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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet über eine systematische Ausbeutung höchstqualifizierter Wissenschaftlicher in der Bundesrepublik Deutschland.

Von Christian Gizewski.

Bearbeitungsstand: 10. Jan. 2013 (Erstfassung Jan. 2012).


1) Zu einem Bericht von Stefan Laube in der FAZ vom 22. 2. 2012.*)

Ein mutiger und sorfältig informierter Angehöriger der 'dritten Generation' anstellungsloser Hochschullehrer in der Bundesrepublik Deutschland nach der Veröffentlichung der 'Karpen-Studie' im Jahre 1986, hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. 2. 2011, Abteilung Forschung und Lehre, einen lesenswerten Beitrag zum Thema 'Akademisches Prekariat und Privatdozentur' veröffentlichen können. Eine Generation in diesem Sinne kann man mit 11 Jahren ansetzen, der Zeit, die man mindestens braucht um nach Beendigung eines Studiums die Qualifikationsstufen Promotion und Habilitation hinter sich zu bringen, die formellen Voraussetzungen einer Tätigkeit als Hochschullehrer.

Der Beitrag sei deshalb zunächst - hier in elektronische Kopie - zur Lektüre empfohlen:

1) Stefan Laube, Das akademische Prekariat hat einen Namen: PD.

Der 1964 geborene Autor beendete, soweit aus seinen Daten unter http://www.stefanlaube.de/40896.html ersichtlich, sein fünfjähriges Studium der Neueren Geschichte, Politik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahre 1991 mit sehr gutem Ergebnis, promovierte dann 1997 magna cum laude mit einer Dissertation: "Fest, Religion und Erinnerung im Königreich Bayern" (erschienen im Verlag C.H. Beck im Jahre 1999), um schließlich nach einer Serie weiterer Studien und Fristarbeitsverhältnisse und verschiedenen weiteren interessanten und sinnvollen Horizonterweiterungen im Jahre 2010 seine Habilitation beim Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin (Prof. Dr. Hartmut Böhme) abzuschließen. Der Titel der 2011 im Akademie-Verlag erschienenen Habilitationsschrift lautete: "Von der Reliquie zum Ding. Heiliger Ort - Wunderkammer - Museum".

Wer Laubes kulturwissenschaftlichem Fachgebiet fernersteht, wird ein solches Thema vielleicht als gedanklichen Luxus mißverstehen, der eines insgesamt 20-jährigen Aufwandes, der ihm zugrundlag, nicht wert gewesen sei, und zu der Schlußfolgerung gelangen, ein solcher Mann sei nunmehr jedenfalls für nützlichere Aufgaben, etwa im Wirtschaftsbereich für die Mehrung des wirtschaftlichen Allgemeinwohls, einzusetzen. In diesem Sinne äußerte sich vor kurzem - allgemein - etwa die noch derzeitige Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Herr Laube kann, um von ihm als Typus zu reden, in Zukunft sicherlich solche verantwortungsvollen Aufgaben übernehmen wie etwa das Redenschreiben für Politiker oder die intellektuelle Zuarbeit zur Selbstdarstellung eines Unternehmens der Gesundheitswirtschaft oder der Textilindustrie. Er kann vielleicht auch ein eigenes kleines Unternehmen gründen; es muß ja nicht auf dem Gebiete eines betriebswirtschaftlich modernisierten Devotionalienhandels sein. Sehr nahe liegt vor allem eine berufliche Tätigkeit als freier Journalist, Ausstellungsgestalter oder Konferenzorganisator in kürzerfristigen Auftrags- und Arbeitsverhältnissen; denn als solcher war er schon in den letzten 10 Jahren öfters tätig.

Aber eigentlich ist Herr Laube jahrelang für die Berufung in ein Professorenamt ausgebildet worden. Daß er mittlerweile darüber 'schon' 46 Jahre alt geworden ist, macht es plausibel, daß er unter Ausbau seiner wissenschaftlichen Spezialisierung in einer zumindest bescheiden-angemessenen Dauerstellung an der Universität weiterarbeitet oder auf einem ähnlichen Arbeitsgebiet wie ein Professor außerhalb der Universität dauerhaft eingesetzt wird. Aber wird das gelingen?

