PORTAL

des Skripts zur LV 'Zur Unterwerfung, Unterdrückung, Vertreibung, Versklavung und Vernichtung von Völkern in den Altertumshochkulturen und seither'.


Lehrveranstaltungsankündigung für das SS 2010.

Gizewski

Vorlesung/Proseminar/freiwilligeÜbung

zweistündig, Freitag 10 - 12

Raum: H 3002

Zur Unterwerfung, Unterdrückung, Vertreibung, Versklavung und Vernichtung von Völkern in der Geschichte der Altertumshochkulturen.

"Nase und Ohren werden sie dir abschneiden, und dein Überrest wird durch das Schwert fallen. Deine Söhne und Töchter werden sie mit fortnehmen, und dein Überrest wird vom Feuer verzehrt werden." (Hesekiel 23, 25). Dies Orakel eines alttestamentarischen Propheten bringt die nicht seltene Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit der Eroberungs-, Kriegs- und Unterdrückungspolitik auch 'hochkultureller' Völker, Stadtkulturen und Reiche des Altertums gegen andere in ein realistisches Bild. Wie ist das, soweit möglich, historisch zu erklären, und wie verträgt es sich mit einem 'werthaltigen' Hochkulturbegriff? Damit soll sich die Lehrveranstaltung an ausgewählten Beispielen aus der altorientalischen und antik-mediterranen Geschichte befassen. Auf Wunsch können Teilnehmer eine schriftliche Proseminararbeit anfertigen.

Diese Lehrveranstaltung richtet sich ausdrücklich an alle Studenten aller Fakultäten der TU Berlin, die im Rahmen freiwilliger - d. h. außerhalb der obligatorischen Lehrveranstaltungen stehender - historischer Allgemeinbildungsstudien eine solche Lehrveranstaltung besuchen möchten. Sie erhalten einerseits den Vorlesungsbesuch testiert und können andererseits, wenn sie es wünschen, eine schriftliche Übungsarbeit anfertigen, die ihnen besonders bescheinigt wird.

Stand: 1. April 2010


Übersicht.

Kap. 1: Einführung in das Gesamtthema: Zur Inhumanität als wesentlichem Moment hochkultureller Entwicklungen, erörtert an Hochkulturen des vorderorientalisch-mediterranen Altertums.

Kap. 2: Erscheinungsformen kollektiver Unmenschlichkeit im vorderorientalisch-mediterranen Altertum.

Kap. 3: Typische Umfeldbedingungen und Motive kollektiver Unmenschlickeit im vorderorientalisch-mediterranen Altertum

Kap. 4: Zur Tradition bestimmter Formen kollektiver Unmenschlichkeit aus den Hochkulturen des vorderorientalisch-mediterranen Altertum bis zur Gegenwart.

Literatur, Medien und Quellen der LV Gizewski im SS 2010.


Zum LV-Titel.

'Kollektive Inhumanitäten', wie die im Titel der Lehrveranstaltung genannten, sind ein allgegenwärtiges Phänomen menschlicher Geschichte aller Epochen und Weltregionen, und zwar, obwohl es seit einigen Jahrtausenden überall auf der Welt 'Hochkulturen' gibt.

Müßte man aber nicht von 'Hochkulturen' - als unter ihren jeweiligen Umfeldbedingungen 'optimalen' Systemen einer Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und Leistungen, die sich gerade dadurch von 'vorhochkultureller Barbarei' unterscheiden - eigentlich erwarten, daß sie kollektiver Inhumanität vorbeugen oder sie gar ausschließen? Oder gibt es auch in ihnen keine Garantie gegen derartige massive und grundsätzliche Unmenschlichkeit? Bauen sie nicht sogar im Gegenteil auch auf irgendwann begangenen und fortwirkenden kollektiven Inhumanitäten auf? Dieser Frage widmet sich die Lehrveranstaltung. Das LV-Skript behandekt dabei Bereich der Hochkulturen des vorderorientalisch-mediterranen Raums. Es wäre auch möglich, die Frage an die Altertums-Hochkulturen anderer Weltregionen als der des vorderorientalisch-mediterranen Raums oder an die Hochkulturen späterer Geschichtsepochen zu richten. Doch bietet sich im Fachgebiet 'Alte Geschichte' auch das vorderorientalisch-mediterrane Altertum einmal für eine Untersuchung an.

Zum LV-Ankündigungstext und zu den Abbildungen auf der Portalseite.

Der Text des Hesekiel-Orakels stammt aus der Zeit vor 586 v. Chr., als es schon eine jüdische Gemeinde im damals babylonisch beherrschten Mesopotamien - dort am Chabur-Fluß - gab, aber zugleich auch noch ein jüdisches, von Babylonien abhängiges Königreich in Palästina, dessen Hauptstadt Jerusalem mit seinem von Salomo erbauten Tempel war. Die jüdische Exil-Gemeinde in Mesopotamien und die jüdische Bevölkerung im Lande Juda standen in ständigem Austausch miteinander, auch was die kultische Verehrung des gemeinsamen Gottes Jahve betraf. Die Lage des kleinen jüdischen Königreichs zwischen den Großmächten der Region (Ägypten und Babylonien) war grundsätzlich prekär; es geriet fast notwendig wechselnd in die Abhängigkeit der einen oder der anderen Großmacht oder war wegen seiner Mitte-Lage immer wieder einmal versucht, sich 'unabhängig' zu machen bzw. eine Schaukelpolitik zwischen den Nachbarmächten zu betreiben. Das Interesse der Großmächte bestand demgegenüber darin, Juda zu einer tributpflichtigen Einflußspäre oder gar zur Provinz zu machen und dann mit allen Mitteln, notfalls mit kriegerischen Abschreckungs-, Zerstörungs- und Zwangmaßnahmen, gehorsam zu halten. Der Prophet Hesekiel, dessen gesammelte Prophezeiungen ein Buch im Alten Testament der Bibel bilden, gehörte zur jüdischen Gemeinde in Babylonien. Seine oben zitierte Prophezeiung gibt er offenbar in einer Situation ab, in der sich in Babylon eine neue Expedition gegen das aus dem babylonischen Einflußbereich herausstrebende Königrech Juda abzeichnet; diese fand schließlich im Jahre 586 v. Chr. statt und endete mit einer Zerstörung des Jerusalemer Tempels, der kollektiven Gefangennahme der Gruppe der Einflußreichen und Mächtigen unter den Juden und ihrer Abführung in die 'babylonische Gefangenschaft'. Hesekiel sieht das Unheil für die Juden in Juda als sicher voraus und interpretiert es als bevorstehende Strafe für - symbolisch als Hurerei benannte - kultische Sünden, die in Juda gegen Jahve üblich geworden seien. Die bevorstehenden Zerstörungen und Grausamkeiten beschreibt er dabei drastisch. - Da die bevorstehende Art von Abschreckungs- und Strafkrieg charakteristisch für die im Altertum - auch seitens hochkultureller Recihsbildungen - übliche Kriegführung war, wenn eine Seite sie für zweckmäßig hielt, ist das Zitat als Leitspruch in die Vorlesungankündigung eingestellt worden.

Das Abschneiden von Ohren und Nase ist als exzessive Grausamkeit aus der Antike überliefert und noch heute, z. B. in Aghanistan (Photo von dorther aus dem Internet entnommen: http://www.bild.de/BILD/politik/2009/08/31/afghanistan-taliban-schneiden/bauern-ohren-und-nase-ab.html), üblich. In Friedenszeiten wurde und wird sie, wenn etwa von Privatleuten aus persönlichen Rachemotiven männlichen oder weiblichen Opfern gegenüber angewandt, als schwerstes Unrecht angesehen und schwer, manchmal nach dem Talions-Prinzip bestraft. In Kriegszeiten waren derartige Verstümmelungen dagegen nach den völkerrechtlichen Grundsätzen des 'freien Kriegführungsrecht' zumindest grundsätzlich möglich und der Täter grundsätzlich nicht strafbar. Das aus der Antike als Tradition sogar in die neuzeitliche Geschichte Europas übergegangene 'freie Kriegsfürhrungsrecht' wurde in der Folge des Ersten Weltkrieges erst mit den Völkerrechtsvereinbarungen des Briand-Kellogg-Paktes (1928/1929) rechtlich eingegrenzt; Verstöße gegen dieses humanitäre Kriegsvölkerrecht werden seither als als Unrecht geächtet. Das hat allerdings bis neute nicht dazu geführt, daß Völkerrechtsverstöße dieser Art im kriegerischen Umgang der Völker miteinander tatsächlich unterblieben.

Das linke Portal-Bild zeigt zum eine antike (römische) Skulptur gefesselter Sklaven, ungefähr aus dem 2. Jht. n. Chr.. Vermutlich stammt sie aus einem grenznahen Bereich des Imperium Romanum. Die Skulptur könnte etwa auf dem Forum einer Grenzstadt gestanden haben, in der Kriegsgefangene als Sklaven verkauft wurden. Photo entnommen aus: Rigobert Günther, Der Aufstand des Spartacus, Dietz-Verlag Berlin 1979, Abb. hinter S. 32. - Das rechte Portalbild zeigt die Geschwister Reis kurz vor ihrer Deportation in das Konzentrationslager Auschwitz. Es stammt aus dem Archiv des Ehepaares Serge und Beate Klarsfeldund fand in dem Dokumentarfilm von Hannes Gellner und Thomas Draschan 'Die Kinder kamen nicht zurück' (2010) Verwendung.

Auch die Tradition der Sklaverei ist aus der Antike bis in die europäische Neuzeit gelangt. Erst Ereignisse wie der amerikanische Bürgerkrieg der Jahre 1861 - 1865, in dem es auch um die Abschaffung der bis dahin rechtlich selbstverständlichen Sklaverei ging, trugen dazu bei,die Sklaverei oder sklavereiähnliche Unterdrückungsverhältnisse weltweit als innerstaatliches und völkerrechtliches Unrecht anzusehen. Tatsächlich gibt es aber auch noch heute vielerlei Formen der Sklaverei auf der Welt.


Autor dieser WWW-Seite: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de