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Zur Stellungs- und Einkommenlosigkeit habilitierter Wissenschaftler.

Was ist aus Sicht tausender höchstqualifizierter, aber stellungsloser oder nicht qualifikationsangemessen eingesetzter Wissenschaftler in Deutschland an derzeitigen Leistungen oder Unterlassungen der deutschen Wirtschafts- und Sozial-, Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Bund und Ländern zu kritisieren? Fragen und Anregungen anläßlich der Bundestagswahl 2005.

Von Christian Gizewski.


1. Zur politischen Zuständigkeit und Verantwortung.

Die kurzfristig angesetzte Bundestagswahl des Jahres 2005 ist gerade vorbei, unbefriedigend in ihrem Ergebnis sowohl für das bisher politisch regierende als auch für das zum Regierungswechsel angetretene Parteienlager und vielleicht passende Gelegenheit für alle, im einzelnen zu fragen, warum ein Teil der Wählerschaft sowohl zu dem einen als auch zu dem anderen 'Lager' kein für eine Regierungsbildung nach bisher üblichem 'Ping-Pong-Modell' hinreichendes politisches Vertrauen hat - und vielleicht überhaupt nicht zum Charakter unserer politisch-medialen Öffentlichkeit mit ihren offenbar nicht ausreichenden, wenn auch ständig wiederholten Formeln und Dogmen. Sicherlich gibt es dafür recht unterschiedliche Motive - von 'politischem Desinteresse und Unverständnis' bis zum 'Abbau konventioneller Parteiloyalitäten'. Aber was sind wiederum die Gründe dafür? Es gibt da zum Beispiel Gruppen von Staatsbürgern, deren zentralen Problemen in 'heute maßgeblichen' Richtungen der Politik und ihrer zumeist kartellförmigen medialen Präsentation kein politisches Interesse, ja, wie es scheint, nicht einmal analytisches Verständnis entgegengebracht wird. Zu einer dieser Gruppen von Wahlbürgern gehört der Autor. Er hat sich deshalb über den Wahlausgang gefreut.

Gemeint sind hier die aus dem alltäglichen Blickwinkel einer politisch-medialen 'Öffentlichkeit' vielleicht recht speziell erscheinendenen, aber für die wissenschafliche Entwicklung des Landes durchaus bedeutungsvollen und dennoch seit Jahrzehnten ungelösten Probleme eines großen Teils der an sich arbeitsfähigen, als höchstqualifiziert erwiesenen und oft auch darüberhinaus wissenschaftlich bewährten Wissenschaftler. Diese sind auch in fortgeschrittenem Alter oftmals nicht angemessen produktiv eingesetzt oder ohne bescheiden-angemessenes Einkommen aus wissenschaftlicher Tätigkeit oder ohne angemessenen sozialversicherungsrechtlichen Schutz. Teilweise sind sie sogar 'arbeitslos' gemeldet, auch wenn sie ständig wissenschaftlich zu arbeiten pflegen. Das bedeutet entweder wirtschaftliche Ausbeutung bei der Ausübung wissenschaftsnaher 'Jobs' und Ehrenamtstätigkeiten aller Art oder eine Lahmlegung hochentwickelter Arbeitskapazitäten in wissenschaftsfremden Arbeitsgebieten und im übrigen eine eindrucksvolle Widerlegung eines Glaubenssatzes einer 'Leistungsgesellschaft: 'Leistung hat sich noch immer ausgezahlt". Nach dem erstmaligen Auftreten dieser Probleme in den siebziger Jahren des 20. Jhs. wurden sie in der vom Deutschen Hochschulverband in den achtziger Jahren in Auftrag gegebenen und finanzierten sog. 'Karpen-Studie' (Ulrich Karpen, Manfred Borchert, Bruno W. Reimann, Dieter Mross, Zur Lage des habilitierten wissenschaftlichen Nachwuchses, Forum des Hochschulverbandes Heft Nr. 40, Bonn-Bad Godesberg Dez. 1986; siehe Inhaltsangabe), ausführlicher untersucht. Diese Studie erlangte zunächst eine gewisse Bedeutung im wissenschaftsinternen und wissenschaftsbezogenen Diskussionsprozeß, auch weil sie durch eine damalige Parallelstudie des Wissenschaftsrates (Rolf Holtkamp, Karin Fischer-Bluhm, Ludwig Huber, Junge Wissenschaftler an der Hochschule. Bericht der Arbeitsgruppe 'Lage und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses', Frankfurt/New York 1986.) bestätigt wurde. Die aufgezeigten Probleme haben sich bis heute