Die Chancen dagegen stehen heute allgemein für Habilitierte etwa 60 zu 40. D. h. 60 % der Habilitierten haben - wegen der begrenzten Hochschullehrerstellenzahl - keine Chance, in eine gesicherte Lebenszeitstellung als Hochschullehrer oder in vergleichbarer Position zu gelangen, für die sie eigentlich speziell und mit großem Aufwand ausgebildet wurden. Darauf hat die Gruppe der Betroffenen in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder einmal, allerdings nur sporadisch und kaum unterstützt von Wissenschaftsverwaltungen und politischen Parteien, öffentlich hingewiesen. Im Rahmen dieser WWW-Seite, und zwar in deren Forum 'Cricetus criticus' (http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Cricetus/Cric.htm) in der dortigen Abteilung III ("Zu den seit Jahrzehnten ungelösten Problemen für das Professorenamt qualifizierter Wissenschaftler.") sind im Laufe der Jahre zahlreiche Dokumente zu diesem Thema zusammengekommen.

Dabei sind auch 'politische Alternativvorstellungen' zum gegenwärtigen Mißstand konsequenter Nichtbeachtung durch den dafür m. E. hauptverantwortlichen Staat formuliert worden (vgl. etwa: http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Cricetus/C12.html), dort inter C.), die zumindest einer Diskussion wert wären; denn man findet sie öffentlich sonst kaum entwickelt. Man kann derartiges ja nicht der gegenwärtig vielfach stark überschätzten Organisationspotenz 'freier' Marktwirtschaft überlassen.

Ein Lösungsansatz, der über das den Betroffenen nicht selten vorgehaltene 'bloße Klagen' hinausginge, müßte allerdings wohl die 'Systemfrage' stellen, d. h. über den gegenwärtigen öffentlichen Gedankenrahmen einer radikal-marktwirtschaftlichen Auflösung öffentlich-rechtlicher Organisationsformen der Gesellschaft hinausgehen.

Das Bild vom 'armen Poeten' jedenfalls, das dem Beitrag von Stefan Laube beigegeben wurde, ist jedenfalls etwas zu idyllisch, um zu einer etwas resoluteren Kritik eines generationenlangen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Unordnungszustandes hinzuführen.


2) Zu einigen Kommentaren in der FAZ betreffend die Kritk und Anregungen von Stefan Laube (FAZ 22. 2. 2012.

Es liegen mittlerweile zwei in der FAZ abgedruckte Stellungnahmen beamteter Hochschullehrer vor, die an dieser Stelle in Kürze kommentiert werden sollen.

Wie der Bericht des Hochschullehrer-Kollegen Laube seien auch diese Beiträge zunächst zu einer sorgfältigen Lektüre empfohlen:

2) FAZ-Beitrag Rieble vom 29. 2. 2012 ('Der PD muß früher aussortiert werden').

und

3) FAZ-Beitrag Busch vom 10. 3. 2012 ('Das Glüchssoiel einer akademischen Karriere') .

Es gibt für die Genannten und andere Interessenten die Möglichkeit, an dieser Stelle auf meine Einwände gegen ihre Beiträge in entsprechender, angemessener Kürze zu entgegnen, wenn Sie möchten.

Zum Beitrag zu 2):

Herr Rieble fordert die 'Aussortierung' von verfahrensmäßig nachgewiesenermaßen wissenschaftlich Höchstqualifizierten, offenbar aller Fächer und Universitäten, 'wenn' sie wegen 'Mittelmäßigkeit' ungeeignet seien, in eine beamtete Professor zu gelangen. Mit welcher Urteilskompetenz kommt er zu seinen Thesen? Wie ist er selbst zu seiner Professorenstellung gekommen? Wohin mit den Auszusortierenden? Was hat er hochschulpolitisch oder arbeitsmarktpolitisch konstruktiv vorzuschlagen, 'hinreißender Praktiker', der er offenbar ist?

