Kap. 4: Zur Tradition bestimmter Formen kollektiver Unmenschlichkeit aus dem vorderorientalisch-mediterranen Altertum (VMA) bis zur Gegenwart.

I. Zur Prägung menschlichen Verhaltens durch die Tradition historischer Muster der Inhumanität (Theoretische Annahmen 4).

Thema der folgenden Erörterungen sollen solche Inhumanitäts-Traditionen sein, die im VMA-Altertum und in der heutigen Gegenwart als wichtige Grundlagen des Gemeinschaftslebens dienten und dienen, nämlich die in Politik, Recht, Religion und Sitte. Dazu gehören vom Altertum bis in unsere Zeit vor allem die 'etablierten' Gewohnheiten

  • des Krieges,
  • der Entpersönlichung von Menschen zum Zwecke der Ausbeutung,
  • der Verfolgung von Menschengruppen aus Gründen religiöser Rechtgläubigkeit
  • und der gewaltsamen und rücksichtslosen Verteidigung ungerechtfertigt angesammelten Besitzes und Einflusses durch bestimmte Staaten und Völker zulasten anderer oder auch zulasten bestimmter Teile der eigenen Bevölkerung.

Wenn der Begriff und das Bestehen einer sehr langen Tradition in heutiger Zeit im allgemeinen entweder neutral oder gar positiv bewertet zu werden pflegt, wird die Feststellung speziell von Unmenschlichkeits-Traditionen notwendig als aggressive Kulturkritik an einer Gegenwartsgesellschaft empfunden. In deren Selbstreflexion pflegt demgegenüber die Existenz von Unmenschlichkeitstraditionen als historisch exzeptionell und vorübergehend aufgefaßt zu werden. Geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit Unmenschlichkeits-Traditionen ist insoweit notwendig auch eine Art der Ideologiekritik an Verdrängungstendenzen einer Gegenwartsgesellschaft gegenüber ihren negativen, aber dennoch bestimmenden Traditionen.

Zum Begriff der Tradition:
In der Geschichts-Wissenschaft stehen zwei generelle Formen der Erkenntnis nebeneinander: 1) die der hermeneutischen Befassung mit dem in einer 'Tradition' ('Überlieferung') dokumentierten geschichtlichen Wissen und 2) die eines an einer überlieferungsunabhängigen, 'objektiven' Realität historischer Strukturen orientierten Erkenntnisverfahrens; zu diesem gehören empirische Feststellung, Generalisierung, Typenbildung, Ursachenanalyse und Systembildung.
Die 'Geschichte' der Menschheit in einem 'objektiven' und abstrakten Sinne ist ein Komplex von Veränderungsvorgängen, bei denen zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Phänomene der menschlichen Lebenswelt eine Umformung ihrer Gestalt und ihres Verhältnisses zu anderen Phänomenen erfahren; darin ist ihre Auflösung und Umwandlung zu neuen Phänomenen und die Entstehung neuer Erscheinungen eingeschlossen. Die Tradition (oder Überlieferung) ist die Gesamtheit des Wissens der zu einem bestimmten Zeitpunkt lebenden Menschen über frühere Strukturen der menschlichen Lebenswelt und ihre Veränderungen; sie pflegt.sich mit einer Achtung der in bestimmten Gemeinschaften lebenden Menschen vor dem Nutzen, dem Wert und der Beispielhaftigkeit solcher früherer Strukturen für ihre eigene, gegenwärtige Lebenswelt zu verbinden.
Sowohl die 'Geschichte' - als eine prinzipiell bewußtseinsunabhängige, 'objektive' Gegebenheit - als auch die 'Überlieferung' - als ein Bereich kollektiven und individuellen menschlichen Bewußtseins - wirken prägend auf den Gesamtbereich menschlicher 'Kultur' einschließlich menschlicher 'Hochkultur' ein. Die Prägewirkung der 'Geschichte' liegt darin, daß sie - von den naturgegebenen Gesetzen abgesehen - dem menschlichen Leben die objektiven Bedingungen vorgibt, unter denen Menschen sich vehalten und entwickeln, und zwar weitgehend unabhängig davon, ob und wie diese davon etwas wissen oder nicht. Das gilt teilweise zwar auch für die 'Tradition', insoweit als sie ihre Inhalte - so inbesondere in der Sprache - weitergeben kann, ohne daß dies dem von ihnen beeinflußten Menschen bewußt sein muß. Überwiegend ist aber die Tradition ein Prozeß, an dem individuelle und vor allem kollektive Erinnerungen beteiligt sind. Sie ist darüber hinaus die Grundlage der 'hermeneutischen' (verstehenden) Befassung des Menschen mit den - menschlichen - 'Quellen' der 'Geschichte'.

II. Zur Überlieferung hochkulturell bedingter Unmenschlichkeit aus dem vorderorientalisch-mediterranen Altertum: politisch-ideelle, rechtliche, religiöse, soziale Traditionen.

A. Politisch-ideelle Traditionen am Beispiel des rechtlich grenzenlosen Krieges.

Die Kriege in allen Epochen des VMA-Altertums werden grundsätzlich - d. h. von besonderen institutionellen Ausnahmen abgesehen - als Abwesenheit aller rechtlichen Verpflichtungen, die im Frieden oder aufgrund besonderer Absprachen Bindewirkungen zu entfalten pflegen, verstanden. In ihnen herrscht deshalb prinzipiell schonungslose Feindschaft, Härte und Rücksichtslosigkeit nicht nur den kämpfenden Kräften der feindlichen Seite, sondern auch ihrer Zivilbevölkerung gegenüber. Am Schluß können die Siedlungen und Kulturlandschaften einer unterlegenen Partei verwüstet, ihre Erwerbs- und Nahrungsgrundlagen durch Plünderungen und Kontribultionen weggenommen und die Bevölkerungen entrechtet, gedemütigt, ganz oder teilweise versklavt und im äußetsen Falle auch ausgerottet werden. Das ist besonders bei der Wiederholung von Konflikten zwischen zwei Kriegsparteien der Fall. - Die altertumseigene Auffassung von der Regellosigkeit des Krieges setzt sich als politisch-ideelle Tradition - nicht nur als faktischer Brauch - in den dem Altertum nachfolgenden Epochen Europas bis in die Neuzeitgeschichte fort und hat - trotz bedeutender kriegsbegrenzender Völkerrechtsvereinbarungen des 19. und 20. Jhts. - bis heute immer wieder ihre Fortwirkung gezeigt.

