher Hochkulturbildungen und ihre allgemeinen Formen,

3) die Hochkulturbildungen des Vorderorientalisch-mediterranen Aktertums (VMA) generell und ihre historischen Voraussetzungen, auch in kollektiv-inhumanen Organisationsformen und Verfahrensweisen,

4) Die kollektive Inhumanität in VMA-Hochkulturen als Komplex tauglicher Exempel für generelle Annahmen über 'kollektive Inhumanität' in allen Epochen, einschließlich der der Neuzeit- und Zeitgeschichte,

5) die typischen Erscheinungsformen kollektiver Inhumanität in Hochkulturen des VMA-Altertums,

6) die typischen förderlichen Umfeldbedingungen und Motive kollektiver Inhumanität im VMA-Altertum,

7) die Traditionsbeziehungen zwischen den typischen Inhumanitätsformen des VMA-Aktertums und denen späterer Epochen bis hin zur Neuzeit- und Zeitgeschichte.

Das ist ein sehr großer und -gemessen an dem Erörterbaren - dennoch nicht umfassender Bereich der Theoriebildung. Deren einzelne Elemente sind darüber hinaus nur durch exemplarisch-historisches Argumentieren plausibel zu machen. Diese 'Mängel' hat liegen in der Struktur des zu untersuchenden Stoffes, d. h. vor allem in seiner Unermeßlichkeit. Dennoch ist es erforderlich, theoretische Vorstellungen dieser Art zu bilden, klar und unwidersprüchlich zu fassen und dem eigentlichen geschichtswissenschschaftlichen Arbeiten auf erkennbare Weise zugrundezulegen, weil in diesem immer wieder einmal die Frage nach ihnen auftaucht, wie z. B. dann, wenn das Verhältnis zwischen historischer 'Einmaligkeit' bestimmter Phänomene und deren 'Vergleichbarkeit' mit anderen zur Erörterung steht.

II. Zum Wesen kollektiver menschlicher Inhumanität (Theoretische Annahmen 1).

Die gewohnheitsmäßige, zumeist sogar durch politische, ethnische oder religiöse Traditionen begründete Rücksichtslosigkeit, Aggressivität und Grausamkeit, die in den den verschiedenen Epochen der Geschichte Teile menschlicher Bevölkerung immer wieder gegen andere zeigen, ihre Gleichgültigkeit gegen deren Leiden, ihre Vorurteilshaftigkeit gegenüber deren Fähigkeiten und Vorzügen, ihre ungehemmte Rachsucht, auch gegen Unverantwortliche und Unbeteiligte, im Kriege, vor allem die Maßlosigkeit der bis zur Vernichtung gehenden Drangsalierung der im Kriege Unterlegenen, haben sowohl im vorderorientalisch-mediterranen Altertum als auch in späteren Epochen verschiedenartige religiöse und philosophische Erklärungen gefunden

Diese Erklärungen sind einmal mythischer Art oder gehören zur Spruchweisheit. So ist beispielsweise der biblische Mythos vom Sündenfall (1. Mos., Kap. 3) und vom Brudermord Kains an Abel (1. Mos., Kap. 4) eine Erklärung auch für den Bestand und die Wirkung 'des Bösen' in der menschlichen Natur. Weil sie in einem auffälligen Widerspruch zu der in der Schöpfungsgeschichte (1. Mos., Kap. 1 und 2) gezeichneten Güte und Allmacht des väterlichen und menschenähnlichen Schöpfergottes steht, wirkt diese Erklärung der Bösartigkeit menschlichen Wesens jedoch 'theoretisch' unvollkommen. - Dasselbe gilt für Spruchweisheiten wie das weiter unten genauer zu erörternde Wort "homo homini lupus", das aus einer Komödie des M. Plautus stammt.

Systematisch-theoretische Philosophien der Antike, wie Platon ('Politeia' ) und und Aristoteles ('Politikos'), deuten zwar das menschliche Wesen zumeist nicht als zwiespältig, d. h. nicht als in starkem Maße auch zerstörerisch, sondern vielmehr als kulturschöpferisch-staatenbildend im Sinne eines 'zoon politikon'-Ideals. Aber es gibt auch eine philosophische Beachtung des Gegenteils, wie etwa im Satz des Heraklit: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge". Vor allem findet die menschliche Zerstörungsneigung aber in der Geschichtsschreibung Berücksichtigung, die im VMA-Altertum und speziell in der Antike in starkem Maße eine Kriegsgeschichtsschreibung ist.

In besonderem Maße sytematisch-theoretisch scheint erst in der christlichen Theologie das Wesen des 'Bösen' bedacht zu werden, und zwar auch, was menschliche Gemeinschaftsbildungen betrifft. So unterscheidet Augustinus in seinem Werk 'De civitate Dei' (15. Buch) eine 'civitas Dei' von einer 'civitas terrena' 3). Den 'Gottesstaat' begreift er als Gemeinschaft derjenigen, die für Gott Partei ergreifen, von der Sünde und von irdischen Interessen erlöst, irgendwann in Gottes Reich eingehen und mit ihm eine Gemeinschaft bilden werden. Den 'irdischen Staat' begreift er als eine politische Gemeinschaftsbildung von Menschen ohne Glauben an den einen, wahren Gott. Damit meint er vor allem das Imperium Romanum vor seiner politischen Christianisierung nach Kaiser Konstantin. Generell versteht er darunter aber auch alle anderen Reichs- und Staatenbildungen, in deren religiös-ideellem Mittelpunkt nicht die Verehrung 'des wahren, einen Gottes' stehe. Eine solche 'civitas terrena' sei zwar nicht grundsätzlich schlecht, aber doch - ebenso wie das Wesen des Menschen selbst - zum Bösen und zum Guten gleichermaßen geneigt. Im schlechteren Falle strebe eine 'civitas terrena' ständig nach weltlichen Gütern, führe ihretwegen rücksichtslos Kriege mit anderen Menschengemeinschaften und lebe deswegen auch in ständiger innerer Unruhe. Im besseren Falle biete auch die 'civitas terrena' einen gewissen inneren und äußeren Frieden, der jedoch immer wieder sowohl äußeren als auch aus inneren Gefährdungen ausgesetzt sei..

In der nicht mehr theologischen, sondern säkular-philosophisch gewordenen Auseinandersetzung mit dem Thema in der Zeit der beginnenden 'Aufklärung' ist es der englische politische Philosoph Thomas Hobbes (1588 - 1679), der es als erster in einem seiner staatstheoretischen Werke ('De cive', erstmalig erschienen um 1620) unternimmt, Realität und Ursachen einer 'natürlichen' 'Unmenschlichkeit' des Menschen gegen seinesgleichen systematisch-theoretisch zu erklären.4) Hobbes geht - unter Zitat des oben bereits erwähnten Plautus-Wortes ('homo homini lupus') - von einem in seiner Natur angelegten raubtierhaften Wesen des Menschen gegenüber ihm unbekannten oder unvertrauten Menschengruppen aus. Dieses, so Hobbes' Auffassung, könne nur im Rahmen einer politisch-gesetzlichen Ordnung ('civilisation') eingegrenzt und entschärft werden. Andererseits entfalte der Mensch von Natur aus wenigstens in einem ihm bekannten und vertrauten Kreise von Menschen eine durchweg stark ausgeprägte Sittlichkeit und 'Menschlichkeit'.

Der zumeist abgekürzt zitierte und deshalb manchmal mißverstandene Satz "homo homini lupus" findet sich bei Hobbes in einer gegenüber der antiken Plautus-Vorlage stark veränderten Form. Er steht in den 'Elementa philosophiae', 'Sectio III De Cive, in dem einleitenden Widmungsbrief an den Earl of Devonshire William ("excellentissimo Guilelmo comiti Devoniae, domino meo colendo"), und zwar in folgendem Textzusammenhang: "homo homini deus, et homo homini lupus. Illud si convices inter se, hoc, si civitates comparamus. Illic iustitia et claritate virtutibus pacis ad similitudinem Dei acceditur; hic propter malorum pravitatem recurrendum etiam bonis est, si se tueri volunt, ad virtutes bellicas, vim et dolum, id est ad ferinam rapacitatem" ("Der Mensch kann für den Menschen ein Gott, und der Mensch kann für den Menschen ein Wolf sein. Das eine trifft zu, wenn wir Menschen, die in Gemeinschaft miteinander leben, erleben, das andere, wenn wir das Verhältnis der Staaten untereinander betrachten. Auf der einen Seite wird mit Gerechtigkeit und Lauterkeit eine Tugendhaftigkeit des Friedens erreicht, die derjenigen Gottes ähnlich ist. Auf der anderen Seite - in Verhältnis der Staaten untereinander - gibt es so viel Häßlichkeit und Gemeinheit, daß sogar diejenigen Staaten, die an sich gutartig sind, sich zu raubtierartig-kriegerischer Rücksichtslosigkeit - als den sogenannten 'Tugenden des Krieges' - genötigt sehen, wenn sie sich selbst behaupten wollen.").

