Ein unerwarteter Vorschlag von politischer Seite: Eckart Werthebach, Die deutsche Sprache braucht gesetzlichen Schutz, Kommentar in der 'Berliner Morgenpost' vom 31.12.2000.

Entnommen aus: Berliner Morgenpost vom 31.12.2000 (http://www.berliner-morgenpost.de/Inhalt/Politik/story379402.html).

Da der Kommentar verschiedene Probleme der heutigen deutschen Umgangs- und Kultursprache aus dem Blickwinkel der politischen Dringlichkeit und Beeinflußbarkeit (Deutsch als Integrationssprache für zuziehende Ausländer, Deutsch als Instrument einer nicht ausgrenzenden, gesellschaftsweiten Verständigung in Deutschland, Deutsch als Kultur- und Wissenschaftssprache mit funktionellem und traditionellem Sin und Eigenrecht gegenüber anderen Sprachen) anspricht, ist er eine relativ selten gehörte Äußerung aus dem Bereich der Politik zu derartigen Fragen. Er wird deshalb auch an dieser Stelle wiedergegeben. Es ist zu wünschen, daß die m. E. sehr diskutablen Ideen des derzeitigen (Jan. 2001) Berliner Innensenators, der früher allerdings als Staatssekretär im Bundesinnenministerium maßgeblich an der Einführung der sog. 'Rechtschreibreform' mitgewirkt hat, im Sinne einer nicht-obrigkeitsstaatlichen, freiheitlichen Form der staatlichen Sprachpolitik substanziiert werden, was m. E. durchaus möglich ist: das bedeutet vor allem, daß ein Sprachschutzgesetz - auch im Hinblick auf die föderale Struktur des Bundesrepublik Deutschland - im wesentlichen allgemeinanerkannte und allgemeinzugängliche Institutionen der Sprachberatung und Sprachfortenwticklung schaffen, praktikable und wirksame Normen für den verbindlichen und geförderten Spracherwerb durch zuziehende Ausländer enthalten und eine Mindestpräsenzmaxime für die deutsche Sprache auf allen Gebieten der Kommunikation im deutschen Sprachraum ausformulieren sollte, bei deren Durchsetzung allerdings auf die Vermeidung freiheistwidriger und unverhältnismäßiger Sanktionen mit besonderer Sorgfalt (Art. 5 GG) geachtet werden müßte.

Hinweis auf Ausführungen zum Zusammenhang dieses Themas mit der sog. 'Rechtschreibreform' in dieser WWW-Seite unter: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/C1.htm des Hg.


Die deutsche Sprache braucht gesetzlichen Schutz. Von Eckart Werthebach.

Zahlreich sind die Kulturen der Welt, vielschichtig und in ihrer menschlichen Gestaltungskraft bereichernd. Die deutsche Kultur ist ein Teil von ihnen. Ihre Bedeutung hat jedoch, wie wir wissen, durch den Hitlerschen Vernichtungsfeldzug gegen alles, was Menschlichkeit ausmacht, einen tiefen Einbruch erlebt. Die Jahre der Bundesrepublik nach 1949 waren daher notwendige Zeiten der Wiedergewinnung von Vertrauen und kultureller Anerkennung. Die Kultur einer Nation wird auch getragen durch eine gemeinsame und lebendige Sprache; sie ist der Schlüssel für das Selbstverständnis und das Selbstwertgefühl eines Volkes.