B. Rechtliche Traditionen am Beispiel der Sklaverei.

Unter 'Sklaverei' lassen sich verschiedene Arten der rechtlichen Unterworfenheit von Menschen unter fremden Willen zusammenfassen, die diesem eine eigentümerähliche Rechtsposition geben. Mildere Formen der Gehorsamsverpflichtung und Dienstbarkeit kann man als 'Knechtschaft' oder 'Unfreiheit' bezeichnen. Die entsprechenden Rechtsformen sind in den verschiedenen Epochen und Regionen des VMA-Altertums unterschiedlich gestaltet. Allerdings kommt es im Rahmen der Vereinheitlichung der kulturellen Verhältnisse in hellenistischer und in römisch-imperialer Zeit zu einer Vereinheitlichung der Vorstellungen von Sklaverei, welche dann als historisches Muster in verschiedenen Instituten des Rechtslebens (von der dem Namen nach fortlebenden Sklaverei bis zu verschiedenen Formen der Zwangsarbeit) bis in die Neuzeit fortwirkt.

C. Religiöse Traditionen am Beispiel religiös motivierter Völkervertreibungen und -vernichtungen.

Die historisch ausreichend dokumentierten größeren Religionen des vorderorientalisch-mediterranen Altertums lassen durchweg einerseits ihre Bindung an göttliche Gebote erkennen, die Mitmenschlichkeit zum Leitbild persönlichen Handelns machen, zum anderen aber auch eine auf göttliches Gebot zurückgeführte Bereitschaft zu Feindschaft und Haß gegen diejenigen Personen und Völkern, die sich nicht an den angenommenen göttlichen Willen halten bzw. sich nicht zu ihm 'bekehren' wollen. Feindschaft und Haß dieser Art können sich bis zu einem Vernichtungswillen steigern, wo es - zumeiist auch aus nicht-religiösen Gründen - zu Konflikten mit 'ungläubigen' Völkern oder Bevölkerungsteilen kommt. Die entsprechenden antiken Muster haben sich in der Traditionbsgegschichte teilweise bis heute erhalten.

D. Soziale Traditionen am Beispiel des Strukturprinzips Klassengesellschaft.

Unter 'Klassengesellschaft' sei generell eine Art gesellschaftlicher Ordnung verstanden, in der sich eine Polarisierung der Macht-, Prestige-, Einkommens- oder Eigentums-Verhältnisse mit einer sozialen Schichtung verbindet, bei welcher einer relativ kleinen Gruppe wohlhabender, gesellschaftlich einflußreicher und politisch maßgeblicher Individuen eine große Majorität Armer, Einflußloser, Ansehensloser, Benachteiligter oder Handlungsunfähiger gegenübersteht. Die politisch unbeeinflußbare und im allgemeinen auch auch gar nicht gewollte Verfestigung solcher Differenzen bedeutet für den in Armut und Elend lebenden Teil der Bevölkerung eine kollektiv eingerichtete und stabilisierte Inhumanität. Solch ein Gesellschaftsmodell kann sich aus kriegerischen Unterwerfungsverhältnissen entwickeln. Es kann aber auch aus innergesellschaftlichen Konflikten hervorgehen, bei denen die unterlegene Seite in eine generell benachteiligte Position gedrängt wird. Eine prinzipiell 'friedliche' Ursache der Entstehung von Klassengesellschaften sind Warenverkehr und Marktverhältnisse. In solchen Verhältnissen bilden sich abseits des Austausches ungefähr gleicher Werte Bereiche nicht-gleichen Werttausches, in welchen aufseiten der Begünstigten ein besonderer Wertbesitz entsteht und sich vergrößert. Diese Wertakkumulation führt im gesellschaftlichen Aufbau folgerichtig zur Herausbildung

  • einer kleinen sozialen Gruppe von Wertakkumulatoren ('Reiche'),
  • einer größeren Gruppe anderer Werttauscher, welche zwar nicht reich sind, aber sich doch ausreichend mit Gütern versorgen können ('versorgte Existenzen'),
  • sowie einer großen Schicht derer, die keine oder nur geringe Werte eintauschen können und deswegen Mangel leiden oder im Elend leben (Arme).

Mit dem Reichtum pflegen sich auch Einfluß und Prestige zu verbinden. Selbst wenn diese auch anderwärts entstehen können, so sind sie doch vor allem bei den 'Reichen' zu finden. Bei einer Klassengesellschaft ist vor allem kritikwürdig, daß es 'Arme' in hoffnugslosem Elend gibt und daß 'Reiche' einen Einfluß und eine Geltung haben, die ihnen, weil prinzipiell zufällig erlangt und unverhältnismäßig in Beziehung auf Können und Leistungen der Begünstigten, gerechterweise nicht zustehen. - Das Modell der 'Klassengesellschaft' gibt es im vorderorientalisch-mediterranen Altertum als Normalform wirtschaftlich-sozialer Verfassung - trotz gewisser, immer wieder einmal vorkommender Formen sittlicher und rechtlicher Moderation seiner Wirkungen, zum Beispiel im Spendenwesen ('Almosen') oder bei der Steuer- und Lastenbefreiung nicht-vermögender Bevölkerungsschichten ('Proletarier'). Auch nach Verbreitung des den Gütern dieser Welt ablehnend gegenüberstehenden und folglich sozusagen 'anti-kapitalistisch ' eingestellten Christentums hat sich das Modell in der gesellschaftlichen Realität behauptet. In der Tradition antiker Muster spielt es bis heute eine maßgebliche Rolle vor allem, aber nicht nur, in der Wirtschafts- und Sozialverfassung gegenwärtiger Gesellschaften. Dort tritt es seit Beginn der Industrialisierung (Adam Smith) sogar mit einem theoretisch unterlegten Selbstbewußtsein auf, das politische Alternativkonstruktionen des Wirtschaftslebens ausschließt und sogar eine 'globale' Geltung beanspucht. Allerdings ist es in der Neueren Geschichte immer wieder einmal politisch-argumentativ in die Defensive gedrängt und dabei auch in der politischen Praxis durch andere Gesellschaftskonzeptionen verdrängt worden ('Sozialismus' als politisch-'antikapitalische' Konstruktion wirtschaftlich-sozialer Ordnung).


III. Erörterung der Themen zu II. an Beispielen.

Zu II. A (Politisch-ideelle Traditionen am Beispiel des rechtlich grenzenlosen Krieges).