Es ist zunächst unklar, wann nach Herrn Riebles Vorstellung die 'Aussortierung' vor sich gehen soll. Vor oder nach der Habiltitation? Wenn vor in einem 'informellen Verfahren' vor der Habilitation, wer soll sie wann vornehmen und wie? Der 'Betreuer' eines Habilitanden und -wohlgemerkt - ohne Habilitationsverfahren? Oder ein Fakultätsrat ohne Habilitationsverfahren? Immerhin hat der Habilitand sich promoviert, wie ich es formulieren möchte, und ihm gebührt allein schon aufgrund dessen das Recht, sich, wenn er es anstrebt, wissenschaftlich weiterzuentwickeln, bis in einem strikt objektiven, glaubhaft außerhalb eines Mauschelei-Verdachts stehenden, rechtlich geordneten Überprüfungsverfahren seine Habilitationsschrift und seine weiteren wissenschaftlichen Leistungen eine Überprüfung daraufhin erfahren, ob er die Fähigkeit hat, Hochschullehrer zu sein, d. h. auch: eine Professur auszuüben.

Ist die Habilitation erfolgt, so ist ohne jede Einschränkung erwiesen, daß der Habilitierte die sorgsam überprüften Fähigkeiten hat. Will Herr Rieble das etwa bestreiten, professoriert wie er ist? Mit welchen Argumenten und in welchem Verfahren? Durch eine reichlich oberflächliche und unwissenschaftliche Leserzuschrift an die FAZ, in der er außerdem nicht nur einen bestimmten Wissenschaftler-Kollegen, sondern gleich eine ganze - dazu noch sehr zahlreiche - Gruppe derartiger Kollegen öffentlich diskreditiert? Ein solches Habilitationsdiskreditierungsverfahren ist im gegenwärtigen Hochschulrecht zum Glück nicht vorgesehen. Ich halte eine derartige Diskreditierung vielmehr für besonders grundlos, unkollegial und unbedacht. Das 'Schicksal', wenn es ein solches gibt, möge ihm das angemessen vergelten. Vielleicht besinnt er sich aber noch vorher.

Glaubt Herr Rieble im übrigen wirklich, seine eigenen wissenschaftlichen Fähigkeiten seien im Vergleich mit denen der von ihm diskreditierten Kollegen so überaus hervorragend, daß es für ihn keine andere Entwicklungsmöglichkeit habe geben können, als in eine beamtete Professur zu gelangen? Mit welcher wissenschaftlichen Erkenntnismethode kommt er zu dieser Überzeugung von sich selbst? Hätte er selbst zu den 'Nichtberufenen' gehört, was doch statistisch gut denkbar ist, was würde er für sich selbst als Lösung erwogen haben? Wie ist er denn in seine Stellung gelangt? Allein durch Tüchtigkeit? Tüchtig sind wir alle.

Was an Herrn Riebles Beitrag außerdem wissenschaftlich und hochschulpolitisch zu wünschen übrig läßt, ist das Fehlen zumindest einer Skizze über ernstzunehmende berufliche Alternativen für 'unberufene' Habilitierte, sei es innerhalb des Universitätsbereichs, sei es auch anderwärts. Herrn Rieble fällt lediglich ein, die Lehrtätigkeit von Habilitierten im Universitätsbereich mit 2000,- EUR pro Semester zu vergüten. Im Gesamtzusammenhang seiner zu kurz gehaltenen Ausführungen wirkt dies allerdings erneut als Diskreditierung, zugleich aber auch als Konzept einer wirtschaftlichen und intellektuellen Ausbeutung: höchstqualifizierte Wissenschaftler, die in 'patchwork'-Arbeitsverhältnissen zu einem Minimalstlohn - ohne Sozialversicherung - arbeiten sollen. Ja, Herr Rieble, das sollten Sie abwechslungshalber mal selbst tun. Geben Sie noch heute Ihre Stellung auf und werden Sie wissenschaftlicher 'patchwork'-Arbeiter.

Warum kommt Herr Rieble nicht auf den Gedanken, die wissenschaftliche Produktivität und den wissenschaftlichen und generell den ideellen Wert der Habilitations- und Nachhabilitationsleistungen und ihre gesellschaftliche Nutzung und Förderung zur Ausgangsbasis seiner Überlegungen zu machen? Sein Fachgebiet gäbe doch gute Voraussetzungen dafür. Geht es um Konkurrenz? Wenn nicht, warum dann keinerlei Gedanke an wissenschaftliche Beschäftigungsprogramme, auch - aber nicht nur - der öffentlichen Hand, an diesbezügliche Kooperationsvereinbarungen des Staates mit der Wirtschaft, an Sozialversicherungsfragen?

