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Brief an den Senator für Wissenschaft zu Fragen der Berliner Wissenschaftspolitik (1999).

Der nachfolgend wiedergegebene Brief wurde verfaßt nach einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus über aktuelle Kernthemen der Berliner Hochschulpolitik. Sie fand während des Wahlkampfes in Berlin am 5. Okt 1999 statt. An ihr nahmen u. a. der damalige Senator für Wissenschaft Radunski als Referent und sein früherer Vorgänger Prof. Ehrhardt als Korreferent teil. Da die von Senator Radunski entwickelten Vorstellungen einerseits, soweit erkennbar, in verschiedener Hinsicht an verschiedenen Stellen im Wissenschaftsbereich nicht geringen Bedenken begegnen, andrerseits aber während der auf eine gute Stunde bemessenen Diskussion der Veranstaltung diese Bedenken kaum zum Ausdruck kamen, wurden sie vom Autor des Briefes zusammengefaßt und nachträglich dem Senator in seiner Eigenschaft als Vertreter eines zur Diskussion gestellten wissenschaftspolitischen Konzepts - nicht als Behörde - auf elektronischem Wege persönlich übermittelt. Sie waren und sind deutlich kritisch, aber zugleich konstruktiv und auch unparteiisch gemeint. Die Wissenschaftspolitik sollte solche Einwände offen aufgreifen und argumentativ erwidern, wenn sie kann. Eine Antwort auf sie erfolgte aber nicht. Sie werden deswegen an dieser Stelle veröffentlicht, um berechtigten Widerspruch gegen bestimmte Elemente heutiger Wissenschaftspolitik - nicht nur in Berlin - im Interesse einer über einen Wahlkampf hinaus weiterzuführenden Diskussion öffentlich zu dokumentieren. - Textveränderungen gegenüber der urspünglichen Netzbrief-Fassung, die der Verdeutlichung wegen vorgenommen wurden und die nicht reine Rechtschreibfehlerkorrekturen sind, werden durch eckige Klemmern markiert.

Wer der Frage nachgeht, wo die hier formulierte, ganz naheliegende Kritik heute in der alllgemeinen oder in der wisenschaftlichen Öffentlichkeit ausgesprochen wird, muß gegenwärtig den Eindruck gewinnen, fast allein zu sein. Nachdem er seine dadurch unbegründet entstandenen Selbstzweifel überwunden hat, verstärken sich allerdings seine Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit unseres gegenwärtigen medialen Informations- und Meinungsbildungssystems. Froh Dann vermag er auch, nach längerem Suchen die eigenen Überlegungen und Empfindungen, die, wie er weiß, zumindest in einem nicht politisch dominierten oder eigenaktiven Bereich der Wissenschaft recht weit verbreitet sind, dort gelegentlich auch tatsächlich ermutigend deutlich ausgesprochen zu finden.

Als Anlage zu dem hier veröffentlichten Brief wird deshalb aus einem Beitrag des Kanzlers der Universität Leipzig, Peter Gutjahr-Löser, in der Zeitschift 'Forschung & Lehre (http://www.forschung-und-lehre.de), 3/2000, S. 122 - 125 ('Warum Universitäten nicht wie Unternehmen organisiert sind') zitiert. Dieser behandelt einen Teil der in dem obigen Offenen Brief erörterten Fragen gleichsinnig. Er wird in 'Forschung & Lehre' übrigens, wie es sich bei Kontroversen gehört, von andersartigen Meinungen, nämlich solchen, die für eine 'Verwirtschaftlichung der Wissenschaftsorganisation' (Stichwort 'Die Universität als Tochterunternehmen der Deutschland AG' ) plädieren, flankiert und setzt sich mit ihnen auseinander. - Hervorhebungen in dem hier wiedergegebenen Textauszug durch den Hg. (12. 3. 2000).

PD Dr. Christian Gizewski,
Privatdozent für Alte Geschichte
am Fachbereich Kommunikations- und Geschichtswissenschaften
der Technischen Universität Berlin,
Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin,
TEL, AB und FAX: 030/8337810,
EP: [gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de],
WWW-Seite: [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW].
7. Okt. 1999
An den
Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur
Herrn P. Radunski
persönlich
Brunnenstr. 188-190
10119 Berlin

Sehr geehrter Herr Senator!

