C 20

Die Bundestags-Poststelle.

Szene 1. Telephongespräch.

Ist dort die Bundestagsverwaltung?

Ja, was wünschen Sie?

Ich möchte vier Abgeordneten einen gleichlautenden Brief zukommen lassen, am besten durch direkte Übergabe, zumindest an ihre Bundestags-Büros.

Das ist nicht ohne weiteres möglich.

Warum? Es geht nur um eine Anregung für die Fraktionsberatungen vor den anstehenden Bundestagssitzungen.

Am besten, Sie richten diese Anregung per Post an die Adressaten.

Ich möchte Zeitverluste und Irrläufe vermeiden. Es wird doch gewiß möglich sein, den Abgeordneten Kirchhof (CDU), Rundli (SPD), Struwel (Grüne) und Geiser (Linke) schnell etwas vorzuschlagen, mit dem sie sachlich oder rechtlich schon zu tun hatten oder zumindest hätten zu tun haben müssen.

Haben Sie sich schon einmal mit den Fraktionsbüros in Verbindung gesetzt?

Ja, aber schon beim ersten Versuch wurde mir gesagt, daß man dort Briefe nicht ohne weiteres in Empfang nehmen darf. - Was heißt denn 'nicht ohne weiteres'?

Es muß alles über die Poststelle laufen.

Ich würde den Vorgang aber gern irgendwie absichern und beschleunigen.

Bitte, wenn Sie wollen, kommen Sie her und überzeugen sich an der Pforte des Bundestags. Vielleicht kommt jemand und nimmt Ihnen Ihre Briefe ab.

Szene 2. Vor der Pforte des Bundestags. Gespräch mit dort wachhabenden Polizisten.

Hallo, könnten Sie mir dabei behilflich sein, diese Briefe, die ich hier in der Hand halte, an der Pforte abzugeben?

Das dürfen wir nicht.

Könnten Sie dorthin telephonieren und darum bitten, daß jemand kommt und mir die Briefe abnimmt?

Das dürfen wir nicht.

Wie komme ich denn dann zur Poststelle?

Ja, vielleicht gehen Sie erst einmal in nördliche Richtung auf das große Gebäude dahinten zu und biegen dann hinter ihm rechts ab. So kommen Sie zum Wasser. Über dieses führen zwei Brücken. Sie müssen die untere benutzen und kommen dann zu einem anderen Eingang des Bundestags. Dort ist nach unserer Kenntnis die Poststelle. Der Weg dauert ungefähr 10 Minuten.

Ich hoffe, ich behalte alles. Ich bin schon ein bißchen älter und kann mir mehr als fünf Sachen auf einmal eigentlich nicht merken.

Dort ist das Elisabeth-Lüders-Haus, das kennen Sie doch.

Den Namen schon, aber nicht das Bauwerk.

Szene 3. Auf der anderen Seite des Wassers. Gespräch mit einem dort gehenden einsamen Manne.

Können Sie mir sagen, wo hier der Eingang ist?

Ja, kommen Sie mit. Ich habe einen Ausweis.

Endlich mal was Erfreuliches. Eigentlich will ich hier nur etwas abgeben, was für andere Menschen nützlich sein könnte, Vorschläge für die Verhinderung verfassungswidriger Eingriffe in Web-Seiten

Interessant. Sind Sie Jurist?

Ja, auch.

Interessant. Ja, hier sind wir. Viel Glück. Ich muß rein.

Szene 4. Im Innenbereich des Bauwerks vor einer Pförtnerloge. In dieser hinter Panzerglas zwei freundliche Pförtnerinnen, die sich über Mikrophon äußern.

Sind Sie die Poststelle?

Nicht mehr.

Seit wann?

Seit ein paar Monaten.

Können Sie trotzdem diese Briefe annehmen?

Das dürfen wir nicht?

Warum nicht?

Wir dürfen es nicht. Das tut uns selbst leid.

Wie komme ich denn dann zur Poststelle?

Wenn Sie sich jetzt umdrehen, dann sehen Sie dahinten das große Gebäude. Gehen Sie darauf zu, biegen Sie aber vor der Eingangsfront rechts ab. Sie kommen dabei an eine Schranke, die Sie eigentlich nicht passieren dürfen. Sie erkennen von dort aus an der folgenden Querstraße hinter den Büschen und einer verschlossenen Tür einen kleinen Containerschuppen. Dort ist die Poststelle.

Wie komme ich denn durch die Tür?

Wir rufen jetzt dort an, und dann macht Ihnen jemand auf.

Szene 5. Am geöffneten Tor der Poststelle warten zwei Dienstmänner in einheitlicher Wachdienstkleidung.

Sind Sie die Poststelle?

Wir sind von der Firma 'Minotaurus Systemanalyse und Spreng-Technik'.

Sind Sie nicht die Poststelle?

Doch, sozusagen. Wir untersuchen alle Zusendungen und vernichten sie, wenn sie verdächtig sind, Sprengstoff oder derartiges zu enthalten.

Meine Briefe aber bitte nicht; sie sind meines Erachtens völlig harmlos.

Wir eigentlich auch. Aber alle, die zu uns kommen, sind völlig aufgebracht und halten uns für Ungeheuer. Wir sind doch nur Subunternehmer.

Christian Gizewski. 8. Dez. 2014


Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I - Geisteswissenschaften - FG 'Alte Geschichte und Allgemeingeschichte', Universitätsadresse: Fakultätsverwaltung Fakultät I TU Berlin, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, WWW- Seite 'AGiW' - 'Alte Geschichte im WWW‘ - http://agiw.fak1.tu-berlin.de/ [z.Zt. verfassungswidrig immobilisiert.13.12.2014], EP: christian.gizewski@tu-berlin [z. Zt. verfassungswidrig gesperrt. 13.12.2014] .