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"KISSWIN - LUST AUF WISSENSCHAFTLICHE KARRIERE IN DEUTSCHLAND" - Über Chancen einer wissenschaftlichen Karriere für junge Studenten.

Von Christian Gizewski

anläßlich einer von der durch das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft über die Einrichtung 'KISSWIN' ausgerichteten Veranstaltung am 25. Febr. 2010, 9.00 - 17.30 im Berliner Kongreßzentrum ('BBC Berliner Congress Center') Alexanderstraße 11, 10178 Berlin.

ÜBERSICHT:

A. Zum Konzept der Einladung.

B. Zum Ablauf der Tagung.

C. Zu einem alternativen Modell gemeinwohlorientierter Wissenschaftsförderungspolitik.

A. Zum Konzept der Einladung.

I. Der Einladungstext. und die von ihm provozierte Frage:

"Lust auf wissenschaftliche Karriere in Deutschland" - kann man - unter Bedingungen der heutigen Wissenschafts- und Hochschulstruktur - 'jungen' Menschen nach ihrem Studium, also wenn sie zwischen 25 und 30 Jahre alt sind, auf diese Weise wirklich verantwortungsvoll zu einer Promotion oder gar zu einer Habilitation raten? Wo wirklich Chancen sind, hat das für den umworbenen Nachwuchs und für die an einem Teil von ihm interessierten Institutionen zwar sicherlich Sinn.

Aber was geschieht mit dem anderen Teil? Er wird, wenn er promoviert ist, zwar auch außerhalb der Hochschule vielerlei angemessenen Arbeitsfelder finden können, allerdings nur, wenn der Arbeitsmarkt sie wirklich hergibt. Das ist - zumal in heutiger Zeit reduzierter Wirtschaftsaktivität - häufig nicht der Fall. Soweit wissenschaftlicher Nachwuchs habilitiert ist und an der Hochschule nicht in eine an sich angemessene Professorenstellung gelangt, mag er befriedigende adäquate Dauerstellungen auch auf dem außerhochschulischen Arbeitsmarkt finden. Für einen Teil von diesen ist allerdings der Aufwand eines - nicht selten ca. 10 Jahre lang dauernden wissenschaftlichen Qualifikationsganges von der normalen Hochschulabschlußprüfung bis der beendeten Habilitation - überflüssig. Als wissenschaftlich Hochqualifiziertem bieten sich ihm jedoch zumeist nur prekäre, d. h. gereihte Teilzeit- und Fristarbeitsverhältnisse, sei es des Hochschulbereichs, sei es außerhalb der Hochschule an; denn sie bringen sowohl im Hinblick auf das Einkommen als auch auf die soziale Sicherung erhebliche Abschläge und Risiken mit sich. Unter nicht ganz seltenen, ungünstigen Umständen wird aber auch ein wissenschaftlich Hochqualifizierter arbeitslos.

Statt 'Lust auf Karriere' sollte man daher besser 'extreme Vorsicht beim Betreten beruflicher Sackgassen' anraten, vor allem aber ein ganz nüchternes Abwägen von Für und Wider bei einer wissenschaftlichen Karriereabsicht.

II. Vor- und Nachteile wissenschaftlicher Hochqualifikation.

Man ist heute durchschnittlich 32 Jahre alt, wenn man die Promotion hinter sich gebracht, und gar 41 Jahre, wenn man eine 'Habilitationsqualifikation' 'erworben' hat. Was hat man dann mit einer Promotion oder gar einer Habilitation erreicht?

1) Im besten Falle hat man in langjährigen Qualifikationsphasen wissenschaftlich etwas getan, wozu man geistig angelegt war.

Dem stehen aber Nachteile gegenüber, die man nicht übersehen sollte.

2) Keine Wissenschaftsarbeitsplatz-Garantie: Die politische oder rechtliche Garantie eines geeigneten, einkommenssichernden wissenschaftlichen Arbeitsplatzes ist mit einer Promotions- oder Habilitationsqualifikation in Deutschland nicht verbunden.