Die Marktwirtschaft - auch eine 'soziale' - wird es nicht richten; denn sie hat kein Interesse an 'Produkten', die sich nicht richtig verkaufen lassen. Wissenschaft ist aber weithin - und sogar ihrem Wesen nach, Herr Rieble und alle in ähnlicher Weise zu kurz Denkenden, - unverkäuflich.

Zum Beitrag zu 3.)

Herr Busch weist ganz zu Recht auf die beruflichen Risiken hin, die eine Habilitation mit sich bringe. Er meint dabei das gegenwärtige, geschätzte, leider seit Jahrzehnten nicht arbeitsmarktstatistisch erhobene Mißverhältnis (40 : 60) zwischen der Zahl der im Universitätsbereich und in affinen Sektoren des Berufslebens vorhandenen Professorenstellen und der Zahl der Habilitierten, die qualifikationsgemäße Stellen suchen (dazu etwa auch: http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Cricetus/Cric.htm in der dortigen Abteilung III "Zu den seit Jahrzehnten ungelösten Problemen für das Professorenamt qualifizierter Wissenschaftler"). Dieses Mißverhältnis beschreibt er allerdings nicht näher, obschon er es - z. B. wenigstens mittels eigener Recherchen - versucht haben könnte und dies für die FAZ-Leser sicherlich lehrreich wäre. Zu Recht weist Herr Busch m. E. auch auf die Nichtwünschbarkeit von 'Notversorgungsstellen' im Universitätsbereich hin, weil deren Zahl notwendigerweise haushaltsmäßig ebenfalls begrenzt wäre.

Aus diesem Grunde würde übrigens auch ein kürzlich (28. 3. 2012) innerhalb der CDU-Fraktion des Bundestags aufgekommener Gedanke nicht weiterführen. Für einen vermutlich sehr kleinen Teil der sehr vielen - unbeschönigt gesprochen - ausgebeuteten und/oder nicht produktiv-angemessen eingesetzten Habilitierten soll - allerdings von den 'verfassungsmäßig dafür zuständigen Ländern', welche finanziell gut ausgestattet seien - "eine neue Kategorie unbefristeter Stellen neben Junior- und Vollprofessur" geschaffen werden. (Quelle: DHV-Newsletter 4/2012). Das ist nichts weiter als ein den Betroffenen seit Jahrzehnten bekanntes typisches politisches Flickwerkverhalten, verbunden mit demonstrativem Abschieben der eigenen politisch-konzeptionellen Mitverantwortung für ein zu lösendes Gesamtproblem.

Was das Beispiel Großbritanniens betrifft, so bedarf es m. E. nicht eines in diese Richtung gehenden kompletten Umbaus des deutschen Universitätssystems, um zu einer angemessenen politischen Lösung des Habilitierten-Problems zu finden; ja er wäre sogar unzweckmäßig.

Man könnte vielmehr zum einen die Rechtsstellung der 'Nebenberuflichkeit' auch im Hochschulrahmenrecht, aus dem die entsprechenden Paragraphen im Jahre 2004 vom Bundesgesetzgeber entfernt wurden, neu regeln, auf die beruflichen Bedürfnisse 'nicht-berufener' Habilitierter zuschneiden und unter legislatorischer Einbeziehung der Länder aus dem bisherigen, völlig unklaren Zustande herausführen. Ferner könnte man eine 'Bund-Länder-Anstalt für Wissenschaftsförderung' einrichten - vielleicht in Verbindung mit der Bundesanstalt für Arbeit, aber besser unabhängig von ihr, da es nicht eigentlich um Arbeitsmarktprobleme geht. Die Aufgabe einer als klein und effektiv denkbaren Behörde könnte es primär sein, wissenschaftliche Qualifikationen ihrem spezifisch-fachwissenschaftlichen Charakter gemäß gesellschaftlich zu nutzen - abseits des Einflusses unverständiger Bundes- und Kultusministerien und abgesichert gegen einen sachlich unangemessenen interessenbestimmten Einfluß einzelner Universitäten und Wissenschaftsverbände. Die vermittelten Beschäftigungen bräuchten nicht unnötig hoch - wie die gegenwärtigen professoralen Spitzengehaltsempfänger - bezahlt zu werden, sondern sollten in der Höhe ungefähr dem Gehalt eines 15 Jahre lang tätig gewesenen Lehrers im öffentlichen Dienst entsprechen und Altersversorgung und Sozialversicherung vorsehen.