Unterthema 1: Regellose Zerstörung und Vertreibung: Die Politik der 'verbrannten Erde' und der Völkervertreibung mit ihren Wurzeln im Altertum.

In allen Epochen des VM-Altertums galt es im Sinne damaliger Vorstellungen von 'Völkerrecht'- (etwa im römischen 'ius gentium') als nicht rechtswidrig, wenn Kriege regellos und mit unbegrenzter Gewalt nicht nur gegen den bewaffneten Feind, sondern auch gegen die unbewaffnete Feindbevölkerung geführt wurden. Die gewaltunterworfene Seite hatte prinzipiell kein Recht auf Schonung oder gar Fürsorge aus humanen Gründen. Obschon sowohl die antike Philosophie als auch Religionen wie Judentum und Christentum immer für ein menschliches Verhalten auch gegenüber dem Feinde plädierten, vermochte das an der immer wieder auftretenden Realität einer schonungslosen Kriegführung nichts zu ändern. Zwar gab es schon im 19. Jht., etwa in der von Henri Dunant 1859 begründeten Rot-Kreuz-Bewegung, späterhin etwa nach dem ersten Weltkrieg im 'Briand-Kellogg-Pakt' d. J. 1928/29 wichtige Schritte, ein 'Kriegsvölkerrecht' zu schaffen und weltweit verbindlich zu machen. Doch ist es - selbst wenn man sich auf den europäischen und europäischstämmigen, d. h. 'antik' und 'christlich' geprägten Teil der Menschheit und Staatenwelt beschränkt - immer wieder zu regellosen Zerstörungen und Vertreibungen gekommen - in Weltkriegen, in Kolonialkriegen, in Bürgerkriegen, ethnischen und Rassen-Konflikten. In dieser Praxis äußert sich nicht nur eine vehemente, gewissermaßen anthropologisch konstante Rücksichtslosigkeit bei der Durchsetzung von Herrschafts- und Aneignungsinteressen. Ihre ideelle Begründung erfolgt vielmehr auch ideell, nämlich durch altertumsfundierte Traditions-Muster: ein 'Recht des Stärkeren' oder eine 'Macht des Faktischen' galten und gelten weiterhin als im Kriege letztgültige normative Maßstäbe.

Unterthema 2: Maßlose Demütigung, Segregation und Kontrolle schwächerer Bevölkerungen.

Die Behauptung eines Rechts des Siegers und Eroberers zur Okkupation des Landes, der Habe und des Lebens der Unterworfenen ist in allen Epochen der vorderorientalisch-mediterranen Altertumsgeschichte für alle größeren Herrschaftsbildungen nachweisbar. So ist im römischen Bereich das 'ius occupationis' nicht nur ein Privatrechtsinstitut zur Aneignung einer herrenlosen Sache, sondern im römischen 'ius gentium' ein kriegsrechtlicher Titel für den unbegrenzten Erwerb all dessen, was einmal einem besiegten Feinde zu eigen war, gleich ob dieser in einem Angriffs- oder in einem Verteidigungskrieg bekämpft wurde, und unabhängig davon, wer auf vormals feindlicher Seite genau für die Kriegführung zuständig oder nicht zuständig war. Der unterlegene bewaffnete Feind und seine gesamte nicht bewaffnete Bevölkerung unterliegen danach einer sogar willkürlich begonnenen Kriegsunternehmung und Willkürherrschaft der Erobererseite. Diese kann auch Vertreibungen, dauernde Schädigungen, Schwächungen und Demoralisierung sowie kollektive Gefangennahme der Besiegten auf begrenzten Siedlungsarealen zum Zwecke dauernder Kontrolle und Widerstandprävention führen.

Trotz immer wieder geübter starker Kritik ist diese Praxis im Bereich neuzeitlicher und heutiger europäischer oder europäischstämmiger Staaten - um nur von diesen zu reden - wirksam. Auch hier handelt es sich nicht nur um 'faktische Notendigkeiten konsquenter Herrschaftsdurchsetzung', sondern auch um ein altes, traditiertes Muster im Sinne des antiken Sprichwortes 'vae victis'.


Zu II B (Rechtliche Traditionen am Beispiel der Sklaverei).

Unterthema 1: Zu der Nachwirkung der antiken (römisch-rechtlichen) Form der Sklaverei als anerkanntes Rechtsinstitut in den Rechtsordnungen Europas und der USA (bis zum Sezessionskrieg d. J. 1861 - 1865).

Das römisch-privatrechtliche Institut der 'servitus' ist (soweit es nicht um den Rechtstyp der 'Dienstbarkeit' als Eigentumsbelastung geht), eine Einrichtung des überall in der den Römern bekannten Welt gehandhabten 'ius gentium', durch die eine natürliche Person dem (seinem rechtlichen Wesen nach) unbegrenzten Eigentumsrecht eines 'Herren' (dominus) unterworfen ist (Dig. 1, 5, 4, pr. 1). Die Herrschaftsmacht des 'dominus' ist grenzenlos; er kann über den Sklaven wie über ein Stück Vieh verfügen. Allerdings sagt die zitierte Gestzesstelle auch, die Sklaverei widerspreche der 'lex naturae'. Auch wenn dem antiken Juristen das 'Naturrecht' nur eine philosophische Idee ohne Rechtsgeltung ist, so kommmt doch in seiner ausdrücklichen Erwähnung im Gesetzestext zum Ausdruck, daß der Sklave nach sittlichen Maßstäben mindestens ebenso schonungsvoll und fürsorglich behandelt werden muß wie ein zur Familie gehörendes Haustier.

In diesem Sinne ist die Sklaverei von der Altertumsgeschichte an bis in die Neuzeit von großer wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung gewesen. Noch neuzeitliche Juristen der Epoche der europäischen Kolonisation haben die rechtliche Kontur und Geltung der Sklaverei aus den römisch-antiken Juristentexten hergeleitet. Allerdings wurde im Aufklärungszeitalter ihr Rechtscharakter zunehmend in Frage gestellt. Im USA-Sezessionskrieg der Jahre 1861 - 1865 führte dieser Widerspruch zu ihrer Abschaffung in den 'Südstaaten' der USA.

Unterthema 2: Zur Nachwirkung des antiken Rechtsinstituts der Sklaverei in modernen Formen der Zwangsarbeit nach umstrittenen Normen des Kriegsvölkerrechts.