infolge einer seit drei Jahrzehnten ununterbrochenen Zunahme der jährlichen Zahl der Habilitationen und vergleichbaren wissenschaftlichen Höchstqualifikationen,

infolge der - auch wissenschaftlichen - deutschen Wiedervereinigung

und nicht zuletzt infolge einer statistisch für das vergangegen Jahrzehnt nachgewiesenen und für die kommenden Jahre weiter prognostizierten 'allgemeinen Verschlechterung' der Lebens- und Arbeitsbedingungen für wissenschaftlich Ausgebildete aller Art in Deutschland

weiter verschlimmert. Man kann etwas überspitzt sagen: die Habilitierten der 1970er und 1980er Jahre waren in dieser Entwicklung schon eine - für aufmerksame Zeitgenossen deutlich wahrnehmbare - 'Avantgarde eines akademischen Proletariats'. Dennoch wurden die seither gewachsenen Schwierigkeiten in der politisch-medialen Öffentlichkeit, soweit es überhaupt hin und wieder geschah und geschieht, nur praktisch-folgenlos und vor allem gedanklich uneinsichtig erörtert. Eine besonders ungerechte, kenntnislose oder anmaßende Art der Kommentierung war und ist es, sie 'tragischen', 'persönlichen' Umständen' zuzuordnen und darüberhinaus als quantitativ beachtliche zu bestreiten. Diese Weise war und ist überparteilich und nach wie vor weit verbreitet, sogar im Wissenschaftsbereich selbst. Einer schon pragmatischeren - und uneingestanden problemnahen - politischen Denkweise entspricht es dagegen, sie kausal auf angeblich unverständliche und unzeitgemäße Wissenschaftstraditionen zu schieben in dem Sinne: "Gäbe es nicht so viele auf antiquierte Weise unnötig zeitaufwendig erzeugte und außerdem oft unproduktiv-nichtsnutzige Habilitationen, dann gäbe es auch nicht so viele Folgeprobleme mit Habilitierten". Das war nachweislich und ist vermutlich weiterhin eine bestimmende emotional-ideologische Grundeinstellung in dem für das verfassungswidrig erklärte 5. Hochschulrahmengesetz verantwortlichen politischen Lager. Besonders scheinfreundlich und unverständig wirken andererseits Auffassungen, die die genannten Probleme und die von ihnen Betroffenen den angeblich heilenden und abgrunddtief vernünftig geglaubten Kräften eines - insoweit allerdings weitgehend untauglichen - binnenländischen, europäischen oder gar globalen Arbeitsmarktes anheimgeben. Diese Position ist unter den sogenannten 'Mitte-Parteien' heutiger Art parteiübergreifend.

Aus Sicht diejenigen, die - als sog. 'Habilitierte', von denen an dieser Stelle vor allem die Rede sein soll - negativ betroffen sind, geht es aber um Dinge, die sie selbst kaum beeinflussen können und bei denen sie ffolglich auch auf verständige Politiker - prinzipiell aller Parteien - angewiesen wären, nämlich

1. um das statistisch äußerst ungünstige Verhältnis der Zahl der in Deutschland nach den dort vorhandenen Hochschulehrerqualifikationsverfahren 'erzeugten' professorablen Wissenschaftler zu den vorhandenen langfristigen wissenschaftsspezifischen Arbeitsmöglichkeiten (Stellungen) für sie und dabei

a) um weitgehend fehlende Möglichkeiten für den qualifikationsangemessenen Einsatz eines großen Teils dieser Wissenschaftler sowohl im deutschen und als evtl.auch im ausländischen Hochschulbereich,

b) um die erheblichen praktischen Probleme des qualifikationsangemessenen Einsatzes eines großen Teils dieser Wissenschaftler auf dem deutschen - und ersatzweise evtl. auch auf dem ausländischen - Arbeitsmarkt außerhalb der Hochschule,

2. um das Fehlen einer dauerhaften sozialen Sicherung und das Fehlen angemessener Möglichkeiten einer wissenschaftlich sinnvollen beruflichen Umorientierung solcher Wissenschaftler, die es im Anschluß an ihre Qualifikationsphase nicht in angemessener Zeit - d. h. ungefähr nach einer Übergangszeit von 5 Jahren - erreichen, über unbefristete wissenschaftsspezifische Beschäftigungsverhältnisse ('Stellungen') abgesichert zu werden.

Man könnte behaupten, die Lösung solcher Probleme sei nicht Aufgabe des 'Staates' - zumal eines mittellos gewordenen; was dieser leisten könne und rechtlich verpflichtet sei zu tun, seien lediglich die allgemeinüblichen Hilfsleitungen für Arbeitslose nach den neuen 'Hartz 4'-Regelungen des Sozialgesetzbuches (SGB II. Teil).

