Zum Eingang der Aktionsseite

Deutsch als Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert. Von Konrad Ehlich.

Zusammenfassung ausführlicherer Überlegungen des Autors, die er im Jahre 2000 im früheren 'Institute of Germanic Studies" in London vortrug. Sie erschien in der Web-Zeitschrift "German as a Foreign Language" (www.gfl-journal.de) unter der Zugangsadresse http://www.gfl-journal.de/1-2000/ehlich.html . Das freundliche Einverständnis des Autors wird wegen der netzweiten Verbreitung seines Anliegens gegenüber der Öffentlichkeit vorausgesetzt. D. Hg.


1. Ein verschwindendes Objekt?

Als vor kurzem die Mainzer Akademie der Wissenschaften die deutsche Wissenschaftssprache im 20. Jahrhundert zum Gegenstand einer Tagung machte, erschien dieser Gegenstand weithin als einer, den man sich nur noch als ein historisches Objekt vorstellen konnte. Diese Einschätzung steht nicht allein. Ulrich Ammon hat in mehreren faktenreichen Untersuchungen das Verschwinden des Deutschen als Wissenschaftssprache behauptet und hat in zwei seiner jüngeren Publikationen bildungspolitische und wissenschaftspolitische Konsequenzen gezogen. Seine mit einem übergroßen Fragezeichen versehene Arbeit 'Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache?' (Ammon 1999) endet mit einem großangelegten Plädoyer für die Ersetzung des Deutschen durch das Englische in der deutschen Universität. Bedient sich diese Untersuchung noch der obsoleten Sprache, so versammelt eine zweite, von Ammon herausgegebene Publikation (Ammon 2000) - nunmehr den eigenen Anforderungen Genüge tuend, auf Englisch - all jene Fakten, die aufgeboten werden, um das Englische als Wissenschaftssprache der Zukunft zu fundieren.

Besonders die Naturwissenschaftler und die Mediziner propagieren den Übergang zum Englischen, und dies seit längerem - mit immer weiter reichenden Konsequenzen. Die Verdrängung des Deutschen aus der universitären Diskurs- und Textwirklichkeit scheint hier fast nicht einmal mehr eine Frage der Zeit zu sein. Nur durch die Verwendung des Englischen sei der internationale Standard zu erreichen, und dieser internationale Standard hat seinen zentralen Ort anderswo, nämlich in den USA. Die 'Spitzenforschung' schreibt Englisch - so wurde es schon seit längerem von den Sachwaltern eben dieser Spitzenforschung pointiert formuliert. Der Umkehrschluß wird nicht explizit gezogen - er ist dennoch unüberhörbar: Wer Deutsch schreibt, ist provinziell, unerheblich, Mittelmaß oder schlechter, von den 'Spitzen' jedenfalls weit entfernt.

In Disziplinen, in denen die Erkenntnisse (einschließlich der Vermarktungsmöglichkeiten) im Tagesrhythmus verspätet sein können; in Disziplinen, in denen zudem die Erkenntnisse kurze und kürzeste Halbwertzeiten aufweisen, scheint die Proklamation der neuesten Forschungsergebnisse vor der 'scientific community' fast das wichtigste zu sein. Die Sprache dieser Proklamation muss um den Preis des Anders-nicht-gehört-Werdens jene sein, bei der die Ausrede nicht gelten kann, dass die Publikation ja in einer nicht verständlichen Sprache, also etwa Deutsch - und somit faktisch nicht -, erfolgt sei.

Dieses Szenarium hat seine innere sprachpolitische Logik, die sich aufs engste mit der wissenschaftspolitischen verbindet, ja, die lediglich eine andere Seite eben jener übergreifenden Wissenschaftspolitik und der aus ihr folgenden wissenschaftssoziologischen Struktur ist.

Der Diskurs, aus dem einige Stimmen eben skizziert wurden, scheint die Frage nach dem Deutschen als Wissenschaftssprache im 21. Jahrhundert überflüssig zu machen: Sowohl faktisch wie auch prinzipiell sind ihm zufolge alle sprachlichen Beiträge zur Wissenschaft, die sich nicht deren neuen Idioms, des Englischen, bedienen, unsinnig, ja den Zielen der Wissenschaft gegenüber schädlich: Sie verhindern die Herstellung einer neuen wissenschaftlichen Einsprachigkeit. Diese wird als Wiederherstellung idealer wissenschaftlicher Kommunikationsformen angesehen, wie sie zuletzt im Mittelalter bestanden, als alle Welt (d.h. konkret: alle Welt im Westen), die in der Wissenschaft etwas diskursiv zu vermelden oder zu verhandeln hatte, sich des einheitlichen Latein bediente. Dieser Rückbezug erfolgt denn auch explizit (vgl. Schiewe 1996).

2. Eine einsprachige Wissenschafts-Ökumene? Das Latein.

Gehen wir diesem Gedanken nach, so sehen wir in der Herbeiwünschung einer einheitlichen Wissenschaftskommunikation einen recht spezifischen Beitrag zu einer Beschwörung einer vorneuzeitlichen Welt, der zuletzt die Romantiker bewegte. Novalis' Text 'Die Christenheit oder Europa' ist die vielleicht bedeutendste Programmschrift, in der der Zerrissenheit der Neuzeit jene verklärte Einheit gegenübergestellt wurde, die die eine Kirche ohne die Zersplitterungen der Konfessionen ebenso umfasste wie die eine politische Welt, in der das Auseinanderfallen in disjunkte politische Einheiten angeblich nicht statthatte: Das Kaisertum überwölbte alles. Wenige Blicke in die Realität der so beschworenen Welt zeigen, dass es sich bei diesem Bild um eine retrospektive, ja eine retrojizierte, in die Vergangenheit hinein entworfene Utopie handelt. In ihr sind unter anderem die Opfer ein zweites Mal eliminiert - wie alles, was der Einheitsphantasie nicht entspricht, all jene 'Ketzer' also, die die Einheit auf zum Teil massive Weise ideologisch wie faktisch in Frage stellten.