Obschon - betrachtet man nur den Bereich der europäischen und europäischstämmigen Staaten - in einer Zeit von mehreren Jahzehnten nach dem USA-Sezessionskrieg allmählich die private Herrschaft eines Eigentümer-Herren über einen Menschen rechtlich ausgeschlossen wurde, so blieb es doch bei einer der Privatherren-Stelllung entsprechenden, ebenfalls von antiken Vorbildern geprägten Rechtsmacht eines öffentlich-rechtlich ermächtigten Befehlsberechtigten gegenüber natürlichen Personen, und zwar bei Kriegsgefangenschaft und bei Strafverfolgung. Die zwar prinzipiell zeitweilige, aber u. U. lange Jahre dauernde subjektive Rechtlosigkeit, mangelhafte Versorgung und Nötigung der Krieggefangenen zur Zwangsarbeit hatte und hat, wo sie heute noch unmoderiert besteht, sklavereiähnlichen Charakter. In diese Richtung konnten und können auch Bedingungen langjährigen Freiheitsstrafen und verschärfter Präventionshaft gehen.

Unterthema 3: Zur sprachgeschichtlichen Entwicklung der Worte 'Sklave' und 'Slave' seit dem Altertum.

Als ein, was die Feinwirkungen der Traditionsgeschichte betrifft, erhellenden Teilthema der Traditionsgeschichte der Sklaverei läßt sich die sprachgeschichtliche Entwicklung antiker Bezeichnungen dafür dafür erörtern, die im Deutschen zum heutigen Wort 'Sklave', in einer Seitenentwicklung zum Wort 'Slawe' führt1).

Die römische Seite mit ihren originär lateinisch-sprachigen Bezeichungen wie 'servus', 'verna' und 'famulus' sei im folgenden zurückgestellt. Auch von diesen Worten sind aber teilweise erhebliche sprachgeschichtliche Nachwirkungen ausgegangen

Die griechischen Bezeichnungen für ein Rechtsverhältnis, in dem eine eigentümergleiche oder -ähnliche Herrschaftsposition einer Privatperson oder eines Staates über Menschen begründet ist, sind üblicherweise [umschr.] 'pais' (i. S. von 'unmündiger Befehlsempfänger' ) und [umschr.] 'doulos' (i. S. von 'unfrei', 'in der Selbstbestimmung und der Bürgerfreiheit eingeschränkt'). Für versklavte Kriegsgefangene gibt es seit alters das spezielle Wort [umschr.] 'skyleios' oder 'skylauos' (i. S. von 'menschliche Kriegbeute'). Dies Wort geht seit hellenistischer Zeit allmählich als wichtiges Lehnwort in den Wortschatz verschiedener, nicht griechisch sprechender Volker in der Nachbarschaft der Griechen des VMA-Altertums ein. Dieser Rezeptionsprozeß setzt sich im zweisprachigen Römischen Reich fort und berührt auch die lateinische Sprache, wo die Ableitungen von griech. [umschr.] 'skyle' zu einem Lehnwort 'scylavus' führen, das allerdings - neben den originär lateinisch-sprachigen Worten für Sklaverei (s. o.) - auf das bedeutungsähnliche Wort 'spolium' (Kriegsbeute) mit seinen Ableitungen trifft; nach römischem Recht wird ja - unter Berufung auf das 'ius gentium' auch der Kriegsgefangene zur Kriegsbeute des Siegers (Dig. 41,1, 5, 7: " item quae ex hostibus capiuntur, iure gentium statim capientium fiunt"). In der byzantinischen Epoche verstärkt sich die Rezeption des griechischstämmigen Lehnwortes 'scylavus' in den lateinischsprachigen Provinzen des Reiches im Westen (in Italien, Dalmatien, auf den Mittelmeerinseln, in Nordafrika und in Spanien), aber auch in den weiterhin lateinischsprachigen Gebieten unter neuen völkerwanderungszeitlich bedingten germanischen Herrschaften. Zu diesen gehören das Illyricum, die Territorien an der Donau-, Limes- und Rheingrenze sowie in Britannien. In all diesen lateinischsprachigen Gebieten wird die lateinische Version 'scylavus' des griechischen Wortes [umschr.] 'skylauos' allmählich üblich, um einen kriegsgefangenen Unfreien zu benennen. Von diesem Ausgangswort stammen die heutigen Worte 'saquilaba' (arab.), 'kole' (türk.), 'esclavo' (spanisch), 'sciavo' (italien.), 'esclave' (franz.), 'slave' (engl.), 'Sklave' (deutsch) ab. Niederdeutsch und friesisch werden Sklaven als 'slaw' bezeichnet; vgl. das Gedicht von D. Lilienkron 'Pidder Lüng' mit seinem Refrain: "leve duad üs slaw")2).

Eine weitere Ableitung, diesmal direkt aus dem originär-griechischen Wort (umschr.) 'sklylauos' ist die Bezeichnung bestimmter slawischsprachiger Völkerschaften als (umschr.) 'skylauenoi' (lateinisch 'sclavenoi') und ihres seit dem 6. Jht. n. Chr. schwarzmeer- bzw. mittelmeernahen Siedlungsgebiets als 'skylauenia'(lat. sclavenia) in byzantinischer Zeit. Die latinisierten Wortformen 'sclaveni' und 'sclavenia' treten literarisch erstmalig im 6. Jht. nach Chr., und zwar in der 'Gotengeschichte' des Iordanis (5, 34 ff.) und in der 'Gotengeschichte' des Prokop (5, 27, 2 ff.) hervor. Dort werden sie als zusammenfassende Bezeichnungen für verschiedennamige, slawischsprachiger Völkerschaften, aber nicht für alle, verwendet.

Iordanis etwa nennt im Hinblick auf die slawisch sprechenden Völkerschaften, welche sich nach seiner Vorstellung zu dieser Zeit in der - den gesamten osteuropäischen Bereich zwischen Ostsee und Schwarzem Meer umfassenden - 'Skythia' befinden und von ihm als 'Veneti' zusammengefaßt werden, zwei Hauptgruppen: die 'Antes' und die 'Sclavini': "Introrsus illis [scil. regionibus septentrionalibus] Dacia est ad coronae speciem alpibis emunita, iuxta quarum sinistrum latus quod in aquilonem vertit, ab ortu Vistulae fluminis per immensa spatia Venetorum natio populosa considet, quorum nomina licet nunc per varias famosas [scil. regiones] et loca mutantur, principaliter tamen Sclaveni et Antes connotantur. Sclaveni a civitate Novietunense et lacu, qui appellatur Mursiano, usque ad Danastrum et in boream Viscla tenus commorantur. Hi paludes silvasque pro civitate habent. Antes vero, qui sunt eorum fortissimi, qua Ponticum mare curvatur ab Danastro extenduntur." Aus der dem byzantinischen Reich nächstliegenden 'Sclavenia' kamen dorthin überlicherweise im Krieg erbeutete Sklaven. Es liegt deshalb nahe, die Bezeichnung 'Sclavini' nicht als von den gemeinten Völkerschaften selbst gewählten gemeinschaftlichen Namen zu verstehen, sondern als eine auf byzantinischer Seite gebräuchliche, zusammenfassende peiorative Benennung für 'Bewohner des Sklavenlandes'.3)