Das wäre allerdings nicht richtig. Vielmehr ist festzustellen wie auch zu fordern: Für die Gestaltung - d. h. die Entstehung und Beseitigung, Behandlung und Nichtbehandlung - dieser Probleme ist - auch in einer gegenwärtig andauernden Phase der 'Europäisierung' und 'Globalisierung' der Lebens- und Arbeitsverhältnisse - die deutsche Rechtsordnung - des Bundes und der Länder - maßgeblich, für ihre Lösung die deutsche Politik zuständig und verantwortlich.

Gewiß gibt es verschiedene faktische äußere Einflüsse auch durch ausländische 'Arbeitskräfte'-Konkurrenz auf dem binnenländischen und auf in Frage kommenden ausländischen 'Arbeitsmärkten' für deutsche Wissenschaftler. Aber auch für deren angemessene Behandlung ist - wegen fehlender entsprechender Zuständigkeiten für Wissenschaftsverwaltung und Wissenschaftspolitik auf europäischer oder übereuropäisch-internationaler Ebene - nach wie vor der Nationalstaat mit seinen rechtllichen und politischen Gestaltungsmöglichkeiten zuständig. Er ist damit auch in jeder Hinsicht - und ohne die Möglichkeit des Weiterverweises an irgendwelche außerstaatllichen Instanzen - verantwortlich für die Beseitigung von Mißständen und Fehlentwickluntgen, die die personelle Seite der für ein heutiges Gemeinwesen so grundlegend wichtigen Wissenschaftsstrukturen betreffen.

Wenn dabei nach Auffassung der jeweils tonangebenden Staatsrepräsentanten äußere Einflüsse einer angemessenen Behandlung der o. g. Problem-Klassen entgegenstünden, wäre es dennoch Aufgabe - und Möglichkeit - des Nationalstaates, sich in Ausübung seiner Souveränitätsrechte gegen diese zu wenden und wirksam (unter anderem) für eine prinzipielle Wissenschaftlervollbeschäftigung im Lande und dabei für die Verhinderung von Lohndrückerei, Sozialabbau und Arbeitsplatzabwanderung für sein Gebiet und seine Bürger einzusetzen. Dies müßte man dann auch im Zusammenhang mit dem generellen deutschen Arbeitslosigkeitsproblem verstehen, welches heute für nicht unerhebliche und durchaus auch gutqualifizierte Teile der hiesigen Arbeitsbevölkerung in Europäisierungs- und in weitergehenden Internationalisierungsprozessen nicht nur keine realen Lösungsmöglichkeiten zu finden, sondern in ihnen sogar begründet und auf unabsehbare Vergrößerung hin angelegt zu sein scheint.

Für die Hochschulpolitik und darüberhinaus für die Wissenschaftspolitik sind nach den Regelungen des weiterhin für unsere Lebensverhältnisse maßgeblichen deutschen Grundgesetzes primär die Länder zuständig (Art. 70, Abs. 1 GG. Jedoch gibt es nach Art. 74, Abs. 1, Nr. 13 und Art. 74 a GG eine konkurrierende Gesetzgebungszuständigkeit des Bundes für "Ausbildungsbeihilfen und die Förderung der Forschung" einerseits und für "die Besoldung und Versorgung der Angehörigen des öffentlichen Diestes", einschließlich derjenigen der Länder (Art. 75, Abs. 1 Nr.,1) andererseits. Ferner hat der Bund nach Art. 75, Abs. 1, Nr. 1 a eine Rahmengesetzgebungskompetenz für "die allgemeinen Grundsätze des Hochschulwesens". Diese nicht ganz leicht zu überschauende Gemengelage der Zuständigkeiten der Länder und des Bundes für das Hochschul- und Wissenschaftswesen mag dazu führen, daß bestimmte Probleme - wie etwa die gesellschaftlich produktive Verwendung eines in Deutschland reichlich vorhandenen, auf dem 'normalen Arbeitsmarkt' nicht vermittelbaren höchstqualifizierten Wissenschaftler-'Nachwuchses' - aus dem unmittelbar gegenwarts- und praxisbezogenen Zuständigkeits- und Verantwortungsbewußtsein der politisch-planerisch und gesetzgeberisch zuständigen Instanzen der Länder und des Bundes herausfallen.

