Prinzipielle Bemerkungen zu den studentischen Aktionen des WS 1997/98 und des WS 2004 gegen Strukturdefekte im Ausbildungswesen.

Zur Notwendigkeit argumentativ fundierter Demonstrationen gegen aktuelle gesellschaftliche Fehlentwicklungen, auch im Bereich wissenschaftsbasierter Berufsausbildungen.

Vor einigen Jahren, nach studentischen Aktionen im Wintersemester 1997/98, bei denen mehrere Wochen lang Studenten an 140 Hochschulen des Bundesgebiets mitwirkten, stellte sich, wie auch schon bei studentischen Aktionen in den Jahren zuvor, den Organisatoren und Teilnehmern die Frage nach dem 'Erfolg' und damit auch nach dem 'Sinn' solchen Handelns. Erneut haben nun die Demonstrationen des WS 2003/2004 diese Frage aufgeworfen. Seit 1998 hat sich die finanzielle Lage der Hochschulen nicht verbessert, sondern weiter erheblich verschlechtert.

Selbst wenn studentischen Aktionen dieser Art in den letzten Jahren und auch jetzt wieder nicht zu politisch merkbaren Folgen zu führen pflegten, so haben sie doch eine wichtige Aufgabe gehabt: Studenten konnten die Erfahrung machen, daß sie auf Staat und Parteien nicht vertrauen dürfen, was deren vernünftiges Verhalten in Fragen der Wissenschaftsstruktur betrifft - und dies ist m. E. wenigstens eine wichtige persönliche und kollektive Erfahrung auf dem Wege hin zu fachlicher ebenso wie allgemeiner Bildung und heraus aus bestimmten Formen und Inhalten politischer Desinformation, wie sie für unser gegenwärtiges gesellschaftliches Leben derzeit prägend geworden sind.

Dazu möchte ich zählen verschiedene dogmenartig propagierte Formeln praktischer Politik

Bildung besteht auch darin, derartige politische Formeln geistig autonom und informiert in Zweifel zu ziehen und die Frage zu stellen, wieweit

im Zusammenhang stehen auch mit einer in Wirklichkeit vorbedachten Vernachlässigung der Wissenschaft und der wissenschaftsbasierten Berufsausbildungen, eines, wie vonseiten politischer Instanzen immer wieder formelhaft betont wird, an sich besonders produktiven Kräftefeldes der Gesellschaft.

Mit der Zielrichtung, daß einem gründlichen, systematischen Neunachdenken darüber bei all denen Nachdruck verschafft wird, denen im Interesse des ganzen Volkes zeitweilige Entscheidungsmacht in politischen, in sozialen, in wirtschaftlichen und und partiell auch in wissenschaftlichen Dingen anvertraut ist, haben sachlich begründete demonstrative Aktionen von Studenten gegen strukturelle Defekte des Ausbildungswesens auch dann einen Sinn, wenn sie nicht von substanziellen politischen Erfolgen gekrönt sind. Sie machen denen, die es angeht, falls sie jedenfalls hören wollen, deutlich, daß sie mit ihrem politischen Handeln und ihren Überzeugungen nicht überzeugen und daß sie zu gegebener Zeit, wenn sich dazu hoffentlich Gelegenheit ergibt, damit rechnen müssen, ausgewechselt zu werden.

Studenten werden dabei nicht aus den Augen verlieren, daß die Probleme des Hochschulbetriebs auf gegenwärtig große und künftig wahrscheinlich noch weiter zunehmende Hintergrundsprobleme des Arbeitsmarkts, der Wirtschafspolitik und vor allem auch der 'weltweiten Verflechtungen' heutiger Staatspolitik hinweisen, denen zu begegnen die heutigen Politikformen offenbar keinen Ausweg wissen. Aktionen sollten sich ferner nicht einfach etwa gegen die Ausbildungsinteressen der Studenten selbst oder gegen andere eher untaugliche 'Ziele' richten, sondern vor allem- dies ist auch Studenten durchaus möglich - energisch an der Entwicklung und Verbreitung öffentlicher Argumentationsformen mitwirken, die ein immer unerträglicher werdendes Maß an Untauglichkeit gegenwärtiger Politikformen für die Wahrnehmung der Interessen zumindest größerer Bevölkerungsschichten unseres Staates beweisen und bekämpfen. Zu diesen gehörten schon im Jahre 1997 u. a. auch mehr als 210.000 Arbeitslose mit Hochschulabschluß, zu denen nach vorliegenden Schätzungen - siehe dazu die nachfolgend abgedruckten Tabellen - bis zum Jahre 2007 wahrscheinlich noch mehrere hunderttausend am Arbeitsmarkt "überhängige" Hochschulabsolventen hinzukommen werden.

 

ARBEITSMAKTBILANZ FÜR DAS BUNDESGEBIET-WEST UND -OST: PROJEKTION BIS ZUM JAHRE 2010

(nach der Dokumentation der Bundesanstalt für Arbeit von Manfred Tessaring (Hg.), Die Zukunft der Akademikerbeschäftigung. Dokumentation eines Workshops der Bundesanstalt für Arbeit, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg 1996 (Beitr AB 201), S. 100 f.)

Trotz einer vorausgeschätzten Zunahme des Anteils von Hochschulabsolventen am Arbeitsmarkt (entsprechend einigen hunderttausend 'Stellen') über einen Zeitraum von 20 Jahren- dies allerdings zulasten anderer Qualifikationsgruppen - wird für das Jahr 2010 im Osten und im Westen des Bundesgebiets zusammen ein "Arbeitskräfteüberhang" allein unter den Hochschulabsolventen in einer Größenordnung von über 1,6 Mill. angenommen. Beide Prognosen sollten m. E. jeden sozial- und wissenschaftspolitisch aufmerksamen und gefühlsfähigen Zeitgenossen aufhorchen lassen und gegen die derzeitigen Entwicklungen politisch aktivieren. C. G. 

 Arbeitsmarktbilanz Bundesgebiet / Ost: Projektion für die Jahre 2000 und 2010.
 Arbeitsmarktbilanz Bundesgebiet / West: Projektion für die Jahre 2000 und 2010.

Lektürempfehlungen:

Zu den Perspektiven der Beschäftigung und des "Arbeitskräfteüberhangs" von Hochschulabsolventen in der Bundesrepublik bis zum Jahre 2010:

Manfred Tessaring /Hg.), Die Zukunft der Akademikerbeschäftigung. Dokumentation eines Workshops der Bundesanstalt für Arbeit, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg 1996 (Beitr AB 201).

Aktuell erschienene Lektüre zu den politisch-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Problems einer öffentlichen Vernachlässigung der im wesentlichen nicht marktförmig organisierbaren Bereiche sozialen Lebens (zu denen auchWissenschaft gehört):

John Kenneth Galbraith, Die Geschichte der Wirtschaft im 20. Jahrhundert. Eine Augenzeuge berichtet. (A Journey through Economic Time), Übersetzt von Sabine Wiermann, Hamburg 1995.

Siehe ferner:

Stellungnahmen akademischer Gremien der TU Berlin und anderer Universitäten zu studentischen Aktionen gegen strukturelle Defekte des Ausbildungswesens.

31. Jan. 2004

Christian Gizewski (Chistian.Gizewski@tu-berlin.de).