Dieser Vorgang einer peiorativen, demütigenden Namensgebung hat mehrere historische Parallelen. Generell tendieren Völkerschaften, welche in einem Spannungs- oder Feindschaftsverhältnis zu bestimmten anderen stehen oder sich ihnen überlegen fühlen, dazu, bei deren Benennung angeblich 'barbarische', 'grausame', 'unsittliche', 'hinterhältig-bedrohliche', 'unnatürliche' oder 'dekadente' Züge des grenzjenseitigen Volkes - oder einer ausgegrenzten Binnen-Minderheit - stereotyp hervorzuheben.4) Aus der klassischen griechischen Antike kann als Beispiel die griechische Kollektiv-Bezeichnung der Perser als [umschr.] 'douloi' angeführt werden, aus griechischer und römischer das Wort [umschr.] 'barbaroi' bzw. 'barbari' - mit seiner stark peiorativen, im heutigen Barbaren-Begriff fortwirkenden - Bedeutung -; siehe dazu die Supraporte-Abbildung der Portal-Seite.

Im germanisch-sprachigen Bereich wurde im Mittelalter das sich, wie dargelegt, von 'scylavus' herleitende Wort 'Sklave' unter der im Niederdeutschen und einigen anderen germanischen Sprachen spracheigentümlichen Ellipse des Buchstabens k (c) zu 'slaw' und in dieser Form zugleich für eine peiorative Bezeichnung einer Gruppe grenzjenseitiger slawischsprachiger Völkerschaften verwendet, auch wenn diese sich selbst anders nannten.5)

Die byzantinisch-griechische Bildung [umschr.]'skylauenoi' als Bezeichnung für slawisch-sprachige Völker verbreitete sich in ihrer latisnisierten Form im westlichen nachantiken Verbreitungsgebiet der römischen Kulturüberlieferung offenbar nicht so schnell wie im östlichen. So erwähnt der dem 7. Jht. n. Chr. angehörende irische hochbelesene Autor Beda Venerabilis im Völkerkatalog seiner Schrift 'De natura rerum' wohl die bereits bei Tacitus erwähnten 'Veneti', nicht aber die von Prokop und Iordanis erwähnten [umschr.] 'sklauenoi' bzw. 'sclavini'. Wichiger waren im Westen offenbar die direkt von 'scylavus' stammenden Lehnwortbildungen. 6)

In einigen slawischen Sprachen wie etwa im Rusischen, Tschechischen, Serbokroatischen, Polnischen und Slowenischen scheint ferner nur die Rezeption des Wort 'sklauenoi' (also nicht 'skylaios') stattgefunden zu haben. Zur Bezeichnung eines Sklaven, wurde dort nach dem heutigen Wortbestand offenbar weder ein lateinisches Lehrnwort (etwa von 'servus' ) noch ein griechischstämmiges (etwa von 'skylaios') verwendet, sondern jeweils ein slawischsprachige Bildung aus dem Wortstamm 'niewel-' ('nichtfrei').

Im Rumänischen dagegen gibt es das Worte 'sclav', im Albanischen 'skllev', und auch in dem den slawischen Sprachen zugehrörigen Bulgarischen gibt es 'slawei'; alle belegen eine jeweilige Fortwirkung des griechischen Ausgangswortes 'skylaios', und zwar im Bereich der Adria ebenso wie am Rande des Schwarzen Meeres.

Der Gedanke, für die anderen slawischen Sprachen von einer Fortwirkung des Wortes 'skylaios in stark verwandelter Form auszugehen - etwa unter Ellipse des k und Umwandlung des a zu e sowie des v zu p - zu einem 'slep'-ähnlich lautenden Lehnwort, ist wohl zu verwerfen. 7)

Anders ist es mit slawischsprachigen Lehnwortbildungen aus byzantinisch-griechisch 'sklauenoi'. Diese gibt es vielfach. 8)

In allen Völkern, in denen eine volkssprachliche Lehnwortbildung stattfand, gab es daneben noch eine Fortwirkung der Ausgangswörter infolge der Christianisierung und der mit ihr verbundenen antikenorientierten Bildungsterminologie, zu welcher auch die antiken Wörter für 'Sklave' und die antiken bzw. byzantinischen Namenssgebungen für slawischsprechende Völker gehörten. Im Laufe der Zeit verblaßte so vielleicht allmählich der ursprünglich peiorative Charakter der völkerbeschreibenden Worte 'sclavi' und 'sclaveni'. Diese mögen so vielleicht, allerdings unter humanistischer bzw. neuzeitlich-aufklärerischer 9) 'Umdeutung' ihrer Sprachgeschichte, in das nationale Selbstbewußtsein slawischsprachiger Völker eingegangen sein, wie etwa im polnischsprachigen Bereich, wo es zu Zeiten, vor allem im 19. Jht., zu dem zwischen den damaligen Nationalismen heftig umstrittenen Versuch kam, die gemeineuropäisch und gebildet-ethnologisch gewordene Bezeichnung 'Slawen' auf das polnische Wort [umschr.] 'slowo' ('Wort') oder [umschr.] 'slawa' ('Ruhm') zurückzuführen. Es ist zwar denkbar, daß einzelne slawisch-sprachige Völker oder Stammesbünde - vielleicht die Slawonen, die Slowenen oder die Slowaken - ihren Namen etwa unter Rückgriff auf ein slawischsprachiges Wort für 'Ruhm' bildeten, aber auszuschließen, daß überhaupt und speziell mit diesem Inhalt in vorchristlicher Zeit oder später eine umfassende ursprüngliche Bezeichnung für alle slawischsprachihen Völker hätte entstehen können.