Allerdings entschuldigt das nicht, wo vorliegend und nachweisbar, einen Mangel an grundsätzlichem politischem Problembewußtsein und Konzeptionsvermögen sowohl in Bund und Ländern als auch in Parteien und Wissenschaftsorganisationen, denen allen eigentlich daran liegen müßte und denen ihren öffentlichen Bekundungen nach ja auch daran liegt, die Forschung zu fördern, die Lehre der Hochschule und eine wissenschaftsbasierte Ausbildung im übrigen zu verbessern , generell: die Produktivkraft Wissenschaft zu entwickeln und, soweit vorhanden, gesellschaftlich optimal zu nutzen.

Es gibt dabei Politikkonzepte, die die hier gemeinten Probleme zwar erkannt haben, aber dennoch als unwichtig oder unvermeidlich nachrangig ansehen. Als ein Beispiel dafür kann man das oben schon erwähnte letzte Hochschulrahmengesetz des Bundes ( 5. Gesetz zur Änderung des Hochschulrahmengesetzes und anderer Vorschriften - 5. HRGÄndG - vom 16. Februar 2002 / Bundesgesetzblatt Teil I Seite 693) ansehen. Sein - zum Glück vom Bundesverfassungsgericht verhinderter - 'Lösungsansatz' bestand allerdings darin, das in Deutschland übliche und wissenschaftlich - als abstrakte Hochschullehrerqualifikationsprüfung - durchaus sinnvolle Habilitationsverfahren fast propagandistisch zu diskreditieren, in einer bundesrahmenrechtlichen Kompetenzanmaßung für die Zukunft auszuschließen und die in diesem Verfahren als hochqualifiziert erwiesenen, aber nicht fachangemessen und sozial zumutbar eingesetzten mehreren tausend Wissenschaftler aus allen Fachgebieten ihrem 'tragischen' Schicksal auf einem nicht aufnahmefähigen 'Arbeitsmarkt' zu überlassen.

Solche Lösungen benötigen wir nicht, und sie sind auch sinnlos.

2. Zum Kreis und zur Zahl der Betroffenen:

Unter 'Betroffenen' sollen im folgenden vor allem 'habilitierte' oder habilitationsähnlich qualifizierte Wissenschaftler verstanden werden, welchen es etwa fünf Jahre nach Abschluß ihres Qualifikationsverfahrens oder nach der Entlassung aus einer wissenschaftlich ungefähr angemessenen Berufsposition für habilitierte oder ähnlich qualifizierte Wissenschaftler nicht 'gelungen' ist, eine qualifikationsangemessene, sozial gesicherte und angemessen bezahlte wissenschaftlich-berufliche Dauer-Stellung zu erreichen bzw. wiederzuerreichen. Mitgemeint sind damit aber auch diejenigen, die sich auf dem Wege der Habilitationsqualifikation oder einem vergleichbaren Qualifikationswege befinden, ohne mit einer angemessenen beruflichen Perspektive rechnen zu können.

Es geht damit , um die obige Problemklassifikation zu verdeutlichen, um die beachtlich großen - im Bereich der Bundesrepublik Deutschland heute insgesamt auf mehr mehrere tausend zu schätzenden - Gruppen derer,

Dieser Kreis 'Betroffener' wird weder im Hochschulbereich noch auf Bundes- oder Länderebene in seinem ganzen Umfang statistisch erfaßt, weil er offenbar nicht als der Problemlage nach zusammengehöriger Personenenkreis wissenschaftlich Höchstqualifizierter erfaßt wird oder gar erfaßt werden soll und weil es folglich auch unter keinem Aspekt einen gesetzlichen Grund gibt, ihn statistisch zu beobachten. Die Arbeitslosenstatistik, d. h. die Statistik der als 'arbeitslos Gemeldeten bzw. Leistunsgbezugsberechtigten' bezieht sich ja - folgt man den diesbezüglichen Hinweisen der sog. 'Karpen-Studie', die auch heute noch ungefähr zutreffen könnten - nur auf eine kleine Teilmenge dieses Kreises von heute schätzungsweise etwa 10 %.