3) Beeinträchtigung der Chance, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterzukommen: Die Chancen, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterzukommen, wachsen durch eine Promotions- oder eine Habilitationsqualifikation nicht wesentlich. Vielmehr vermindern sie sich, je älter man wird, statistisch belegbar erheblich. Dazu kommt, daß für viele an sich anspruchsvolle nicht-wissenschaftliche Tätigkeiten Promovierte und Hablitierte 'überqualifiziert' sind.

4) Stark eingeschränkte Möglichkeiten, für die erlangte wissenschaftliche Qualifikation eine gesicherte berufliche Langzeitperspektive zu finden: Lediglich dort, wo eine spezielle wissenschaftliche Hochqualifikation genau auf irgendeinen Bedarf stößt, besteht die Möglichkeit einer schnellen, auskömmlichen und langfristig gesicherten Berufsperspektive, welche dem vorherigen geistigen Ensatz und der aufgewendeten Lebenszeit angemessen ist.

5) Riskante Teilzeit- und Fristarbeitsverhältnisse: Grundsätzlich nicht besteht eine gesicherte Perspektive bei Zeitstellen im öffentlichen Dienst, bei sonstigen befristeten Dienst- und Auftragsverhältnisssen, bei wirtschaftlich unsicheren 'Arbeitgebern', und deswegen sind sie auch kein Ersatz für eine solche Berufsperspektive - weder im Einzelfall noch gar als Modell.

Wenn ein wissenschaftlich Hochqualifizierter also nicht eine Einkommensquelle im Hintergrund hat, aus der er, ohne eine Erwerbsstellung auf dem Arbeitsnarkt gefunden zu haben, wenigstens als Privatier leben kann, so sollte er es sich mehrfach überlegen oder unter Umständen ganz unterlassen, einen langjährigen Qualifikationsweg zu wählen , an dessen Ende statistisch gesehen überwiegend soziale Unsicherheit - für den Einzelnen ebenso wie vielleicht eine Familie, die er gerade gründen will, - steht.

III. Zur Statistik.

1. Weder Daten über den Verbleib 'normaler' Hochschulabsolventen innerhalb und außerhalb von Berufslaufbahnen noch speziell über ihre Arbeitslosigkeit werden amtlich-statistisch umfassend erhoben; erhoben ist aber, daß bei einer Gesamtbevölkerung der deutschen Bundesrepublik von derzeit ca. 82 Mill. ca.12 Prozent, d. h. ca. 9, 8 Mill.(aus allen Altersgruppen) einen Hochschulabschluß haben. Über die Arbeitslosigkeit in diesem Bevölkerungssegment gibt es folglich nur Schätzungen, und zwar auffällig unterschiedliche, die es nahelegen, glaubwürdige, nachprüfbare, öffentliche Klarheit durch statistische Erhebungen herzustellen. Die niedrigste mir bekannt gewordene Schätzung (Quelle: http://www.kurse-weiterbildung.de/akademiker-und-arbeitslosigkeit/) liegt bei 1 % und die höchste bei ca. 14 % (Quelle: http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hochschulabsolventen-oft-arbeitslos9712.php). Bei der niedrigsten Schätzung wären das 98.000, bei der höchsten 1.372.000 Personen. Welche solcher Schätzungszahlen auch immer in der Nähe der Wahrheit sein mögen, bei ihrer so oder so gegebenen Höhe kann ein erfolgreich abgeschlossens Studium keine Garantie für einen angemessenen oder angestrebten Arbeitsplatz sein. Mag sein, daß darin ein Grund für eine in letzter Zeit zurückgehende Studienanfängerzahl im bundesdeutschen Bereich liegt.

2. Auch für den Verbleib promovierter oder habilitierter Wissenschaftler innerhalb und außerhalb von Berufslaufbahnen gibt es keine statistischen Erhebungen, sondern nur Einzelstudien und -schätzungen. Nach der letzten umfassenden Studie zum Verbleib habilitierter Wissenschaftler (des alten Bundesgebiets, 'Karpen-Studie', 1986) wurden für die Jahre 1980 - 1985 3655 Fälle bekannt und untersucht. Von diesen befanden sich 736 (= 20, 1 % ) auf unbefristeten Professuren. Auf anderen unbefristeten wissenschaftlichen Dauerstellen befanden sich 673 (= 18,4 % von bekannten 3655). Als im wissenschaftlichen Bereich gesichert berufstätig konnten demnach 38,5 % (von bekannten 3655) angenommen werden. Außerhalb der Wissenschaft waren nur 126 (= 3,5 % von 3655) als berufstätig bekannt. Der 'Rest' der Befragten äußerte sich nicht. Wenn als beruflich gesichert nur insgesamt 42 % von 3655 bekannten Fällen gelten konnten, so ergibt sich, daß für 58% keine Klarheit herzustellen war. Welche Gründe hätte es aber geben können, sinnvoll gestellte Fragen nicht zu beantworten, als - von Vergeßlichkeit und Dummheit abgesehen - solche der Unzufriedenheit mit der erreichten Lebensstellung? Wer teilt schon gern mit, daß er ein Lebensziel nicht erreicht hat? Der größte Teil der 58 % dürfte daher so einzuordnen sein. Heute ist es trotz der deutschen Wiedervereinigung und des Wachsens der Habilitationszahl - von damals (in der alten Bundesrepublik) etwas über 1000 jährlich auf jetzt (in der neuen Bundesrepublik) weit über 2000 im Jahr - im Hinblick auf verlangsamtes Stellenwachstum bzw. zunehmende Stelleneinsparungen im Hochschulbereich anzunehmen, daß das Verhältnis beruflich gesicherter zu nicht gesicherten hochqualifizierten Wissenschaftlern noch erheblich ungünstiger ist als 1986. Auch dies bedürfte einer erneuten umfassenden Untersuchung.

IV. Fragen:

1. Welche Wissenschaftspolitik kann es sichern, daß der seit Jahrzehnten erheblichen Unterbeschäftigung innerhalb der Bevölkerungsgruppe der wissenschaftlich Hochqualifizierten durch angemessene statistische Erhebungen oder Studien und durch hochschul- und gesellschaftspolitische Konzepte eines umfassenden, qualifikationsangemessenen Einsatzes auf geeigneten gesellschaftlichen Arbeitsfeldern entgegengetreten wird?

2. Warum wurden im Konzept einer Tagung, die Studienabsolventen 'Lust auf wissenschaftliche Karriere' machen will. Fragen nach dem Ausmaß der beruflichen Unsicherheit für wissenschaftliche Hochqualifikationen in keiner Weise - weder in einem vorgesehehenen Vortrag noch in einem angesetzten Diskussionsforum - berücksichtigt?


B. Zur Tagung am 25. Febr. 1010.

'KISSWIN' ist eine Abkürzung, erfunden in einem Referat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sie steht für die Worte "Kommunikations- und Informationssystem Wissenschaftlicher Nachwuchs". Dieses Informationssystem, so erfährt man aus der 'Wikipedia', "will Transparenz und Orientierungshilfen für den Forschungsstandort Deutschland schaffen und schnelle und individuelle Unterstützung sowie Beratung zu Fördermöglichkeiten bieten. Dadurch soll dazu beigetragen werden, die individuell passende Förderung für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland zu finden. Das Projekt KISSWIN wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert." Ferner: "Die inhaltliche Gestaltung wird in gemeinschaftlicher Redaktion des Zentrums für Lern- und Wissensmanagement / Lehrstuhl für Informationsmanagement im Maschinenbau (ZLW/IMA) der RWTH Aachen und des Dezernats 4.0 Technologietransfer und Forschungsförderung der RWTH Aachen realisiert."

Folgende Frage stellt sich zunächst: Wieso enthält die Abkürzung 'KISSWIN' wenigstens ein S zu viel? Streng genommen hätten gar die vier Buchstaben 'KIWN' ausgereicht. Offenbar war aber die Assoziation an die globalenglischen Worte 'kiss' und 'win' wichtiger als ein gestaltloses, wenn auch angemessen distanziertes Informationskürzel. Übersetzen müßte man das werbemäßige Buchstabenornament ungefähr mit "Kuß (und) Sieg". Ja, an wen als Empfänger eines Kusses ist denn gedacht? Wohl nicht an einen Menschen, sondern eher an so etwas wie eine 'Fahne des Sieges'. Oder geht es bei 'win' vielleicht um einen Gewinn in einem Glücksspiel?

Welcher Absolvent einer Hochschule, der für eine wissenschaftliche Laufbahn in Frage kommt, wird da nicht mit Zweifeln an der Ehrlichkeit des Angebots reagieren? Muß ihm nicht der Verdacht kommen, er solle darüber getäuscht werden, daß in der Wissenschaft offenbar an Gütern dieser Welt oft nichts zu 'gewinnen' ist? Daß Wissenschaftler deshalb ihren eigentlichen Lebenssinn in einem prinzipiell entgeltlosen Gedankenwerk sehen und in einem reinen Austausch darüber mit wenigen verständigen Mitmenschen erreichen müssen?

Kann man für so etwas einfach 'Lust machen' wollen, ohne dabei deutlich auch die Frage nach den beruflichen Verwertungschancen und -risiken zu stellen?

Anerkannt werden mag ein guter Wille des für 'KISSWIN' letztlich zuständigen Bundesministeriums, in einer Zeit allgemeiner Arbeitslosigkeit, auch für 'Akademiker', 'Mut zu machen' zu einer Qualifikation mit riskanten Berufschancen, welche erwiesenermaßen nunmehr jahrzehntelang bestehen und unabsehbar lange Jahre in Zukunft fortbestehen werden. Denn die Wissenschaft muß ja trotzdem irgendwie weitergehen.

Aber man darf, wenn man Mut macht, dem zu Ermutigenden nicht Sand in die Augen streuen. Um es zu wiederholen, damit es nicht überlesen werden kann: Nur ein Teil der diesen riskanten Weg Beschreitenden wird beruflich Erfolg haben, und zwar nur ein kleinerer Teil. Denn von den jährlich Habilitierten, deren Zahl im heutigen Bundesgebiet bei ca. 2200 liegt, erreichen nur 40 % das - in einer durchschnittlich ungefähr 10-jährigen, über das 40. Lebensjahr hinaus reichenden Qualifikationssequenz - angestrebte legitime Ziel einer Professorenstelle oder einer wirklich qualifikationsadäquaten anderen wissenschaftlichen Stellung. 60 % haben demgegenüber einerseits unnötig lange an einer 'Überqualifikation' gearbeitet, und andererseits werden ihre wissenschaftlichen Spezialqualifikationen unter ihrem eigentlichen Wert oder in problematischen Teilzeit- und Fristarbeitsverhältnissen genutzt.

An der Nicht-Information über das Grundproblem eines persönlich unkalkulierbaren 'Flaschenhalses' für die individuelle Planung einer wissenschaftlichen Karriere krankte die ganze Veranstaltung. Der unangenehm werbemäßig aufgemachte Zweck und Stil der Veranstaltung führte dazu, diese für die Adressaten äußerst wichtige Thematik nicht nur nicht zu einem Hauptthema zu machen, sondern vielmehr in der Einladung ganz und in der Tagungsdurchführung fast völlig auszublenden.

Sollte denn das Bundesministerium wirklich nicht eine Statistik oder Stichprobenuntersuchungen über den beruflichen Verbleib von Hochschulabsolventen allgemein und speziell von Habilitierten zur Verfügung gehabt haben? Die für die 'KISSWIN'-Konzeption zuständige Referatsleiterein jedenfalls war über die nunmehr seit Jahrzehnten gleichgebliebene '40%- Erfolgsquote' bzw. die '60%-Mißerfolgsquote' bei der Besetzung von Professuren durch Habilitierte informiert und hat das in einem singulären Beitrag im Rahmen einer Diskussion am Ende der Tagung in einem Nebensatz auch kurz berührt. Das war allerdings zu kurz und zu sehr am Ende der Tagung und zu nebensätzlich.

Soweit dieses Thema während der Tagung angesprochen wurde, geschah dies durch Tagungsteilnehmer, insbesondere durch eine schriftliche Stellungnahme (siehe oben unter A.), die der Verfasser dieses Berichts hartnäckig überall verteilte, wo er Ansprechpartner vermutete. Dann gab es aber zumeist nur verlegenes Lächeln; manchmal wurde seine durchaus mühevoll ausgearbeitete, schriftliche Stellungnahme auch als 'Pamphlet', er selbst, wenn er richtig gehört hat, als 'Heulsuse' beschimpft (die Verachtung war aber wechselseitig). Auch von den angesprochenen Referenten und Podiumsdiskutanten traute sich wohl keiner zu oder kam von selbst darauf, in einem Redebeitrag klar Stellung zu einem ausgelassenen Thema zu nehmen. Der Verfasser dieses Berichts erhielt dazu ebenfalls keine Möglichkeit, einmal wegen Fehlens einer für ein Publikum eingeplanten Diskussionszeit, zum anderen auch wegen.fehlender spontaner Flexibilität und Selbständigkeit in den Foren, die ja zumindest ad hoc vorgelegte, schriftlich ausgearbeitete Beiträge in guter akademischer Tradition hätten erörtern können.

Zu Beginn der Tagung wurde übrigens versucht, den Verfasser vom Flugblattverteilen abzubringen. Bei der Übergabe seines Blattes an Teilnehmer, Referenten und Veranstalter wurde er von verächtlich einheitlich gekleideten - also gewissermaßen mit einem 'korporativen Design' von der Art 'Wir lieben Lebenmittel' markierten - Hausordnungskräften darauf hingewiesen, daß er, so wörtlich, "Irritationen" verbreite. Er setzte sich dagegen unter Hinweis auf Art. 5 GG (Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit) zur Wehr, welcher gerade auf öffentlichen und wissenschaftsbezogenen Kongressen gelte und im übrigen sogar höher stehe als ein privates Hausrecht oder die Programmkompetenz eines Tagungsveranstalters in geschlossenen Räumen. Damit konnte er wohl nicht überzeugen, aber der pragmatischen Vernunft einen Weg bahnen, sodaß ein demonstrativer Konflikt auf der Tagung vermieden werden konnte.

Den während der Tagung gehaltenen Referaten kann man - in den Grenzen ihrer selbstgewählten Themenstellungen - Gründlichkeit und informativen Wert nicht absprechen. Allerdings wird vermutlich nur ein kleinerer Teil der anwesenden ca. 1000 Studienabsolventen persönliches Interesse an den zusammenfassenden Darstellungen - 'Perspektiven der deutschen Hochschullandschaft' (R. Kreckel, IfH Wittenberg), 'Forschen in und mit der Industrie' (F. Haberhauer, SM GmbH) und 'Wissenschaft als Beruf. Deutschland im internationalen Vergleich' (U. Teichler, INCHER Kassel) - gehabt haben.

Für die meisten der Tagungsbesucher werden vielmehr einige der Forumsdiskussionen, vielleicht auch der Erfahrungsbericht einer Doktorandin von unmittelbarem persönlichen Interesse gewesen sein. Allerdings erfüllten diese, soweit der Verfasser dieses Berichts sie zu besuchen Gelegenheit hatte, ihre Aufgabe nicht richtig. Als negativ fielen ihm, wie schon erwähnt, vor allem die durchweg zu langen und deshalb ermüdenden Moderatorenvorträge auf. Es fehlte deutlich eine forumsangemessene Redezeitbegrenzung auch für Referenten und Moderatoren. Eine solche ist ja auch bei schwierigen Themen auf eine Viertelstunde festlegbar, wenn es die Möglichkeit gibt, später erneut das Wort zu ergreifen. So erlebte der Verfasser nur Dauerredner und keine einzige Kontroversdiskussion.

Anerkennenswert ist - von dem unerträglichen, unsere Gegenwartskultur überall plagenden Werbungsstil abgesehen - gewiß auch die nicht selbstverständliche Mühe, die auf die Ausgestaltung eines freundlichen Rahmens der Veranstaltung verwandt wurde: es gab u. a. in Hülle und Fülle Wohlschmeckendes zu essen und zu trinken, und auch Musik, und jeder Tagungsteilnehmer erhielt einen '2 GB-Stick' für seinen Rechner. Die Möglichkeit, unbefangen auch mit Fremden zu sprechen, war dadurch gewiß atmosphärisch erleichtert.

Unangenehm, ja abstoßend wiederum war die vom Veranstalter gewollte demonstrative Einordnung des Tagungsgeschehens unter den 'sozialtechnischen' Begriff "networking", der eng verbunden schien mit einem generell 'management'-orientierten Verständnis wissenschaftlichen Austausches. Entsprechend wenig war auf der ganzen Tagung von den Inhalten der Wissenschaftsfächer, ihrer Gesellschaftsrelevanz und ihrer beruflichen Anwendung im engeren Sinne die Rede. Als unakzeptabel empfand es der Verfasser dieses Berichts ferner, daß alle Tagungsteilnehmer genötigt werden sollten, eine weiße Schleife mit dem Aufdruck des irreleitenden Werbeunwortes 'KISSWIN' zu tragen. Er tat es nicht und wurde gleich auch von 'Hausordnungskräften' darauf angesprochen. Er tat es trotzdem nicht.

Ein markantes und zugleich abschreckendes Beispiel für eine 'networking'-fixierte Einstellung war vor allem der Eröffnungsvortrag über die Entwicklung der ein Jahr alten Einrichtung 'KISSWIN' (S. Jeschke, RWTH Aachen; nach Mitschrift) . Die Referentin, von einer Fakultät für Maschinenbau kommend und spezialisiert auf das Fachgebiet 'Informationsmanagement', schilderte - deutlich in der Absicht, beispielhaft oder wegweisend zu wirken - u. a. ihren persönlichen und beruflichen Werdegang. Mit 30 Jahren habe sie "auf jeden Fall Professor werden" wollen und dieses Ziel dann mit allen Mitteln und unter Vermeidung aller Umwege mit äußerster Zielstrebigkeit verfolgt, was ihr bereits nach 9 Jahren den erwünschten Erfolg beschert habe. Phasen gelegentlichen Leidens habe sie durch gesteigerte Anpassung an widrige Umstände immer schnell hinter sich bringen können. Denn alles habe sie unternommen, um dem ersehnten Erfolg systematisch näherzukommen: so etwa Auslandsaufenthalte, die Erfahrungssammlung bei der "Drittmitteleinwerbung" oder beim "soft management". Systematisch ausgesuchte und hartnäckig ausgebaute Kontakte zu Professoren hätten die "wichtigeren" von diesen "auf ihre Seite" gebracht und ihr die 'Durchsetzung' gegen die immer vorhandene Konkurrenz ermöglicht. Früh habe sie durch Teilnahme an Berufungsverhandlungen gelernt, worauf man bei einer angestrebten wissenschaftlichen Karriere achten müsse. Die gezielt ausgesuchte Mitgliedschaft in geeigneten Vereinen und Organisationen aller Art seien für sie beim "networking" ebenfalls hilfreich gewesen. In diesem Sinne, so schloß sie, sei Deutschland für sie ein Land mit hervorragenden Chancen für eine wissenschaftliche Karriere gewesen. Auch für andere könne es so sein. Was sie inhaltlich an ihr Fachgebiet band oder bindet und was sie an seinem Inhalt ('Informationsmanagement') evtl. bedenklich findet, erfuhr man an keiner Stelle.

Obschon die Offenheit dieses Vortrags durchaus anzuerkennen und auf ihre Weise lehrreich war, so ist doch herzlich zu wünschen, daß derartige Karrieremodelle im engeren Wissenschaftsbereich möglichst wenig Erfolg haben mögen. Es ist auch dringend an das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Länderkultusministerien und überhaupt die Wissenschaftspolitik, ja sogar an eine 'wissenschaftsnutzende Wirtschaft' zu appellieren, im Interesse der Wissenschaft, letztlich aber auch in ihrem eigenen Interesse, dermaßen geistig nichtigen, geisttötend-langweiligen Karrieremodellen keinerlei beispielhafte Qualität für ihre Wissenschaftsförderung oder ihre Personalpolitik verleihen zu wollen.


C. Zu alternativen wissenschafts- und gesellschaftspolitischen Modellvorstellungen.

Es bleibt die Frage offen, was man denn - über die Kritik hinaus - an positiven politischen Ideen für die Lösung der angesprochenen Probleme beisteuern könne.

Das ist nicht einfach, weil man einerseits dafür das Problem in seiner historischen Entwicklung, zum anderen in einem größeren sozialen Zusammenhang verstehen muß, wenn man es nicht als im Grunde unwichtige Klage sowieso schon Privilegierter abtun will.

Die angesprochenen Probleme kann man als solche einer 'Überproduktion' wissenschaftlicher Hochqualifikation verstehen, die sich erst seit den 1970er Jahren, zunächst im bundesdeutschen Bereich, entwickelt hat. Im Bereich der DDR gab es die Problematik wegen deren planwirtschaftlicher Vollbeschäftigung nicht.

Sie ist hin und wieder, allerdings selten, auch wissenschaftlich-empirisch untersucht worden - wie etwa vor sehr langer Zeit in der sog. 'Karpen-Studie' d. J. 1986. Betroffen sind seltsamerweise höchstqualifizierte Wissenschaftler in beachtlicher Größenordnung.

Als 'höchstqualifiziert' werden hier Wissenschaftler mit 'Habilitations- oder habilitationsähnlicher Qualifikation verstanden. Sie haben dafür mehrere aufwendige und langjährige, heute durchschnittlich bis zum 41. Lebensjahr andauernde wissenschaftliche Qualifikations- und Spezialisierungsphasen hinter sich zu bringen.

Die Gesamtzahl dieses öffentlich zumeist kaum wahrgenommen Bevölkerungssegments ist zur Zeit auf etwa 30.000 zu schätzen. Der größere Teil, ca. 60 % dieser Höchstqualifizierten, erreicht das berechtigte und sinnvolle Ziel irgendeiner sozial gesicherten, qualifikations- und spezialisierungsentsprechenden Dauerstellung in einem angemessenen wissenschaftlichen beruflichen Aufgabenfeld nicht.

Dabei haben Ziele und Inhalte ihrer Höchstqualifikation in aller Regel eine strenge wissenschaftliche Überprüfung in mehreren Kontrollverfahren erfahren. Dies schließt es aus, daß auch nur ein Teil von ihnen wissenschaftlich unbrauchbar sein könnte.

Warum also keine angemessene berufliche Verwendung im Wissenschaftsbereich?

Die Antwort darauf ist ebenso einfach wie für die Betroffenen erbitternd: Im öffentlichen Dienst sind für ihre Beschäftigung keine Finanzmittel vorhanden.

Auch auf dem 'Arbeitsmarkt' einer 'Marktwirtschaft' gibt es an ihnen als - jedenfalls soweit es nicht um besonders nachgefragte Spezialistenstellungen geht - keinen Bedarf, selbst was bescheiden-angemessen vergütete wissenschaftlich Dauerstellungen betrifft. D. h.: als hochspezialisierte und -qualifizierte Wissenschaftler können sie mit ihren besonderen wissenschaftlichen Fähigkeiten dort nicht produktiv tätig werden.

Dort braucht man sie allenfalls als Teilzeit-, Frist- und Unterwert-Arbeiter oder als Arbeitskräfte, die dienstabhängig wissenschaftsfremde Arbeiten oder in Auftragsverhältnissen alle möglichen Arbeiten verrichten. Den Höhepunkt des marktwirtschaftssystemimmanent Denkbaren stellt die 'Gründung eines selbständigen Unternehmens' dar - auf einem weiten Feld, das vom wissenschaftlich durchdachten Teeimport bis zum wissenschaftlich vorgebildeten Redenschreiben für zahlungsfähige Kunden reicht.

Ein - vermutlich kleinerer - Teil der Betroffenen gelangt aber auch nicht in derartige Provisorien, sondern wird sich sogar arbeitslos melden müssen. Statistisch werden darüber, soweit bekannt, gegenwärtig keine Daten erhoben.

Denjenigen, die von solchen Perspektiven selbst betroffen sind, ist es kaum möglich, sich mit ihnen als 'vernünftig' oder gar als 'unvermeidlich' oder 'unveränderbar' abzufinden. Vielmehr werden sie, wenn sie nicht schon innerlich gestorben sind, zu einer diesem 'objektiven Unsinn' leidenschaftlich entgegengerichteten Parteinahme gedrängt.

Dennoch sei betont: Das angesprochene Problem ist 'vergleichsweise' gering, verglichen mit denen, die andere Menschengruppen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft mit dem Arbeitsmarkt oder gar mit ihrer sozialen Existenz außerhalb seiner haben.

Heute etablierte Wirtschafts- und Sozialverfassung gibt offenbar keine Handhaben, solche Fehlfunktionen wirklich abzustellen. Das Prinzip des privaten Wirtschaftseigentums als derzeit tonangebender Struktur der Privatwirtschaftsverhältnisse hält seiner Anlage nach die Privateigentümerseite fast nowendigerweise davon ab, etwas anderes anzustreben als rationalisiert erwirtschaftete Kapitalrenditen. Da hilft auch das Gummi-Wort 'sozial', das einige Wirtschafts-Theoretiker oder -Ideologen im öffentlichen Munde führen, prinzipiell nicht weiter. Da Wissenschaft ihrerseits prinzipiell langfristig und allgemeinwohlbezogen arbeiten muß, um zu umfassend sinnvollen - und nicht nur wirtschaftlich verwertbaren - Ergebnissen zu kommen, kann sie in einem unbeaufsichtigten Privatwirtschaftssystem notwendigerweise nur am Rande stehen. Wo sie dort Bedeutung hat, muß sie ja eng mit praktisch-wirtschaftlichen Unternehmenszwecken verzahnt sein. Für die rationelle Organsiation gesellschaftsweiter Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen - auch wissenschaftsbezogener Art - ist ein Privatwirtchaftssystem, wenn es nicht unter wirksamer politischer Kontrolle steht, ungeeignet.

Wissenschaft benötigt folglich, jedenfalls für die meisten ihrer Fachgebiete - prinzipiell einen öffentlich-rechtlichen Rahmen - wie im Universitätsssektor, nur vielleicht etwas moderner und wissenschaftlich effektiver.

Aus diesem Grunde wird sich prinzipiel wohl nur unter Bedingungen einer öffentlich-rechtlich vernünftig vorgeordneten, moderaten Planwirtschaft ein alternativer Lösungsansatz für die Beseitigung des Problems der Nichtnutzung wissenschaftlicher Hochqualifikations-Kapazitäten finden lassen. Das ist ähnlich wie bei dem Problem der Nichtnutzung anderer Arbeitskraft, für die 'der Markt' keine Beschäftigung bereitstellen kann.

Unter vernünftig vorgeordneten Regeln einer differenzierten Arbeits- und Sozialverfassung, die am besten auch den all zu kurzen und undifferenzierten Art. 14 GG bald einmal ersetzen sollte, wäre es vielleicht möglich,

a) die Strukturen der Wirtschaftsordnung, was die Bedürfnisse der Wissenschaftstätigkeiten betrifft, in angemessenem Umfang allgemeinwohlorientiert und öffentlichrechtlich zu organisieren,

b) großräumige Investitions- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zur Beseitigung der allgemeinen Arbeitslosigkeit - und dabei auch der Wissenschaftlernichtbeschäftigung - aufzulegen,

c) vielleicht eine spezielle, wissenschaftsnahe Bund-Länder-Anstalt speziell für Wissenschaftsförderung und Wissenschaftseinsatz zu schaffen, die die Aufgabe hätte, den Einsatz hochqualifizierter wissenschaftlicher Arbeitskräfte an Hochschulen, in der Wirtschaft und in anderen Institutionen zu vermitteln, und die oben zu b) genannten speziell wissenschaftsbezogenen Arbeitsbeschaffungsprogramme zu organsieren

Bei all solchen Maßnahmen wäre es nicht nötig, an die Betroffenen unnötig hohe Einkommen zu zahlen. Vielmehr würde es ausreichen, ein bescheidenes Minimaleinkommen zu sichern.

An solchen Ideen ist das Wichtigste, daß sie überhaupt ausgeprochen werden. Die hier letztlich mitangesprochenen politischen Parteien und Wissenschaftsverwaltungen mögen sie aufnehmen oder es sein lassen. Soweit sie sie aber - trotz ausdrücklichen Hinweises - ignorieren oder eine Diskussion über sie verweigern, haben sie zumindest die leidenschaftliche Ablehnung, ja Verachtung, der möglicherweise schon 30000 Bewohner eines kleinen gallischen Dorfes vollauf verdient.

Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, FG Geschichte. Zuschriften bitte an Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin oder EP: christian.gizewski@tu-berlin. de, http://agiw.fak1.tu-berlin.de .

Stand der Bearbeitung dieser WWW-Seite: 6.Juni 2011.

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