Zwar können in Selbstbenennungen von Völkerschaften und Stammesbünden Stolz, Identifikations- und Vereinigungsstreben zum Ausdruck kommen, wie das zum Beispiel auch bei manchen germanischen Stammesbünden bzw. Völkerschaften der Völkerwanderungszeit der Fall war (z. B. bei den Franken, Alamannen und Sachsen). Im Falle des Wortes 'Slawen' ist dieser Weg etymologischer Deutung aber deshalb auszuschließen, weil sie als Kollektivbezeichnung für die verschiedenen, voneinander getrennt siedelnden und expandierenden Völkerschaften eines sehr großen osteuropäischen Raumes unter den Verkehrsverhältnissen des Frühmittelalters entstanden sein müßte.

Die Idee der ganzheitliche Vereinigung von Menschengruppen 'gleicher Zunge und Herkunft' in 'Nationen' gehört zur Geschichte neuzeitlicher politischer Ideen und Ideologien, einschließlich des gemeineuropäischen, nationalistischen Typus des 19./20. Jhts.9)

Die Worte 'Sklave' und 'Slawe' sind primär als sprachgeschichtliches Monument der Wirkungsgeschichte antiker Inhumanitätsformen - im Verhältnis der Völker untereinander - von historischer Bedeutung.


Zu II C (Religiöse Traditionen am Beispiel religiös motivierter Völkervertreibungen und -vernichtungen).

Unterthema 1: Zur Entstehung antik-christlicher Judenfeindschaft, ihrer Fortwirkung in christlicher Theologie späterer Epochen und ihrer Umwandlung in einen säkular- ideologischen Antisemitismus.

Die Königreiche Israel und Juda lagen, solange sie in der vorhellenistischen Altertumsgeschichte existierten - Israel hörte schon im 8. Jht. v. Chr. auf zu bestehen -, im Einflußbereich der damaligen Großmächte des Vorderen Orients, Assyrien und Babylon hier, Ägypten dort, welche ihren Einfußbereich auf die gesamte Region Palästina auszudehnen und dort über Klierntelverhältnisse zu halten trachteteten. Daraus erwuchsen nicht nur Konflikte zwischen den Großmächten selbst, sondern auch zwischen diesen und den kleineren Herrschaftsbildungen der Region, welche immer wieder einmal von Großmachteinfluß freizuwerden suchten. Diese Konflikte endeten häufig in Niederlagen und Unterwerfungsakten der kleineren Mächte der Region wie z. B. Israels gegenüber Ayssyrien i. J. 722 v. Chr. und Judas gegenüber Babylon i. J. 587 v. Chr. Auch späterhin - in der Zeit der hellenistischen Reichsbildungen seit Ende des 4. Jhts. v. Chr. und in der Epoche der römischen Vorherrschaft seit Beginn des 2. Jhts. dort - pflegten die palästinensischen Herrschaften in Form von Klientelverhältnissen einer Großmacht untergeordnet zu sein. Im jüdischen Bereich machte sich allerdings - aufgrund der strikten Glaubensgebote und Verheißungen der Jahve-Religion - immer ein Widerstand gegen solche Formen der Oberherrschaft geltend, welche ihre Loyalitätsanforderungen auch in religiöser Hinsicht zu weit trieben. So kam es aufgrund jüdischer Freiheitsbestrebungen den Jahren 69/70 n. Chr. und 132 - 135 n. Chr. zu größeren Konflikten mit den Römern, die mit Niederlagen und zuletzt einer Zerstörung Jerusalems sowie einer dauerhaften faktischen Vertreibung der Juden aus der dortigen Region endeten. Die römisch-kaiserliche Gesetzgebung war nicht nur den Juden, sondern generell allen untertänigen Völkern gegenüber darauf ausgerichtet, jeder Form einer Infragestellung der römischen Staatsautorität - auch in religiöser Gestalt - entgegenzuwirken, indem sie regelmäßig demonstrative Loyalitätsbekenntnisse einforderte, welche in vorgeschriebenen staatskultischen Akten stattzufinden und anzuerkennen hatten, daß die Kaiserherrschaft göttlich eingesetzt und der Kaiser ein gottgesandter Halbgott ('divus') sei. Darin, daß diese Forderung vonseiten der gläubigen Juden nicht anerkannt wurde, liegt der wichtigste Grund ihrer rechtlichen Benachteiligung in der vorchristlichen Kaiserzeit. Als das Christentum i. J. 391 n. Chr. römische Staatsreligion wurde, trat es an die Stelle der vorchristlichen Formen römischen Staatskultes. Der Kaiser wurde nun zwar als durch die Gnade Gottes in sein Amt berufen, aber nichtsdestoweniger als von Gott beauftragter und nur ihm verantwortlicher, d. h. über den Gesetzen stehender 'Selbtherrscher' (griech. 'autokrator') verstanden. Entsprechend waren die politischen und rechtlichen Schutzvorkehrungen gegen Verweigerer nunmehr christlich-religiöser Loyalitätsbekenntnisse zum Kaisertum, mit der Folge, daß es nicht nur zu rechtlicher Ahndung, sondern gelegentlich auch zu öffentlichen Verfolgungen der Juden kam; denn diese standen nunmehr im Verdacht, sowohl durch ihre demonstrative Unfrömmigkeit Gottes Zorn und damit weltliches Unheil für die Menschheit zu provozieren als auch die göttlich gewollte Staatsordnung in Frage zu stellen. - Hier liegt die Wurzel der späteren Formen eines christlichen Antijudaismus. Aber auch ein 'moderner', d. h 'säkular' argumenteirende 'Antismitismus' mit seinen Grundannahmen - von einer 'Minderwertigkeit' und 'Ausrottungsbedürftigkeit' einer 'jüdischen Rasse' - ist aus aus dieser religiös-historischen Ausgangslage zu erklären.

Unterhema 2: Die religiöse Aggressionsbereitschaft in heutigen nicht-christlichen Religionen mit ihren Wurzeln im VM-Altertum.

Berachtet man die von Altertumshochkulturen des vorderorientalisch-mediterranen Bereichs geprägten nicht-christlichen Religionen des heutigen Nahen Ostens und Nordafrikas, so gibt es vor allem die jüdische Religion und die verschiedenen Richtungen des Islam. Beide sind Ein-Gott-Religionen mit prophetisch vermitteltem Offenbarungscharakter und einem detailliert-lebensbestimmenden, strengen Religiongsgesetz, das andersartige religiöse Normen und Traditionen zumindest dann nicht gelten läßt, wenn sie mit einem Dominanz-Charakter auftreten.