Ohne professionelle Interessen und Vorkenntnisse habe ich an der o. g. Veranstaltung [über Fragen der derzeitigen Wissenschaftspolitik des Berliner Senats am 5. Okt. 1999 im Gebäude des Preußischen Landtages] teilgenommen. Während der Diskussion ergab sich nicht genügend Zeit, um in einem Diskussionsbeitrag meinerseits auf gewisse Einwände gegen einige von Ihnen und anderen Vortragenden vertretene Positionen hinzuweisen. Ich meine, ich sollte das wenigstens in Kürze schriftlich nachholen. Vielleicht erhalten Sie in einigen Punkten zu wenig Widerspruch.

1. [Ihre Ausführungen über] 'Professorenfaulheit' und ein 'Nicht-in-Erscheinung-Treten der Lehre'.

Wer kann eigentlich derartige Annahmen in ihrer generellen Richtigkeit beweisen? Welche zuverlässigen statistischen Untrersuchungen oder wenigstens markanten einzelnen Fälle liegen vor, die nach ordentlicher Anhörung aller Beteiligten ein solches generelles Unwerturteil über die Leistungen einer ganzen Berufsgruppe rechtfertigen könnnten? Wie verträgt sich diese Position mit der Wahrnehmung etwa Herrn Prof. Ehrhardts, der eine Art 'Selbstausbeutung' der ihm bekannten Kollegen in ihrem akdemischen Beruf bestätigt? Ich persönlich kenne keinen einzigen Hochschullehrer, dem in dieser Hinsicht ernsthaft irgendetwas vorzuwerfen wäre. Wenn etwa Studenten die von Hochschullehrern erbrachten Leistungen kommentieren oder nicht wahrnehmen, brauchen Sie nicht recht zu haben. Wo bleibt angesichts des seit Jahren in der Politik erhobenen generellen Vorwurfs, der m. E. nichts weiter ist als eine politisch opportune Unterstellung von Amts und Politik wegen mit Diffamierungsbreitenwirkung, das methodische Korrektiv für die Interpretation von Umfrageergebnissen? Berücksichtigen Sie von Politik wegen, welche gerechtfertigte Erbitterung (gegen SPD und CDU gleichermassen) solche ungerechtfertigten Anwürfe im Bereich der Wissenschaft zu erzeugen vermögen?

2. [Ihre Ausführungen über das] 'Berichtswesen', das sog. 'Controlling', im Hochschulbereich.

Bei den mir bekanntgewordenen Versuchen an Berliner Universitäten in der letzten Zeit, für Zwecke eines sog. 'controlling' [ins Deutsche übersetzt und in der Zielsetzung klarer: 'Kontrolle'] die wissenschaftlichen Leistungen der Hochschullehrer statistisch zu erfassen, war trotz aller feststellbaren Mühe der Organisatoren deutlich zu erkennen, wie prinzipiell untauglich einige zentral wichtige der angelegten 'Meßkriterien' sind. Sie würden, nähme man sie ernst, zu einer Art (wirtschaftsliberal inspirierter) 'Tonnenideologie' im Wissenschaftsbereich führen, d. h. zu einer Selbst- und Fremdtäuschung, von der auch die Öffentlichkeit, die Wissenschaftsverwaltung oder ausländische Interessenten an einem Studium in Deutschland nichts hätten.

Deshalb habe ich persönlich mich - obwohl ich meine wissenschaftliche Leistung nicht zu verstecken brauche, sondern die gesamte Öffentlichkeit sie, auch was die Lehre betrifft, seit Jahren über das Internet detailliert zur Kenntnis nehmen kann, wenn sie wirklich will, aus wissenschaftlichen und aus rechtlichen Gründen, die ich ausführlich zusammengestellt habe [siehe dazu: Gizewski, 'Evaluation' und 'Controlling' als verfassungsrechtlich problematische Wissenschaftsbewertungsverfahren] - geweigert, an einer solchen Erhebung teilzunehmen. - Mir scheint es nicht möglich, die Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen anders vorzunehmen als dadurch, dass man sie wirklich wissenschaftlich und in erprobten objektivierenden wissenschaftlichen Verfahren beurteilt. Kurze, beliebig verfügbare, aber tendenziell unrichtige Beurteilungen über Kennziffern mögen für diese oder jene außerwissenschaftliche Instanz erwünscht sein, können aber m. E. nicht an ihre Stelle treten und führen schon ansatzweise in die Irre.

3. [Ihre Ausführungen über das] 'Produkt Wissenschaft'.