Aufgrund dieser Feststellungen plädiert Hobbes späterhin für verschiedene politisch-institutionelle Schutzvorkehrungen, die das Raubtier im Menschen zähmen sollen und allein dazu in der Lage seien. Die wichtigste von diesen ist die von Hobbes angenommene Notwendigkeit eines 'Souveräns', d. h. die Ausstattung einer einzelnen natürlichen Person mit unumschränkter Befehlsgewalt über alle ihr Untergebenen. Hier liegt der frühneuzeitliche Ausgangspunkt eines heutigen Begriffs politischer 'Souveränität'. Hobbes knüpft dabei allerdings an die wirkungsgeschichtlichen, bis in den Absolutismus seiner Zeit reichenden Traditionen der monarchischen Struktur des kaiserzeitlichen 'Imperium Romanum' an. Die in Rom übliche Begründung des Prinzipats war demgegenüber nicht primär philosophisch, sondern politisch: die Regierung eines so ausgedehnten Reiches wie des römischen, war ohne eine militärisch und politische handlungsfähige Zentralgewalt nicht denkbar. Demgegenüber versucht Hobbes eine - allerdings problematische - anthropologisch-philosophische Begründung 'aboluter Souveränität'.

Die Position Hobbes' wirkt heute, was ihre Überschätzung der Fähigkeiten einzelner natürlicher menschlicher Personen betrifft, erstaunlich naiv und, weil leicht widerlegbar, nicht zu einem ernstzunehmenden theoretisch-systematischen Ansatz passend. Die Realität unfähiger, ja gemeinwohlschädigender Herrscherpersönlichkeiten war ihm wie allen anderen mit antiker Literatur Vertrauten und generell allen aufmerksamen Zeitgenossen seiner Epoche - dre des 30-jährigen Krieges - gewiß bewußt. Es scheint, daß er sein Konzept von der gottähnlichen Rolle und 'Größe' eines individuell-menschlichen 'Souveräns' nicht völlig bedacht oder aber aus politischen, dem absolutistischen Stil seiner Zeit entsprechenden Devotionsgründen in sein Werk eingebracht hat. Angesichts der Bedeutung, die die Souveränitäs-Theorie in der späteren neuzeitlichen politischen Ideengeschichte gespielt hat und bis heute spielt, sollte dies - gewissermaßen als einer ihrer peinlichen Geburtsfehler - in Erinnerung bleiben und im Laufe der Zeit vielleicht enmal zu einem anderen Wort für die politische Grundlegitimation öffentlicher Gewalt führen.

Es bleibt die Bedeutung der hobbesschen Theorie von den zwei Seiten menschlichen Wesens. Denn was die Einschätzung der Menschennatur als auch bösartig ('homo homini lupus') betrifft, wird man Hobbes schlecht widersprechen können. Beide seiner Feststellungen über die Menschennatur sind empirisch belegebar und gedanklich folgerichtig, gerade in ihrem Gegeneinander. Sie werden durch eine systamtische Beobachtung unmenschlichen Verhaltens in allen Epochen und Regionen menschlicher Geschichte empirisch belegt und in ihrer generellen Geltung bestätigt.