Vor dem Hintergrund des veränderten Staatsangehörigkeitsrechtes, der herrschenden Freizügigkeit in der Europäischen Union und der gesellschaftlichen Notwendigkeit, Zuwanderung von Ausländern außerhalb der EU zu fördern und zu steuern, wird sich die Zusammensetzung des deutschen Staatsvolkes in den nächsten Jahrzehnten dramatisch verändern. Soll Deutschland nicht nur zu einem geographischen Raum für Wanderungsbewegungen verkommen, sondern als Kulturnation erhalten bleiben, liegt es auf der Hand, dass zur erfolgreichen Eingliederung von Ausländern in Deutschland gute Kenntnisse der deutschen Sprache unabdingbar sind. Um die Gefahr der Entstehung von Parallelgesellschaften mit unkalkulierbaren Folgen für das Gemeinwesen möglichst einzudämmen, ist es deshalb erforderlich, das Erlernen der deutschen Sprache auch als gesetzliche Verpflichtung festzuschreiben. Dabei muss ein ausgewogenes Anreiz- und Sanktionensystem erarbeitet werden, damit deutliche Signale nach außen gesetzt werden, dass das Erlernen der deutschen Sprache die zentrale Grundvoraussetzung für bürgerliche Teilhabe ist. Wer die Angebote zum Erlernen der Sprache des aufnehmenden Landes nicht annimmt, beweist, dass er integrationsunwillig ist. Dies muss sich auf sein Bleiberecht in Deutschland negativ auswirken.

Wer bedenkt, dass die deutsche Sprache eben nicht nur Verständigungsmittel, sondern vor allem auch Träger der deutschen Kultur ist, erhält einen realistischen Blick für die Notwendigkeit einer größeren Beachtung der Sprache durch den Staat. Wenn Deutschland zu Recht von Zuwanderern erwartet, die deutsche Sprache zu lernen, tut es selbst gut daran, die eigene Sprache zu pflegen, zu erhalten und aus sich selbst heraus weiterzuentwickeln. Darum aber steht es in Deutschland schlecht.

Seit Anfang der neunziger Jahre ist verstärkt zu beobachten, dass die deutsche Sprache durch eine steigende Flut englischer Worte «zernagt» und - nicht nur für die Älteren - unverständlich wird. Kaum ein Bereich der Gesellschaft ist davon verschont geblieben: «Berater» werden zu «Consultants», die «Kundenbetreuung» zum «Support» und der Fabrikverkauf zum «Factory-Outlet». «Mode» findet überwiegend als «Fashion» statt; selbst die Wäsche-Werbung der Berliner U-Bahn glaubt mit «Underwear» daherkommen zu müssen. Weite Teile von Rundfunk und Fernsehen haben abgedankt, was die deutsche Sprache anbelangt: Die ZDF-Serie zur Geschichte heißt «History» und der SFB «goes Classic», wenn der Sprecher einen Film über einen großen deutschen Komponisten und Musiker ankündigt. Unternehmen, die in anderen Ländern in der jeweiligen Landessprache werben, tun dies in Deutschland in Englisch. Ein Land, das Begriffe, Modernität und Zukunftsorientierung nicht mehr mit der Landessprache bildet, gefährdet jedoch seine Zukunft. Von den Bürgern wird sehr genau unterschieden zwischen den Vorteilen, sich in mehreren fremden Sprachen ausdrücken zu können, und der Gefahr, durch eine genauso massenhafte wie überflüssige Übernahme von Begrifflichkeiten aus dem Amerikanischen die eigene Sprache aufzugeben. Hier sind die Länder über ihre Kulturhoheit ebenso wie die Bundesregierung gefordert, die Mittel der freiheitlichen Demokratie auch dort einzusetzen, wo Bürger- und Verbraucherbelange in Bezug auf die Sprache geschützt werden müssen.

Noch vor drei Generationen war Deutsch eine bedeutende Wissenschaftssprache, heute finden in Deutschland Kongresse statt, auf denen deutsch nicht mehr gesprochen wird. Wenn hier nicht gesetzlich gegengesteuert wird, werden wir Deutsch bald nur noch am Frühstückstisch sprechen.