Sicherlich können wissenschaftliche Qualifikationen und Leistungen unter bestimmten Umständen 'Produkt'-Form in dem Sinne erhalten, dass sie sich für Verkaufszwecke eignen. Das ist aber nicht durchweg und nicht einmal überwiegend, sondern eher ausnahmsweise der Fall. Denn zum einen ist das Motiv zu wissenschaftlicher Taetigkeit prinzipiell nicht-wirtschaftlicher Art ; weder Konkurrenzaspekte noch Marktchancen noch Gelderwerbsmöglichkeiten sind - trotz aller Notwendigkeit der Existenzssicherung und beruflichen Bewährung für Wissenschaftler - das eigentliche Motiv wissenschaftlicher Leistungen. Zum andern würden viele wissenschaftliche Leistungen von Bedeutung nicht stattfinden, wenn man eine primär wirtschaftliche Konzeption der Wissenschaftstätigkeit für essentiell hielte. In dieser Hinsicht verwickeln Sie und andere Befürworter einer prinzipiell 'wirtschaflich' organisierten Wissenschaft sich m. E. in praktisch nicht unwichtige Widerspüche. Es nützt zum Beispiel nichts, die Wissenschaft in irgendwelche diesbezüglichen Richtungen zu drängeln, wenn sie sich das von ihrem Wesen her gar nicht gefallen lassen kann. Eine Frage in diesem Zusammenhang: Wie denken Sie über die vielen hochqualifizierten Wissenschaftler, die praktisch kostenlos zur Wissenschaft beitragen? Sind ihre Leistung Wissenschaft oder nicht? Sehen Sie ggf. [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/C3.htm].

4. Zur Umsetzung wissenschaftlicher Ideen und Qualifikationen in wirtschaftlich verwendbare Produkte und zur Reorganisation wissenschaftsbasierter beruflicher Fortbildung.

M. E. hat es schon keinen Sinn, den Hochschulen von Politik wegen einen Charakter aufzudrängen zu wollen, den sie nicht haben und nicht haben können, wenn sie bei ihrer gesellschaftlich nützlichen, keineswegs obsoleten, sondern gerade heute zukunftsweisenden Form einer prinzipiell wissenschaftsspezifischen Organisation wissenschaftlicher Tätigkeit im engen Wortsinne bleiben wollen. Dagegen wäre es m. E. erwägenswert, unter Beteiligung der Hochschulen Landes- und vielleicht sogar Bundeszentren für wissenschaftlich basierte Berufsfortbildung und wirtschaftsorientierten Technologietransfer zu errichten. Man kann einfach nicht ganz verschiedene Dinge unter einem organisatorischen Dach zusammenfassen. Sehen Sie dazu, wenn Sie wollen, etwa ein Denkmodell wie [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC3/CT4.htm].

5. [Ihre Ausführungen über einen] 'Hochschulrat'.

Seit jeher versucht der Staat, wissenschaftliches Verhalten in die von ihm gewünschten Richtungen zu bewegen. Er kann zu diesem Zwecke seine hoheitlichen Kompetenzen im Bereich der Hochschulfinanzierung und der Personalbestellung [öffentlich zu finanzierender Beamter und Angestellter] nutzen. Weiter sollte er im Bereich des Hochschulwesens aber nicht gehen. Es gibt dafür im übrigen auch die Grenzen des Art. 5, Abs. 3 GG [, der die Institution Wissenschaft in ihrer wissenschaftsspezifischen öffentlichen Eigenverantwortlichkeit gegenüber der Gesellschaft vor dem Staate und anderen Mächten schützt]. In dieser Hinsicht steht evtl. beabsichtigten tieferreichenden organisatorischen Eingriffen in die Hochschulverfassung m. E. noch manches rechtsgrundsätzliche Gerichtsverfahren bevor. Wenn ich Ihren Vortrag richtig verstanden habe, sollte der von Ihnen angedachte 'Hochschulrat' auch für die zu 3. angesprochenen Fragen zuständig sein, die auch ich für gesellschaftlich reorganisationsbedürftig halte. Allerdings wäre es m. E. politisch einfacher, diese Fragen prinzipiell nicht mit der der Hochschulverfassung zu verbinden, die ja berechtigterweise die Wissenschaftsorganisation zu strikt wissenschaftlichen Zwecken betrifft. Der Weg über besondere oeffentlich-rechtliche Körperschaften für eine wissenschaftlich basierte Berufsfortbildung und eine wirtschaftlich orientierte Wissenschaftsvermittlung und -Umsetzung [s.o unter P. 4] wäre chancenreicher.

