Kap. 1: Formen illegitimer Herrschaft und der Angriffe auf sie seit der Antike.


I. Der 'Widerstand' als Gegenstand und Problem einer moralisch-ethischen Bewertung und eines historisch-objektivierenden Verständnisses.

Die Fragen, die sich dem mit vergangenen und gegenwärtigen Strukturen eines 'Widerstandes' srellen, lassen sich danach unterscheiden, ob sie den historischen Betrachter zu einer eigenen Stellungnahme und Bewertung herausfordern oder zu einer vergleichenden historuschen Erklärung, etwa der Frage, aus welchen Lebensverhältnissen, rechtlichen und sozialen Einrichtungen er sich entwickelte. Ein Beispiel: War der 'Spartacus-Aufstand' des Jahes 71. v. Chr. aus Gerechtigkeitsgründen nötig? Bzw.: War er einfühlbar verständlich in seinen Voruassetzungen und Zielen?

Der ersten Art der persönlichen, bewertenden Anteilnahme - bezogen auf unsere ebenso wie auf frühere Epochen - könnten folgende Thesen entsprechen. Sie beziehen sich auf die Geschehnisse des 20. Juli 1944 und ihr Fortwirken im heutigen politischen Bewußtsein in Deutschland.

A. Der politische 'Widerstand' und die dafür nötige persönliche Bewertung und Entscheiung.

Thesen zum Thema.

Übung 1.

1. Was halten Sie für akzeptabel oder unakzeptabel an den oben wiedergegebenen Thesen zum Thema Widerstand.

2. Wieso sind begründete Einstellungen zum Thema wichtig für politische und geistige Freiheit auch in einer 'modernen' Gesellschaft?

B. Der politische Widerstands im erklärenden und verstehenden Überblick.

Fritz Bauer 1968, Ungehorsam und Widerstand in Geschichte und Gegenwart.

Übung 2.

1. Lesen Sie den obigen Text genau durch und markieren Sie die wichtigsten Gedanken..

2. Wer war der Autir und was wollte er mit seiner langen Rede bewirken?

Die Anknüpfung eines wertenden heutigen Widerstands-Begriffs an geistige und politische Traditionen in der Rede Fritz Bauers am 21. Juni 1968. Zusammenfasung der Grundgedanken.

Zu Leben und Fortwirken der Gedanken Fritz Bauers.

III. Einige das Thema betreffende Probleme und Begriffe in Stichworten.
Politisch-historisches Denken unserer Gegenwart benutzt sowohl bewertend als auch historisch erklärend nitwendigerweise Grundbegriffe wie die folgenden. Es ist daher erforderlich, wenn man sie vewendet, zu klären und verständlich zu machen, was man unter ihnen versteht.

Übung 3.

1. Was verstehen Sie unter den nenenstehenden Begriffen?

2. Welche sind eher bewertender Art, welche eher deskriptiven Zwecken gewidmet? Welche können wie in beiderlei Form verwendet werden?

INSTITUTIONEN
Herrschaft
Tyrannis
Staat
Reich
Politik
Republik
Demokratie
Öffentlichkeit
(Publikum)
Obrigkeit
Eigentum
NORMEN
Tradition
Sitte
Gewohnheitsrecht Gesetz
Naturrecht
Legitimität
Legalität
Rationalität
Praktikabilität
Politische Kritik
VERHALTEN
Inobödienz
Illoyalität
Resistenz
Attentat
Rebellion
Parteien
Bürgerkrieg
Independenz
Revolution
Auflösung
Alternative

IV. Zur Typenbildung für Phänomene historischen und gegenwärtigen Widerstands.

A. Die Sezession und die Unabhängigkeitserklärung.

Unter Sezession und Unabhängigkeitserklärung sei verstanden jede selbstorganisierte, praktikable Abtrennung der Bevölkerung eines Reichs- oder Staatsgebietes aus von dessen anderen Teilen in der Absicht, einen eigenen Staat zu begründen.

B. Der politisch organisierte Ungehorsam und Widerstand.

Organisierter Ungehorsam oder Widerstand sind alle sich politisch auswirkenden, gemeinsam getragenen Maßnahmen wenigstens eines Teils der einem Herrschaftsbereich zugehörigen Bevölkerung, die darauf gerichtet sind, im wesentlichen ohne Gewaltanwendung Herrschaftsinstanzen zu Unterlassungen oder Handlungen zu nötigen..

C. Der Aufstand.

Aufstand ist ein politisch organisierter Angriff größerer oder einflußreicher Bevölkerungsgruppen eines Herrschaftsgebietes gegen Einrichtungen, Vertreter und Nutznießer der dortigen Herrschaftsmacht in der Absicht, diese in ihrem Funktionieren zu stören oder zu beseitigen.

D. Der Bürgerkrieg.

Bürgerkrieg ist eine kriegsförmige Auseinandersetzung organisierter Bevölkerugsgruppen eines Staat- oder Reichsgebietes, welche beanspruchen, dort die Herrschaft zu erobern oder zu behalten.

E. Das Attentat und die Gesetzesabwehr.

Ein Attentat ist jeder Versuch politisch einzeln oder in Gruppen Handelnder, Repräsentanten oder Anhänger eines politischen Systems oder einer anderen Partei durch direkte Angriffshandlungen symbolisch anzugreifen, zu verletzen oder zu beseitigen. Die Gesetzesabwehr ist jeder Versuch politisch einzeln oder in Gruppen Handelnder, ein Gesetz, das ungerecht ist oder erscheint, symbolisch anzugreifen, zu verletzen oder zu beseitigen.- Eine Attentats-Vereinigung ist eine auf längere Dauer angelegte Verbindung einzelner Personen, deren Ziel es ist, durch abschreckende Gewaltaktionen politische oder religiöse Ziele zu erreichen.