Auch die wissenschaftliche Welt war nicht jene selbstverständliche Einheit, als die sie erscheint. Bereits seit dem 5. Jahrhundert war die christlich geprägte Wissenschaftswelt im Westen in zwei, die byzantinische und die lateinische, zerfallen - völlig zu schweigen von etwa all den monophysitischen, nestorianischen, ägyptischen, syrischen Christentumsformen, die die Reichskirche ausschloß oder von der sie sich distanzierte. Die beiden Welten waren zugleich auch zwei wissenschaftliche Sprachwelten. Die Trennung in zwei Sprachwelten führte zur Aufspaltung des Gesamtwissens und der Entwicklung verschiedener Traditionswege im europäischen Osten und im europäischen Westen. Diese Spaltung ermöglichte dem lateinischen Westen endlich jene Emanzipation von den griechischen Quellen allen Wissens, die so lange vorgegeben hatten, was als Wissen überhaupt galt und zu gelten hatte. Es war ein Afrikaner, der hier den wichtigsten und folgenreichsten Beitrag zur Emanzipation leistete, Augustinus, Bischof von Hippo Regio im heutigen Maghreb.

Die Einheitlichkeit des Wissens und seiner einheitlichen Sprache war vollends in Frage gestellt, als mit der radikalisierten antitrinitarischen Religion, die Mohammed stiftete, eine andere Wissenswelt entstand und sich sehr schnell verbreitete, die sich einer wieder anderen Wissenschaftssprache bediente, diese entwickelte und zu einem ungeahnten Reichtum entfaltete, die arabische. Die Überlieferung und Übernahme des griechischen Wissens geschah hier durch die Vermittlung einer vierten Wissenschaftssprache, deren Bedeutung heute weithin nicht mehr gesehen wird, des Aramäischen bzw. Syrischen. In der Tradierung des griechischen Wissens erlebte diese frühere lingua franca der vorderorientalischen Welt ihre letzte Blüte. (Heute wird sie noch in drei Dörfern in Palästina gesprochen.)

Als nach einer langen prosperierenden Zeit wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und -entfaltung die einheitliche lateinische Wissenswelt mit der arabischen in einen nicht mehr abweisbaren Kulturkontakt kam, war dies ein Schock, von dem sich die “Lateiner” zunächst nicht erholten. Seither wurde die Konfrontation mit der fremden Wissenskultur als Abwehrkampf geführt - also als Apologie des eigenen Wissenssystems, unter Aufnahme und Umdeutung des nicht zu Eliminierenden. Unterschwellig wirkte die Rezeption des gegnerischen Wissenssystems zugleich weiter in der Etablierung einer eigenen, inneren kritischen Strömung, die mit den Repräsentanten von etablierter Wissens- und Wissenschaftspraxis in beständigem Streit lag.

Jedenfalls wurde durch den wissenschaftlichen Kulturkontakt die selbstverständliche Gleichsetzung des eigenen Wissens mit dem möglichen Wissen überhaupt in Frage gestellt.

3. Nationalisierung der Wissenschaftssprache

Einen ähnlichen Effekt hatte die nächste derartige Begegnung, die eigentlich eine Wiederbegegnung war: Durch die politischen Ereignisse im Osten bedingt, verlagerte sich die griechisch-byzantinische Wissenschaft auf der Flucht vor der türkischen Bedrohung nach Westen. Die massive Neubegegnung mit der griechischen Wissenswelt geschah nun freilich bereits im Horizont einer sich verändernden sprachlichen Gesamtsituation, die der Mehrsprachigkeit ein neues, anderes Gewicht verlieh. Die einzelnen Regionen Europas zeigten an der Entwicklung und Nutzung ihrer je eigenen Sprachen ein neues Interesse. Dadurch entstanden ernsthafte Konkurrenten für das dominante Latein auch in der Wissenschaft. Giordano Bruno, Martin Luther, die “Royal Academy”, Leibniz, Thomasius und Wolff markieren für die Wissenschaftssprache - beziehungsweise auch für sie - Wendepunkte hin zur jeweiligen “vernakulären” Sprache. Die Prozesse, die sich mit einer gewissen zeitlichen Versetzung in den meisten europäischen Ländern vollzogen, standen im großräumigen Zusammenhang mit veränderten kommunikativen Bedarfslagen. In der mittelalterlich-lateinischen Welt ruhte Wissenschaft auf einer wissenssoziologischen Spaltung in der Bevölkerung auf, die sich im Unterschied zwischen dem Klerus und den Laien ausdrückte. Diese Trennung wurde zunehmend aufgehoben. Das gewonnene Weltwissen wurde für andere, größere Bevölkerungsteile relevant und interessant.

Das Ergebnis dieser Entwicklungen war eine Wissenschaftssprach-Situation, die ihren Höhepunkt in der Zeit zwischen 1850 und 1930 erreichte. Ähnlich wie im politischen Bereich die großen Mächte standen in der Wissenschaft mehrere weit entwickelte Wissenschaftskulturen nebeneinander, die auf je spezifische Weise ihren Beitrag zur Welt-Wissensentwicklung leisteten. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Wissenschaftskulturen war durch sehr gute Sprachkenntnisse auf seiten der Wissenschaftler und durch eine intensive Übersetzungstätigkeit gewährleistet.

Diese Übersetzungstätigkeit war weit mehr als eine Art Appendix zum Wissenschaftsgeschehen. In ihr erfolgte vielmehr der systematische Transfer all jenen Wissens, das für die jeweilige nationale Wissenschaftskultur erreicht war. Um gelingen zu können, benötigte er tiefgehende wissenschaftliche Kulturkontaktformen. Es war deshalb auch keineswegs unüblich, dass die herausragendsten Vertreter einer Disziplin sich dieser Aufgabe annahmen.

4. Die gnoseologische Funktion von Wissenschaftssprache

Sprache ist nicht einfach eine Ansammlung von Wortmarken, die den sprachunabhängigen Wissenselementen angehängt würden. Vielmehr erfolgt die Organisation, Speicherung und Weitergabe des Wissens selbst in sprachlicher Form. Der Sprache kommt aufgrund dieses Umstandes eine eigene erkenntnisbezogene, ja erkenntnisstiftende Funktion zu. Zusammenfassend kann sie als gnoseologische Funktion von Sprache bezeichnet werden. Sie steht neben der praxisstiftenden und der gemeinschaftsstiftenden Funktion.

Die gnoseologische Funktion von Sprache wurde von Humboldt thematisiert, aber noch nicht eigentlich exploriert. Die Humboldt-Rezeption des Neoidealismus der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hat Humboldts weitblickende Konzeptionen zu einer erkenntnistheoretisch einigermaßen naiven, neokantianisch beeinflussten Sprachontologie verwandelt, die Sprache als 'Zwischenwelt' aus jenen kommunikativen Prozessen herausnahm, die im energeia-Konzept zentralgestanden hatten und eine funktional offene Theorie von Sprache ermöglichten.

Die detaillierte Analyse der komplexen Wechselbeziehungen zwischen Sprache und wissenschaftlicher Erkenntnis steht inzwischen aus. Diese bedürfte vor allem einer breit angelegten, begriffsgeleiteten Empirie. Sie könnte wohl am ehesten im Rahmen einer Wissenschaftssprach-Komparatistik betrieben werden.

Die wenigen Ansätze, die es bisher gibt (etwa von Galtung oder Clyne), machen eher das Problem bewusst, als dass sie bereits Beiträge zu einer derartigen Beschreibung in hinreichender Deutlichkeit erbrächten.

5. Wissenschaftliche Alltagssprache und ihre Nutzung der Theorieentwicklung.

Zu den ungezweifelt zentralen Differenzen innerhalb der europäischen Wissenschaftssprachen gehört die je unterschiedliche Umsetzung der allgemeinen philosophischen Diskussion in die jeweiligen nationalen Wissenschaftssprachen. Auch dies ist wiederum nicht einfach eine Frage der Terminologie. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Phänomene wie die jeweilige Ausprägung der alltäglichen Wissenschaftssprache. Darunter ist Folgendes zu verstehen: Jenseits der spezifisch geprägten und zum Teil durch explizite Definitionsprozesse bestimmten Fachterminologien einzelner wissenschaftlicher Disziplinen gehört zur wissenschaftlichen Kommunikation sowohl in ihrer mündlichen wie in ihrer schriftlichen Form die je spezifische Nutzung von Teilen der Alltagssprache für die Zwecke der Wissenschaft. Ähnlich wie die Alltagssprache eine Grundlage für alle Kommunikation derer ist, die sich ihrer bedienen, ähnlich unscheinbar und für den ersten Blick selbstverständlich, ähnlich allgemein verbindlich und verbindend zeigt sich das Gerüst wissenschaftlicher Kommunikation in der jeweiligen nationalen Wissenschaftssprache. Die Untersuchung der Sprachlernprozesse von Ausländern, die sich diese Wissenschaftssprache aneignen, macht die Probleme überdeutlich, vor denen die Lernenden stehen. Diese Probleme zeigen den Stellenwert, der der alltäglichen Wissenschaftssprache zukommt. Sie ist jenseits der terminologischen wissenschaftssprachlichen 'Gipfel' die alles verbindende wissenschaftliche Sprache des Alltags von Forschung und Lehre, die wissenschaftliche Alltagssprache. Sie beschränkt sich keineswegs auf die mündliche Wissenschaftskommunikation. Vielmehr hat sie eine vergleichbare Stellung auch in allen schriftlichen Sprachäußerungen. Sie ist schlichtweg unumgänglich.

Selbst dort, wo als international verbindende Sprache die Mathematik eingesetzt wird, also vor allem in den Naturwissenschaften und in den statistisch verfahrenden Gesellschaftswissenschaften, bleibt die alltägliche Wissenschaftssprache im Gebrauch.

Einige Facetten dieser Wissenschaftssprache zeichnen sich ab. So sind etwa die allgemeinen philosophischen Entwicklungen für die Wissenschaftssprache der einzelnen Nationen unterschiedlich relevant geworden. Die oft beschworene Liebe zur wissenschaftssprachlichen clarté in Frankreich, etwa ist ganz offensichtlich vom Cartesianismus bestimmt, der theoretisch, aber auch methodologisch und sprachlich von einer langanhaltenden Wirkung gewesen ist. Der Übergang von der lateinischen zur französischen Sprache erreichte hier also bereits ziemlich zu Anfang ein über lange Zeit andauerndes, bleibendes Resultat.

Die britische Wissenschaftssprache scheint in erheblichem Umfang durch Sensualismus und Empirismus geprägt zu sein. Eine sich auf die Sprache der Wissenschaft auswirkende Rezeption der zeitlich daran anschließenden kontinental-europäischen philosophischen Entwicklungen scheint es in einem relevanten Ausmaß nicht gegeben zu haben. Das sprachliche Umschwenken im Werk Carlyles könnte möglicherweise als exemplarischer Fall genommen werden, an dem die hiermit verbundenen Probleme im Detail erforscht werden könnten.