Mit freundlichem Gruss

C. Gizewski


Anlage: Peter Gutjahr-Löser, Kanzler der Universität Leipzig, Kontrolle ist gut -Vertrauen ist besser. Warum Universitäten nicht wie Unternehmen organisiert sind (Auszug)

Politiker verlangen, daß die Universitäten vorrangig Beiträge zu intelligenten neuen Produkten liefern und sich erheblich stärker als bisher um die wirtschaftliche Verwertung ihrer Entdeckungen bemühen. Hochschulfunktionäre fordern, die Universitäten müßten sich wie Unternehmen verhalten. Wissenschaftsförderer zeichnen "Reformuniversitäten" aus und geben ihnen viel Geld dafür, daß sie herausfinden, wie sie und andere Einrichtungen des "tertiären Sektors" sich als konkurnerende Teilnehmer am Wirtschaftsleben organisieren können. Hochschulverwalter arbeiten Verträge aus, nach denen die Wissenschaftsressourcen an Hand alter oder neuerer Kriterien der Leistungsmessung unter den Universitäten des jeweiligen Landes aufgeteilt werden sollen. Und alle Protagonisten dieser Mode schlagen sich gegenseitig auf die Schultern und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, was sie doch für patente und moderne Zeitgenossen sind; Unwidersprochen und mit großer Verve wird die Irrlehre verbreitet, man niüsse nur erst einmal eine funktionierende Kosten-Leistungs-Rechnung in den Universitäten einführen, dann könne man nicht nur sehr schön sparen, sondern auch der Wirtschaft durch verbesserte Forschungsergebnisse endlich die dringend erforderlichen Innovationen zuführen.

Natürlich muss an den Universitäten mit dem Geld sorgfältig und sparsam umgegangen werden. Und es ist sicher richtig, dass es da noch Einsparpotentiale gibt - aber nicht wegen marktwidrigen Verhaltens der Beteiligten, wie die Effizienz-Strategen uns weismachen wollen, sondern aus dem genauen Gegenteil: Marktkonformes Verhalten ist jetzt schon das gängige Verhalten auch an den Hochschulen, denn es gehört zu den menschlichen Grundverhaltensmustern, Güter, die man gegen eigene Vermögenswerte oder Leistungen eintauscht, so günstig wie möglich erhalten zu wollen. Aber anstatt sich der banalen Ursachen der Probleme zu erinnern und von einer nüchternen Ursachenanalyse zu den naheliegenden Lösungen zu kommen, anstatt die Monopole und Kartelle zu beseitigen, die den Markt gestört haben, haben wir den Markt abgeschafft und sind nun dabei, sogar die spezifische Organisationsform der Universität zu beseitigen, die sich weitgehend aus ihren Aufgaben entwickelt hat und die ja durch die Jahrhunderte nicht nur von lauter Dummköpfen entwickelt wurde.

In dieser Situation allgemeiner Verwirrung muss man daher die einfachen Wahrheiten auch dann erneut aussprechen, wenn man befürchten muss, der Trivialität bezichtigt zu werden: Weder unser Staat als Ganzes, noch die Hochschulen sind Unternehmen, denn sonst wären sie ja auch so organisiert! Sicher können Behörden dabei auch von den Verfahren zur Effizienzsteigerung in der Wirtschaft lernen. Aber deshalb kann man weder im Staat noch in den Universitäten auf die Erfüllung der besonderen Aufgaben verzichten, die sie von den übrigen gesellschaftlichen Evolutionsbereichen unterscheiden. Und diese Leistungen haben nun einmal nicht Einrichtungen der Wirtschaft zu erbringen, weil sie sich eben gerade nicht nach Marktpreisen richten dürfen. Die Freiheit des wirtschaftlichen Geschehens entsteht ja dadurch, dass es keinen Zwang zur Produktion oder zum Ge- oder Verbrauch von Erzeugnissen gibt. Bereits die Sicherung der elementaren Lebensbedürfnisse darf aber nicht dem ungeregelten Marktprozess überlassen bleiben. Kann man die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern zu Marktbedingungen nicht erreichen, muss die staatliche Gemeinschaft u. U. erheblich höhere Kosten aufwenden, als die von ihrer Gewährung Abhängigen zu leisten in der Lage sind.

.......