Unsere Nachbarländer Frankreich und Polen verfügen bereits über Sprachschutzgesetze, die zum Verbraucherschutz und zur Bewahrung der kulturellen Identität und Landessprache beitragen sollen. In Frankreich wird selbst die Computersprache zu 82 Prozent übersetzt und Werbung findet kreativ in der Landessprache statt. Wenn zukunftsweisende Erfindungen wie das Internet allen Bevölkerungsschichten nahegebracht werden soll, kann das nur in der Landessprache erfolgen. Wie sind Zuwanderer für die deutsche Sprache zu begeistern, wenn die Deutschen selbst keinen Wert auf ihre sprachliche Zukunft legen?

Das kommende Jahr ist das «Europäische Sprachjahr». Eine Aufforderung, auch über die Zukunft der deutschen Sprache und ihren gesetzlichen Schutz zu sprechen. In Art. 3, Abs. 2 des Grundgesetzes heißt es, niemand dürfe wegen seiner Sprache benachteiligt oder bevorzugt werden. Dieser hochrangige Verfassungsgrundsatz ist Grundlage für den gesetzlich gewährten Minderheitenschutz in Deutschland, der die Sprache als zentrales Element einer eingesessenen Minderheitenkultur absichert. Die gesetzliche Vermutung einer Dominanz der deutschen Sprache führt deshalb dazu, dass etwa - wie im Spreewald - die Dörfer auch sorbische Namen tragen und an den Schulen auch sorbisch unterrichtet wird. Hier greift der Gesetzgeber schützend ein, um eine sprachliche Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Bereichen auszuschließen - zum Schutze der sorbischen Kultur, die sich nicht in einem eigenen Staatsgebiet entfalten kann.

Was aber Deutschland seinen Minderheiten selbstverständlich gewährt, versagt es sich selbst, nämlich einen gesetzlichen Schutz
der eigenen Sprache.

Wenn wir aber nach Deutschland kommenden Ausländern die Chance zur bürgerlichen Teilhabe über das Erlernen der deutschen Sprache eröffnen wollen, müssen wir unseren deutschen Mitbürgern dieselben Rechte gewährleisten. Auch der deutsche Staatsbürger darf wegen seiner Sprache nicht benachteiligt werden. Dies setzt jedoch voraus, dass mit ihm in seiner Muttersprache kommuniziert wird. Gerade diejenigen, die Gefahr laufen, als Globalisierungsverlierer auf der Strecke zu bleiben, bedürfen des staatlichen Schutzes.

So ist es letztlich auch ein Ausfluss des Sozialstaatsprinzips, gerade die bildungsärmeren Menschen vor einer Abkoppelung von gesellschaftlichen Entwicklungen zu schützen. Deshalb werde ich als Verfassungssenator der deutschen Hauptstadt prüfen, welche Möglichkeiten es gibt, eine weitere Zurückdrängung und Verarmung der deutschen Sprache auch gesetzgeberisch zu verhindern. Hier hat der Staat, die res publica, eine korrigierende Funktion. Das Interesse der Wirtschaft an internationaler Ausrichtung ist zum Erhalt des Wirtschaftsstandortes Deutschland notwendig und muss auch unterstützt werden. Die damit einhergehenden Veränderungen dürfen jedoch die Deutschen nicht zu Fremden im eigenen Lande machen. Dies sicherzustellen ist - gerade im Post-Nizza-Prozess - Aufgabe des Staates.

Deutschland hat nach dem Gipfeltreffen in Nizza einen europäischen Bedeutungszuwachs erfahren, der sich auch kulturell nach innen auswirken muss. Deutschland darf sich nicht länger von seinem eigenen Gewicht erdrücken lassen. Es muss sich als demokratische Kulturnation annehmen, um die eigenen Kräfte mit Maß und Weitblick einzusetzen. Und dazu gehört die Bewahrung einer der bedeutendsten europäischen Kultursprachen. Wie sagte doch Brigitte Sauzay, die französische Beraterin des Kanzlers: «Wir wünschen uns Deutsche, die gern Deutsche sind».

Unser Autor ist Bürgermeister von Berlin und Senator für Inneres.


Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW]: C. Gizewski, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de