In beiden Wissenschaftssprachen, der französischen und der englischen, haben die lateinischen und die latino-graecischen Elemente einen ersichtlich anderen Stellenwert als in irgendeiner der germanischen Sprachen. Diese Elemente sind hier Grundlagen für die alltägliche Sprache auch jenseits der Wissenschaften. Ihnen kommt also sprachstrukturell sozusagen eine prinzipielle Bedeutung zu. Ganz anders sieht die Situation etwa für das Deutsche aus. Die lateinischen und lateinisch-griechischen Elemente sind weithin durchschaubar als 'Wörter aus der Fremde' (Adorno). Daneben finden sich in der alltäglichen Wissenschaftssprache ganz und gar unscheinbare Wörter genutzt, die zum Teil bis hin zur Terminologisierung eingesetzt werden können. Man denke nur an einige der grundlegenden Kategorien innerhalb der Hegelschen Philosophie wie das 'An-Sich', das 'Für-Sich' und das 'An-und-für-Sich'. Aber auch elementare Teile der psychoanalytischen Theorie kommen ohne die substantivierten Pronomina beziehungsweise die Deixis 'Ich', 'Es', 'Über-Ich' nicht aus.

Nun ist es sicher keineswegs so, dass hierfür nicht immer auch Übersetzungen möglich wären. Die wissenschaftliche Übersetzungskultur war oben ja als ein gerade fundamentaler Aspekt des neuzeitlichen Wissenschaftsbetriebs gekennzeichnet worden. Aber diese Übersetzung will als solche geleistet werden, und zwar massenhaft und als Realisierung eben jener interkulturellen Austauschprozesse, die geeignet sind, die jeweiligen Erkenntnisgewinnungen auf eine substantielle Weise durch Weiterentwicklung der Wissenschaftssprache zu gewährleisten. Wissenschaftssprache ist also - und dies nicht zuletzt in ihrer Form als alltägliche Wissenschaftssprache - viel mehr als eine spezifische Nomenklatur. Sie ist Teil, Folge und Voraussetzung für Wissenschaftskommunikation in einem umfassenden Sinn.

6. Wissenschaftssprach-Reflexion.

Die Sprachgebundenheit von Erkenntnis holt Wissenschaft aus einem wie immer gearteten 'Ideenhimmel' zurück, zu den lästigen, aber unentrinnbaren Gebundenheiten an die Praxis der Erkenntnisgewinnung und derer, die sie betreiben. Unterschiedliche Wissenschaftssprachen sind Ergebnis, Ausdruck und Ressource verschiedenartiger wissenschaftlicher Erkenntnisse und unterschiedlicher Wege ihrer Gewinnung. Die Einsicht in die gnoseologische Funktion der je eigenen, einzelnen Wissenschaftssprache ist also eine wichtige Grundlage für die Einsicht in Bedingungen und Bestimmungen des Wissenschaft-Treibens insgesamt. Sie ermöglicht den Anfang der Reflexion von Wissenschaft. Derartige Reflexion ist nun nicht der erkenntnistheoretische Luxus einiger weniger Subdisziplinen der Philosophie. Sie ist vielmehr grundlegendes Erfordernis für einen Wissenschaftsbetrieb, der zunehmend in der Gefahr steht, seine gesellschaftliche Verantwortung in der immer stärkeren Spezialisierung der einzelnen Wissenschaften zu verflüchtigen. Die gesellschaftliche Verantwortung aber verlangt, dass die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihr Tun als Teil und Ausdruck des gesellschaftlichen Gesamtwissensprozesses erkennen und es vor der Gesellschaft auch verantworten.

Ein zweiter Aspekt verleiht der einzelsprachlichen Bindung des Wissenschaftsgeschehens eine zentrale Bedeutung: Der angestrebte Monolinguismus für das internationale Wissenschaftsgeschehen hat erkenntnishindernde Folgen. Die Begegnung mit einer fremdem Sprache ist eine wichtige Erfahrung in der jeweiligen Lern- und Reflexionsgeschichte der mit Wissenschaft Befassten. Den Sprachen kommt somit eine grundlegende Funktion produktiver Verunsicherung und eines Schutzes vor Ethnozentrismus für den Prozess des Wissenschaftstreibens zu. Multilingualität ist keine wissenschaftsbetriebliche Folklore, sondern ein wesentlicher Teil des Erkenntnisprozesses selbst, wie nicht zuletzt an den Sprachkonfrontationen der Wissenschaften in ihrer Geschichte deutlich wird. Die Erfahrung der Fremdheit fremden Sprachdenkens ist eine wichtige hermeneutische Grunderfahrung. Sie verdient explizite Beachtung in der Lehre wie der Forschung.

7. Wissenschaft und Demokratie.

Die Nutzung der Nationalsprachen für das Geschäft der Wissenschaft hat eine zweite, bedeutende Implikation. Diese Nationalsprachen selbst sind Verfahren zur Herstellung großräumiger Kommunikation. Sie erweitern den Radius, innerhalb dessen Verständigung angestrebt und ermöglicht wird. Die Praxisstiftung vermittels Sprache tritt dadurch in ein neues Stadium. Zwar bot auch die Nutzung des Latein durch die horizontale Erstreckung des Kommunikationsraums eine flächenübergreifende Großräumigkeit. Doch diese war erkauft um den Preis einer Abschottung der Kommunikation der innerhalb dieses großflächigen Raums lebenden Populationen. Die vertikale Aufteilung, die in der Distribution der Kleriker von den Laien ihren exemplarischen Ausdruck fand, hinderte Kommunikation über diese soziale Grenze hinweg.

Durch die Nutzung der Nationalsprachen für die Zwecke der Wissenschaft ergab sich demgegenüber eine ganz andere Perspektive: für die Nationalsprachen war und ist gerade kennzeichnend, dass sie die Gesamtheit der jeweiligen Populationen in den kommunikativen Radius einbeziehen. Lange bevor dies politisch seine Realisierung fand, hat die Verbreitung der einheitlichen, transregionalen Sprache eine Tendenz zur Demokratie. Sprachteilhabe als allgemeines Recht konnte so in der Praxis erworben werden, bevor dieses Recht tatsächlich verbrieft wurde. Besonders in Deutschland ist dieser geradezu avantgardistische Aspekt der sprachsoziologischen und sprachpolitischen Entwicklung, ihr Vorlauf-Charakter gegenüber den politischen Strukturen, zu greifen. In der über zweihundertjährigen Kampagne um das Hochdeutsche wurde eine Sprachzugangsmöglichkeit geschaffen, in der die teleologische, praxisstiftende Qualität der einheitlichen Hochsprache selbst umschlägt in eine spezifisch identitätsstiftende: die Gesellschaftsstiftung durch das Medium Sprache, die Erfüllung der kommunitären Funktion von Sprache, ereignete sich, bevor andere, politische Identitätsstiftungen gelangen. Zugleich erhielt die Erkenntnisstiftung im Medium Sprache in genau dieser Periode eine neue Dimension, indem das sprachlich verfasste Wissen wiederum der gesamten Population - wenn auch weithin zunächst einmal nur im Programm - zugänglich gemacht werden sollte. Aufklärung und Sprache sind in dieser Phase eine substantielle Bindung aneinander eingegangen. Das gesamte Wissen: dies bedeutet, dass gerade auch das sich explosionsartig entfaltende wissenschaftliche Wissen in die allgemeine Vermittlungsfähigkeit umgesetzt wird. Die Entwicklung des differenzierten Bildungswesens von der allgemeinen Schulpflicht bis hin zu einer Zugänglichkeit der Universitäten für alle dafür hinreichend begabten Mitglieder der Population realisierte und realisiert dieses Programm.

Die demokratische Dimension einer nationalsprachlich eingebetteten aus der Nationalsprache entwickelten und auf sie bezogenen Wissenschaftssprache verbürgt die Möglichkeit des verallgemeinerten Zugangs zum gesellschaftlichen Wissen in seiner Gesamtheit. Nachdem die demokratische Verfasstheit der meisten europäischen Gemeinwesen im Laufe des 20. Jahrhunderts politische Wirklichkeit geworden ist, sind Wissenschaftssprachentwicklung und Gemeinwesenentwicklung in eine neue Übereinstimmung eingetreten. Sie stützen sich wechselseitig ebenso sehr, wie sie einander bedingen. Wird dieses Band gelöst, so verliert Demokratie eine wichtige Grundlage ihres Bestehens (vgl. zu den Weiterungen Skutnabb-Kangas 1998, Skutnabb-Kangas / Phillipson 1994) Dies ist nun keineswegs eine rein akademische Bestimmung. Gerade die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Kernprojekte des Wissenschaftsbetriebes, von der Atomkraftnutzung über die Gentechnologie bis zur Nanotechnik, und der öffentliche Diskurs darüber leben von der Möglichkeit, ihn in einer tendenziell allen zugänglichen Sprache zu führen, einer Sprache, die sich der Trennung von Lebenswelt und Wissenswelt weder verdankt noch zu ihr beiträgt.

Wird die Verbindung von Wissenschaftskommunikation und sonstiger Kommunikation in einer Gesellschaft gelöst, so droht die Gefahr, dass auch in dieser Hinsicht eine mittelalterliche, also vordemokratische Struktur reetabliert wird. Beispiele dafür sind wissenschaftssoziologisch bereits in Ländern zu beobachten und in ihren Konsequenzen zu analysieren, in denen die Wissenschaft im Wesentlichen als Extension des US-amerikanischen Wissenschaftsbetriebes geschieht, besonders in Lateinamerika.

Nun könnte die Einheitlichkeit von alltäglicher und wissenschaftlicher Kommunikation der Möglichkeit nach selbstverständlich auch durch Schritte in die gegenteilige Richtung erreicht werden, indem also nicht die allgemeine Anglifizierung des Wissenschaftsbetriebes vermieden, sondern das Englische als Sprache für nahezu alle gesellschaftlichen und individuellen Kommunikationsbereiche genutzt wird. Dies würde bedeuten, dass Sprachen wie die deutsche, die französische oder die italienische ihre Funktionen weithin verlieren, dass sie als bloße historische Übergangsphänomene zu sehen sind, die einer neuen, generellen Hochsprache, eben dem Englischen, weichen. Damit vereinbar wäre für den kleinräumigen Bereich die Revitalisierung ebenso kleinräumiger Sprachen, also der Dialekte. (Gelegentlich hat man den Eindruck, dass manchem Vertreter des Regionalismus in der Europäischen Union eine solche Konzeption gar nicht einmal so fern liegt.) Ob die politischen Gruppen, die sich in der Verwirklichung des Konzepts Nation und unter Bezug auf die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Nationalsprache als solche konstituiert haben, diesen Preis aber zu bezahlen willens sind, darf bezweifelt werden. Es müssten dann die kultur- und sprachimperialistischen Aspekte des Globalisierungsprozesses mit noch stärkerer expliziter imperialistischer Stoßrichtung umgesetzt werden.

8. Wissenschaft und Kulturimperialismus.

Selbstverständlich sind die deutlich kulturimperialistischen Züge des Anglifizierungsprozesses der Wissenschaftskommunikation nicht verborgen geblieben. Besonders die Arbeiten von Phillipson haben hier bahnbrechend gewirkt. Auch werden die Kosten benannt - und beklagt, die sich für die primären Eigner der Wissenschaftssprache Englisch ergeben (Graddol 1999), die native speakers. Denkt man an die Realität des weltweiten Wissenschaftsenglisch, so ist diese Klage nur allzu sehr zu verstehen. Im Rahmen der oben angeregten Wissenschaftssprach-Komparatistik gälte es, die interne Leistungsfähigkeit des faktischen Wissenschaftsenglisch ebenso zu bestimmen wie sein Verhältnis zur englischen Sprache.

Die Nutzung des Englischen heute in den Wissenschaften hat eine Janusstellung zwischen Postnationalismus und Nationalismus inne. Längst ist es ja nicht mehr das Englische des Vereinigten Königreichs, um das es geht, sondern das US-amerikanische Englisch. Für beide Varietäten aber gilt, dass sie die Hauptsprachen von Ländern sind, die durch und durch national organisiert sind. Englisch als internationale Sprache der Wissenschaft, als Kommunikationsmittel sozusagen jenseits des Nationenkonzeptes und seiner Realisierungen, ist immer zugleich auch die Sprache einiger besonderer Nationen, von denen die eine ihren Nationalismus gerade angesichts der jüngsten weltpolitischen Entwicklungen zunehmend ungehemmt auslebt (für die an Bevölkerungszahl kleineren englischsprachigen Staaten gilt dies selbstverständlich nicht in gleicher Weise).

Die Aufgabe nationaler Wissenschaftssprachen und darin die Aufgabe der durch sie ermöglichten Kommunikation wird weitreichende Folgen haben für die Gesellschaften, in denen sie geschieht. Die Wissenschaften, die keine Grundlage in einem nationalstaatlichen Wissenschaftsbetrieb haben, werden Teile ihrer Bedeutung verlieren. Wissenschaftssoziologisch erfolgt die Organisation der Emigration der Intelligenz in Richtung auf die weiterhin nationalstaatlich verfassten und handelnden USA - mit der Tendenz, dass alle anderen Länder der Welt auf den Status wissenschaftlicher Schwellenländer zurückfallen.

Die Spannung zwischen nationaler und transnationaler Organisation der Wissenschaft macht sich selbstverständlich dort besonders bemerkbar, wo wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in Verwertungsinteressen umgesetzt werden. Die Zusammenhänge zwischen jenen Teilen der Wissenschaft, für die das gilt (besonders also Ingenieur- und Teile der Naturwissenschaften einerseits, die Medizin und verwandte Wissenschaften andererseits), und für diejenigen, für die das nicht gilt (insbesondere eine größere Zahl der Geisteswissenschaften), sind wenig erforscht. Es erstaunt nicht, dass die Sprachlichkeit bei der zweiten Gruppe von einer grundlegenderen Bedeutung ist als bei der ersten. Doch scheint es nicht ganz unwahrscheinlich zu sein, dass die Souveränität des sprachlichen Umganges, die Souveränität in der Nutzung der sprachlichen Ressourcen für die Gewinnung neuer Erkenntnisse auch dort von Relevanz ist, wo sich zum Schein Sprache auf Nomenklatur reduzieren lässt. Jedenfalls sind Kookkurrenzen von Wissenschaftssprachentfaltung und Wissenschaftsentfaltung sowohl am Beispiel der deutschen Entwicklung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wie auch früher etwa am arabischen Beispiel zu erkennen. Damit ist selbstverständlich noch keine Kausalität nachgewiesen; es lohnt sich meines Erachtens aber, auch in dieser Richtung weiter nachzudenken. Die Verhältnisse, in denen sich Sprachlichkeit und wissenschaftliche Innovationskraft befinden, bedürfen der näheren Analyse.

Zur konkurrenziellen Situation von Wissenschaftskulturen gehört auch, dass die auf die Wissenschaft bezogenen Industrien ihre je spezifischen Konsequenzen durch die Wissenschaftssprachentwicklung erfahren. Besonders betrifft dies die Buch- und Zeitschriftenproduktion und das Verlagswesen, die auch in Zeiten des Internets zu den bedeutendsten wissenschaftsbezogenen Wirtschaftszweigen gehören. Die Selbstaufgabe einer Wissenschaftstradition ermöglicht der globalen nationalen Wissenschaftskultur einen nicht zu unterschätzenden, der sich ähnlich auch für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus der hegemonialen Wissenschaftssprachkultur ergibt.

Zugleich bedeutet der Verzicht auf die eigenen Wissenschaftssprache eine Devaluierung des in dieser Sprache verfassten Wissens. Dies mag für die Disziplinen mit jenen schnellen Halbwertzeiten verschmerzbar sein, die im öffentlichen Diskurs heute den Ton angeben. Für große Teile des Gesamtwissens aber gilt es nicht. Für sie wird derart evaluiertes Wissen zunächst obsolet, seine lästige Konkurrenz wird eliminiert - und dadurch wird es frei als terra nova incognita, die zu Neuentdeckungen einlädt. Soweit Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Lebenszeit zum Erwerb einer anderen Wissenschaftssprache aufgewendet haben, werden diese Investierungen zudem frustriert. Es findet ein induzierter Wissenschaftssprachverlust statt.