Fängt man in den Universitäten mit Leistungsvereinbarungen an, wie sie als Ausweg aus der Unmöglichkeit objektiv monetär bewertbarer "Stückzahlen" empfohlen werden, liegen die Folgen doch sofort auf der Hand: Was immer man sich ausdenkt, um Gradmesser für Leistungen festzulegen, die ohne Marktmechanismus eine Bewertung erlauben sollen -immer werden die Betroffenen als Marktteilnehmer reagieren: Macht man die Ausstattung mit Personalstellen und Sachmitteln eines Instituts von der Zahl der Absolventen abhängig, werden die Prüfungen leichter; denkt man an die Zahl der guten Absolventen, gehen die Noten nach oben. Bewertet man die Zahl der Publikationen in einem bestimmten Zeitraum, werden mehr kurze Aufsätze erscheinen und kaum noch ein großes, zusammenhängendes Werk. Macht man -wie es die Hochschulrektorenkonferenz und eine große Zahl von Kultusministern will - das Einkommen der Professoren von der "Evaluation" ihrer Lehr-Leistungen (insbesondere durch Befragung von Studierenden) abhängig, werden die Leistungsanforderungen sinken. Nicht mehr der herausragende Forscher, nicht mehr der unbestechlich auf Leistung beharrende Vertreter eines Faches, sondern der Professor mit den besten Fähigkeiten als Animateur seiner Studentengruppe erhält dann ein höheres Einkommen. Gewiß ist nicht jeder Professor, der sich mit der Lehre schwer tut, ein Albert Einstein. Aber die viel zu wenigen Genies, die den Stand der Wissenschaft auch heutzutage voranzubringen in der Lage sind, hätten unter solchen Bedingungen überhaupt keine Chance mehr, ihre Exzellenz nachzuweisen.

Die dreisteste Unwahrheit all der "Operationalisierer" unserer Wissenschaftslandschaft ist die Behauptung, durch die Einführung der geschilderten Methoden komme es endlich zu Konkurrenz und Wettbewerb an den Universitäten. Man muss gar nicht auf die satirischen Feststellungen Ludwig Thomas zu diesem Thema zurückgreifen, der bereits vor dem ersten WelIkneg seinen königlich-bayerischen Landtagsabgeordneten Jozef Filser in den Satz ausbrechen ließ: "Die Brofesser an der Unifersatet sind lauter Gockel und jeder glaubt, er hat die schenern Federn!" Wenn es irgendwo in der deutschen Gesellschaft Wettbewerb gegeben hat und nach wie vor gibt, dann unter den Wissenschaftlern! Warum gibt es denn Universitäten und einzelne Fakultäten mit einem hervorragenden oder auch einem schlechten Ruf? Daß die Studienplatzwahl oder die Gewinnung guten wissenschaftlichen Nachwuchses sich ganz entscheidend auf das Ansehen und damit auf Folgen des Wettbewerbs zwischen den Hochschulen stützt, können nur Leute übersehen, die entweder von den Hochschulen keine Ahnung haben oder die mit ihren kurzatmigen Änderungsvorstellungen ganz andere Zwecke verfolgen.

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Wenn wir ... die Wissenschaft in Deutschland wieder nach vorn bringen wollen, dann müssen wir all den vordergründigen Rezepten, die derzeit von der Politik, aber auch von einem Teil der Hochschulkräfte selbst angepriesen werden, Widerstand entgegensetzen. Wir müssen uns auf die Quellen besinnen, die die deutsche Wissenschaft einst groß gemacht haben. Wenn Wilhelm von Humboldts Universitätsidee in den Festreden der Politiker und Hochschulrepräsentanten immer wieder gepriesen wird, dann sollten wir sie auch ernst nehmen. Diese Idee besagt ja im Grunde genommen nichts anderes, als daß Wissenschaft ihre Rechtfertigung in sich selbst hat und - vor allem im Interesse von Staat und Gesellschaft - keiner vordergründigen Zweckrationalität unterworfen werden darf.

Die Hochschullehrer haben in ihrer großen Mehrheit in den letzten dreißig Tahren durch ihren Einsatz - im Schnitt kommen auf einen Studienplatz fast zwei Studenten! - bewiesen, wie sehr sie sich für die Gemeinschaft engagieren. Wenn wir wieder vorankommen wollen, müssen Staat und Gesellschaft dies erst einmal honorieren. Die wenigen schwarzen Schafe, die es - wie in jeder Berufsgruppe - auch unter den Professoren gibt, dürfen nicht die Rechtfertigung für eine Fortsetzung der Behandlung der Hochschulen sein, die seit den sechziger Tahren zunehmend in die Mittelmäßigkeit geführt und unsere wirtschaftliche Zukunft gefährdet hat. In unserer Zeit kann die Parole zur Behandlung der Universitäten nur heißen: Kontrolle ist gut - Vertrauen ist besser!

Anschrift des Autors: Ritterstraße 26, 04109 Leipzig


Redaktionelle Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski, (EP: Christian.gizewski@tu-berlin.de)

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