Offener Brief von über 30 Professoren und Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen an die 29 Kultusministerinnen und -minister, Wissenschaftsministerinnen und -minister, Bildungsministerinnen und -minister der 16 Länder der Bundesrepublik Deutschland.

Entnommen aus der WWW-Seite http://vds-ev.de/.(> Forum / > Aktuelles; Stand 1. Aug. 2001). D. Hg.


Thema dieses Briefes: Sicherung und Ausbau des Deutsch als unserer nationalen Wissenschaftssprache -

I. auf internationalen Tagungen in Deutschland.

II. in wissenschaftlichen Publikationen und in der Lehre.

Berlin, den 24. Juli 2001

[Individuelle Grußformel *]

Die drei Erstunterzeichner dieses Schreibens und seine 36 weiteren wissenschaftlichen Unterzeichner unterschiedlichster Fachrichtungen beobachten mit großer Sorge die Verdrängung der deutschen Sprache aus dem Wissenschaftsbetrieb unseres Landes durch die englische Sprache.

Wir bitten Sie höflichst, sich dieses Problems anzunehmen.

Wir sehen sonst die Gefahr, dass die originäre sprachliche Basis unseres wissenschaftlichen Denkens und gesellschaftlichen Wissensaustauschs innerhalb der nächsten 5 bis 10 Jahre verloren geht. Dies träfe auch die Bedeutung Deutschlands als eines eigenständigen Wissenschaftslandes.

Insbesondere bitten wir Sie um Ihre Aufmerksamkeit für zwei auffallende Trends:

I. Immer häufiger werden große internationale wissenschaftliche Tagungen in Deutschland ausschließlich in englischer Sprache abgehalten - selbst dann, wenn sie unter rein deutscher Beteiligung oder Verantwortung zustande gekommen sind oder sich an ein überwiegend deutschsprachiges Publikum richten.

Hierfür nur ein Beispiel: Die u.a. vom BMBF geförderte internationale Tagung Innovations for an e-Society ("itas"; Berlin, 17.- 20. Oktober 2001). Als Kongresssprache der " itas" ist ausschließlich (!) Englisch vorgesehen, obwohl mit dieser Veranstaltung ausdrücklich auch ein nichtfachliches Publikum erreicht werden soll.

Natürlich ist es zweckmäßig, wenn auf wissenschaftlichen Tagungen, zumal mit internationaler Beteiligung, auch englisch gesprochen wird. Die Folge darf aber nicht sein, dass dabei die Sprache des Gastgeberlandes, bei uns also Deutsch, keine Rolle mehr spielt. Die für Kultur, Bildung und Wissenschaft zuständigen Ministerien stehen in der Verantwortung, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Wir schlagen deshalb vor, dass die Kultusministerkonferenz eine politische Initiative mit dem Ziel ergreift, auf internationalen Tagungen in Deutschland neben Englisch immer auch Deutsch als offizielle Sprache vorzusehen, ähnlich wie dies in Frankreich mit Französisch angestrebt wird.

Da es sich um den Schutz eines Allgemeingutes handelt, sollten die Kosten aber nicht den Veranstaltern angelastet werden. Stattdessen könnten Mitarbeiter des Bundessprachenamtes (www.bundessprachenamt.de) die Simultanübersetzung wichtiger Vorträge und Diskussionen vom Deutschen ins Englische durchführen, sofern deren Autorinnen und Autoren damit einverstanden sind.

II. Ein ebenfalls kritischer Punkt ist die Veröffentlichungspraxis und die Sprache der Lehre in Teilbereichen vieler Studiengänge. Sehr viele unserer Wissenschaftler veröffentlichen nur noch in englischer Sprache oder werden von den Verlagen de facto dazu gezwungen. Des weiteren werden immer häufiger auch schon Grundvorlesungen zu Lasten deutschsprachiger Vorlesungen (auch) auf Englisch angeboten.

Zum Beispiel soll in der jetzt vom Land Bremen mit 230 Mio. DM geförderten Neugründung "International University Bremen" (IUB) nur noch in englischer Sprache gelehrt und geforscht werden (FOCUS 25/01, S. 126/127).