Die aus der Antike überlieferten Konflikte der jüdischen Religion mit Abweichungen wie dem Christentum oder mit 'heidnischen' Vielgötter-Religionen wie der vorchristlichen römischen Staatsreligion wirkten in späteren Epochen nicht nach, weil die jüdisch-religiöse Bevölkerung, wo immer sie in einer 'Diaspora' lebte, zu schwach war, um von sich aus Religionskonflikte anzufangen. Allerdings hat sich in der jüdisch-religiösen Tradition eine - im Grunde kampfbereite - 'Zions-Hoffnung' gehalten, welche in der neueren Geschichte zu der politischen Idee eines 'Zionismus' führte; in dieser dürfte auch eine Ursache heutiger Nahost-Konlikte liegen.

Diese Konflkte werden allerdings auch von bestimmten Richtungen ('al quaida') der islamischen Seite betrieben und mit einem direkt-religiösen Verständnis des von Mohammed verkündeten Willens Allahs begründet. Die Gottesvolkvorstellung des Islam steht in religiongsgeschichtlichen Zusammenhängen mit der jüdischen und der christlichen Religion; sie teilt mit diesen die Unbedingtheit der Glaubensüberzeugungen, ihren missionarisch-expansiven Charakter und ihre zumindest ideelle Wehrhaftigkeit. Aussolchen Einstellungen können, wie in Kap. 3 erörtert wurde, 'überwertige' Ideen und damit Voraussetzungen für kollektive Inhumanitäten werden.


Zu II D (Soziale Traditionen am Beispiel des Strukturprinzips Klassengesellschaft).

Unterthema 1: Ungehemmte Reichtumsbildung, gleichbleibende Kleineinkommen und Massenarmut als Momente einer Klassengesellschaft mit ihren Wurzeln im VM-Altertum.

Die gerechte Verteilung der volkswirtschaftlich vorhandenen und erwirtschafteten Werte auf alle Mitglieder einer Wirtschafts-Bevölkerung wird in keiner der Gesellschaften des VMA-Altertums als primär politisch zu ordnende Frage verstanden. Die bescheiden lebenden oder armen und ganz unversorgten 'Massen' ('proletarii') werden im Römischen Reich zum Beispiel nach dem Grundsatz 'panem et circenses' dort ruhig gestellt, wo es andernfalls zu sozialen Unruhen kommen könnte, vor allem in den Großstädten. Der Reichtum sammelt sich demgegenüber einerseits aus zufälligen und andererseits aus systematischen Ursachen bei einer verglichen mit der Gesamtbevölkerung sehr kleinen Schicht Vermögender. Eine zufällige Ursache der Reichtumsbildung ist eine 'Markt-Wirtschaft' mit ihrer wie in einem Würfelspiel selektiv funktionierenden Gewinnakkumulation. Eine systematische Ursache ist der privatrechtliche Schutz des wirtschaftlich gewonnenen Reichtums als 'Privateigentum' nach römischen Privatrechtsnormen.. Das bedeutet einen fast absoluten Schutz gegen Fremdeingriffe, aber auch gegen sinnvolle Eingrenzungen politischer Art.

Diese Prinzipien einer antiken Wirtschafts- und Sozialverfassung haben sich bis in die Gegenwart durchgehatlten. Sie werden allerdings in der Neuzeitgeschichte - insbesondere durch sozialistische Ideen und Politik-Richtungen - grundsätzlich in Frage gestellt.

Unterthema 2: Undemokratische und unrepublikanische Herrschaftausübung mit ihren Wurzeln im Altertum.

Die griechische und ihr folgend die römische politische Philosophie heben drei Staatsformen als prinzipiell gleichberechtigt und sowohl mit guten als auch mit schlechten Entwicklungsmöglichkeiten ausgestattet hervor, Monarchie, Aristokratie und Demokratie. Dabei ist schon in der Antike anerkannt, daß ein Gemeinwesen vor allem von der Gesamtheit der Bürger gebildet wird. Die Konzeption der griechischen 'politeia' abenso wie die der römischen 'res publica' ('Sache des Volkes') weisen dies aus. Warum sehr viele Bürger sich einem Einzelherrscher oder einer kleinen Gruppe Mächtiger unterordnen sollen, bedarf deshalb einer besonderen, tragfähigen Begründung, und zwar aus den Interessen der Gesamtbevölkerung heraus. Eine solche Begründung liegt nicht schon in der Behauptung der 'Größe' irgendeiner politischen Führungsfigur ebensowenig wie in der Behauptung, ein Kreis weniger Mitmenschen stamme aus berühmten Familien und habe deshalb die Fähigkeit oder gar das Recht, vorrangig Herrschaftsmacht auszuüben. Trotz Bekanntheit dieses Begründungsmangels hat es im stadtstaatlichen Griechenland und im republikanischen Rom immer wieder als 'groß' benannte Führungsfiguren und mit einem 'Ehrwürdigkeits-Prestige' als 'Beste' bedachte Adelskreise gegeben. In der hellenistischen Geschichte seit Alexander und in der römischen Kaiserzeit gab es darüber hinaus wie selbstverständlich sogar nur Monarchien. Das VMA-Altertum hat demgegenüber keine fundamentalkritische Theorie illegitimer Herrschaftsmacht entwickelt. Ein Versuch in diese Richtung war das aristotelische Konzept von den Negativentwicklungen der Grundformen der Verfassung in 'Tyrannis', 'Timokratie' und 'Ochlokratie'. Doch traf dies nicht den Kern des Legitimationsproblems, auch für die Herrschaftsformen des Aktertums. Dies Problemlag und liegt nämlich im Fehlen von Kriterien für eine gerechte und volksnahe (republikanische) politische Ordnung. Dies war eine Vorstellung die auf die vielen Inhaber letztlich illgitimer Herrschaftsmacht im Altertum wie ein rotes Tuch oder eine ständige Bedrohung wirken mußte. Wohl deshalb wir sie ständig ein politisch-öffentliches Tabu-Thema gewesen sein. Das Rühren daran war etwa im politischen Straftrecht der römischen Kaiserzeit als 'crimen laesae maiestatis' strafbar (C. J. 9. 7 f.)

Diese strafrechtliche Schutzvorkehrung für illegitime Formen monarchischer oder aristokratischer Herrschaftsausübung hat sich als Muster bis in die Neuzeitgeschichte (z. B. im früher gültigen Straftatbestand der 'Majestätsbeleidugung') erhalten. Die praktisch-politische Konsequnz dessen war - in der Antike ebenso wie in späteren Epochen - ein gegen innere politische Opposition gerichteter Sicherheits- und Verfolgungsapparat, der nicht nur gelegentlichen Attentaten, Verschwörungen, Aufständen und Revolten entgegenzutreten, sondern auch staatsgefährdende Meinungsbildungsprozesse rechtzeitig zu unterbinden hatte.