Das bedeutet, daß es nicht sinnvoll ist, Einordnungen des menschlichen Wesens vorzunehmen, die grundsätzlich entweder verdammen oder selbsttäuschend idealisieren. Die Beschäftigung mit den beiden Seiten des Naturwesens Mensch ist vielmehr eine zentrale Aufgabe einer fortlaufenden historischen und in anderer Weise wissenschaftlichen Selbstvergewisserung der Menschheit über ihr Wesen und die von ihm ausgehenden Gefahren.

Eine solche Aufgabe kann nur ideologiekritisch wahrgenommen werden. D. h.: sie muß sich sich ihrer Zielsetzung nach von denjenigen Formen historischen Bewußtseins unterscheiden, die sie beobachtet; denn die beobachteten Bewußtseinsformen nehmen typischerweise Partei für konkrete politische, ethnische oder religiöse Gruppierungen und Institutionen und damit - mehr oder weniger ausdrücklich - gegen davon abweichende andere. Sie sind typischerweise gekennzeichnet von einer sehr hohen Selbsteinschätzung, obschon sie als Kollektive manchmal maßlos unmenschliches Unheil anrichten. Sie pflegen mit verschiedenartigen - 'Elite'-Vorstellungen ausgestattet zu sein und in oft sehr strengen religiösen oder funktionell ähnlichen Glaubenssystemen zu wurzeln. Ihre Begründung liegt beispielsweise in der Annahme der 'Berufung' durch eine 'Auswahl', die etwa 'Gott', ein 'Schicksal' oder irgendein 'Naturgesetz' herbeigeführt hat. Die praktischen Folgen solchen Bewußtseins sind typischerweise einschneidende und festverankerte religiöse, ethnische, soziale oder/und politische Unterscheidungen, Polarisierungen und Konflikte. Sogar 'Heils-' und idealistische 'Zukunfts'-Vorstellungen können als Legitimation dafür eingesetzt werden, nicht nur individuell-, sondern kollektiv- unmenschlich zu handeln. Sogar unter Berufung auf Menschlichkeitsideale kann es dazu kommen.

Aus der Zeitgeschichte sind derartige kollektive Unmenschlichkeiten mehrfach bekannt. Die geistige, rechtliche und politisch-organisatorische Beschäftigung mit ihnen, etwa im Völkerbund der 1920er/1930er Jahre (Briand-/Kellogg-Pakt) oder in der UNO der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (UNO-Menschenrechtskonvention 1948), führte bekanntlich nicht zu ihrem generelen Verschwinden, nicht einmal in der gegenwärtigen 'global orientierten' Epoche der Weltgeschichte. Es stellt sich daher heute wie in früheren Epochen die Frage, welche generellen Ursachen und Motive es dafür gibt. Sind diese trotz ihrer offenkundigen Beharrlichkeit vielleicht dennoch historisch im Fluß und deshalb auch notfalls zu beseitigen? Oder gibt es in allen Epochen der Menschheitsgeschichte, also auch in der Gegenwart, notwendige Differenzbildungen innerhalb der Menschheit, welche Gestalt sie auch haben möge, und zwar aus anthropologischen, sprachlichen, religiösen, wirtschaftlichen und/oder politischen Urachen gleichermaßen? Und sind im zweiten Fall auch für die Zukunft immer wieder historisch einschneidende Phänomene kollektiver Unmenschlichkeit zu erwarten?

Sind nicht einmal 'Hochkulturen' - als unter ihren jeweiligen Umfeldbedingungen optimale Systeme einer Höchstentwicklung menschlicher Fähigkeiten und Leistungen, die sich gerade durch die Hochentwicklungen eines idealen menschlichen Wesens von 'vorhochkultureller Barbarei' unterscheiden - in der Lage, kollektiver Inhumanität vorzubeugen? Gibt es auch in ihnen und durch sie keine Garantie gegen Unmenschlichkeit?

Bauen sie nicht überhaupt notwendnigerweise in wesentlichen Momenten ihrer Entwicklung fortlaufend begangenen und fortwirkenden kollektiven Inhumanitäten auf?

Dieser Frage widmen sich die Lehrveranstaltung und das sie unterstützende vorliegende Skript, und zwar anhand exemplarischer Unterthemen, die die Hochkulturen 'nur' des vorderorientalisch-mediterranen Altertums betreffen.

Die Geschichte des vorderorientalisch-mediterranen Altertums ist - wie die anderer Hochkulturen auf der Welt - voller kollektiver Unmenschlichkeiten. Teilweise sind diese Unmenschlichkeiten des Altertums sogar mit unserem zeitgeschichtlichem Bewußtsein und Geschehen durch Tradititonslinien verbunden.

Dafür seien als Beispiele das antike 'ius belli' (Kriegsrecht) und das antike Rechtsinstitut der 'servitus' (Sklaverei) angeführt, die in Kap. 4 eingehender erörtert werden sollen.5)

Das 'ius belli' lebte als 'freies Kriegführungsrecht' 'legitimer Herrschaftsgewalten' in der europäischen Geschichte fort. Erst im 19. und 20 Jht erfuhr es mehrere, allmählich fortschreitende Eingrenzungen, vor allem durch den oben bereits erwähnten, vom Völkerbund in den 1920er Jahre bekräftigten 'Briand-Kellogg-Pakt. Totz dieser kriegsvölkerrechtlichen Einschränkungen wurde das 'freie Kriegsführungsrecht' allerdings in der Praxis 'moderner' Kriege (vom Typus des 'totalen Krieges') mit all ihren grausamen Konsequenzen immer wieder nicht nur ausnahmesweise, sondern auch systematisch - in Anspruch genommen, auch es im Rahmen völkerrechtlich an sich legitimer Verteidigungskriege. Antike kollektive Unmenschlichkeiten im Kriege sind deshalb strukturell dasselbe wie 'moderne' und umgekehrt.

Auch die antiken Formen des Sklavenerwerbs und -einsatzes reichen trotz neuzeitlicher Abmilderungen und formeller Abschaffungen bis in die Gegenwart fort, etwa über verschiedene inhumane Formen der sog. 'Zwangsarbeit'.

Dennoch konzentrieren sich Lehrveranstaltung und Skript mit Bedacht auf die vorderorientalisch-mediterrane Geschichte, nicht nur aus fachlichen und zeitökonomischen Gründen. Es gibt dafür vielmehr einen viel wichtigeren Grund, der die Wahrung eines sachlichen Rahmens betrifft. Die Beschäftigung mit den neuzeitgeschichtlichen Phänomenen 'kollektiver Inhumanität', wie z. B. mit solchen wie den von den politisch-militärisch bestimmenden Institutionen der deutschen Seite Akten der Unterwerfung, Unterdrückung, Vertreibung, Versklavung und Vernichtung von Völkern während des 2. Weltkriegs, ist typischerweise so gefühlsgeladen und parteibildend, daß man, wie es scheint, einer distanzierten, vergleichenden, theoretischen Erklärung eines epochen- und menschheitsumfassenden Wesens kollektiver Inhumanität kaum näherzukommen vermag. Es geht ja um eine haltbare theoretische Begründung einer in unserer Zeit benötigten 'systemgrenzüberschreitenden Ethik'.


III. Zu den Themen der Lehrveranstaltung im Überblick.

Außer dieser Einführung sind drei weitere Kapitel vorgesehen, deren Inhalt hier nur stichwortartig angedeutet wird.

Kap.2: Zu den Erscheinungsformen kollektiver Unmenschlichkeit im vorderorientalisch-mediterranen Altertum.

Kap.3: Äußere Ursachen und innere Gründe kollektiver Unmenschlichkeit in der Antike.

Kap.4: Antike Tradititionen in 'modernen' Formen der Völkerverfolgung und -vernichtung.