Wir möchten Sie daher bitten, gemeinsam mit Ihren Ministerkollegen unter Nutzung der Ihnen zur Verfügungen stehenden Steuerungsmöglichkeiten dafür zu sorgen, dass aus Mitteln der Steuerzahler erarbeitete Forschungsergebnisse auch in Deutsch der Allgemeinheit zugänglich bleiben, und dass das Angebot an deutschsprachigen Lehrveranstaltungen im Grundstudium nicht leichtfertig zu Gunsten englischer Veranstaltungen zurückgedrängt wird.

Mit beiden Anreizen (oben zu I und II) könnte der Wissenschaftssprache Deutsch neben dem Englischen in Deutschland ein gewisses Entwicklungspotential gesichert werden. Andernfalls droht sich bei uns eine isolierte Elite herauszubilden, die kein wissenschaftliches Deutsch mehr schreibt und spricht, sondern nur noch ein fachspezifisches Englisch.

Im Gegensatz zu einer wissenschaftstüchtigen Allgemeinsprache taugt ein nur fachspezifisches Englisch weder für den interdisziplinären und interkulturellen Austausch, noch für den fachlichen Austausch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit "ihrer" Öffentlichkeit.

Statt der Vernachlässigung des Deutschen als Wissenschaftssprache unseres Landes stehen heute seine Sicherung und sein Ausbau an; es geht uns dabei nicht um seine Wiederaufwertung zu einer internationalen Verständigungssprache für Wissenschaftler unterschiedlichster Herkunft und Fachrichtungen.

Wir bitten Sie, sich in der Kultusministerkonferenz beider Probleme anzunehmen und noch im Europäischen Jahr der Sprachen 2001, auch im Hinblick auf Sicherung und Ausbau der Wissenschaftssprachen anderer europäischer Staaten, politisch die Initiative zu ergreifen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Verfasser und Erstunterzeichner dieses Briefes:

Fritz Vilmar, Prof. em.; Dr. sc. pol., Soziologe, Fteie Universität Berlin

Hermann H. Dieter, Privatdozent, Dr. rere. nat, Toxikologe, Direktor und Professor, Umweltbundesamt Berlin

Udo Ernst Simonis, Prof. Dr. sc, pol., Professor für Umweltpolitik, Wissenschaftszentrum Berlin

Die folgenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schließen sich dem vorstehenden Offenen Brief vom 24.7.01 an die Kultus-, Wissenschafts- und Bildungsminister der Länder der Bundesrepublik Deutschland zum Thema "Sicherung und Ausbau von Deutsch als unsere nationale Wissenschaftssprache" inhaltlich an (alphabetische Reihenfolge):

Angerer, Jürgen, Prof. Dr. rer. nat., Direktor des Instituts für Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg,

Bachmann, Peter, Prof. Dr. phil., Seminar für Arabistik der Universität Göttingen

Bezzel, Chris, Prof. Dr. phil., Seminar für Deutsche Literatur und Sprache der Universität Hannover

Bigl, Sigwart, Prof. Dr. med. habil., Vizepräsident und Abteilungsdirektor Umweltmedizin der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen (Chemnitz)

Böhles, Hans-Josef, Prof. Dr. med., Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der Universität Frankfurt/M

Dunkelberg, Hartmut, Prof. Dr. med., Leiter der Abteilung Allgemeine Hygiene und Umweltmedizin des Zentrums für Arbeit- und Umweltmedizin der Universität Göttingen

Eife, Rudolf, Prof. Dr. med., Leiter der nephrologischen Abteilung des von Haunerschen Kinderspitals der Universität München

Eikmann, Thomas, Prof. Dr. med., Direktor des Hygiene-Institutes der Justus-Liebig-Universität Gießen; Vorsitzender der International Society of Environmental Medicine (ISEM)

Exner, Martin, Prof. Dr. med., Direktor des Institutes für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universität Bonn

Flessner, Axel, Prof. Dr. jur., Professur für Deutsches, Europäisches und Internationales Privatrecht, Juristische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin

Frimmel, Fritz, Prof. Dr. rer. nat., Direktor des Engler-Bunte-Institutes der Universität Karlsruhe

Gamillscheg, Franz, Prof. em., Dr. Dres h.c., Institut für Arbeitsrecht der Georg-August-Universität Göttingen

Gundermann, Knut-Olaf, Prof. em., Dr. med., ehem. Direktor des Hygiene-Instituts der Universität Kiel

Heinzow, Birger, Dr. rer. nat., Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein (Kiel)

Henschler, Dietrich, Prof. em., Dr. med., Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates Bodenschutz, ehem. Vorsitzender der MAK-Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Würzburg

Irmer, Harald, Dr. rer. nat., Präsident des Landesumweltamtes Nordrhein-Westfalen (Essen)

Krämer; Walter, Prof. Dr., Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialstatistik der Universität Dortmund

Kristof, Walter, Prof. em., Dr. phil. PhD, Institut für Soziologie der Universität Hamburg

Kümmerer, Klaus, Priv.Doz., Dr. rer. nat., Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Freiburg

Lang, Hans-Jürgen, Prof. Dr. rer. nat., Abteilung Zellbiologie der Universität Göttingen

Lehfeldt, Werner, Prof. Dr. phil., Seminar für Slavische Philologie der Universität Göttingen

Luig, Heribert, Prof. Dr. rer. nat., Dr. med. habil., Leiter der Arbeitsgruppe Medizin. Physik der Abteilung Nuklearmedizin der Universität Göttingen

Marienfeld, Wolfgang, Prof. em., Dr. phil., Historiker, Universität Hannover

Mersch-Sundermann, Klaus, Prof. Dr. med., Leiter der Abteilung Ökotoxikologie und Toxikologie im Geozentrum der Universität Trier

Multhaup, Gerd, Priv.Doz., Dr. rer. nat., ZMBH der Universität Heidelberg

Neumann, Klaus H., Prof. Dr. med., Klinik für Nephrologie der Universität Magdeburg

Raddatz, Klaus, Prof. em., Dr. phil., Seminar für Ur- und Frühgeschichte, Universität Göttingen

Sacré, Clara, Dr. med., Leiterin der Abteilung für Allgemeine Hygiene, Gesundheitl. Verbraucherschutz und Infektionsschutz; Stellvertreterin des Präsidenten des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg (Stuttgart)

Sauer, Wolfgang, Prof. Dr. phil., Seminar für Deutsche Literatur und Sprache der Universität Hannover

Schwinning, Edelgard, Prof. em., Literaturwissenschaftlerin, Universität Hannover

Troge, Andreas, Prof. Dr., Präsident des Umweltbundesamtes (Berlin)

Weizenbaum, Joseph, Prof. em, Dr. rer. nat., Informatiker, Berlin u. Cambridge/USA

Wilss, Wolfram, Prof. em, Dr. Dr. h.c., Fachrichtung Angewandte Sprachwissenschaft, Übersetzen und Dolmetschen, Universität des Saarlandes

Ziechmann, Wolfgang, Prof. Dr. rer. nat., Arbeitsgruppe Bodenchemie der Universität Göttingen

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*) Kopien dieses Briefes erhalten:

Der Staatsminister für Kultur und Medien, Herr Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin,

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Herr Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker,

Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Herr Prof. Dr. Hubert Markl

Der Vorsitzende der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, Herr Prof. Dr. Detlev Ganten

Der Präsident der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V., Herr Prof. Dr.-Ing. E.h. Hans-Olaf Henkel

Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Herr Prof. Dr. Hans-Jürgen Warnecke

Der Präsident der Alexander v. Humboldt-Stiftung, Herr Prof. Dr. Wolfgang Frühwald

Der Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Herr Dr. Wilhelm Krull

Der Vorstand der Gesellschaft für Deutsche Sprache (Wiesbaden)

Der Leiter des Instituts für Deutsche Sprache (Mannheim)

Der Leiter der Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung (Darmstadt)

Sämtliche Fraktionen des Deutschen Bundestages, Berlin

diverse Studentenmagazine und Universitätszeitschriften

Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes

Wissenschaftsjournalisten und -redaktionen

und weitere Institutionen und Personen des öffentlichen Lebens.


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