Kap. 2 Worte und Begriffe für die Erzeugung, Messung, Verteilung und Aneignung wirtschaftlicher Werte und Güter.

I. Zu den Begriffen Anthropologie und Etymologie. Zur allgemeinen Sprach- und Kulturgeschichte der Menschheit.

II. Kommentierung der in Kap.1 erörterten Wörter.

Die kultur- und sprachgeschichtlichen Nachrichten, die die Worte bestimmter Untersuchungsbereiche bereithalten, sind keineswegs nur von philologischem, sondern mindestens ebenso stark von allgemeingeschichtlichem Interesse.
Der Wortgeschichte bestimmter Wortgruppen, z. B.solcher, die die wirtschaftlichen Wertschöpfungs- und Verteilungsbedingungen betreffen, kann daher als wichtiger Quellenbereich auch einer 'allgemeingeschichtlichen' Wissenschaft gelten. Sie kann dabei - anders als es allgemeingeschichtliche Quellen üblicherweise tun, in Zeiten zurückweisen, die manchmal bis zu 10.000 Jahre zurückliegen können. Die dies ggf. erschließenden sprachgeschichtlichen Schlußfolgerungsverfahren beruhen dann weitgehend auf dem Vergleich heutiger Einzelsprachen und Sprachsysteme auf der Welt und einer Kombination von Sprachgeschichte und kulturgeschichtlichen Befunden. In starkem Maße haben auch die späterer Zeit entstammenden schriftsprachlichen Hinterlassenschaften der veschiedenen Hochkulturen auf der Welt Bedeutung.
Wert > dt., > idg. 'Wendung' i. S. einer Gegenbewegung.
Gut > dt., > idg. Wort für 'trefflich', 'passend'
Produkt > lat. 'producere' [i. S. von vor-führen]
Ware > dt., > idg. 'Kauf', 'Preis'
Handel > dt., bedeutungsnah zu 'Händel'/'Streit'-
Markt >dt. Lehnwort von lat.'mercatus', 'Vorgang und Treffpunkt des Handels'
Umsatz >dt., im Sinn von 'etwas an einen anderen Ort setzen'
Einkommen > dt., Sinn 'das was in den Besitz hineinkommt.'
Vermögen > dt., > idg. '-mag-', d. h. 'können', 'alles. was man kann'
Sozial-Produkt > dt. Frenwort aus lat. 'producere' (s. o.) und 'socialis' (gemeinsam)
Sozial-Schichtung > aus. lat 'socialis' (s. o.) und dt. 'Schicht', urspr. 'Grabungsniveau'
Ausbeutungsverhältnisse > aus. dt. 'Beute' i. S. von 'Kriegsgewinn' und 'verhalten' i. S. von 'abwartende Einstellung auf etwas'

Widerstand > aus den deutschen Wortelementen 'wider' (d. h. 'gegen') und 'Stand' (i. S. von 'stehenbleiben'/'nicht nachgeben' und 'sich stellen'). Im Laufe der deutschen Sprachgeschichte schon seit der Christianisierung, der Germanen und später der drühen Deutscheb, speziell aber seit der Reformationszeit (Luther-Übersetzung des 'Neuen Testaments') zugleich Lehnsübersetzungen der im 'Neuen Testament' der Bibel verwendeten Worte gr. 'anthistanai' und lat. 'resistere' (wie Matth. 5, 39). Eine politische, nicht-christliche, antike Ausgangsidee ist die der gerechten, dirch höheres Verfassungsrecht eines freien Staates gebotene Beseitigung eines 'Tyrannen', ggf. auch durch legitime Tötung (gr. tyrannokidia, lat. tyrannicidium). Eine neuzeitliche, auf den Ideen der Aufklärung beruhende Bedeutung erhält das Wort 'Widerstand' in der naturrechtsbasierten Grundrechtskonzeption der amerikanischen Verfassung d. J. 1776: 'that whenever any form of government become destructive to these ends, it is the right of the people to alter and abolish it and to institute a new government. Die 'totalitären' Diktatur-Systeme des 20. Jhts. schließlich tragen durch ihren wesensgemäßen und nachweislichen allseitigen Mangel an vernünftiger Begründung ihrer Herrschaftsausübung allseits vorhandene Momente für Widerstand, Bürgerkrieg und Revolution in sich.