9. Wissenschafts- und allgemeine Sprachentwicklung.

Die Herausbildung des Deutschen zur Wissenschaftssprache ist das Ergebnis eines mehrhundertjährigen Prozesses kommunikativer Arbeit. Sie wurde sowohl im wissenschaftlichen wie im allgemeinsprachlichen Bereich erbracht. Das Resultat ist eine allseits nutzbare, mit der Alltagssprache eng verbundene Wissenschaftssprache. Sie ist ein optimales und flexibles Kommunikationsmittel für alle Zwecke der Wissensvermittlung und Wissensgewinnung. Diese sind Ausdruck einer demokratischen Kultur.

Anders als es oft (etwa mit der Negativmetapher 'Elfenbeinturm') behauptet wird, hat die Wissenschaftskommunikation und ihre Entfaltung für die Gemeinsprache eine zentrale Bedeutung. Das Aufgeben einer entwickelten Wissenschaftssprache führt zu einer drastischen Verarmung der Sprache insgesamt. Diese fällt mittelfristig auf den Status einer soziologisch kleinräumigen Sprache mit engem Kommunikationsradius zurück. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass nach einer Herauslösung der Wissenschaftssprache aus dem Varietätenverband der Hochsprache diese ansonsten unberührt fortbestehen könnte.

Gerade die modernen Gesellschaften sind durch ihre verstärkte Abhängigkeit von äußerst komplexen Wissensstrukturen sowie von deren schneller Veränderung substantiell bestimmt. Die Loskoppelung der eigenen Sprache von diesen hochsensitiven zentralen Sektoren bedeutet einen selbstverschuldeten Übergang in die Unmündigkeit.

10. Deutsch als Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert - ein Fazit.

Die eingangs geschilderten Sichtweisen zeichnen ein Bild, demzufolge sich der neue wissenschaftssprachliche Monolingualismus mit der Macht eines Naturprozesses entwickelt. Wer sich ihm entgegenstellt, werde davon überrollt; ja, sein Agieren erscheint als eine wissenschaftliche Donquichotterie. Wenn dem wirklich so wäre, so könnten die Konsequenzen eigentlich nur lauten: schnellstmögliche Selbstunterwerfung unter diesen Prozess und forcierte Ablösung der Nationalsprache durch die Globalsprache. Viele Wissenschaftler aus vielen Ländern haben sich angesichts der Aussichtslosigkeit qualifizierten Arbeitens in ihrem Land individuell hierzu entschlossen. Unverkennbar gibt es auch Tendenzen dafür - etwa in der BRD -, dass ganze wissenschaftliche Nationalkulturen einen ähnlichen Schritt zu vollziehen im Begriff sind. Die Argumente, die dafür angeführt werden, sind freilich weithin nicht durch eine klare Folgekostenabschätzung unterstützt.

Kommunikative Praxis und die Entwicklung der dafür erforderlichen kommunikativen Mittel sind keine Naturprozesse, sondern das Ergebnis der sprachpolitischen Entscheidungen derjenigen, die zur jeweiligen Kommunikationsgemeinschaft gehören. Diese Entscheidungen können mehr oder weniger bewusst getroffen werden. Sich blind zu verlassen darauf, dass die 'unsichtbare Hand' alles schon zum besten richten werde oder, anders, den Blick darauf zu fixieren, dass 'der Markt' ohnehin schon entschieden habe, entspricht gerade für den Bereich der Wissenschaft weder den Erfordernissen noch den Möglichkeiten des aktiven Handelns. Zu solchem Handeln gehört die Reflexion der wissenschafts- und wissenssoziologischen Bedingungen mit Blick auf die Veränderungen der Wissenschaftskommunikation. Dazu gehört die Abschätzung der Kosten und des Nutzens der unterschiedlichen Optionen.

Argumente, die hierbei Beachtung finden könnten und nach meiner Auffassung auch sollten, wurden oben vorgestellt. Sie beziehen sich sowohl (a) auf die wissenschaftlichen Weiterentwicklungen innerhalb der nationalstaatlichen Rahmen wie (b) auf die Strukturen des Weltwissens wie (c) auf die Reflexion des Wissenschaft-Treibens:

(a) Sprachgemeinschaften, die in der gegenwärtigen weltpolitischen Situation auf eine eigene Wissenschaftssprache verzichten, tun dies um den Preis der Verarmung ihrer Sprache insgesamt. Sie nehmen sich zurück zu einer kleinräumigen Kommunikationsform. Die kommunitäre Funktion von Sprache verkümmert tendenziell zum Familiendialekt. Die gnoseologische Funktion wird aufgegeben und an die dominante Wissenschaftssprache delegiert. Die kommunikative Praxis in dieser Sprache reduziert sich bis zur Bedeutungslosigkeit.

(b) Das Weltwissen ist nur als sprachgebundenes zuhanden. Die Weltwissensentwicklung, die in einzelnen Sprachen und Sprachstrukturen verfasst ist, gewinnt gerade hieraus die differenzierten Perspektiven. Über sie ist nicht, etwa in der Form einer Metasprache, hinauszukommen. Der Charakter der Alltagssprache als letzter Metasprache impliziert auch, dass diese letzte Metasprache in der Realität vielfältiger Sprachen existiert. Deren intersprachliche Kommunikation ist ein wesentliches Stück der gesellschaftlichen Arbeit, die für die Wissenschaft der Zukunft und damit für das zukünftige Weltwissen aufzubringen ist. Gerade die Weiterentwicklung der in den verschiedenen Wissenschaftssprachen angelegten Möglichkeiten eröffnet neue Perspektiven für die Wissenschaft insgesamt. Die Arbeit der Übersetzung wie die kostenintensive, aber sinnvolle Arbeit der Aneignung fremder Wissenschaftssprachen sind keine faux frais, sondern Investierungen, die sich für die Entwicklung der Wissenschaft vielfältig rentieren. Demgegenüber ist die Reduktion auf eine der Sprachen - selbst bei Hereinnahme von vielfältigen Elementen aus anderen Wisssenschaftssprachen - eine Verarmung.