F. Die Zerstörung politischer Loyalität.

Die Zerstörung politischer Loyalität zielt darauf ab, durch Verbreitung von Meinungen und Informationen politisch dominierenden Meinungen und Meinungsbildungsinstitutionen, welche als illegitim angesehen werden, dauerhaft und planmäßig entgegenzutreten.

G. Die Revolution.

Die Revolution ist die systematisch geplante, organisierte und praktikabel durchgeführte Totalveränderung oder Beseistigung einer illegitim erscheinenden Staats- oder Herrschaftsordnung zugunsten einer als legitim angesehehenen anderern durch minoritäre oder majoritäre Bevölkerungsgruppen eines Staats- oder Herrschaftsgerbiets.

H. Die Befehlsverweigerung.

Die Befehlsverweigerung ist eine Form des sog. 'Hochverrats'. Sie umfaßt begrifflich auch die innerhalb einer staatlichen Organisation von Einzelnen oder organisierten Gruppen betriebene Abwehr ungerechter, völkerrechtswidriger oder nach Naturrecht oder religiöser Überzeugung unmenschlicher Anordnungen staarlicher Instanzen aller Art.

I. Der Aufbau politischer Alternativen.

Der Aufbau politischer Alternativen zu einem bisher bestehenden Regierungs- oder Herrschaftssystem ist die öffentlich begründete, praktikable, planmäßige, politische Änderung bestehender zentraler staatlicher und herrschaftlicher Institutionen einer Gesellschaft.

I. Das Verhältnis der Typen A - I zueinander.

All diese Typen historisch-politischen Geschehens können 'legitim' und 'illegitim', 'rational' und 'irrational' sein.

Bei all diesen Typen handelt es sich um abstrakte Zusammenfassungen von Sinneinheiten kollektiven Handelns, die allgegenwärtig in gesellschaftlichen Entwicklungsprizessen sind, d. h. in allen Epochen, Weltregionen oder Kulturen die Übergangssituationen zwischen den politisch stabileren Ordnungs- und Rechtszuständen bestimmen. Sie können auch kumuliert auftreten, wie z. B. Attentate mit Aufständen, die Zerstörung politischer Loyalität mit Widerstnd oder Revolution.

K. Beispiele zur Erläuterung der einzelnen Typen aus der Antike und aus späteren Epochen.

Aus der Antike.

Harmodios und Aristogeiton, Vertreibung des Tyrannen Hippias (i. J. 514 / 510 v. Chr. - Thukydides) [Attentat] [Revolution]

Ionischer Aufstand (499 - 478 - Herodot 5.30ff) [Unabhängigkeitserklärung]

Vertreibung des letzten tarquinischen Königs aus Rom durch M. Iunius Brutus (i. J. 510 v. Chr. - Livius) [Attentat] [Revolution]

Die Reform der Gracchen und die römischen Bürgerkriege (von 133 . 30 v. Chr. Appian, Plutarch) [Revolution] [Bürgerkrieg]

Der 'Spartakus-Aufstand' (d. J. 73 - 71 v. Chr. - Appian, Plutarch, Livius Per.) [Aufstand]

Die 'Überschreitung des Rubico' durch Caesar und der anscließende Bürgerkrieg (d. J. 49 - 45 v. Chr. - Caesar, De bello Gallico und De bello Civili, Plutarch, Sueton) [Bürgerkrieg]

Die Beseitigung des Usurpators Caesar i. J 44 v. Chr. (Cicero, ep. ad Pomponius Atticus, Plutarch, Sueton) [Attentat]

Die 'Pisonische Verschwörung' und andere Revolten gegen Nero d. J. 65 - 76 n. Chr. [Widerstand] [Aufstand]

Die Revolte des Iulianus Apostata gegen den Kaiser Constantius i. J. 355 n. Chr. (Ammianus Marcellinus, Codex Theodosianus) [Aufstand]

Aus späteren Epochen.

Der Übergriff des Papstes Gregor VII. auf die kaiserliche Autorität in Gestalt Heinrichs IV. i. J. 1077 n. Chr. [Widerstand]

Der Bauernkrieg d. J. 1524/1525.[Aufstand]

Die Revolte der protestantischen Stände in Böhmen i. J. 1618 [Revolution].

Die Beseitigung der Monarchie und die Errichtung einer Englischen Republik unter Oliver Cromwell i. d. J. 1642 - 1649. [Revolution]

Die Unabhängigkeitserklärung der USA (1776) und der Krieg mit Großbritannien. i. d. J. 1775 - 1783. [Unabhängigkeitserklärung]

Die Französische Revolution d. J. 1789. [Revolution]

Die 1848er Revolution in Deutschland. [Revolution]

Die Russichen Revolutionen im Februar und November 1918. [Revolution]

Der 'Spartakus-Aufstand' in Deutschland. (5. - 12. Jan. 1919). [Aufstand]

Der 20. Juli 1944 [Widerstand] [Attentat]

V. Literatur, Medien und Quellen-Verzeichnis zur LV Gizewski 'Widerstand als historische Tradition' im WS 2013/2014.


Bearbeitungsstand: 8. Nov. 2013

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de