Eine andere Schutzvorkehrung war die systematische Propagierung einer Herrscherpersönlichkeit oder eines sonst Mächtigen als 'groß' (lat. 'magnus') oder gar 'göttlich' (lat. 'divus'), und zwar nicht nur mit Worten, sondern auch mit Zeremonien, Hymnen, Bauwerken, Plastiken und anderen vielfältigen und allgegenwärtigen Verherrlichungen. Dieser politische Dauereingriff in die natürliche Freiheit des Geistes und der Rede mag unter Gesichtspunkten der 'Unmenschlichkeit' ein Grenzphänomen gewesen sein, das gegenüber den anderen im Altertum üblichen Formen der Inhumanität mindere Bedeutung hatte. Aber er zeigt auch an, daß es schon im Altertum ein System politischer Propaganda gab, welches 'Loyalität' gegenüber ungerechtfertigter Herrschaftsmacht durch einen öffentlichen Ideenoktroi zu erreichen vermöchte.

Beide Schutzvorkehrungen haben bis in die Gegewart erhebliche traditionsgeschichtliche Bedeutung für die politischen Ordnungen ebenso wie für die politischen Geistesfreiheitsbegrenzungen behalten. Als Beispiel für das Ausmaß unverständlich selbstverständlicher Nachwirkung eines unakzeptablen antiken Musters sei nur das von Bertold Brecht aus kritischer Distanz gegenüber der 'Größe' 'Großer' vefaßte, bekannte Gedicht 'Fragen eines lesenden Arbeiters'10) zitiert:

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es so viele Male auf?
In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war, die Maurer?
Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?
Über wen triumphierten die Cäsaren?
Hatte das vielbesungene Byzanz nur Paläste für seine Bewohner?
Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.
Wer siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.


VI. Literatur, Medien, Quellen.

A. Fußnoten.

1) Dazu: Mittellateinisches Wörterbuch (Mediae Latinitatis Lexicon minus), hg. von F. Niemeyer, C. van de Kieft, J. W. CX. Burgers. Leiden 2002 2, Bd. 2, s. v. 'sclavus'. S. 1234; F. L. K Weigand, Deutsches Wörterbuch, Gießen 1910 5, Bd. 2, S. 877; Georg Korth, Zur Etymologie des Wortes 'Slavus'; Glotta 48, 1/2, ND Göttingen1970); C. Verlinden, Origine de 'slavus', in: ALMA (1943), S. 25 ff.

2) Abbildung eines 'nordfriesischen Wappens' (wohl von einer Kirchengrabstätte des 18. Jhts.) mit dem Spruch auf seiner Unterseite (Ort z. Zt. n. b.).

3) Iordanis, De origine actibusque Getarum, hg. von F. Giunta und A. Grillone, Fonti per la Storia d'Italia No. 117, Rom 1991 (ND), 5, 34 f.

4) Siehe Kap. 3, Abs. 1.

5) Siehe oben, Anm. 1). In diesem Sinne verwendet das Wort 'Slawen' - als einer von mehreren hochmittelalterlichen Autoren - Helmold von Bosau in seiner 'Slawenchronik' (um 1170), Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters; Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. Band XIX. 4. Auflage, Darmstadt 1983. Der lateinische Titel des Werks lautet 'Chronica Slavorum' (ohne c), im Text selbst ist zumeist von 'Sclavi' (mit c), gelegentlich auch von 'Slavi' (ohne c) die Rede. Hier ist die enge sprachgeschichtliche Verbindung von 'sclavi' und 'slavi' im deutschsprachigen Bereich augenfällig.

6) Beda venerabilis, De natura rerum, cap. XLVI f., in Patrologia latina, ed. P. Migne, tom. 90. (Beda Venerabilis Anglo-Saxonici presbyteri opera omniia), S. 187 - 271.

7) Im Russischen könnte das zu [umschr.] 'slepoe', im Polnischen zu 'slep', im Tschechischen zu 'slepy' oder 'slepec', im Serbokroatischen zu 'slijep', im Slowenischen zu 'slepy' geführt haben. Die 'slep'-Wortbildungen haben zwar dort überall die Hauptbedeutung 'blind', aber auch Nebenbedeutungen wie 'hilflos' und 'abhängig' sowie 'blind gehorsam', was ein Indiz für einen Lehnwortcharakter sein könnte. Zur Bezeichnung des Inhalts 'Sklave' werden dort jedoch, wie angesprochen, andere Wortbildungen verwendet. M. Vasmer, Rusisches Etymologisches Wörterbuch, Heidelberg 1988, Bd. 2, S. 660, s. v. (umschr.) 'slepoe' meint ferner, wegen des Umlauts -oe- sei eine slawischsprachige Herkunft des Wortes (umschr.) 'slepoe' gesichert.

8) Für die russische Lehnwortbildung (umschr.) 'slawianij' aus (umschr.) 'skylauenoi' etwa schließt M. Vassmer, Rusisches Etymologisches Wörterbuch, Heidelberg 1988, Bd. 2, S. 656 jeden entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang mit slawischsprachigen Worten 'slawa' (Ruhm) oder 'slowo' Wort) aus ("hat nichts [damit] zu tun"]. Diese Feststellung, so begrenzt ihre etymologisch-fachwissenschaftliche Spezialbedeutung zu sein scheint, hat jedoch auch eine politisch-ideologiegeschichtliche 'Nebenbedeutung'; sie widerlegt eine etymologische Konstruktion, welche im Zusammenhang mit einer neuzeitgeschichtlichen Neudefinition eines nationalen Selbstverständnisses slawischsprachiger Völkerschaften entstand und eine Herleitung des Slawen-Begriffs aus einem Wort, das ursprüglich soviel wie 'Sklavenvolk' bedeutete, verständlicherweise nicht zulassen wollte.

9) H. Fenske, D. Mertens u. a, Geschichte der politischen Ideen, Von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt M. 2008 3, S. 234 ff. (Konstanzer Konzil), 474 ff. (J. G. Herder u. a.).

10) Bert Brecht (1928), Kalendergeschichten, Berlin 1949.

B. Übersicht über Literatur, Medien und Quellen der LV Gizewski im SS 2010.


Autor: Christian Gizewski, apl. Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de