(c) Die Bindung des Wissens und der Wissenschaft an die jeweiligen Wissenschaftssprachen wird vor allem dann bewusst, wenn die Multiperspektivität konkret erfahren wird, die in den unterschiedlichen Wissenschaftssprachen entwickelt ist. Die Gefahr eines als Globalismus kaschierten Ethnozentrismus wird durch diese wissenschaftskommunikative Relativierung geringer. Die Erfahrung der Mehrsprachigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis ist ein wichtiger Ausgangspunkt für die Möglichkeit, den Wissenschaftsprozess selbst zu reflektieren. Diese Reflexion ist gerade angesichts der gesteigerten Bedeutung von Wissenschaft für moderne Gesellschaften unumgänglich.

Andererseits ist die Wissenschaftspraxis ihren Gesellschaften gegenüber Rechenschaft schuldig. Diese stehen als demokratische vor der Aufgabe, Zielvorgaben und Nutzungsmöglichkeiten von Wissenschaft politisch zu gestalten. Die Freiheit von Forschung und Lehre verlangt nach einem verantwortlichen Umgang mit Wissen und Wissenschaft. Diese Verantwortung wird im öffentlichen Diskurs konkret. Demokratische Gesellschaften brauchen eine Durchlässigkeit von alltäglicher Sprache und Wissenschaftssprache. Nur so kann die Verflüchtigung der Verantwortung im spezialistischen Diskurs vermieden werden.

Die hier vorgetragenen Argumente für wissenschaftssprachliche Mehrsprachigkeit sind Argumente für die Beibehaltung, den Ausbau und die Förderung des Deutschen als einer Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert. Sie sind selbstverständlich ebenso Argumente für etwa das Französische, das Italienische, das Spanische, das Russische, das Arabische, das Japanische, das Chinesische - und ebenso selbstverständlich auch für das Englische als Wissenschaftssprachen für das 21. Jahrhundert. Sie sind Argumente für eine reflektierte, sprachbewusste und Sprachbewusstsein fördernde Mehrsprachigkeit in den Wissenschaften und für ihre wissenschaftliche Untersuchung, Begleitung und Weiterentwicklung.

Literatur.

Ammon, Ulrich (1999) Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? Berlin/New York: de Gruyter.

Ammon, Ulrich (ed.) (2000) The Dominance of English as a Language of Science. Effects on Other Languages and Language Communities. Berlin/ New York: de Gruyter.

Clyne, Michael (1981) Culture and discourse structure. Journal of Pragmatics, 5, 61-66.

Clyne, Michael (1982) Discourse structures and discourse expectations: Implications for Anglo-German academic communication in English. In: L.E. Smith (ed.) Discourse across cultures. New York: Prentice Hall.

Clyne, Michael (1988) Cross-cultural responses to academic discourse patterns. In: Folia linguistica, 22, 457-475.

Clyne, Michael (1991) The sociocultural dimension: The dilemma of the German-speaking scholar. In: Schröder, Hartmut (ed.) Subject-oriented texts. Berlin: de Gruyter, 49-67.

Ehlich, Konrad (1993) Deutsch als fremde Wissenschaftssprache. Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache, 19, 13-42.

Ehlich, Konrad (1995) Die Lehre der deutschen Wissenschaftssprache: sprachliche Strukturen, didaktische Desiderate. In: Heinz L. Kretzenbacher / Harald Weinrich (Hgg.): Linguistik der Wissenschaftssprache. Berlin, New York: de Gruyter (Akademie der Wissenschaften, Forschungsbericht 10), 325-351.

Ehlich, Konrad (1997) Internationale Wissenschaftskommunikation 2000 ff. Eine Verlust- und eine Suchanzeige. In: Wolfgang Moelleken, Peter J. Weber (Hgg.) Neue Forschungsarbeiten der Kontaktlinguistik. Bonn: Dümmler (Plurilingua XIX), 128-138.

Ehlich, Konrad (1997) Von der Attraktivität der Lehrangebote für 'Deutsch als fremde Wissenschaftssprache'. Wissenschaftspolitische Voraussetzungen und didaktische Konsequenzen. Info DaF, 24/6, 757-770.

Galtung, Johan (1983) Struktur, Kultur und intellektueller Stil. Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft. Leviathan, 2, 303-338.

Graddol, David / Meinhof, Ulrike H. (eds.) (1999) English in a changing world. L'anglais dans un monde changeant. AILA Review, 13, 19 - 36.

Graddol, David (1999) Le déclin du locuteur natif. The decline of the native speaker. In: Graddol, David / Meinhof, Ulrike H. (eds.) English in a changing world. L'anglais dans un monde changeant. AILA Review, 13, 57-68.

Phillippson, Robert (1992) Linguistic imperialism. Oxford: OUP.

Phillipson, Robert / Skutnabb-Kangas, Tove (1999) L'anglicisation: un aspect de la mondalisation. Englishisation: one dimension of globalisation. In: Graddol, David / Meinhof, Ulrike H. (eds.) English in a changing world. L'anglais dans un monde changeant. AILA Review, 13, 19-36.

Skutnabb-Kangas, Tove (1998) Human rights and language wrongs - a future for diversity. Language Sciences, 20/1, 5-27.

Skutnabb-Kangas, Tove / Phillipson, Robert (eds.) (1994) Linguistic Human Rights: Overcoming Linguistic Discrimination. Berlin: de Gruyter.

Schiewe, Jürgen (1996) Sprachenwechsel - Funktionswandel - Austausch der Denkstile. Tübingen: Niemeyer.


Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW]: C. Gizewski (Christian.gizewski@t-online) ,