Diese völlig gerechtfertigten Entgeltvorstellungen sind übrigens auch ein guter Vergleichsmaßstab für die Beurteilung des Maßes an Ausbeutung, welche den unzureichend bzw. den gar nicht ordentlich Beschäftigten mit Habilitationsqualifikation seit langem zuteilwird.

Als besonders dringend wäre aber - zur Ergänzung landesrechtlicher Regelungen über 'nebenberufliche' Hochschullehrertätigkeit - für die Hochschulgesetzgebung des Bundes und der Länder folgendes zu wünschen: die Einführung eines gesetzlich genau geregelten, anonymisierten, wirksamen Gegenkontroll-Verfahrens für die chancengerechte Besetzung hauptberuflicher Hochschullehrerstellen. Kollegiale Besetzungsentscheidungen, aber auch Quotenregelungen für Frauen oder ggf. andere Gruppen reichen dafür keinesfalls aus, weil sie - für sich belassen - die Gefahr der Förderung von 'Beziehungsbesetzungen' nicht ausschließen, sondern eher verstärken. Ein solches Gegenkontroll-Verfahren ließe sich m. E. unschwer juristisch ausarbeiten (Siehe dazu: Ein Gegenkontrollverfahren bei der Besetzung von Hochschullehrerstellen! Entwurf zur Diskussion von Christian Gizewski). Voraussetzung dafür wäre allerdings, daß ein Entwurf nicht einfach, wie zu befürchten, in irgendeinem einseitig-interessenprogrammierten oder bürokratischen Mülleimer verschwände.


3) Zu weiteren Zuschriften betreffend das Thema einer Ausbeutung nebenberuflicher Hochschullehrer

In der FAZ werden mutmaßlich noch weitere Zuschriften zum Beitrag Laube oder auch generell zum Thema einer wirtschaftlichen und intellektuellen Ausbeutung nebenberuflicher Hochschullehrer erscheinen. Es ist beabsichtigt, sie an dieser Stelle jeweils kurz und miteinander zusammenhängend zu kommentieren.

Alle hier Kommentierten können sich, wenn sie möchten, in entsprechender, angemessener Kürze an dieser Stelle ggf. gegenäußern.

In der FAZ vom 14. 3. 2012 behandeln zwei Beiträge (P. Haischer und C. Schmölders) das Thema eines 'Riebleschen Aussortierung-Prinzips'.

Herr Peter Haischer, Musikwissenschaftler in Weimar, weist in seiem Beitrag 'Kontrolle der Professorenschaft',darauf hin, daß, machte man dieses Prinzip zur Maxime einer allgemeinen Hochschulgesetzgebung, es der ganzen Gruppe der beamteten Professorenkollegen teilweise möglicherweise gerecht, im ganzen aber ganz unkonstruktiv und ungerecht - wie ihren unbeamteten Kollgen - an den Kragen gehen könnte.

Frau Claudia Schmölders, als Privatdozentin gemeinsam mit 12 weiteren männlichen und weiblichen Privatdozenten-Kollegen tätig am 'Institut für Kulturwissenschaft' der Humboldt-Universität Berlin, bringt in ihrer Zuschrift 'Was der Stat spart' die Möglichkeit zur Sprache, die Habilitation abzuschaffen, wenn man die Habilitierten hinterher nicht angemessen beruflich einsetzen und bezahlen könne. Der um das Jahr 2000 herum begründete - und nie aufgelöste - 'Verein' den sie, ein wenig zu ungenau, erwähnt, ist der - nicht-vereinsmäßige - 'Arbeitskeis habilitierter oder ähnlich qualifizierter Wissenschaftler in Berlin' ('AHW Berlin', siehe u. a.:.http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Cricetus/SOzuC3/AHWBln.htm). Seit damals - wie schon lange zuvor - ist in der Politik 'nichts geschehen', obschon ihren verschiedenen Parteien und ihrer medialen Öffentlichkeit unsere Anregungen und Forderungen immer wieder einmal nahegebracht - und dementsprechend auch im Internet ständig reaktualisiert wurden . Dennoch meine ich, daß die Betroffenen, gerade auch wenn sie mittlerweile über ihren ungelösten Problemen ergraut sind, weiterhin 'kämpfen' müssen. Schon im Interesse einer unzweifelhaft gerechtfertigten Selbstachtung, aber auch im überpersönlichen Interesse einer vernünftig organisierbaren Wissenschaft sollten sie entschieden dafür eintreten, daß die 'Habilitation' - als objektiv-verrechtlichtes Verfahren unreglementierter und produktiver wissenschaftlicher Fortentwicklung des dazu angelegten Einzelnen - erhalten bleibt. Sie müßten ihre eigene Stimme - sowohl als einzelne wie gemeinsam - aus der Deckung der (verständlicherweise manchmal) Verängstigten und Besorgten gehend - öffentlich erheben. Sie haben für sich sowieso nichts mehr zu erwarten.