III. Zu einer 'dynamischen Form' wissenschaftlicher Publikation in WWW-Skripten.

Eine Feststellung ist im Interesse der Vermeidung unerfüllbarer Erwartungen an ein WWW-Skript wie das vorliegende vorab zu betonen. Ein im Internet publiziertes Skript, das einen Lehrvortrag begleitet, kann unmöglich alle Erörterungen des mündlichen Dozentenvortrags protokollieren und soll es auch gar nicht. Es dient vielmehr dazu, den Aufbau des Vortragsstoffes in seinen einzelnen Kapiteln genauer wiederzugeben, Grundgedanken zu formulieren und einzelne Auswahlthemen exemlarisch eingehender und möglichst anschaulich auszuführen, die im Mittelpunkt des Vortrags stehen können. Es will dabei vor allem kurz und lesbar bleiben. Ferner wird es in einer den Möglichkeiten des Internet-Publizierens angepaßten 'dynamischen Form' präsentiert: seine Gestalt verändert sich ständig, und zwar, um kontinuierlich berichtigt und verbessert zu werden. Es besteht darin also ein Unterschied zu den wissenschaftsüblichen Druckpublikationen, die in abgeschlossen bearbeiteten Auflagen erscheinen und für eine Veränderung einer Neuauflage bedürfen. Bei Internet-Publikationen muß der wissenschaftliche Leser also mit manchen ungewohnten Eigentümlichkeiten rechnen, so zum Beispiel damit, daß der Text Schreib- und technische Gestaltungsfehler aufweisen oder daß eine frühere Textversion von einer späteren ohne weiteres abgelöst werden kann. Bei Vorlesungsskripten im WWW kann es für den Autor lediglich darum gehen, ständig eine Mitte zwischen der im Vorlesungsbetrieb sehr nützlichen Möglichkeit schneller, allgemeinzugänglicher Publikation und einem notwendigen Verfahren der Daueroptimierung zu finden.


IV. Angebote und Mitarbeit in der LV.

Alle interessierten immatrikulierten Studenten aller Fachgebiete (nicht nur der TU Berlin) können im Rahmen der Studienordnung der von ihnen studierten Fächer oder im Rahmen freiwilliger historischer Allgemeinbildungssstudien an der Lehrveranstaltung teilnehmen. Die Teilnahme setzt regelmäßigen Besuch voraus. In diesem Fall wird sie grundätzlich mit einem Testat, ggf. auch zusätzlich auf einem 'Laufzettel' bescheinigt. Bei einer freiwillig übernommenen schriftlichen Arbeit und ständiger Präsenz wird ein Übungs- oder ein Proseminarschein ausgehändigt.

Vorgaben für eine schriftliche Proseminar-Arbeit:

Länge: entspr. 12 Schreibmaschinen-Seiten.

Thema: Caesars Gallischer Krieg als imperialer Eroberungskrieg.

Aufgaben:

1) Auf 5 Seiten geben Sie bitte eine Übersicht über den Inhalt des Gesamtwerks. Verwenden Sie einen lateinisch-deutschen Quellentext.

2) Auf weiteren 6 Seiten behandeln Sie bitte die Frage, was Caesar bewegt, in Gallien Krieg zu führen, wieweit er dabei einen politischen Auftrag des römischen Staates ausführt, ob seine Eroberungen nach damaligem 'ius gentium' zulässig sind und was seine Erfolge innenpolitisch und außenpolitisch für den römischen Staat bedeuten.

3) Am Schluß (1 Seite) stellen Sie bitte einige Titel geeigneter Literatur zusammen, die Sie für Ihre Arbeit tatsächlich heranziehen (Lexika und Atlanten eingeschlossen).


V. Literatur, Medien und Quellen.

A. Fußnoten zum obigen Text:

1) Kartenbilder zum Zwecke wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: Putzger. Atlas und Chronik zur Weltgeschichte, Große Ausgabe, 1. Aufl., Cornelsen-Verlag Berlin 2002, S. 24.

2) Kartenbilder zum Zwecke wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: Putzger, Historischer Weltatlas, 101. Aufl., 2. Druck, Cornelsen-Verlag Berlin 1991, Innendruck auf dem vorderen Buchdeckel.

3) Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat, Buch 1 - 22. Deutsche Übersetzung von Wilhelm Thimme. Einleitung und Kommentar von Carl Andresen, 2 Bde., Deutscher Taschenbuch-Verlag München 1977 und 1978, Bd. 2, S. 212 ff.

4) Thomas Hobbes Malmesburiensis, Opera philosophica quae latine scripsit, Ausgabe 1839 - 1845, vol. III, Einleitungsbrief und Kap. 2 der 'Elementorum philosophiae, sectio III ('De cive').

5) Zu den 'Tradititionslinien': siehe Kap. 4. Zu den Themen 'Freies Kriegsführungsrecht' und 'Sklaverei' geschichtsphilosophisch : Arnold Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte (A Study of History), Bd. 1 (Aufstieg und Verfall der Kulturen) übersetzt von Jürgen von Kempski, München 1970, S. 188 ff. und 439 ff., allerdings nicht unter dem Aspekt einer 'kollektiven Inhumanität', sondern unter den jeweils weitergefaßten eines 'selbstzerstörerischen Militarismus' ('Die Nemesis der Kriegführung') und einer reaktiv-schöpferischen Organisationskraft eines - die Sklaven einschließenden - antiken 'Proletariats' auf religiösem Gebiet (Begründung des Christentums).

B. Zu der in das LV-Thema einführenden Literatur:

Das Vorlesungsthema mit seinen Unterthemen berührt grundsätzliche Fragen der Geschichtsphilosophie, der historischen Anthropologie und der soziologischen Systemtheorie. Dazu lassen sich folgende Werke empfehlen, die allerdings entweder eine intensivere Lektüre oder die Leküre von Autoren voraussetzen, die sie interpretieren:

Arnold Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte (A Study of History), Bd. 1 (Aufstieg und Verfall der Kulturen) und 2 (Kulturen im Übergang), dt. Übersetzung der zwischen 1934 und 1961 verfaßten Gesamtwerks, übersetzt von Jürgen von Kempski, München 1970.

Joseph Vogt: Wege zum historischen Universum. Von Ranke bis Toynbee, Stuttgart 1961.

Jakob Tanner, Historische Anthropologie zur Einführung, Hamburg 2004.

Niklas Luhmann: Soziale Systeme, Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M. 20061(Nachdr.).

Es geht ferner um viele allgemeinhistorische Aspekte aller Epochen der Altertumsgeschichte und speziell die Religions-, Rechts-, Geistes- und Kulturgeschichte der Alten Welt. Ferner befaßt sich vor allem das 4. Kapitel auch mit den Traditionslinien in der nachantiken Geschichte bis zur Gegenwart. Weil dabei nur exemplarisch-auswählend verfahren werden kann, ist es für die Interessenten sinnoll, im Laufe der Vorlesung oder der Beschäftigung mit diesem WWW-Skript zur Orientierung zunächst stets epochenübergreifende Gesamtdarstellungen heranzuziehen. In diesem Sinne können etwa empfohlen werden:

'Fischer-Weltgeschichte', 1965 - 1981 Fischer-Bücherei Frankfurt M., nicht nur für den Bereich der Altertumsgeschichte,

Hermann Bengtson, Griechische Geschichte, Von den Anfängen bis in die Römische Kaiserzeit (Sonderdruck aus dem Handbuch der Altertumswissenschaft, Abt. 3), 9. uveränderte Aufl., Beck-Berlag München, 2002,

Hermann Bengtson, Römische Geschichte, Republik und Kaiserzeit (Sonderdruck aus dem Handbuch der Altertumswissenschaft, Abt. 3) , 8. uveränderte Aufl., Beck-Berlag München, 2001,

Alexander Demandt: Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian - 284-565 n. Chr., 2. überarbeitete Auflage München 2008,

Johann Maier, Das Judentum. Von der Biblischen Zeit bis zur Moderne, München 1988 3.

Peter G. Stein, Römisches Recht und Europa. Die Geschichte einer Rechtskultur. Aus dem Englischen von Klaus Luig, Frankfurt M. 1996,

Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie. Mit Quellentexten. (Von der Antike bis zur Neuzeit; bisher etzte Neuausgabe des schon 1903 erstmalig erschienenen, späterhin immer wieder neubearbeiteten Werks), bearbeitet von M. Forschner, Rowohlt-Verlag Hamburg 1990,

Hans Küng, Das Christentum, Wesen und Geschichte, München 2008 2.

Klaus Kienzler, Der religiöse Fundamentalismus, Christentum, Judentum, Islam, München 1996.

Ferner ist die Heranziehung detaillierter Datenübersichts- und Kartenwerke zu allen Epochen der antiken und nachantik-europäischen Geschichte zu empfehlen.

C. Übersicht über Literatur, Medien und Quellen der LV Gizewski im SS 2010.


Autor: Christian Gizewski, apl. Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de