3. Historische Gründe für die Entstehung der Probleme.

Das im frühen 19. Jahrhundert in Deutschland üblich gewordene Habilitationsverfahren war urspünglich darauf ausgerichtet, neben dem bis dahin als formaler Qualifikationsnachweis für besondere wissenschaftliche Fähigkeiten ausreichenden Promotionsverfahren die besondere Befähigung eines Kandidaten nachzuweisen, innerhalb der universitären Wissenschaft die Funktionen der Forschung und der Lehre für ein spezielles Fachgebiet als Hochschullehrer (Professor) in voller Eigenverantwortung und an der Spitze des jeweiligen wissenschaftlichen Fortschritts wahrzunehmen. Die damalige schnelle Verbreitung dieses abstrakten, prinzipiell ohne Beteiligung des Staates und auch ohne Einflußmöglichkeiten evtl. unsachlich interessierter gesellschaftlicher Instanzen, ausschließlich im universitären Raum stattfindenden, aber öffentlich-rechtlich geordneten Qualifikationsüberprüfungsverfahrens für zukunftige Professoren stand im Zusammenhang mit der sich damals ebenfalls schnell verbreitenden Idee der Universität als Ortes einer dezidiert politik- und interessenunabhängigen, öffentlich-rechtlichen Organisation konzentrierter, fachlich-eigengesetzlicher Wissenschaftlichkeit. In dieser sollten Forschung und Lehre einerseits eng miteinander verbunden und andererseits nach außen deutlich abgegrenzt sein, aber sich dennoch als maßgebende Momente einer freiheitlich-selbstbestimmten bürgerlichen Öffentlichkeit und eines deren Prinzipien entsprechenden Staates verstehen. Die Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses war insoweit vor allem eine Angelegenheit der Universität in diesem ('Humboldtschen') Sinne.

Damit waren ursprünglich auch eine universitäre Vorauswahl - d. h. eine Bedarfsprüfung und Betreuung einer Habilitation im Rahmen einer Fakultät - und eine zumindest faktische Sorge der zuständigen universitären Korporation für das akademische Fortkommen eines erfolgreich Habilitierten - möglichst in einer Professur, notfalls in einem anderen wissenschaflichen Amte - verbunden. Es galt ferner als selbstverständlich, daß diejenigen habilitierten Wissenschaftler, die außerhalb der Universität ein angemessenes Einkommen fanden, als sog. 'Privatdozenten' bzw. - im Falle einer besonderen akademischen Ehrung ihrer Leistungen - als sog. 'außerplanmäßige Professoren' gewissermaßen 'nebenamtlich' eine wissenchaftliche Karriere als Hochschullehrer fortsetzen konnten, wenn sie dies wünschten.

Der Einfluß des Staates machte sich bei der Erteilung der Lehrbefugnis, wo diese üblich war, und zwar auch zur Einhaltung damaliger Maßstäbe politischer Korrektheit, und bei der Berufung in eine beamtete und besoldete Hochschullehrerstelle an der Universität geltend. In autoritären oder diktatorischen und selbst in demokratischen Epochen der deutschen Wissenschaftsgeschichte blieben dies aber nicht die einzigen Möglichkeiten staatlicher Einflußnahme auf die Rekrutierung wissenschaftlichen Nachwuchses.

Aus diesem Charakter des in Deutschland bis heute - trotz des Abschaffungsversuchs im 5. HRG - für die Erzeugung des Hochschullehrernachwuchses im großen und ganzen maßgeblich gebliebenen Habilitationsverfahrens erklären sich seine Stärken, aber auch seine Schwächen für die heutige Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland.

Die positiven Seiten des Habilitationsverfahrens liegen vor allem in seinem abstrakten Prüfungscharakter, der - bei rechtsgemäßer und rechtsstaatlich nachprüfbarer Handhabung einsichtiger Maßstäbe für wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, Interessenungebundenheit und Staatsferne bei der Rekrutierung und Approbierung des Hochschullehrernachwuchses objektiv zu sichern vermag.

Das Habilitationsverfahren steht insoweit in einem Kontrast zum sog. 'Berufungsverfahren' (zur Besetzung besoldeter Professorenstellen), bei dem Möglichkeiten unsachlich-persönlicher, unwissenschaftlich-interessenbestimmter oder gar politischer Förderung bzw. Aussonderung von Kandidaten durch Verfahrensbeteiligte bei der rechtlich gestatteten Anwendung eines sehr weit gefaßten, als 'wissenschaftlich' ausgegebenen 'Ermessens' in vielen verfahrenswichtigen Fragen in ungleich höherem Maße gegeben sind als bei der Habilitation. Grund dafür ist: bei der Habilitation geht es nur um eine Person, und es sind dort weit weniger und weniger starke Hintergrundinteressen im Spiel als bei der Vergabe gutbesoldeter wissenschaftlicher Prominenzpositionen.

Das Habilitationsverfahren ermöglicht damit einmal grundsätzlich einen glaubhaft freien Zugang für jedermann, der dafür wirklich geeignet ist, zu verantwortlichen, leitenden Positionen in der Wissenschaft. Dies ist von großer Bedeutung für eine substanzielle Freiheit der Wissenschaft (Art. 5, Abs. 3 GG), d. h. auch für ein handlungsleitendes wissenschaftliches Selbstbewußtsein bei Wissenschaftlern gegenüber habituell öffentlichkeitsbestimmenden oder folgsamkeitsfordernden Mächten 'unserer' Gesellschaft. Es ist ferner von Bedeutung für eine Entfaltung wissenschaflicher Fähigkeiten in einem möglichst weiten Umfang und damit einer möglichst ungehemmten allgemeinen wissenschaftlichen Produktivität. Den Verfechtern der Grundgedanken des 5. Hochschulrahmengesetzes, welche die Habilitation ersatzlos beseitigen wollten, ist unter anderem auch vorzuhalten, daß sie diese Funktionen des Habilitationsverfahrens verkannten oder zu wenig beachteten und bis heute nicht einmal durch entsprechende Ersatzregelungen bei der von ihnen in den Vordergrund geschobenen 'Juniorprofessoren'-Lösung sicherten.

Negativ an dem Habilitationsverfahren sind heute allerdings seine Folgen für diejenigen Wissenschaftler aller Art einzuschätzen, denen es 'nicht gelingt', in einer angemessenen beruflichen Position wissenschaftliche Verwendung zu finden. Die Habilitation privatisiert heute - anders als in früheren Epochen der Wissenschaftsgeschichte - dieses Risiko für die Habilitanden völlig. Sie kann diese damit in eine beruflich-soziale Sachgassensituationen führen, und dies ist heute bei einem größeren Teil der in diesem akademischen Verfahren als fachlich höchstqualifiziert bestätigten Wissenschaftler so, geht man jedenfalls von den vorhandenen, schon in den achziger Jahren vorgelegten empirischen Studien aus, deren oben bereits zitierten Ergebnisse heute nicht nur im großen und ganzen fortgelten, sondern in einzelnen Aspekten sogar eine erhebliche Verschlechterung für die Betroffenen erfahren haben dürften.

Historische Gründe dafür liegen

im Fortfall einer Bedarfsprüfung für Habilitationen nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Berufswahlfreiheit in den 1960er Jahren,

im Fortfall des Prinzips einer Notversorgung für Habilitierte nach der Hochschulreform der linksliberalen Koalition in den 1970er Jahren und

in dem auch infolge des Umbaus der DDR-Wissenschaftseinrichtingen nach 1989 entstandenen erheblichen 'Überhang' habilitierter oder habilitationsgleich qualifizierter Hochschullehrer über den objektiven 'Rekrutierungsbedarf' der Wissenschaft des Hochschulbereichs und der sonstigen Wissenschafteinrichtungen hinaus.

Auch der Charakter der Habilitation selbst ist heute ein Teil des Problems, aber nur insoweit, als sie eine universitätszentrierte Hochschullehrerqualifikationsprüfung darstellt: die erlangte Qualifikation ist die eines professorablen Wissenschaftlers, und insoweit teilweise für andere Berufsfelder - außerhalb des Hochschul- und Forschungsbereichs - entweder zu hoch oder zu speziell oder zu wenig praxisbezogen.

Allerdings muß man gleich dazu sagen, daß Gründe für das hohe Risiko einer in der beruflichen Anwendung 'mißlingenden' Habilitation wiederum auch im unnötigen und sinnlosen Fehlen angemessener Verwendungsmöglichkeiten für viele an sich benötigte wissenschaftlich Hochqualifizierte dieser Art sowohl an der Hochschule selbst als auch außerhalb der Hochschule liegen, obwohl für beide Bereiche der generelle Bedarf an wissenschaftlicher Höchstqualifikation sowohl von politischer als auch von wirtschaftlicher als auch von wissenschaftlicher Seite immer wieder betont wird.

Nur mit dieser Beschränkung ist es also sinnvoll, an eine Veränderung oder Ergänzung des Hochschullehrerqualifikationsverfahrens in Richtung auf eine bessere praktische Verwendbarkeit in Berufsfeldern außerhalb des Hochschul- und Forschungsbereichs im engeren Sinne zu denken.

4. Was läßt sich politisch tun?

Für alle hier angesprochenen Probleme sind, wie oben dargelegt, grundsätzlich die staatlichen Möglichkeiten politischer Gestaltung gegeben und gefordert, auch wenn es in Deutschland dabei einer konzeptionellen und administrativen Zusammenführung der Kompetenzen auf Bundes- und Länderebene bedürfte. Aufgabe des Staates wäre es dabei, wie schon immer und auch in Zukunft nötig, das zu tun, was 'Gesellschaft' und 'Wirtschaft', insbesondere ihre Arbeits-'Märkte', nicht zu leisten imstande oder ihrer eigenen Zwecksetzung nach bestimmt sind, und dabei, wenn nötig, auch völlig 'prinzipienlos' über derzeit politikbeherrschende - etwa marktideologische - Dogmen hinwegzugehen, wenn es um etwas so Wichtiges und Zukunftsweisendes geht wie die wissenschaftsangemessene und dabei großenteils auch im eher wirtschaftlichen oder allgemeinnützlichen, also nicht nur im geistigen Sinne des Wortes 'produktive' Entwicklung und Verwendung der Wissenschaft im eigenen Lande.

Handlungsaufgaben für die Politik ergeben sich vor allem

I. im Bereich des Hochschulrechts und der Hochschulverwaltung

a) bei der Hochschulstatistik mit dem Ziel, Verbleib und wissenschaftsangemessene produktive Verwendung höchstqualifizierter Wissenschaftler nach Abschluß ihrer Qualifikationsphasen zu klären und als Grundlage einer entsprechenden Wissenschaftsförderung und -konzeptionierung zu dienen,

b) bei der Reform des Habilitationsverfahrens mit dem Ziel, es über seinen Charakter als Hochschullehrerqualifikationsprüfung hinaus praxisnäher - auch im Hinblick auf außerhochschulische wissenschaftsnahe Arbeitsgebiete - zu gestalten und, soweit sinnvoll, mit 'praxisbezogenen Zusatzausbildungen' und praxisbezogenen Umstiegsstipendien' zu ergänzen,

c) bei der Reform des Berufungsverfahrens, mit dem Ziel, die Chancengleichheit für alle Bewerber und die Durchsetzung uneingeschränkt hoher Qualitätsstandards konsequent und nachprüfbar zu sichern und insoweit auch die Verrechtlichung und gerichtliche Nachprüfbarkeit aller wichtigen Auswahlentscheidungen im akademischen Berufungserfahren anzustreben,

d) bei der Einführung eines aktiven Mitbestimmungsrechts für die Gruppen der nichtbeamteten und nichtangestellten habilitierten Hochschullehrer, welche regelmäßig Dienste in Forschung und Lehre an der Hochschule verrichten, auf allen Ebenen akademischer Selbstverwaltung,

e) bei der Einführung einer angemessenen Minimalvergütung für alle Arten und Quantitäten wissenschaftlicher Arbeit, die von nicht beamteten und nicht angestellten Hochschullehreren regelmäßig an der Hochschule erbracht werden,

f) bei der Minimalausstattung solcher Wissenschaftler mit Arbeitsräumen und Arbeitsmitteln, dabei auch mit kostenloser Internetnutzung, für die von ihnen regelmäßig erbrachten wissenschaftlichen Arbeiten; insoweit muß eine Angleichung (Art. 3 GG) zwischen der gesetzlich vorgesehenen Förderung, Austattung und Berufsperspektive der sog. 'Juniorprofessur' als Qualifikationsverfahren einerseits und dem Habilitationsverfahren andererseits stattfinden;

II. im Bereich des Sozialrechts

a) bei der Einführung einer neuen speziellen Wissenschaftlersozialversicherung für solche Wissenschaftler, die nach Abschluß der Habilitationsqualifikations-Phase wegen Fehlens eines sozialversicherungsfähigen oder beamteten Beschäftigungsverhältnisses ganz oder teilweise sozial ungesichert bleiben, was Kranken-, Erwerbsunfähigkeits- und Altersversicherung betrifft,

b) bei der Einführung besonderer Rechtsgrundlagen und administrativer Formen wissenschaftsadäquater Arbeitsvermittlung für arbeitslos gemeldete höchstqualifizierte Wissenschaftler,

III. im Bereich der Wissenschaftsförderung

a) bei der Einrichtung einer öffentlich-rechtlich organisierten Bund-Länder-Anstalt für dynamischen Wissenschaftstransfer mit dem Ziel, vorhandene wissenschaftliche Höchstqualifikationen, die im Hochschul- und Forschungsbereich längerfristig keine angemessene Verwendung finden, in praxisnahe und, soweit wissenschaftsgemäß, 'produktive' Projekte der Forschung, wissenschaftsbasierten Unterrichtung und Kommunikation einzubinden,

b) bei der Einführung praxisorientierter 'Zusatzausbildungen' und 'Umstiegsstipendien' für habilitierte Wissenschaftler, die im Hochschul- und sonstigen Wissenschaftsbereich keine dauerhafte Perspektive für die Anwendung ihres wissenschaftlichen Könnens finden können.

Alle hier formulierten Positionen sind im Kreise der 'Betroffenen', soweit sie sich im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte in Initiativen zu Wort meldeten, in dieser oder jener Form schon formuliert und stets irgendwann in Form von Anfragen, Anregungen und Kritik auch an Universitäten, Bundes- und Länderregierungen mit ihren jeweiligen Wissenschaftserwaltungen, an Parteien, Interessenverbände, Stiftungen, Wissenschaftsorganisationen, Statistische Landesämter und nicht zuletzt auch Presseorgane adressiert worden.

Um dies zu belegen, sei etwa auf die Zusammenfassung entsprechender Denkschriften unter der URL-Adresse http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/C3.htm und auf diese selbst und ihre jeweils eingehende Argumentation hingewiesen.

Eine Diskussion fand zwar im Laufe der Jahre gelegentlich - etwa auf einschlägigen Tagungen verschiedener Art - statt, eine wirkliche politische Reaktion darauf gab es aber, wie oben beschrieben, nicht, sieht man von dem o. e. irregeleiteten Versuch der Bundesregierung im 5. Hochschulrahmengesetz ab. Zwar muß man der in diesen Tagen gerade abgewählten Bundesregierung konzedieren, daß ihr Wissenschaftsressort einen Teil der Probleme durchaus erkannt hat. Aber ihr Lösungsansatz bestand im übrigen meines Erachtens in einem mehr oder weniger bedenkenlosen Verdrängen dessen, was ihr nicht in ihre etwas blinde 'Reform'-Ideologie paßte. Es ist zu hoffen, daß der verdiente und zugleich bedauerliche politische Mißerfolg, der auch eine Folge hartnäckiger Uneinsichtigkeit in bestimmten durchaus politisch wichtigen politischen Fragen ist, im Bereich der Wissenschaftspolitik (und anderwärts) zu einem Umdenken einer Nachfolgeregierung, welcher Farbzusammensetzung sie auch sei, führt. Allerdings ist das überhaupt nicht selbstverständlich, weil eine Lösung der angesprochenen Fragen ihrerseits gegenwärtig vorherrschende politische Selbstverständlichkeiten in Frage stellt.

Das sei abschließend an einer einzigen der o. g. Positionen verdeutlicht, deren Aufgreifen fast als Gradmesser für die politische Aufmerksamkeit gegenüber den angesprochenen Problemen angesehen werden könnte: Es geht dabei um nicht mehr - aber auch um nicht weniger -, als darum, durch eine fundierte aktuelle empirische Untersuchung für den Bereich der Bundesrepublik Deutschland einmal öffentlich außerhalb vernünftigen Zweifels zu stellen und genauer zu beleuchten, daß und in welchem Umfange wissenschaftliche Hoch- und Höchstqualifikationen, die in Deutschland hergestellt werden, dort keine angemessene Verwendung finden. Die von den genannten Untersuchungen der 1980er Jahre fast gleichsinnig ermittelten Ergebnisse lassen, wie schon oben mehrfach betont, die begründete Vermutung zu, daß sie weiterhin gelten, ja in einzelnen Punkten eine Verschlimmerung, erfahren haben. Es sprach schon in dem 1980er Jahren für politisches Desinteresse oder ideologische Voreingenommenheit oder fachliche Uninformiertheit oder fehlende rechtliche Kompetenzen und Abstimmungsprozesse, vielleicht auch für alles zusammen, daß keine Wissenschaftsverwaltung des deutschen Bereichs einschließlich der wissenschaftsnahen Bundesministerien verschiedener Regierungszugehörigkeit eine entsprechende Studie in Auftrag gegeben oder/und veröffentlicht hat. Es wäre dabei ja sogar denkbar gewesen,, derartige empirische Untersuchungen nicht nur auf die schon dem Namen nach seltsam erscheinende Gruppe der 'Habilitierten', sondern auch auf andere Gruppen wissenschaftlicher Hochqualifikationen in Deutschland zu erstrecken. Dennoch ist es bis heute unterblieben. Wissenschaftspolitik, die trotz mehrfachen Regierungswechsels auf Bundes- und Länderebene so durchgängig an dem Verbleib der wissenschaftlich Hochqualifizierten des Landes uninteressiert war und ist, obschon in ihr ständig nach wissenschaftlicher Nachwuchsförderung geschrieen wurde und wird, erscheint jedenfalls insoweit fast strukturell widersprüchlich und in in gewisser Weise auch unfähig.

Leider ist nach meiner Einschätzung zumindest der derzeit sich abzeichnenden Koalitionsvarianten mit einer derartigen Untersuchung auch in Zukunft nicht zu rechnen. Es wäre aber schön, ich behielte Unrecht.

Christian Gizewski, im September 2005.


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