Am wichtigsten ist m. E. für sie aber, folgendes zu beachten: Niemand in der Bevölkerung, niemand in den Parteien, die allerwenigsten in den Universitäten selbst wissen überhaupt, was 'Habilitation' ist und wert ist, für die ideelle und wirtschaftliche Produktivität der Gesellschaft gleichermaßen. Warum sollen sie sich dann dafür interssieren, was 'man mit den Habilitierten machen' sollte und was aus ihnen wird.

Deshalb: vor dem 'Typus Rieble' zu 'erschrecken' ist zuviel des ängstlichen und unnötig anpassungsbereiten Respekts für ihn und seinesgleichen. Man muß diesen leider häufig vorhandenen Typus Mensch vielmehr unerschrocken öffentlich lächerlich machen, wo er lächerlich ist. Er ist - trotz seiner Wissenschaftslaufbahn -, was seine Moral und seine Weitsicht betrifft, im besten Falle nicht ernst zu nehmen.

In der FAZ vom 15. 3. 2012 kommt Herr Prof. Remigius Bunia, geschäftsführender Leiter des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin, als Junior-Professor noch am unsicheren Beginn einer erhofften Professorenlaufbahn, unter einer spektakulären Überschrift ausführlichst zu Wort. Er vertritt eine apodiktische Meinung: 'Die Lehrbefugnis hat ausgedient.' Hat er selbst diese Überschrift erfunden? Das wäre traurig.

Er stellt, kurz zusammengefaßt, fest:

1. Es gebe an den heutigen Universitäten keine 'Lehre' mehr im Sinne der alten akademischen Tradition.

2. Der Einfluß des Staates auf die Besetzung von Professorenstellen sei gegenüber früheren Epochen anders geworden, aber nicht schwächer, sondern stärker.

3. Die Privatdozentur habe ihre frühere rechtliche und politische Funktion im Zusammenhang einer Abwehr unstatthafter hochschulpolitischer Einflußnahme auf den Lehrbetrieb der Universitäten verloren.

4. 'Man' solle deshalb auf sie verzichten.

Zu P. 1. bis 3. möchte ich ohne - an sich mögliche - eingehende Besprechung ihrer Argumente mit drei Allgemeinplätzen entgegnen: a) Es gibt selten ein Übel, dem man nicht auf irgendeine Weise sinnvoll begegnen kann, wenn man selbst wirklich will. b) Zum Glück ist 'die Politik' nicht allmächtig, und manchmal ist sie auch - wie wir alle - ein bißchen dumm, vor allem die Hochschulpolitik. Deswegen sollte 'die Politik' regelmäßig, am besten immer gleich nach einer einzigen Amtsperiode, abgewählt werden. c) Man sollte ein krankes Kind nicht dadurch heilen wollen, daß man es mit dem Bade ausschüttet.