III. Das Geld als Wertmesser.

ÜBUNG 1.

Welcher Zeit entstammen die hier abgebildeten Zahlungsmittel, woraus bestehen sie, was zeigen sie warum, worin unterscheiden sie sich?

Was bedeuten folgende Begriffe: 1. Stichtiefdruck 2. Wasserzeichen 3. Sicherheitsfaden 4. Durchsichtsregister 5. Spezialfolie 6. Perlglanzstreifen mit Farbwechsel 7. Mikroschrift 8. UV-Eigenschaft mit fluoreszierenden Fasern 9. Infrarot-Eigenschaft, 10. Seriennummer?

Was will das unten wiedergegebene Münzbild zum Ausdruck bringen?

Zur Geldeinheits-Bezeichung 'Euro'.

'Euro' ist ein griechisch-stämmiges heutiges Kunstwort zur Bezeichung einer in der Europäischen Union seit 2002 kursierenden Währungseinheit. Er stammt ab von der seit dem griechischen Altertum üblichen Bezeichnung für den Erdteil Europa,

Der Name des Erdteils Europa bedeutet in der altgriechischen Sorache 'die Frau mit dem weiten Blick'. Der altgriechische Mythos teilt zu dieser Europa folgendes mit: Sie sei die Tochter des phönizischen Königs Agenor und seiner Gattin Telephassa gewesen. Zeus, immerhin der Göttervater der altgriechischen Religion, verliebte sich in sie. Mit Rücksicht auf seine stets eifersüchtige Gattin Hera verwandelte er sich in einen Stier und näherte sich, verborgen in einer von Mit-Gott Hermes gehüteten Kuhherde, der am Strand von Sidon spielenden Europa, lud sie auf seinen Rücken und entführte sie schwimmend auf die etwa 4000 Stadien, d, h. ca. 700 km entfernte Insel Kreta, wo er sich zurückverwandelte und mit Europa paarte. Dieser Verbindung entstammten dann drei Kinder, Minos, Rhadamanthys und Sarpedon, die später gerechte Herrscher Kretas wurden. Minos wurde nach seinem Tode außerdem gerechter Richter-Gott der Unterwelt. Aphrodite, die Göttin der Liebe, weissagte oder veranlaßte, daß der im Osten des Mittelmeeres bis dahin angeblich fremde Westen nach der auf diese Weise besonders geehrten Europa benannt wurde.

Den Vorgang der Entführung zeigt das unten wiedergegebene Bild, einer griechischen Vasemalerei des

IV. Worte für Geld als Wertmesser.

Zur Etymologie von:
Pecunia, lat. > pecus > Vieh als Zahlungsmittel
Moneta, lat. > monere > Mahnerin Juno, > MonetaTempelFront, > Grundriß der 'Muenze' auf dem Capitol in Rom.
Drachme, gr. > dragma > das mit den Fingern Faßbare.
Obolos, gr. > obelos > spitzes, kleines Metallstüch > 'Obelisk'-Form
Sesterz, lat.> semistertius > duo asses et semis tertius
Denar, lat.> decem asses
Mark, dt. > Marke
Pfennig, dt Lenwort > wohl von lat.'pendere'
Pfund, dt. Lehnwort > lat moneta
Taler, Abbreviatur, dt.> Joachimstaler oder Haller Taler
Groschen,dt. Lehnwort > lat. 'crassus'
Schilling, dt. Lehnwort > lat. siliqua
Dollar, engl.Lehnwort > dt. Taler
Euro, Abbreviatur, Kunstwort

V. Worte für die Schaffung von Gütern und Werten.

Zur Etymologie von
poiesis > gr. poiein
productio' > lat. producere.
auctio > lat. augere
factura > lat. facere
fabricatio > lat. faber, fabricare
locatio > lat. locus, locare
inventio > lat. venire, invenire
usus fructus > lat. uti, frui
Erzeugen > dt. zeugen, Zeug, ziehen. > idg. *deuk
Ernte > idg. *osor/n [Sommer/Herbst-Arbeit]
Herstellen > dt. stellen; vgl lat. locareFund > idg. *fed [Auffallendes]
Erfinden dt. finden, Fund
Dichten > Lw. von lat. dictare [nicht von dt. dicht]
Urheber > dt. ur und heben
Nießbrauch > dt. Nutz(en) und brauchen

VI. Worte für die rechtliche Abgrenzung der Erzeugerinteressen gegen konkurrierende Interessen.

ZurEtymologie von
idion > gr.Wort für 'Abgetrenntes', 'Abgegrenztes'
privatus > lat., zu lat. 'privus' ('einmalig', 'für sich', 'besonders', 'einzeln'; verwandt mit lat. 'primus'), Wort für 'Alleinberechtigter'
proprium > lat., zu lat 'prope'.('nahe'), d. h. 'das, was nahe ist oder liegt oder gedanklich Hauptsache ist'
dominium > lat., zu lat. 'domus' ('Haus'), d. h. 'Herrschaft über Haus, Hausgrund, Haushalt und Hausangehörige'
familia > lat., zu 'famul' ('Bediensteter, Gehorsamverpflichteter eines Hauses), d. h. alle einem Hausherrn gehorchenden Verwandten und Bediensteten.
servitus > lat., zu 'servus' (ursprünglich: niedrige Wach- und Wartungsdienst in einer 'familia' Leistender); der damit verbundene inferiore, weithin rechtlose, soziale Status.
'Eigentum' > dt., zu 'eigen' ('besessen', 'gehörend', 'beherrscht') mit der Verdinglichungsform 'tum'
Besitz > dt., zu 'sitzen', d. h. das, was von einem Platzhalter wirksam gegen andere Platzinteressenten verteidigt wird
Erwerb > dt., zu 'werben' i. S. von 'durch Mühe erreichen oder erlangen'. d. h. das mit Mühe und Arbeit Erlangte
Vermögen > dt., zu 'mögen' i. S. von 'können', d. h., 'was man insgesamt leisten oder beworken kann'.

VII. Worte für die Übertragung von Rechten an wirtschaftlichen Gütern durch 'dingliche' und schuldrechtliche Rechtsgeschäfte i. S der europäisch-römischrechtlichen Rechtstradition.

Zur Etymologie von
Verkehr (Rechts- und Waren-V.) > dt. 'ver-' und 'kehren' i. S. vom 'umwenden'
Verkehrssitte > dt. 'Verkehr' und 'Sitte' > *idg. 'set'/'suet' i. S. von 'gewohnte Eigenart'
Treu und Glauben > dt. 'Treue' > *idg. 'trow/drod' i. S. von 'sicher' und dt. 'Glauben' > g. 'ge-' und '-laub' i. S. von 'Zutrauen durch Fütterung'
consensus > lat., 'Übereinstimmung', rechtlich: zweier Willenserklärungen über eine beiderseitige rechtliche Bindung.
contractus > lat. contrahere o. D. von 'Zusammenziehen', 'Zusammengebrachtes'
Vertrag > dt -ver i. S. von 'für' und 'vor' > idg. *'per/'par' und dt. '-tragen'> idg. *travh i. S. von ziehen > lat. 'trahere'
traditio > lat., 'Übergabe', rechtlich von Sachen, an denen Besitzrechte bestehen.
hereditas > lat., 'alles im Todesfall eines Vermögensinhabers rechtlich in das Vermögen seiner Erben Übergehende' > idg. 'her' i. S. von 'Herr'
testamentum > lat, eine unter Zeigen (lat. 'testis' ) oder sonst beurkundete verbindliche Anordung eines Vermögensinhabers für seinen Todesfall über seine Rechtenachfolger und die auf sie übergehenden Rechte
emtio > lat. emere, evtl. über eine idg. Ausgangsform mit Worbedeutungen des rechtlichen Gebens, Zuteilens imd Nehmens anderer idg. Sprachen verwandt
venditio > lat. vendere, aus 'venum dare', d. h. 'zum Verkauf geben'
locatio > lat. locare; Bedeutung: sich oder etwas an einen Platz stellen und für die Verwendung anbieten
conductio > lat. conducere, Bedeutung: etwas, das angeboten worden ist, oder jemanden, der angeboten worden ist oder sich selbst angeboten hat, mit sich führen
opus > lat., > zu lat.ops i. S. von 'Vermögensgegenstand', 'Werkergebnis'
opera > lat.> zu lat.ops i. S. von Vermögen zur Erzeugung eines Werks oder Vermögensgegenstandes.

VIII. Worte für Wert-Aneignung durch rechtswidrige Bereicherung.und Entrechtung.

Zur Etymologie von
furtum > lat. fur ('Dieb'), > idg. Wurzel mit der ursprünglichen Bedeutung einer Anstandsverletzung aus Not oder List.
raptum > lat. rapere ('rauben')
dolus > lat., ähnlich, aber nicht wortgeschichtlich identisch griech.'dolos', Bedeutung: List, Täuschung, Absicht i. S. von 'Vorsatz' bei der Begehung eines Unrechts
Diebstahl > dt., aus 'Dieb' und 'stehlen', > idg. Vorformen von 'stehlen' > '*stel' oder '*ter' oder '*tel' i. S. von aufnehmen oder dortnehmen; > idg. Vorform von 'Dieb': vielleicht '*teup' i. S. von 'packen', 'zusammenraffen'.
Raub > dt., > idg. Wurzel mit der ursprünglichen Bedeutung 'zerbrechen', 'zerstören', wegreißen'
Betrug > dt., verwandt mit 'Trug' und 'trügen', idg. Vorformen '*drug/'frud' i. S. von 'täuschen'
Raffen > dt., evtl. Lehnwort von lat. 'carpere'
Werbung > dt. verwandt mit 'Wirbel', germ. Vorform '*hwerban' i. S. von 'sich drehen' oder 'sich winden'

IX. Worte für herrschaftliche oder staatliche Wertaneignung.

Zur Etymologie von
tributum > lat., zu 'tribus'; Bedeutung: die für die Bürgerabteilungen der Stadt Rom (tribus) gesetzlich beschlossenen, von ihnen zu erbringenden Abgaben und Dienstleistungen für das Gemeinwohl (res publica)
teloneum > griechischstämmiges ('telos') lateinisches Lehnwort, das eine behördlich festgelegte und vollstreckte oder verpachtete Abgabe oder Leistungsverpflichtung von 'subiecti' oder 'peregrini' bezeichnet.
Steuer > dt., alte Bedeutung: 'Unterstützung', 'Hilfe'; Sinnverwandtschaft mit 'Steuern' im Sinne des instrumentellen Kurshaltens bei Fahrzeugen..
Zoll > dt. Lehnwort aus dem lat. 'teloneum'

X. Worte für kriegerische oder sonst grenzübergreifende Wertaneigung im Verhältnis zwischen Herrschaftsgebilden, Völkern und Staaten.

Zur Etymologie von
vincere, lat., 'im Kampf [idg.*vik] die Oberhand gewinnen*
subicere, lat., 'herunterwerfen' oder 'überkommen'
debellare, lat.. 'im Kriege den Feind solange bekämpfen, bis er sich nicht mehr whren kann'
occupare, lat., zu 'cupere' [intensievierte Form] i. S. von 'heftig begehren' und 'ob' i. S. von erfolgreicher Durchsetzung 'gegenüber' einem fremden Willen
besiegen, dt., zu 'Sieg' i. S. von 'Erstrebtes im Kampf erhalten'
unterwerfen, dt., zu 'nach unten' und 'werfen'
erbeuten, dt., zu 'Beute' i. S. des verteilten Besitzes besiegter Feinde; vgl auch 'ausbeuten'

Zur Erbeutung auch der Kassandra im trojanischen Krieg nach Homers 'Ilias' 24, 731.

Vermutlich Fresko aus römischer Zeit; Quelle derzeit d. A. n. b.


Literatur, Medien und Quellen zur LV Gizewski Traditionen und Typen wirtschaftlicher Wertbildung und -aneignung seit der Antike.' im WS 2014 (2015.


Bearbeitungsstand: 23. Okt. 2014.

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de