Herrn Bunias Punkt 4. halte ich für besonders unrichtig. Er ergibt sich nicht notwendig aus P. 1 - 3. Wer es als Privatdozent in unserer Zeit wirklich will und nicht allzusehr auf den geförderten und schnellen beruflichen Erfolg aus ist oder sein muß, kann m. E. einen erfreulich freien Rahmen nutzen, den die 'nebenberufliche' Privatdozentur für eine wissenschaftliche Fortentwicklung demjenigen bietet, der nicht in eine Professorenstelle gelangt. Als politisch und akademisch völlig freier Geistesmensch kann er, wenn er, wie gesagt, will, seinen wissenschaftlichen Beruf mit andersartiger Berufstätigkeit kombinieren. Er kann ihn dabei sogar (trotz des rechtlich unklaren Gesetzesbegriffs einer 'Nebenberuflichkeit') i. S. der freien Berufswahl hauptberuflich an der Universität ausüben, zwar ohne die beamtenrechtliche Bezahlung und Absicherung seiner beamteten Kollegen, aber durchaus sogar in einer gewissen fachlichen Konkurrenz zu ihnen (wenn diese wirklich nötig und eine reelle Kooperation nicht besser ist). Für seine Finanzierung muß er zwar anderweitig selbst sorgen, und dies ist ein zumeist individuell nicht angemessen lösbares Problem. Deswegen ist 'die' - zum Glück prinzipiell nur zeitweilig - verantwortliche 'Politik' aufgerufen, in allgemeiner, konstruktiv-weitsichtiger Weise vernünftige Förderungsvorkehrungen schaffen zu helfen.Tut sie das nicht, muß man 'die' Politik eben abwählen.

Aber andererseits, was seine unbezahlte Freiheit betrifft, hat der Privatdozent durchaus auch mancherlei Nutzen dadurch für sich selbst und bringt auch einen Vorteil für die Allgemeinheit.

So ist ihm etwa bei der politisch-publizistischen Wahrnehmung von wissenschaftsbasierten Freiheitsrechten, z. B. aus Art. 5 GG - als freiem, nicht kontrollierbarem, gut ausgebildetem Individuum viel möglich, was andere nicht können, die sich in einem beamten- oder anstellungsrechtlichen Disziplin-Korsett befinden. Ja, er hat m. E. insoweit sogar eine gewisse parteiunabhängige, wissenschaftliche, von ihm ggf. ganz individuell-persönlich wahrzunehmende, grundgesetzlich geschützte (Art. 5 GG) Fürsorgeaufgabe für das Allgemeinwohl. Um politisch für die Allgemeinheit zu wirken, muß er also nicht in eine politische Partei eintreten oder sich deren Schutzes vergewissern.

M. E. gibt es daher nicht den geringsten Grund, auf die verfassungsmäßig geschützte Institution der Privatdozentur im Hochschulrecht zu verzichten.

In der FAZ vom 4. 4. 2012 bringt es Herr Eberhard König, Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, unter der Überschrift "Wer es geschafft hat, bildet sich gern etwas darauf ein" auf den Punkt, sodaß sich ein Kommentar an dieser Stelle darauf beschränken kann, den wohlerwogenen Kernsatz des FAZ-Beitrags König zu wiederholen: "... Wir leisten uns aus geistiger Faulheit, unterstützt vom Dünkel der meisten im sicheren Hafen ... lebenslänglich angekommenen Professoren, eine unerhörte Verschleuderung von Gütern, die der Gesellschaft zugute kommen müßten, schon weil sie und nicht nur die einzelne Persönlichkeit dafür bezahlt hat. Wir lassen Fähigkeiten brachliegen und stellen sie auch noch gnadenlos als unerheblich dar, ohne uns der Gefahr auszusetzen, beim gutbezahlten Kollegen reinzuhören, wie der sein Publikum zum Schnarchen bringt."

Das einzige, was ich selbst anders formuliert hätte, ist das Subjekt des Satzes. Nicht 'wir', sondern 'sie', die im Beitrag so schön abgebildeten Gartenzwerge (in hochschulpolitischen ebenso wie in akademischen Verantwortungsstellungen; deswegen zwei), leisten sich diesen Unfug. Mit diesen habe jedenfalls ich hoffentlich nicht das Geringste gemein.


*) Kopien der hier zugrundegelegten Zeitungsausschnitte dienen ausschließlich dem Zweck des argumentativen Referenz-Zitats innerhalb der kostenlos hergestellten, nicht-erwerbsorientierten und nicht-geschäftlichen, nur sondern wissenschaftlichen Belangen dienenden Internet-Gesampublikation 'Alte Geschichte im WWW'.

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Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, GF Geschichte, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin .