Grundsätzliches zur sprachlichen und praktischen Bedeutung von Fremd- und Lehnworten im Deutschen: Peter von Polenz, Fremdwort und Lehnwort sprachwissenschaftlich betrachtet (um 1975).

Zuerst in der Zeitschrift "Muttersprache" 77, 1967, 65-80, in der vorliegenden Form um 1975 veröffentlichter Aufsatz des vormaligen Professors für Germanistik an der Universität Trier. Entnommen aus der Anlage eines von Herrn Werner Vogt (WVoigt@europarl.eu.int) auf dem VWDS-Diskussionsforum am 17. Jan 2001 verbreiteten Beitrags. Die gründlichen, aber dennoch zur Lektüre zu empfehlenden Ausführungen nehmen zu Geschichte und Begriffkichkeit eines 'Sprachpurismus' deutscher Tradition Stellung, klären die Notwendigkeit des 'Fremd- und Lehnwortgebrauchs', machen aber auch - wichtig im Hinblick auf die heutige Diskussion über die Unangemessenheit werbemäßig, kommerziell, technisch und politisch bedingter anglisch-amerikanischer Sprachzumutungen für die Benutzer der deutsche Jedermannssprache folgenden Grundgedanken deutlich, der auch für die Gegenwart Bedeutung hat: "Es kommt sehr darauf an, ob Fachwörter und gelehrte Wörter in einem Kontext verwendet werden, der ihre Bedeutung auf den sprachüblichen Sinn hin bestimmt, und ob sie gegenüber Gesprächspartnern oder einem Publikum verwendet werden, die aufgrund ihrer sprachsoziologischen Voraussetzungen diese Bedeutungsbestimmung nachvollziehen können. Wo das nicht der Fall ist, wo mit undefinierten Wörtern aus gruppengebundenen Wortschatzbereichen eitler, leichtsinniger oder böswilliger Mißbrauch getrieben wird, wo sich ein Sprecher solcher Wörter nur bedient, um Anderen mit Wortklängen zu imponieren, sie zu täuschen oder zu verführen, da haben Sprachkritik und Spracherziehung ihre wichtige Aufgabe. Eine sprachpragmatisch und -soziologisch differenziertere Stillehre haben wir im Zeitalter der Massenkommunikation weitaus nötiger als den sinnlosen kulturpessimistischen Kampf gegen den Fach- und Bildungswortschatz an sich."

Zu den großflächigen, auch in sprachpolitischen Momenten wurzelnden Problemen der heutigen Umgangssprache nimmt der 25 Jahre alte Beitrag allerdings nicht Stellung. Zu diesen äußert sich der Verfasser direkt in einem Interview mit der FAZ vom 9. 2. 2001 (http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=uptoday/content.asp&doc={6F7F536C-BE1D-44B2-9DF1-8225AB1D2E2D}&rub={76B8D537-8E0E-4970-B366-37AC8DAA545F), das als Anlage zu diesem Aufsatz wiedergegeben wird. Die dort vertretenen Positionen geben m. E. allerdings auch eine politische Tendenz wieder, die sich nicht notwendigerweise aus den Ausführungen zur Fremd- und Lehnwortgeschichte des Deutschen ergibt, sondern vielmehr, wie es scheint, den politischen Rahmenbedingungen einer 'sprachlichen Globalisierung' und ihren nicht nur störenden, sondern auch beschwerenden Folgen für nationalsprarchlich basierten Verständigungssysteme (etwa in Technik, Wissenschaft und Alltagsleben) allzu vorbehaltlos und vertrauensvoll gegenübersteht. Hinwiederum sind die Hinweise des Autors, daß verfassungsrechtlich jede Art von Sprachschutzgesetzgebung das fundamentale Menschen- und Bürgerrecht zum freien sprachlichen Ausdruck zu respektieren hat, und daß deshalb ein derartiges die Funktionen einer deutschen Staats-, Kultur- und Umgangssprache schützendes Gesetz in der Bundesrepublik Deutschland enstprechend Art. 5 GG (und anderen Verfassungsbestimmungen) schwerpunktmäßig in Richtung einer allseitigen Förderung der Sprachkompetenz im Deutschen und zugleich der Freiheit einer im übrigen unreglementierten Ausdruckswahl gehen müßte, wesentlich und auch realisierbar. D. Hg.

"Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde abweist, sondern, dass sie es verschlingt." (Goethe, Maximen und Reflexionen

In der Erforschung der deutschen Sprachgeschichte ist der Entlehnung von Wörtern und Wortinhalten aus anderen Sprachen immer eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet worden, weil die Entstehung und Entwicklung einer europäischen Kultursprache zum großen Teil auf zwischensprachlichen Beziehungen beruht. In der Deutschen Wortgeschichte von Fr. Maurer und Fr. Stroh finden sich für jede Epoche Abschnitte ber Lehnbeziehungen, von den ältesten römischen Lehnwörtern bis zum angloamerikanischen Einfluß unserer Zeit. In der Sprachpflege und Sprachkritik haben diese Fremdspracheinflüsse ebenfalls eine große Rolle gespielt. Aber da sprach man nicht von 'Lehnwörtern', sondern von 'Fremdwörtern', obwohl man weithin dasselbe meinte. Eine Klärung dieser terminologischen Verwirrung ist in Deutschland bis heute nicht möglich gewesen, weil in einem Land, in dem jahrhundertelang in der Sprachpflege der Kampf gegen fremdsprachliche Einflüsse im Vordergrund gestanden hat und mit Gesinnungsbildung verknüpft war, der politische Affekt die sachliche Diskussion behindert hat. Seit über 30 Jahren ist in Deutschland die 'Sprachreinigung' kein öffentliches 'Anliegen' mehr. Die gelegentlichen späteren sehr zürckhaltenden und vorsichtig abwägenden Meinungsäußerungen haben keine grundsätzliche Klärung gebracht. Ohne die Frage nach den Ursachen dieser Stille nach dem Sturm ist aber die methodologische Besinnung nicht möglich, die die Sprachpflege ebenso wie die Sprachwissenschaft heute nötig hat. Der sprachwissenschaftlichen Erörterung der Fremdwort-/Lehnwortfrage soll daher ein historischer überblick vorangestellt werden, der mit der gebotenen Offenheit die Entwicklung des öffentlichen Kampfes gegen Fremdwörter, besonders in seiner letzten Phase, in Erinnerung rufen soll (1).

Die von ihren Gegnern 'Purismus' genannte Sprachreinigungsbewegung hat sich in Deutschland - wie in anderen LSndern - immer im Zusammenhang mit einer politischen Aktivierung des Nationalgefühls zu Höhepunkten gesteigert: nach dem Dreißigjährigen Krieg, nach dem Niedergang der Napoleonischen Herrschaft, nach der Reichsgründung von 1871 und beim Ausbruch des l. Weltkrieges. In Deutschland wurde dieser Kampf gegen den fremdsprachlichen Einfluss besonders heftig geführt, da die sprachsoziologische Entwicklung des Deutschen vom Mittelalter her bis ins 18. Jahrhundert von der kulturellen Vorherrschaft des Lateins und des Französischen belastet war. Im 19. Jahrhundert kam in Deutschland zur nationalen Motivierung der Sprachreinigung noch ein kleinbürgerlich-demokratisches Unbehagen am akademischen Fremdwortstil hinzu, in dem man Bildungsprivilegien vermutete. Der 1885 gegründete Allgemeine Deutsche Sprachverein begann seine Arbeit in diesem zweifachen Sinne mit der Fremdwortverdeutschung. Er hat in der Zeit um die Jahrhundertwende viel praktische Arbeit geleistet und beachtliche Erfolge gehabt in der Verdeutschung vieler 'Fremdwörter' im Sachwortschatz des öffentlichen Lebens.

Vor dem Hintergrund dieser praktischen Verdeutschungsarbeit steigerte sich damals die kulturpolitische Polemik der Puristen und Antipuristen. Zunächst stieß die Fremdwortjagd auf den heftigen Widerstand vieler bedeutender Schriftsteller und Gelehrter. Die Universitätsgermanistik war damals geteilter Meinung über den Sprachverein und seine Aktivität. Sprachwissenschaftler wie Friedrich Kluge und Otto Behaghel haben ihn untersttzt; Literaturwissenschaftler wie Erich Schmidt und Gustav Roethe haben ihn leidenschaftlich bekämpft. Gegen das akademische 'Welsch' im allgemeinen und Roethe im besonderen ist in der Zeit vor und während des l. Weltkrieges der Publizist Eduard Engel zu Felde gezogen. Schon bei ihm zeigt sich ein militant-chauvinistischer Purismus, der in der Tonart selbst von den nationalsozialistischen Sprachreinigern nicht mehr überboten werden konnte. Engel ereiferte sich über die "grenzenlose ausländernde Sprachsudelei", über die "sprachliche Entvolkung Deutschlands", über das "Krebsgeschwür am Leibe deutscher Sprache, deutschen Volkstums, deutscher Ehre", über die "Schändung der schönsten Sprache der Welt". Er bezeichnete den Fremdwortgebrauch als "geistigen Landesverrat" und forderte: "Nur ein deutschsprechendes deutsches Volk kann Herrenvolk werden und bleiben."

Auf diese Periode des chauvinistischen Sprachpurismus der Wilhelminischen Zeit folgte nach dem l. Weltkrieg eine Ernüchterung. Die Verteidiger des Fremdwortes kamen wieder zu Wort mit dem Argument, Wortentlehnungen seien nützlich und notwendig für internationale Kulturbeziehungen und Völkerverständigung. In der Zeitschrift des Sprachvereins, der "Muttersprache", aber stieg die Fieberkurve des Purismus im Laufe der zwanziger Jahre allmählich wieder an. Ihren Höhepunkt erreichte sie erst nach 1933.

Die Aufrufe zur allgemeinen Sprachreinigung, die der Vorstand des Sprachvereins im Jahre 1933 in der 'Muttersprache' und in der Tagespresse ergehen ließ, waren in der Tonart zunächst noch recht maßvoll, verglichen mit jenen chauvinistischen Formulierungen Eduard Engels aus der Zeit des l. Weltkrieges. Der Vorsitzer, Richard Jahnke, und einige Beiträger der Zeitschrift brachten sogar den Mut auf, auch den fremdwortreichen Redestil der obersten Naziführer und vor allem Hitlers zu kritisieren. Man richtete aus "heißer Vaterlandsliebe" Bitten an den 'Führer' und die Partei, Fremdwörter wie Propaganda, Organisation, Garant, avisieren, Konzentrationslager, Sterilisation usw. zu vermeiden. Man hoffte mit dieser Sprachkritik dazu beitragen zu können, "daß die Gedanken unserer Führer dem Volke immer klarer erkennbar werden". Daß der Gebrauch bestimmter Fremdwörter in politischer Agitation oft absichtlich dazu dient, die Gedanken der Herrschenden gerade nicht für alle erkennbar zu machen, davon ahnten die deutschtümelnden Sprachreiniger offenbar nichts. Man war in der Illusion befangen, den Nationalsozialismus mit dieser Fremdwortkritik fördern zu können, weil man in der rechtsradikalen Diktatur nichts anderes als die Erfüllung romantischer Deutschtumsträume sah.

Die politisch naive Sprachkritik dieser Vereinsmitglieder wurde in den Jahren 1934 und 1935 allmählich zurückgedrängt, nicht zuletzt durch die recht sophistischen Erklärungen der beiden akademischen Philologen unter den Vorstandsmitgliedern, in denen der Fremdwortgebrauch des 'Führers' und der Partei entschuldigt wurde. Der Berliner Germanist Arthur Hübner gestand Hitler den "genialen Gedanken" zu, mit dem Gegner in dessen eigener Sprache zu reden, nämlich in der "entdeutschten und verausländerten Sprache des marxistischen und demokratischen Parlamentarismus"; und der Gießener Germanist Alfred Götze wollte den Fremdwortgebrauch "unserer vaterländischen Bewegung" von der Sprachreinigung ausgenommen wissen, da er "wohlerwogener staatsmännischer Absicht" entspringe.

Nach dieser Ausklammerung der obersten Naziführer und der Partei kam der Purismus des Sprachvereins zu aktivistischer Wirkung in der Öffentlichkeit vor allem nach der Wahl des neuen Vorsitzers Rudolf Buttmann, der sich als alter Nationalsozialist darum bemühte, "den Deutschen Sprachverein in dieser Kampffront an der richtigen Stelle einzuschalten". Der Sprachverein wurde zur "SA unserer Muttersprache", wie es ein Autor der 'Muttersprache' einmal ausdrückte. Man wandte sich mit Denkschriften, Empfehlungen und Aufrufen an die Behörden des Reiches und der Länder und an die Presse: Die Schriftstücke der Ämter und Gerichte sollten künftig nur noch in einer "volksnahen", fremdwortfreien Sprache abgefaßt werden; Vortragende im Rundfunk, die zu viele Fremdwörter gebrauchten, sollten "belehrt" und widrigenfalls "nicht mehr zugelassen werden" deutsche Waren sollten nur noch mit deutschen Bezeichnungen patentiert und angeboten werden; Undeutsche Ladenschilder und fremdsprachlicht Bezeichnungen auf Speisekarten hätten zu verschwinden; Gasthofnamen und die Platzbezeichnungen in Theatern sollten verdeutscht werden. Sportvereine, die "nicht deutsch sprechen wollen", dürften keine Förderung erhalten. Für all das und noch mehr forderte der Sprachverein Verordnungen und bot dafür unentgeltlich sprach- und sachkundige Helfer an. Das Echo bei den angesprochenen Stellen kam schnell und war positiv. Von den Nazigrößen haben sich Göring, Frick und Darre offenbar persönlich für diese amtliche Verdeutscherei eingesetzt. Aber von Hitler, Goebbels und Himmler verlautete zu dieser Frage zunächst nichts.

Auch auf einer höheren Ebene, der akademischen, wurde in den Jahren nach 1933 in der 'Muttersprache' eine Sprachreinigungskampagne geführt. In hochtönenden Aufrufen wandten sich Alfred Götze und der Gießener Soziologe ('Gruppgeistwissenschaftler') Hans L. Stoltenberg an die deutschen Hochschullehrer. Die 'Entwelschung' der deutschen Wissenschaftssprache, die Eduard Engel so leidenschaftlich gefordert hatte, glaubten sie jetzt verwirklichen zu ksnnen. Sie hatten aber keinen nennenswerten Erfolg damit.

Der deutsche Sprachpurismus hat dann noch eine höchste, letzte Stufe erreicht: die antisemitische, und zwar erst seit dem Jahre 1936. Bis dahin wollte man die Fremdwsrter aus der deutschen Sprache entfernen, weil man darin Überreste einstiger Fremdherrschaft über die Deutschen zu sehen glaubte oder ein Zeichen unwürdiger Unterwerfung der Deutschen selbst. Dieser Kampf um 'deutsche Art' und 'deutsches Wesen' richtete sich gegen die alte kulturelle Übermacht des Lateins, des Griechischen und des Französischen. Das waren Ziele und Motive, die sich noch kaum von dem unterschieden, was die deutschen Puristen seit der Alamodezeit des 17. und 18. Jahrhunderts getan hatten. Nun kam aber seit Anfang 1936 -also bald nach dem Inkrafttreten der 'Nürnberger Gesetze' - ein neuer Gesichtspunkt hinzu: die rassistische Motivierung aus dem Antisemitismus.

Der erste, der diesen neuen Ton in die Spalten der Sprachvereinszeitschrift hineingebracht hat, war der Germanist Alfred Götze. Ausgehend von der Etymologie des Wortes keß, eines von Berlin ausgehenden Modewortes der zwanziger Jahre, das aus der Gaunersprache und weiterhin aus dem Jiddischen stammt, beklagt er sich über den Gebrauch von Wörtern jiddischer Herkunft: "Gottlob haben wir wieder gelernt, da§ wir Germanen sind. Wie verträgt sich damit die Pflege einer im jüdischen Verbrechertum wurzelnden Unsitte? Auch auf die Herkunft von Wörtern wie berappen, beschummeln, Kittchen, Kohldampf, mies, mogeln, pleite, Schlamassel, Schmu, Schmus, schofel, Stuß und ihresgleichen sollte sich der Deutsche nachgerade besinnen. Es ist seiner nicht würdig, seinen Wortschatz aus dem Ghetto zu beziehen und aus der Kaschemme zu ergänzen." - Götze wollte diese Wörter nicht etwa bekämpfen, weil sie gegenwärtig einen niedrigen Stilwert haben und niedere Dinge bezeichnen, sondern weil sie jüdischer und gaunerischer Herkunft seien.

Damit hat ein deutscher Sprachgelehrter als erster die Forderung nach Sprachreinigung auf Wörter ausgedehnt, die im Bewusstsein des philologisch nicht vorgebildeten Teils der Sprachgemeinschaft zwar als 'unfeine' Wörter der Umgangssprache empfunden wurden, aber nicht als Fremdwörter oder jüdische Wörter. Die Deutschen jüdischer Abkunft haben seit der Judenemanzipation um 1800 kaum mehr Jiddisch gesprochen (2), und die meisten dieser (z. T. sogar irrtümlich) aus dem Jiddischen hergeleiteten Wörter waren seit dem 18. oder 19. Jahrhundert in der Umgangssprache aller Deutschen geläufig (3). Der methodologische Irrtum eines Philologen, man brauche zur Beurteilung des gegenwärtigen Zustandes einer Sprache nur die Etymologie anzuwenden, d. h. die Frage nach der Herkunft der Wörter, ohne Rücksicht auf ihren gegenwärtigen stilistischen und sprachsoziologischen Gebrauchswert, hat hier eine politische Wirkung gehabt, die uns noch heute Anlaß geben sollte, in der Methodik gegenwartbezogener Sprachbetrachtung äußerste Vorsicht walten zu lassen.

Götzes etymologischer Beitrag blieb in der Sprachvereinszeitschrift nicht ohne Folgen. Einige Autoren der Muttersprache versuchten, ihm mit ähnlichen Beiträgen nachzueifern. Dies artete bald - großenteils wohl unabhängig von Götzes Anstoß - in eine allgemeine rassistische Motivierung der ganzen Sprachreinigung aus. Ebenfalls im Jahrgang 1936 führte Walther Linden (Herausgeber der Zeitschrift für Deutschkunde und Verfasser mehrerer Veröffentlichungen antisemitischer Literaturgeschichte) den fremdwortreichen "geistigen Jargon" der Zeit zwischen 1919 und 1933 auf jüdische und westeuropSische Einflüsse zurück, die die deutsche Sprache "zersetzt" hätten. Und auf der Pfingsttagung des Sprachvereins im Jahre 1937 in Stuttgart hielt der Erlanger Sprechkundeprofessor Ewald Geissler den Hauptvortrag "Sprachpflege als Rassenpflicht", der dann als 'Flugschrift Nr. l' des Deutschen Sprachvereins wie ein Vereinsmanifest kostenlos angeboten wurde. Darin versuchte er jene 'Zersetzungs'-These am Fremdwortgebrauch moderner deutscher Schriftsteller jüdischer Abstammung wieTh. Mann, Feuchtwanger, Werfel, Kerr, St. Zweig u. a. nachzuweisen und forderte eine "Aufnordung" der deutschen Sprache durch den Kampf gegen "jenes Deutsch, das geheimes Jüdisch war"

Inzwischen hatte sich die blamable Krise des Sprachvereins schon angekündigt: Die Verknüpfung von Sprachreinigung und Antisemitismus war in der "Muttersprache" schon vor Geisslers Vortrag unwillkürlich ad absurdum geführt worden durch einen Beitrag eines Vereinsmitgliedes, in dem mit Entsetzen festgestellt wurde, daß jener große Vorkämpfer der NS-Puristen, Eduard Engel, ein Jude war. Engel habe zu Unrecht die Fremdwortfrage "zum Maßstab vaterländischer Gesinnung" und der "Deutschheit" hochgespielt. Jetzt auf einmal wurde nicht mehr der Fremdwortgebrauch, sondern die Fremdwortjagd der Puristen selbst als jüdische Angelegenheit aufgefasst. Dieser groteske Umfall eines einzelnen Vereinsmitgliedes war nur ein Symptom für die nahende Krise des Vereins. Der Sprachverein muß sich in den Jahren von 1933 bis1937 eher unbeliebt gemacht haben. Der Propagandaminister Goebbels hat auf der Berliner Festsitzung der Reichskulturkammer am l. Mai 1937 die Sprachreiniger öffentlich gerügt. Daraufhin sah sich der Vorsitzer des Vereins in der Eröffnungsansprache der Stuttgarter Pfingsttagung zu einem Fußfall gezwungen. Er erklärte, der Kampf des Vereins gelte "gar nicht in erster Linie, wie es irrtümlich immer wieder heißt, dem Gebrauch von Fremdwörtern". Er distanzierte sich von der "haltlosen Verdeutscherei und Sprachschöpferei" und von der "Beurteilung vaterländischer Gesinnung nach dem Fremdöwsrtergebrauch". Von da an wurden die Fremdwortpolemiken in der Muttersprache immer maßvoller und seltener. Man wagte es bald auch, das "beschränkte Lebensrecht" des Fremdwortes zu verteidigen; und im Krieg, als viele europäische Länder von deutschen Truppen besetzt waren, besann man sich auf die "übervölkischen Aufgaben unserer Sprache". - Offiziell abgeblasen wurde die deutsche Fremdwortjagd schließlich durch einen Erlaß Hitlers vom 19. November 1940.

Dies war das Ende der deutschen Sprachreinigung, ein Ende durch Verbot vonseiten der politischen Macht, der sie ja eigentlich hatte dienen wollen. Die weitere Geschichte des Sprachvereins brauchen wir hier nicht zu verfolgen. Die nach 1945 neugegründete Gesellschaft für deutsche Sprache und die heutige Zeitschrift "Muttersprache" haben sich im Wesentlichen andere Ziele gesetzt, vor allem im Bereich der Sprachprobleme des technischen Zeitalters. Wohl aber haben wir heute nach den Ursachen für die soeben skizzierte Euphorie und Agonie des deutschen Sprachpurismus zu fragen. Diese Ursachen kamen nicht von außerhalb, sie können nicht aus politischem Zwang erklärt werden, sondern liegen an den Wurzeln dieser kulturpolitischen Bewegung in ideologischen und methodologischen Irrtümern der Sprachbetrachtung. Wir wollen uns deshalb hier nicht mit der politischen Seite dieser Vorgänge beschäftigen, nicht mit dem Verhältnis zwischen Nationalismus und Nationalsozialismus, zwischen Untertanengeist und Mitläufertum, zwischen irrationaler Ideologie und rationaler Praxis der Diktatur, obwohl dies alles in den äußeren Erscheinungsformen dieser Entwicklung eine große Rolle gespielt hat. Daß die deutschtümelnden Sprachkritiker - von den Wissenschaftlern bis zu den Freizeitphilologen unter den Vereinsmitgliedern - damals der Verführung zur Sprachhysterie erlegen sind, erklärt sich zum großen Teil aus der allgemeinen Methoden-Geschichte der Sprachbetrachtung in Deutschland.

Der tragische Irrtum der Fremdwortjäger hat seine Ursache nicht zuletzt darin, dass sie ein wirklichkeitsfernes Verhältnis zur Sprache hatten, während die politischen Praktiker unter den Nationalsozialisten, die von der Sprachreinigung nichts hielten, sehr wohl wußten, daß Sprache an Geltungen in der Gegenwart gebunden ist und sich nur unter diesem Gesichtspunkt bewerten oder gar manipulieren läßt. Die etymologisierenden Schwärmer des Sprachvereins dachten nicht an das sprachstilistische und sprachsoziologische Hier und Jetzt der Wörter. Für den irrationalen Nationalismus ist Sprache "kein Verständigungsmittel, sondern ein nationales Idol, dem man möglichst ostentative Ehrenbezeugungen erweisen soll" und das man "mit der Forderung einer 'Echtheit' belastet, die mit menschlichen Zwecken nichts zu tun hat" (4). Viele Sprachreiniger glaubten - ähnlich wie noch heute viele Sprachkritiker (5) - die Sprache vor dem Sprachgebrauch der Sprachgemeinschaft schützen zu müssen, als ob die Sprache ein mythisches Wesen sei, dem die Sprecher zu dienen hätten. Die Sprache gehört vielmehr der Sprachgemeinschaft und dient ihr als Verständigungs- und Ausdrucksmittel.

Vor allem waren die Sprachreiniger gewohnt, die Wörter des gegenwärtigen Sprachgebrauchs nach ihrer Herkunft zu werten. Diese Gewohnheit erklärt sich nicht allein aus einer nationalistischen Antipathie gegen fremde Sprachen, nicht aus einer nur laienhaften Sprachauffassung; denn die wirklichen 'Laien' - die normalen, über die Sprache nicht nachdenkenden Sprachteilhaber - wissen im Sprachverkehr nichts von Herleitungen und Etymologien. Da die meisten dieser 'Sprachfreunde' mehr oder weniger -mindestens während ihrer Gymnasialschulbildung - durch die Schule der traditionellen Philologie gegangen sind, handelt es sich bei der puristischen Sprachwertung um popularisierte und pervertierte Wissenschaft, also um eine kultursoziologische Erscheinung, die etwas mit der deutschen Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte des vorausgegangenen Jahrhunderts zu tun hat.

In diesem Zusammenhang muss auch danach gefragt werden, warum sich - wie wir sahen - auch einige wenige Fachwissenschaftler und UniversitStsprofessoren an dem sprachpuristischen Rausch der ersten Nazijahre maßgebend beteiligten, anstatt ihm mit dem Gewicht ihrer fachlichen Kompetenz von vornherein Einhalt zu gebieten oder - wie die große Mehrheit der Hochschulgermanisten - wenigstens zu schweigen. Dieses Verhalten kann man nicht allein aus persönlichen politischen Haltungen oder aus einer Wirkung des 'Zeitgeistes' erklären. Es geht hier auch nicht um Personen und ihre Schicksale, über die wir nicht zu richten haben. Was uns aber heute noch angeht, sind die theoretischen und methodologischen Voraussetzungen für die Handlungen und Entscheidungen des Wissenschaftlers; denn die Geschichte einer jeden Wissenschaft ist in erster Linie eine Theorien- und Methodengeschichte, und vulgärwissenschaftliche Aktivität nährt sich meist von der Methodik der Wissenschaft, die durch sie pervertiert wird.

Die Wissenschaft von deutscher Sprache ist als Teil der Indogermanistik zu Ende des 19. Jahrhunderts eine große, für die Sprachforschung der Welt vorbildliche Wissenschaft gewesen, besonders durch die Leipziger Schule der sog. 'Junggrammatiker'. Von ihren Methoden und Ergebnissen, vor allem auf den Gebieten der Phonetik, der historischen Laut- und Formenlehre, der Etymologie, der Erforschung vor- und frühgeschichtlicher Sprachverwandtschaften und der philologischen Textkritik, zehrt die Sprachwissenschaft noch heute; und sie wird ihnen weiterhin verpflichtet bleiben müssen, allerdings nicht in der einseitigen Weise, wie weithin in der deutschen Germanistik das kanonisierte Erbe der historisch-philologischen Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts gehütet worden ist. Schon in der Zeit der Junggrammatiker wurde einigen Sprachforschern deutlich, dass die ausschließlich diachronisch-ableitende, die Einzelelemente isolierende Sprachbetrachtung aufgrund schriftlicher Texte aus längst vergangenen Zeiten noch nicht die ganze Sprachwissenschaft sein konnte. Man fand neue methodische Wege vor allem in der romanistischen und germanistischen Sprachgeographie (6), wo man darauf achten lernte, daß es bei der Untersuchung des Zustandes einer lebenden gesprochenen Sprache vielmehr auf soziologische und strukturelle Beziehungen ankommt.

Die umfassende theoretische Grundlegung einer neuen sprachwissenschaftlichen Methodik, die der synchronisch-strukturellen Analyse der Sprache als eines Zeichensystems einer Sprachgemeinschaft, gab in den Jahren 1906 bis 1911 der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure in seinen Vorlesungen, die im Jahre 1916 gedruckt wurden (7) und die moderne Sprachwissenschaft, die eigentliche 'Linguistik', begründeten. Während nun bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren de Saussures Lehren in den meisten anderen Ländern stark gewirkt und die Erforschung der lebenden Sprachen sehr fruchtbar gefördert haben, haben viele deutsche Germanisten von ihnen lange Zeit kaum Kenntnis genommen. Die 1931 erschienene l. Auflage der deutschen Übersetzung de Saussures war erst im Jahre 1966 vergriffen. In dem letzten umfassenden Sammelwerk der traditionellen Germanistik, Deutsche Philologie im Aufriß (8), hat Leo Weisgerber eine sprachwissenschaftliche Methodenlehre geschrieben, in der de Saussure nur einmal in einer Nebenbeibemerkung erwähnt ist.

Auf dem Gebiet der Lexikologie, mit der wir es ja beim Fremdwortproblem zu tun haben, gab es in Deutschland vor dem letzten Krieg zwar bedeutende Ansätze zu einer synchronisch-strukturellen Betrachtungsweise: Jost Triers 'Wortfeldtheorie' (9), Walter Porzigs 'wesenhafte Bedeutungsbeziehungen' (10), Franz Dornseiffs Eintreten für die Onomasiologie (11), Walter Mitzkas onomasiologische Wortgeographie (12), Leo Weisgerbers 'Begriffslehre' (13) und Werner Betz' 'innere Lehnbeziehungen' (14). Diese Arbeiten haben sich aber meist erst nach dem Krieg fruchtbar ausgewirkt. Im Mittelpunkt der deutschen Wortforschung standen in den 30er Jahren weithin nach wie vor die Geschichte der einzelnen Wörter und ihre Etymologie.

Für diese beiden diachronisch-isolierenden Methoden der Lexikologie war in den dreißiger Jahren Alfred Götze der anerkannte und hochverdiente Fachgelehrte. Wenn nun Götze als Worthistoriker und Etymologe sich aufgerufen fühlte, in der Zeitschrift des Sprachvereins zu der angeblich wieder aktuell gewordenen Frage des Fremdwortschatzes Stellung zu nehmen, so konnte er dies nur mit der ihm vertrauten diachronischen Fragestellung: Wo kommt das Wort her? Da man aber beim Fremdwortproblem in der Sprachwissenschaft und Sprachpflege nach Geltungsmerkmalen einer bestimmten Gruppe von Wörtern innerhalb eines gegenwärtigen Sprachzustandes fragt, ist hier eine synchronische Sprachbetrachtung gefordert mit der Frage: Wie verhalten sich die Wörter fremdsprachiger Herkunft im Systemzusammenhang des Wortschatzes zu den sinnbenachbarten Wsrtern aus heimischem Sprachmaterial? Götze hat also - wie viele andere - diese synchronische Frage mit rein diachronischen Feststellungen beantwortet. Die diachronische Tatsache, daß gewisse umgangssprachliche Wörter aus dem Jiddischen stammen, hat er unbewußt und unausgesprochen in die synchronische Feststellung verwandelt, dass sie jüdische Wsrter seien, woraus er die rassistisch-sprachpflegerische Folgerung ableitete, daß sie aus der deutschen Sprache entfernt werden müßten. Er hat die Geltung der Wörter nach ihrer Vergangenheit beurteilt.

Dieses diachronische Prinzip der Wortwertung zeigt sich bei Götze auch ganz allgemein in seiner Wörterbucharbeit. Wörter fremdsprachlicher Herkunft oder im Deutschen aus fremdsprachlichen Bestandteilen gebildete Wörter hat er nur sehr sparsam aufgenommen. Das von ihm herausgegebene Trübnersche Deutsche Wörterbuch, mit dem er Jacob Grimms Plan eines mehrbändigen Wörterbuchs als "Haus- und Handbuch aller Deutschen" verwirklichen wollte, hat ein besonders 'deutsches' Wörterbuch werden sollen, nicht nur hinsichtlich seiner Quellenwahl. Aber es ist nur ein halbdeutsches Wörterbuch geworden, weil es viele schon seit Generationen im alltäglichen Sprachverkehr geläufige Wörter ausläßt, obwohl sie teilweise schon im 17. oder 16. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt worden sind. Das Trübnersche Wörterbuch ist zwar ein Auswahlwörterbuch; es wählte die "sprachgeschichtlich anziehenden und kulturgeschichtlich bedeutsamen Wortgeschichten" aus. Daß aber darin behandelte Wörter wie Gadem, Ganerbe,Gauch, Gebresten, Gelichter, Ger, Gerechtsame, Geschmeide, Gespans, Gevatter, Greif, greinen, Gundelrebe in einem auswählenden 'Hausbuch' sprach- und kulturgeschichtlich anziehender und bedeutsamer sein sollen als die nicht behandelten Wörter Garantie, Garde, Garnitur, Gendarm, Generation, Globus, Glosse, Grammatik, gratulieren, grotesk, Gymnasium usw., hängt mit der musealen, wirklichkeitsfernen und sprachpuristischen Haltung zusammen, die sich auch sonst in der deutschen Lexikographie seit Grimms Deutschem Wörterbuch mehr oder weniger ausgewirkt hat. Viele der gängigsten und für die neuere deutsche Geschichte bedeutsamsten Wsrter des kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Sprachlebens im 19. und 20. Jahrhundert muß man in einem 'Fremdwörterbuch' nachsuchen.

Deutschland ist das Land der Fremdwörterbücher, nicht etwa weil es im Deutschen mehr 'Fremdwörter' gäbe als in anderen modernen Kultursprachen, sondern weil man lange Zeit vieles von dem in die 'Fremdwörterbücher' verbannt hat, was in anderen LSndern als 'Lehnwörter' in normalen Wörterbüchern oder zusammen mit anderen 'difficult words' in Spezialwörterbüchern des Fach- und Bildungswortschatzes gebucht wird (15). Während die Lexikographen der Aufklärungszeit darin nicht so zurückhaltend waren, hat man in Deutschland nach dem Übergang von der synchronisch-normativen zur diachronisch-historischen Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert den meisten erst in den vorangegangenen zwei Jahrhunderten entlehnten Wörtern den Status des 'Lehnwortes' und damit den Platz in einem deutschen Wsrterbuch aberkannt. Der sprachliche Begriff 'deutsch' wurde einseitig diachronisch aufgefasst.

Das einseitig diachronische Denken hat etwas mit Historismus und Konservatismus zu tun. Es gibt Parallelen in anderen Bereichen. Man hat in Deutschland auch im sozialen und politischen Leben zu viel nach der Herkunft gefragt und die Gegenwart aus der Vergangenheit gedeutet. So wie es irrig und gefährlich ist, eine Gesellschaftsstruktur nach der Herkunft der Einzelpersonen und ihrer Vorfahren zu bestimmen, so ist es sprachwissenschaftlich falsch und nutzlos, die Wortschatzstruktur einer lebenden Sprache nach der Herkunft der Einzelwsrter zu gliedern. Der ganze Sprachpurismus beruht auf dem methodologischen Irrtum der Vermischung von Diachronie und Synchronie. Die Gegenüberstellung von 'Fremdwörtern' und 'Lehnwörtern' einerseits und 'Erbwörtern' andererseits hat ihren Sinn in der diachronischen Sprachbetrachtung, deren Berechtigung keineswegs in Frage gestellt werden darf. 'Diachronisch' ist auch nicht identisch mit 'historisch'; auch innerhalb der historischen Sprachforschung ist zwischen Sprachwandel (Diachronie) und Sprachzustand (Synchronie) zu unterscheiden. Es ist für die Erforschung der deutschen Sprach- und Kulturgeschichte notwendig, zu wissen, aus welchen Fremdsprachen, zu welcher Zeit, in welchem Umfang, in welchen Sachgebieten, mit welchen kulturellen Wirkungen Wörter in die deutsche Sprache entlehnt worden sind. Aber Sprachgeschichte und gegenwartbezogene Sprachbetrachtung sind etwas Verschiedenes. Bei der synchronischen Sprachbetrachtung, die nach dem gegenwärtigen Zustand und inneren Gefüge einer Sprache fragt, spielen die Kategorien 'Fremdwort' und 'Lehnwort' nur eine ganz untergeordnete Rolle, wie schon de Saussure (16) erkannt hat. Hier gelten andere Gruppierungen, nämlich semantische, stilistische und vor allem sprachsoziologische.

Die herksmmliche Definition des Unterschiedes zwischen 'Fremdwort' und 'Lehnwort' nach dem formalgrammatischen Prinzip der graphischen, phonetischen und flexivischen Angleichung ist unbefriedigend: Danach wären z. B. allgemein gebräuchliche Wörter wie Lexikon und Atlas wegen ihrer
besonderen Pluralbildung 'Fremdwörter' und seltene Fachwörter wie Enzyklopädie oder Foliant wegen ihrer normalen deutschen Pluralbildung 'Lehnwörter'. Das Fremdwort-/Lehnwortproblem kann mit solchen äußerlichen Kriterien des Wortkörpers nicht gelöst werden. Es kommt im gegenwärtigen Zustand einer Sprache vielmehr darauf an, von wem ein Wort benutzt wird, gegenüber welchem anderen Sprachteilhaber, in welcher Sprech- oder Schreibsituation, mit welchem Sachbezug, in welchem Kontext, mit welcher Stilfärbung und vor allem mit welcher Bedeutung im Verhältnis zu den Bedeutungen der anderen Wörter des Wortfeldes, in dem das entlehnte Wort seinen Platz gefunden hat (17).

Der ganze Fremd- und Lehnwortschatz bedarf in der Sprachwissenschaft ebenso wie in der Sprachpflege einer neuen Gruppierung: einer synchronischen Zuordnung zur Wortschatzstruktur des heutigen Deutsch. Einen solchen Gruppierungsversuch hat im Jahre 1960 Leo Weisgerber in der Zeitschrift "Muttersprache" vorgelegt (18). Er war damit der erste Fachwissenschaftler, der nach dem blamablen Niedergang des deutschen Sprachpurismus, nach der hierauf eingetretenen Stille und nach der Neugründung der Gesellschaft für deutsche Sprache in ihrer Zeitschrift zum Fremdwortproblem grundsätzlich Stellung nahm. Er ging aber mit keinem Wort auf die Gründe dafür ein, warum man in Deutschland und in der Sprachgesellschaft seit 1937 in der Fremdwortfrage so zurückhaltend geworden war. So bleiben auch seine methodologischen Folgerungen unbefriedigend, zumal er den Begriff 'Lehnwort' bewusst meidet. Zwar ist seine Wertungsskala von 'schädlich' über 'hinderlich', 'fragwürdig', 'überflüssig', und 'neutral' bis zu 'nützlich', 'notwendig' und 'echte Bereicherung' eine erfreulich differenzierende Antwort auf die nie verstummte Wertungsfrage der Sprachpfleger und 'Sprachfreunde'; und auf der positiven Seite seiner Skala sind seine semantischen Vergleiche zwischen entlehntem Wort und seinen möglichen Entsprechungen im Erbwortschatz hilfreiche Hinweise für eine angemessene Beurteilung des Lehnwortschatzes vom Inhalt her. Das sind synchronische Antworten auf die synchronische Fragestellung.

Bei den wichtigen Kategorien 'schädlich' und 'hinderlich' vermischt Weisgerber jedoch Synchronie mit Diachronie und gibt fragwürdige Beispiele, die geeignet sind, die Sprachpflege wieder auf die alten Irrwege zu locken. Nach allem, was wir von der verführerischen Wirkung bestimmter Fremdwörter im politischen Leben erfahren haben, und im Rückblick auf jene Diskussion 'Propaganda, Organisation, Garant, arisieren, Konzentrationslager, Sterilisation', die in den ersten Nazijahren in der "Muttersprache" geführt und zum Schweigen gebracht worden ist, sollte man erwarten, daß in die Kategorie 'schädlich' Wörter eingeordnet w&Mac217;rden, die in der Kommunikationswirklichkeit Schaden angerichtet haben oder noch heute anrichten können: vulgärwissenschaftliche Schlagwörter und Tarnwörter, die vom größten Teil der Sprachgemeinschaft nicht oder nicht richtig verstanden werden und die die begriffliche Klarheit in der öffentlichen Meinung behindern. Statt dessen gibt Weisgerber Beispiele für eine recht wirklichkeitsferne diachronische Schädlichkeit, indem er sich auf den alten Grammatiker Schottel beruft, der gesagt habe, "daß eine einmal aufgegebene Sprachwurzel für kein Gold der Erde wiedererworben werden kann". Und so hält Weisgerber 'Fremdwörter' wie 'Onkel' und 'Tante' für 'schädlich' : "Wurzeln wie die von Oheim, Base haben unter der Wirkung fremder Wörter (Onkel, Tante) ihre Lebenskraft verloren und werden nicht mehr aufgeweckt werden." Wenn man aber bedenkt, daß die uralten Bezeichnungen für die Elterngeschwister ('Vetter' und 'Base' väterlicherseits, 'Oheim' und 'Muhme' mütterlicherseits) zur Zeit des französischen Spracheinflusses innerhalb des deutschen Wortschatzes längst etymologisch isoliert, also in der Wortschatzstruktur genauso unmotivierte Lexeme waren wie die entlehnten 'Onkel' und 'Tante', und wenn man bedenkt, daß die alte rechtliche Unterscheidung zwischen Verwandtschaft väterlicher- und mütterlicherseits längst verfallen und jene altdeutschen Wörter seitdem in den Mundarten in sehr unterschiedlicher, unklarer Bedeutung für mehrere Verwandtschaftsgrade verschiedener Generationen verwendet wurden, dann muß man sich fragen, wer denn durch die Entlehnung von 'Onkel', 'Tante' (und 'Cousine') einen Schaden erlitten haben soll: Sicher nur die Sprache als methodologische oder ideologische Abstraktion des diachronisch denkenden Sprachbetrachters, nicht aber die Sprachstruktur und die Sprachgemeinschaft. Man könnte hier sogar von einem semantisch-sprachsoziologischen Nutzen der Entlehnung sprechen: Man hatte wieder eine klare begriffliche Ordnung in diesem Wortfeld: Statt der verfallenen Opposition 'väterlicherseits'/'mütterlicherseits' die neue Opposition 'ältere'/'jüngere Generation' (Onkel, Tante/Vetter, Cousine), und man hatte zudem durch die Übernahme der höfisch-französischen Wörter ein sprachliches Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg, ähnlich wie bei dem durchaus nicht 'schädlichen' Lehnwort 'Dame'. Sehr viele alte Wortwurzeln sind im Laufe der Sprachentwicklung untergegangen, und zwar aus bestimmten Ursachen; aber die deutsche Sprache ist dadurch nicht ärmer geworden. Im Gegenteil: Sie hat dafür Tausende neuer Wortstämme gewonnen, die sie zu einer leistungsfähigen, feiner differenzierenden modernen Kultursprache gemacht haben. - Mit welchem Recht also darf der Sprachpfleger der Sprachgemeinschaft die 'Schädlichkeit' von Lehnwörtern wie 'Onkel' und 'Tante'glaubhaft machen?

Für 'hinderlich' hält Weisgerber Fremdwörter, die "dem Entstehen einer einheimischen Bildung im Wege stehen". Er hält es für nicht unbillig zu verlangen, daß die ständig neu entstehenden Industrieerzeugnisse "wenigstens in ihrem Ursprungsland auch mit einheimischem Sprachgut vorgestellt würden. Nicht nur wegen der Echtheit des geschichtlichen Bildes, sondern auch um die Aufgabe der Prägung neuer Wörter auf viele Sprachen zu verteilen, dort wo man jetzt zu pseudoantikem Gut oder zum Abkürzungswort greift". Diese Forderung mag ihre Berechtigung haben gegenüber Warenbezeichnungen mit Wörtern aus modernen Fremdsprachen. Aber die "Echtheit des geschichtlichen Bildes" sollte man hier lieber ganz beiseite lassen; denn Sprache ist nicht für die Geschichte da, sondern für die legitimen Bedürfnisse der Sprecher, beispielsweise für die Benennung des Produkts mit den sprachlichen Mitteln, die dem Produzenten die größtmögliche Werbewirkung und dem Käufer die größtmögliche sprachsoziologische Kommunikationsbreite über Sprachgrenzen hinweg bieten. Es ist eher eine Verfälschung des geschichtlichen Bildes, wenn man als Sprachwissenschaftler Tausende neuer Wortstämme und Wortbildungsmittel, die sich Wissenschaftler, Techniker und andere Fachleute in vielen Kulturländern seit zwei Jahrhunderten für die sprachliche Erschließung ihrer vielfältigen neuen Sachwelt zu eigen gemacht haben und die nun einen wesentlichen Bestandteil des einzelsprachlichen und großenteils internationalen Fach- und Sachwortschatzes darstellen, noch heute mit dem etymologisierenden Begriff "pseudoantikes Gut" abwertet. Die Entlehnung und produktive Anwendung von Wortstämmen aus antiken Sprachen ist eine kulturgeschichtliche Leistung der europäischen Vslker, die weder der Antike noch der Moderne Unrecht tut.

Mit solcher historistischen und unsoziologischen Sprachbetrachtung, wie sie Weisgerber hier - entgegen seiner sonstigen Methodik (19) - passiert ist, können der Sprachpflege jedenfalls keine neuen, besseren Wege gezeigt werden. Die synchronische Frage nach Wert oder Unwert bestimmter Wörter in einem gegebenen Sprachzustand erfordert - bevor man Wertungen wagen kann - eine synchronische Gruppierung des Wortschatzes dieses Sprachzustands. Man sollte dabei nicht gleich damit beginnen, die entlehnten Wörter in die semantische Struktur des Gesamtwortschatzes einzuordnen; denn diese semantische Struktur existiert nur in der summierenden Abstraktion des Wörterbuchs. Im Sprachleben handelt es sich vielmehr um verschiedenartige semantische Teilsysteme im Sprachbesitz bestimmter sprachsoziologischer Gruppen und im Sprachgebrauch bestimmter Arten von sprachstilistischen Situationen. Es ist ja gerade ein wesentliches Merkmal vieler aus fremden Sprachen entlehnter Wörter, daß sie von bestimmten Sprachteilhabern und in bestimmten Redesituationen nicht oder nicht richtig verstanden werden. Die Ursache dafür ist aber nicht so sehr die fremdsprachliche Herkunft dieser Wörter oder ihrer Bestandteile, sondern ihre sprachsoziologisch und stilistisch gebundene Geltung; solche Geltungsmerkmale teilen diese sogenannten 'Fremdwörter' mit vielen sogenannten 'Erbwörtern', so daß das Herkunftskriterium gegenstandslos wird.

Nehmen wir das Beispiel der großen Wortfamilie, die im Deutschen aus dem lateinischen Wortstamm -'form-' durch direkte Entlehnung aus dem Lateinischen, auf dem Weg über das Franzssische und Englische oder durch Neubildung innerhalb des Deutschen seit dem Mittelalter entstanden ist. Wenn man den Terminus 'Fremdwort' in der Synchronie beibehalten will, für einen synchronischen Begriff, so sollte man ihn auf die Fälle beschränken, in denen einzelne Sprachteilhaber ein Wort oder eine Wendung einer fremden Sprache nur gelegentlich und wie ein Zitat verwenden, wobei sie beim Gesprächspartner oder Leser die Kenntnis dieser fremden Sprache voraussetzen, beispielsweise die von akademisch Gebildeten manchmal zu hörenden Adverbien 'pro forma' und 'formaliter', oder wenn ein Amenkareisender berichtet, er habe bei der Ankunft in New York mit den 'formalities' Schwierigkeiten gehabt. Das sind auch im synchronischen Sinne 'Fremdwörter'; sie haben im deutschen Sprachgebrauch nur Zitatcharakter. Hierher gehören auch Wörter für Dinge, die es nur bei anderen Völkern gibt, z. B. College, Lord, Siesta, Geisha, Komsomolze, Kolchose. Sie spielen in der deutschen Wortschatzstruktur kaum eine Rolle (20).

'Lehnwörter' im synchronischen Sinne sind dagegen alle Wörter fremdsprachlicher Herkunft, die mindestens in einer größeren Gruppe von Sprachteilhabern zum üblichen Wortschatz gehören. Sie lassen sich synchronisch in verschiedene sprachsoziologische Kategorien des heutigen deutschen Wortschatzes einordnen. In eine erste Kategorie gehören Wörter, die nur von akademisch Gebildeten verwendet und auch oft nur von solchen verstanden oder richtig verstanden werden, z. B. 'formell', 'formal', 'formulieren', 'uniform', 'konform', 'nonkonformistisch'. Das sind übliche Wörter des Bildungswortschatzes, sprachsoziologisch an ein gewisses Maß akademischer Bildung gebunden, aber nicht an bestimmte Fachbereiche. Vielen von denen, die nicht zu dieser fremdsprachgebildeten Gruppe von Sprachteilhabern gehören, sind sie genauso 'fremde' Wsrter wie viele aus altdeutschen Bestandteilen geprägte Wörter der Gebildetensprache, z. B. 'Gattung', 'Gefüge', 'Gepräge', 'Gesittung', 'Wesenheit', 'Unfehlbarkeit', 'Gegebenhei't. Der 'fremdwortarme' Stil eines Heidegger ist für philosophisch nicht Vorgebildete durchaus nicht leichter verständlich als der von Puristen kritisierte (21) 'Fremdwortstil' eines Jaspers. Der akademische Bildungswortschatz ist einem großen Teil der Sprachgemeinschaft nicht allein deshalb so 'fremd', weil er so viele 'Fremdwörter' enthält, sondern weil er eine für den weniger gebildeten Sprachteilhaber viel zu große Zahl von Wortstämmen und Wortbildungsmitteln benutzt, die weit über die Grenzen der Gemeinsprache hinausgeht. Im Englischen spricht man von 'difficult words'.

Eine zweite Kategorie von Lehnwörtern gehört synchronisch zum Fachwortschatz bestimmter Berufe und Sachgebiete. Was eine Formation in der Landschaft ist, weiß nur der geologisch gebildete, was Formalismus ist, nur der Kunst- und Literaturverständige, was ein Format ist, nur der Akustiker, was eine Formerei ist, nur der Fachmann der Gießereitechnik, was ein Formsieg ist, nur der Fußballkundige. Auch viele deutsch gebildete Wörter der Fachsprachen sind dem Nichtfachmann 'fremd' (z. B. Lautverschiebung, Verhältniswort, Umstandsergänzung, Lehnbildung). Lexikalische 'Fremdheit' ist eine sprachsoziologische Erscheinung, die nicht auf Wörter fremdsprachlicher Herkunft beschränkt ist.

Schließlich bleibt noch die Kategorie der Lehnwörter, die allen mit den wichtigen Dingen des öffentlichen Lebens hinreichend vertrauten Sprachteilhabern nicht nur bekannt sind, sondern auch zu ihrem aktiven Wortschatz gehören, also dem Gemeinwortschatz zugerechnet werden können, z. B. 'Formular', 'Formel', 'Format',' formlos', 'unförmig',' formen', 'Uniform', 'Reform', 'Information'. Das Alter der Entlehnung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Eine erst in den letzten Jahrzehnten über den Sportjargon aus dem Englischen neuentlehnte Wendung wie 'in Form sein' kann heute bereits als gemeinsprachlich angesehen werden, während damit zusammenhängende Weiterbildungen wie 'formmäßig', 'Formverlust', 'Formsieg', 'Formtraining' noch auf die Fachsprache der Sportler und Sportfreunde beschränkt sind. Viele der jüngsten Entlehnungen aus dem Englischen (22), wie 'Manager', 'Babysitter', 'Hobby', 'Party', 'fair', 'Playboy', 'Sex', sind heute schon Wörter der Gemeinsprache, während andere, wie 'Feature', 'Live-Sendung', 'Foul', 'Computer', 'Disengagement', 'Ghostwriter', noch auf Fachsprachen oder, wie 'handicap', 'understatement', 'gentleman', 'image', noch auf die Gebildetensprache beschränkt sind.

Eine genauere Scheidung zwischen solchen (und weiteren) soziologisch-stilistischen Kategorien von Lehnwörtern wird erst nach umfangreichen statistischen Untersuchungen möglich sein. Es werden auch dann noch weite Bereiche mit fließenden Übergängen übrigbleiben, wie überall in der sich ständig wandelnden Sprache. Es darf aber für die große Masse der eindeutigen Fälle grundsätzlich gelten, daß das Lehnwortproblem in erster Linie eine gruppensprachliche Erscheinung ist. Wir leben heute zwar im Zeitalter der genormten und vereinheitlichten Sprache; wir sind durch die orthographische, phonetische und morphologische Normierung und durch die klassisch-literatursprachliche Stilnorm gewohnt, die Vielfalt des Sprachgebrauchs nach der Alternative 'richtig'/'falsch' oder 'gut'/'schlecht' zu bewerten und die deutsche Sprache als eine Einheit zu sehen. Diese grobe Vereinfachung des modernen Sprachlebens täuscht darüber hinweg, daß es besonders im Wortschatz auch heute noch sprachsoziologische und stilistische Unterschiede innerhalb der deutschen Sprache gibt: die Gruppenbildungen des Zeitalters der beruflichen Spezialisierung, der institutionalisierten Bildungswege und der Interessenunterschiede.

Die Aufgaben des abstrakten Denkens und der Begriffsdifferenzierung können längst nicht mehr mit dem Gemeinwortschatz allein bewältigt werden. Wissenschaftler und andere Fachleute haben seit Jahrhunderten an ihren Terminologien gearbeitet und dabei fremde Sprachen zu Hilfe genommen. So ist es heute nicht verwunderlich, wenn nicht jeder Sprachteilhaber im Wortschatz aller sprachsoziologischen Gruppen und aller Stilarten zu Hause sein kann. Aber seitdem jeder auf bequeme Weise durch die modernen Massenkommunikationsmittel mit dem Sprachgebrauch so vieler und so verschiedener Fach- und Sachgebiete in tägliche Berührung kommt und seitdem das öffentliche Leben weitgehend verschriftlicht, also das Gesprächspartner-Verhältnis in vielen öffentlichen Kommunikationssituationen auf das stumme Gegenüber von Schreiber und Leser reduziert worden ist, scheint das Verhältnis zwischen Gemeinsprache, Bildungssprache und Fachsprachen problematisch geworden zu sein: Der Leser, Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer kann nicht zurckfragen wie der Gesprächs- und Verhandlungspartner.

Wenn die Sprachreiniger seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine unübersehbare neue Welle von sog. 'Fremdwörtern' die deutsche Sprache überfluten sahen, so haben sie mit dem Kriterium der fremdsprachlichen Herkunft der Wörter nur ein äußerliches Symptom für die umfassende sprachsoziologische Umschichtung erkannt, für die Übersättigung des Gemeinwortschatzes durch den sich unübersehbar vermehrenden Bildungs- und Fachwortschatz. Wahrscheinlich hat heute bei vielen mit sprachlichen Reizen überfütterten normalen Sprachteilhabern der halbverstandene passive Wortschatz ein zu starkes Übergewicht über den aktiven. Hier liegen die Gefahren der modernen Wortschatzentwicklung, nicht so sehr in der Entlehnung von Wörtern und Wortbildungsmitteln aus fremden Sprachen

Die Sprachreiniger waren der Meinung, auch die vielen neuen Wörter der Bildungssprache und der Fachsprachen könnten doch ebenso gut (oder für die Verständlichkeit noch besser) aus dem Stoff des Erbwortschatzes gebildet werden. Nach diesem Prinzip würde aber alles Neue immer nur vom alten Bestand abgeleitet. Es entstünden dadurch noch mehr umständliche Ableitungen und mehrgliedrige Zusammensetzungen, und die alten Wortstämme würden dadurch und durch übertragenen Gebrauch mit immer neuen Bedeutungen belastet. Man denke nur an die Polysemie des Wortes und Wortstammes Geschlecht ('Familie', 'Dynastie', 'Generation', 'Spezies', 'Genus', 'Sexus'). Was müßten wir mit unseren Wörtern 'Gesellschaft', 'Verein', 'Gruppe', 'Gemeinschaft', 'Gemeinde' alles anstellen, wenn wir Lehnwörter wie 'sozial', 'Soziologie', 'Sozialismus', 'Kommunismus', 'kommunal', 'Partei', 'Zirkel', 'Club', 'Team', 'Party' nicht hätten! Keine moderne Kultursprache kann sich bei der Weiterentwicklung ihres Wortschatzes mit dem traditionellen Vorrat an Grundwortstämmen begnügen.

Es ist immer wieder behauptet worden, Wörter und Wortstämme aus anderen Sprachen seien semantisch grundsätzlich weniger leistungsfähig als solche aus dem alten Erbwortschatz, weil sie innerhalb der deutschen Sprache etymologisch isoliert seien. Für die synchronische Betrachtung der Sprachstruktur handelt es sich hier um den Unterschied zwischen innersprachlicher Motiviertheit und Unmotiviertheit der Wörter. Gewiß wirkt sich die diachronische Tatsache der Entlehnung auch synchronisch auf die semantische Wortstruktur aus. Viele Lehnwörter bleiben unmotiviert, d. h. sie stehen innerhalb des Deutschen in keiner Wortbildungsbeziehung, sind nicht 'ableitbar': z. B. 'Problem', 'Balkon', 'Hobby'. Sobald aber Lehnwörter und vor allem Lehnwortstämme wortbildungsmäßig produktiv werden, erhalten ihre Ableitungen auch innerhalb des deutschen Wortschatzes eine Motivierung, wobei sich aber die sprachsoziologischen Unterschiede stark auswirken. Für viele Sprachteilhaber sind z. B. Lehnwortbildungen wie 'Auto(mobil)', 'Autogramm' und 'Automat' unmotivierte Wörter; sie lernen und beherrschen sie wie alle anderen unmotivierten Wsrter der deutschen Sprache. Für den, der am akademischen Bildungswortschatz oder am Fachwortschatz bestimmter Berufe und Sachgebiete teilhat, sind sie dagegen voll oder teilweise motiviert. Nicht so sehr, weil er Griechisch gelernt hat - das haben nicht alle Gebildeten und Fachleute -, sondern weil in seinem in bestimmter Richtung erweiterten Sprachbesitz noch eine Reihe weiterer Wörter mit dem gleichen ersten Bestandteil danebensteht: z. B. 'Autobiographie', 'autochton', 'Autodidakt', 'Autograph', 'Autokratie', 'Autonomie', 'Autopsie', 'Autotypie' usw., Wörter, für deren zweite Bestandteile er ebenfalls in vielen Fällen semantische Querverbindungen innerhalb des eigenen Wortschatzes findet und zu denen er selbst bei Bedarf nach bestimmten Wortbildungsmustern weitere ähnliche Fachtermini bilden kann. Das Element 'auto-' ist für solche Sprachteilhaber ein kleinstes Sinnelement, ein Lexem ihres Wortschatzes, nicht weil sie es diachronisch vom Griechischen ableiten ksnnen, sondern weil dieses Element in ihrem Wortschatz strukturell gruppenbildend wirkt.

Das gilt auch für Lehnwortstämme, die in der Gemeinsprache gruppenbildend geworden sind. Das aus dem Latein entlehnte Präfix 're-' z. B. ist für den normalen Sprachteilhaber unmotiviert, ist kein Lexem, sondern nur eine Phonemfolge ohne Sinn, z. B. in Wörtern wie 'Restaurant', 'Reklame', 'Religion', 'Revolution', 'Revolver', 'Respekt', 'Refera't, 'referieren', 'Register', 'registrieren'. Diese Wörter sind unmotivierte, unteilbare Lexeme der deutschen Gemeinsprache. Anders verhält es sich bei Wörtern wie 'Reproduktion', 'Rekonstruktion', 'Remilitarisierung' und den dazugehörigen Verben. Hier ist das 're-' auch für den des Lateins Unkundigen ein motivierendes Element seines Wortschatzes, weil das' re-' in diesen Wörtern überall die gleiche Bedeutung ('wieder', 'zurück') hat und weil der zweite Bestandteil dieser Wörter jeweils auch sonst in seinem Wortschatz in gleicher Bedeutung vorkommt,
nämlich in: 'Produktion', 'produzieren', 'Produkt', 'produktiv'; 'Konstruktion', 'konstruieren'; 'Organisation', 'organisieren'; 'Militarisierung', 'militarisieren', 'militärisch', 'Militär'. Beide Bestandteile dieser 're'-Wörter sind Lexeme der deutschen Gemeinsprache. Von solchen voll motivierten Wörtern her wirkt das 're-' auch da motivierend, wo es zwar die gleiche Bedeutung hat, aber der zweite Bestandteil nicht motiviert ist: z. B. 'reparieren', 'restaurieren', 'renovieren', 'revidieren', 'reklamieren', 'rehabilitieren'. Das sind teilmotivierte Wörter der deutschen Sprache des öffentlichen Lebens. Die semantischen Strukturbeziehungen sind also bei den unmotivierten Wörtern 'Restaurant' und 'Reklame' anders als bei den teilmotivierten Wörtern 'restaurieren' und 'reklamieren'. Mit nur diachronischer Sprachbetrachtung, mit der bloßen Ableitung aus Fremdsprachen, würde man diese strukturelle Integration vieler Lehnwortbildungen im heutigen Deutsch nicht erkennen.

Ebenso ist es bei den Lehnsuffixen. Der Anglist und Sprachwissenschaftler Hans Marchand, der das beste Handbuch der englischen Wortbildungslehre geschrieben hat (23), weist in einem grundlegenden Aufsatz zur Methodik der Wortbildungslehre (24) mit Recht darauf hin, daß die vorwiegend diachronische Anordnung des Materials in Handbüchern zur deutschen Wortbildungslehre "die Behandlung von Wörtern mit aus Fremdsprachen stammenden Bestandteilen systematisch vernachlässigt, in der Annahme, nur Morpheme germanischen Ursprungs hätten einen legitimen Anspruch auf einen Platz in der deutschen Wortbildungslehre". So zählt Walter Henzen in seiner 'Deutschen Wortbildung' (25) nur auf einer halben Seite unter der Überschrift "Personalbezeichnungen mittels fremder Suffixe" einige Wörter auf '-ist', '-ant', '-aster', '-ian', '-ikus' auf, ohne zu unterscheiden, welche verschiedenartige synchronische Wortbildungsstruktur sie innerhalb des heutigen deutschen Wortschatzes haben. Bei den Wörtern auf' -ant' z. B. gibt es eine Reihe, bei denen dieses '-ant' innerhalb des Deutschen unmotiviert, also kein Lexem der deutschen Sprache ist: 'Bacchant', 'Pedant', 'Sergeant', 'Leutnan't, 'Adjutant'. Diese Wörter sind im Deutschen genauso unmotivierte Lexeme wie 'Gigant', 'Garant', 'Trabant', 'Elefant', 'Restaurant', 'Diamant', bei denen das '-ant' anderer Herkunft ist. Die Bestandteile dieser Wörter spielen im deutschen Wortbildungssystem keine Rolle. Anders ist es bei folgenden '-ant'-Wörtern, die andere Wörter aus dem gleichen Wortstamm im Deutschen neben sich haben, bei denen also das Suffix
'-ant' ein deutsches Lexem ist, weil es hier in Opposition zu anderen Suffixen steht:

Gratulant - neben gratulieren, Gratulation,

Emigrant - neben emigrieren, Emigration,

Demonstrant - neben demonstrieren, Demonstration,

Repräsentant - neben repräsentieren, Repräsentation,

Spekulant - neben spekulieren, Spekulation,

Intrigant - neben intrigieren, Intrige,

Musikant - neben musizieren, Musik.

Hier, wie in noch vielen anderen Fällen, bestehen - genauso wie bei jedem noch produktiven Suffix altdeutscher Herkunft - die Wortbildung&Mac220;proportionen, auf die schon Hermann Paul (26) hingewiesen hat und die in der heutigen Strukturlinguistik als die produktiven Wortbildungsmuster (27) erforscht werden. Alle diese '-ant'-Ableitungen sind nach dem Wortbildungsmuster "X + /ieren/ > X + /ant/" gebildet und haben die gleiche Bedeutungsstruktur 'Täter der Handlung X', während ein scheinbar ebenso gebildetes Wort wie Intendant nicht auf dieses deutsche Wortbildungsmuster bezogen ist; denn der Intendant ist nicht einer, der intendiert, was sich natürlich diachronisch daraus erklärt, daß die Wörter
'Intendant' und 'intendieren' unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten ins Deutsche entlehnt worden sind und deshalb, synchronisch gesehen, zwei beziehungslose Lexeme des deutschen Bildungswortschatzes darstellen.

Die Unterscheidung der Lehnwörter und Lehnwortbildungen nach ihrer Motiviertheit und Unmotiviertheit innerhalb der heutigen deutschen Wortschatzstruktur bedeutet nun durchaus nicht ihre Gruppierung in semantisch leistungsfähige und weniger leistungsfähige Wörter. Es ist ein Irrtum, zu glauben, unmotivierte Wörter hätten eine weniger klare Bedeutung als motivierte. Tausende von Wörtern altdeutscher Herkunft sind unmotiviert (z. B. 'Tisch', 'Lied', 'Angst'), aber ihre semantische Leistung und ihre Stellung innerhalb der deutschen Wortschatzstruktur wird dadurch keineswegs beeinträchtigt. Viele Wörter sind auch falsch, irreführend oder unbefriedigend motiviert: Der Purzelbaum ist kein 'Baum', der Fahrstuhl kein 'Stuhl' (gemeint ist hier der Lift in einem Haus), der Bierdeckel kein 'Deckel', der Aschenbecher kein 'Becher', und der Personenzug ist in seinem Wortfeld neben 'Eilzug', 'Schnellzug',' D-Zug' nicht ein 'Zug, der Personen befördert', sondern einer, der langsamer fährt und auf allen Stationen hält. Solche Pseudomotivierung muß den semantischen Wert dieser Wörter nicht stören. Man kann auch nicht behaupten, daß unmotivierte Lehnwsröter wie 'Trottoir' und 'Auto' für den normalen Sprachteilhaber semantisch weniger deutlich wären als die aus altdeutschem Wortschatz ableitbaren und durch heutige Wortstämme motivierten Wörter 'Bürgersteig' und 'Kraftwagen'. Und wenn sich wegen wortbildungsmäßiger Behinderung ein Komplementärverhältnis wie das zwischen Anschrift und dem Verb' adressieren' oder zwischen Kernwaffen und dem Adjektiv 'nuklear/atomar' herausgebildet hat, dann kann man nicht mehr sagen, daß 'adressieren' und 'nuklear/atomar' einen minderen Kommunikationswert hätten als die möglichen Ableitungen 'beanschriften', 'kernwaffenmäßig'.

Die synchronische Ableitbarkeit von Wörtern ist nach de Saussure (28) nur eine "relative Motiviertheit des sprachlichen Zeichens", die immer nur bei einem Teil des Wortschatzes vorhanden sein muß, also nicht eine notwendige Bedingung des Zeichencharakters ist. Sie ist nur eine "Einschränkung der Beliebigkeit", die "zum Wesen des sprachlichen Zeichens gehört". Wir lernen und beherrschen die Bedeutungen der meisten Wörter nicht so sehr nach den Eselsbrücken der Ableitbarkeit, sondern nach den durch Sprachverkehr erfahrenen Begriffen, die im Sprachbesitz der Sprachgemeinschaft oder der Sprechergruppen durch stillschweigende Übereinkunft mit den Wortkörpern im sprachlichen Zeichen verbunden sind. Und diese erfahrenen Begriffe sind gefestigt durch die strukturelle Beziehung jedes Wortes zu seinen Wortfeldnachbarn und zu seinen üblichen Kontextpartnern.

Die Beziehungen der Wörter zu ihrem pragmatischen und sozialen Kontext sind der entscheidende Gesichtspunkt, unter dem die Rolle der Lehnwörter in der Sprache und im Sprachgebrauch betrachtet werden muss und unter dem auch heute noch - jenseits puristischer Sprachideologie - eine 'Fremdwortkritik' möglich und notwendig ist. Es kommt sehr darauf an, ob Fachwörter und gelehrte Wörter in einem Kontext verwendet werden, der ihre Bedeutung auf den sprachüblichen Sinn hin bestimmt, und ob sie gegenüber Gesprächspartnern oder einem Publikum verwendet werden, die aufgrund ihrer sprachsoziologischen Voraussetzungen diese Bedeutungsbestimmung nachvollziehen können. Wo das nicht der Fall ist, wo mit undefinierten Wörtern aus gruppengebundenen Wortschatzbereichen eitler, leichtsinniger oder böswilliger Mißbrauch getrieben wird, wo sich ein Sprecher solcher Wörter nur bedient, um Anderen mit Wortklängen zu imponieren, sie zu täuschen oder zu verführen, da haben Sprachkritik und Spracherziehung ihre wichtige Aufgabe. Eine sprachpragmatisch und -soziologisch differenziertere Stillehre haben wir im Zeitalter der Massenkommunikation weitaus nötiger als den sinnlosen kulturpessimistischen Kampf gegen den Fach- und Bildungswortschatz an sich.

Anmerkungen.

1 Vorliegender Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "Muttersprache" 77, 1967, 65-80 veröffentlicht. Er stellt im historischen Teil einen Auszug, im sprachwissenschaftlichen Teil eine Erweiterung des am 27. Oktober 1966 auf der Germanistentagung in Mnchen gehaltenen Vertrags Sprachpurismus und Nationalsozialismus dar (in: Nationalismus in Germanistik und Dichtung, hg. v. B. v. Wiese u. R. Henß, Berlin 1967, 79-112; Germanistik - eine deutsche Wissenschaft, Frankfurt 1967, 111-165; dort Stellenangaben zu auch hier verwendeten Zitaten).

2 Vgl. J. Beranek, Jiddisch, in: Dt. Philologie im Aufriß, Bd. I, 1957, Sp. 1955 ff.

3 Vgl. F. Kluge, W. Mitzka, Etymologisches Wsrterbuch der dt. Sprache, 18 1960; Duden-Etymologie, 1963: H. Küpper, Wörterbuch der dt. Umgangssprache, 3 Bände, Hamburg 1955-1964.

4 H. L. Koppelmann, Nation, Sprache und Nationalismus, Leiden 1956, S. 97, 98.

5 D. Sternberger, Gute Sprache und böse Sprache, in: Neue Rundschau 74, 1963, S. 403 ff. - Dazu P. v. Polenz, Sprachkritik und Sprachwissenschaft, ebda S. 391 ff.; P. v. Polenz, Sprachnorm, Sprachnormung, Sprachnormenkritik, in: Linguistische Berichte 17, 1972, 76-84.

6 Vgl. B. Quadri, Aufgaben und Methoden der onomasiologischen Forschung, Bern 1952.

7 F. de Saussure, Cours de linguistique générale, Lausanne-Paris 1916; deutsche Übersetzung: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Berlin 1931.

8 Herausgegeben von W. Stammler, Bd. I, Berlin 2 1957.

9 J. Trier, Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes, Bd. I, Heidelberg 1931, Einleitung.

10 W. Porzig, Wesenhafte Bedeutungsbeziehungen, in: Beitr. z. Geschichte d. deutschen Sprache u. Literatur 58, 1934, S. 70ff.

11 Fr. Dornseiff, Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, 1934, Einleitung; ders., Das Problem des Bedeutungswandels, in: Zs. f. deutsche Philologie 63, 1938, S. 119ff.

12 W. Mitzka, Deutscher Wortatlas, Gießen 1952 ff. (1938 begonnen).

13 L. Weisgerber, Die Bedeutungslehre, ein Irrweg der Sprachwissenschaft?, in: German.-Roman. Monatsschrift 15, 1927, S. 177 ff.

14 W. Betz, Der Einfluß des Lateinischen auf den ahd. Sprachschatz, I, 1936; ders., Die Lehnbildungen und der abendländische Sprachausgleich, in: Beitr. z. Geschichte d. deutschen Sprache u. Literatur 67, 1944, S. 275 ff.; ders.. Deutsch und Lateinisch, 1949. - Zur Forschungsgeschichte allgemein s. o. Reichmann, Germanistische Lexikologie. Stuttgart 1976.

15 Vgl. R. H. Hill, A Dictionary of difficult Words, New York 1959; A. Thomas, Dictionnaire de difficultées de la langue francaise, Paris 1956; M. Seco, Dictionario de dudas y difficultades de la langue espanola, Madrid 1961.

16 "Vor allem aber kommt das entlehnte Wort nicht mehr als solches in Betracht, sobald man es im Rahmen des Systems untersucht; es besteht nur durch sein Verhältnis und seinen Gegensatz zu den Wörtern, die mit ihm assoziiert sind, ganz ebenso wie jedes beliebige einheimische Zeichen" (F. de Saussure, a.a.O., S. 26). - Vgl. auch das Kapitel Interference in Speech and Language bei U. Weinreich, Languages in Contact, 1964, S. 11 f., dt. Übers., 1977, S. 27ff.

17 Vgl. jetzt M. Clyne, Forschungsbericht Sprachkontakt, Kronberg 1975, Kap. 2.3: Integration; G. Schank, Vorschlag zur Erarbeitung einer operationalen Fremdwortdefinition, in: Deutsche Sprache 2/1974, 67-88.

18 L. Weisgerber, Das Fremdwort im Gesamtrahmen der Sprachpflege, in: Muttersprache 70, 1960, S. l ff.

19 An anderer Stelle, wo er sich nicht an die Sprachpfleger wendet (Grundzüge der inhaltbezogenen Grammatik, 1962, S. 64 ff.), untersucht Weisgerber das Wortfeld der Verwandschaftsbezeichnungen ausführlich synchronisch-strukturell und nennt die Entlehnung von Onkel und Tante eine "geschichtliche Entwicklung der Weltansicht der deutschen Sprache" und die neue Feldgliederung eine "geistige" oder "muttersprachliche Zwischenwelt"; es ist hier nicht die Rede davon, daß diese Wörter 'Fremdwörter' seien, ihre Entlehnung 'schädlich' sei und alte Wurzeln dadurch ihre "Lebenskraft verloren" hätten.

20 Man könnte sie auch 'Gastwörter' nennen nach einem Vorschlag von Th. Steche, Neue Wege zum besseren Deutsch, Breslau 1925, S. 27ff

21 Muttersprache 49, 1934, Sp. l ff.

22 Vgl. B. Carstensen, Englische Einflüsse auf die deutsche Sprache nach 1945, Heidelberg 1965; B. Carstensen - H. Galinsky, Amerikanismen der deutschen Gegenwartssprache. Entlehnungsvorgänge und ihre stilistischen Aspekte, Heidelberg 1963; F.u. I. Neske, Wörterbuch englischer und amerikanischer Ausdrücke in der deutschen Sprache, München 1970.

23 H. Marchand, The Categories and Types of Present-day English Word-formation, Wiesbaden 1960.

24 H. Marchand, Synchronic Analysis and Word-formation, in: Cahiers F. de Saussure 13, 1955, S. 7ff.

25 Tübingen 3 1965, S. 168.

26 Prinzipien der Sprachgeschichte, Halle 1920, S. 106 ff.

27 H. Marchand, a.a.O.; P. v. Polenz, Wortbildung, in: H. P. Althaus - H. Henne - H. E. Wiegand, Lexikon der germanistischen Linguistik, Tübingen 1973, 145-163, bes. 151 ff.

28 A.a.O., S. 156 ff.


ANLAGE

Peter von Polenz: Sprache braucht kein Gesetz. Interview in der FAZ vom 9.2.2001.

(Fundstelle. http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=uptoday/content.asp&doc={6F7F536C-BE1D-44B2-9DF1-8225AB1D2E2D}&rub={76B8D537-8E0E-4970-B366-37AC8DAA545F}

Eckart Werthebach trat diese Woche mit einer ungewöhnlichen Forderung an die Öffentlichkeit. Die deutsche Sprache, so Berlins Innensenator, müsse in Schutz genommen werden vor den vielen Fremdeinflüssen. Dafür solle es ein Gesetz geben, eines wie die Franzosen oder die Polen es hätten. Peter von Polenz ist ein Urgestein der Germanistik. Der heute emeritierte Professor verfasste die "Deutsche Sprachgeschichte", anhand derer sich Generationen von Studenten ausbilden ließen. Auf den Lehrstühlen in Heidelberg und Trier etablierte er Sprachgeschichte als Teil der Gesellschaftsgeschichte und sicherte die Sprachkritik vor dem Purismus und Dogmatismus anderer. FAZ.NET fragte Peter von Polenz nach dem Sinn einer staatlichen Reglementierung von Sprache.

Herr von Polenz, braucht Deutschland ein Sprachschutzgesetz?

Nein, wir brauchen kein Sprachschutzgesetz wie in Frankreich, wo der Gebrauch von Fremdwörtern mit gerichtlichen Strafen verfolgt wird und Sprachzensur sowie Sprachschnüffelei betrieben werden. Eher bräuchten wir ein Gesetz für die Förderung der sprachlichen Bildung, mit dem sowohl die Beherrschung der Muttersprache als auch das Erlernen von Fremdsprachen gefördert wird.

Was haben Sie für Argumente gegen ein solches Gesetz?

Mein sprachgeschichtliches Argument gegen einen radikalen Sprachschutz ist, dass die deutsche Sprache seit mehr als tausend Jahren, seit der Römerzeit, seit der Einführung des Christentums, durch sprachliche Vorbilder, vom Latein, vom Griechischen, Französischen, vom Englischen bereichert worden ist. Ein Drittel unseres heutigen Deutsch besteht aus Lehnwörtern oder Lehnbildungen nach Vorbild anderer Kultursprachen. Daran hat unsere Sprache keinen Schaden genommen.

Aber wir erleben doch eine regelrechte Invasion von Anglizismen, bei der Wörter wie "Wellness", "Branding", "Usability" am
laufenden Meter einmarschieren.

Die meisten Anglizismen stammen letztlich aus dem Latein, aus dem Griechischen, dem Französischen. Wörter wie Computer, Information, Nonkonformist, sind ja für die Sprachwissenschaft auch schon keine Fremdwörter mehr. Das sind Internationalismen, die es auch in anderen europäischen Sprachen gibt. Je mehr Wortbestand eine Sprache mit anderen gemeinsam hat, umso größer ist ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die englische Sprache selbst besteht zu guter Hälfte aus Wörtern anderer Sprachen, und sie ist ja auch nicht untergegangen, wie wir wissen.

Ältere Menschen zum Beispiel verstehen diese vielen neuen Wörter nicht mehr. Muss der Staat nicht in dem Moment eingreifen, wenn zu viele Menschen nicht mehr teilhaben?

In demokratischen Staaten sind die Gesetze zwar hauptsächlich zum Schutz der Rechte aller Staatsbürger da. Und die Sprache ist ein soziales Kommunikationsmittel, das nach der Grundregel funktioniert, sich so auszudrücken, dass es der Partner, der Adressat, für den man schreibt oder zu dem man spricht, verstehen kann. Aber die Beschaffenheit der Sprache muss vom einen zum anderen ausgehandelt werden, da darf der Staat nicht eingreifen. Die Freiheit des Sprachgebrauchs ist vergleichbar zu der unserer Meinung und der unseres Glaubens. Das ist mein verfassungsrechtliches Argument.

Wer sind die Lobbyisten des deutschen Sprachpurismus? Und welche Chancen geben Sie Ihnen?

Nun, es ist nur eine Vermutung, ich habe wenig Kontakt zu diesen Leuten. Zum einen gibt es wohl politisch rechtsgerichtete Gruppen, denen der moderne Internationalismus und Europäismus der Nachkriegsepoche nicht behagt. Gruppen, die lieber zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts zurückkehren möchten, der uns und unsere Nachbarvölker im 20. Jahrhundert zwei Mal ins Unglück gestürzt hat.

Dann gibt es nach meiner Kenntnis die Gruppe der sogenannten Sprachfreunde, die ein kulturelles Pflegebedürfnis zu ihrem Hobby gemacht haben, Sprachpuristen als Sprachkritikaster, also Leute, die Sprache um ihrer selbst willen vor ihrem Sprecher schützen wollen. Chancen haben diese Leute kaum, da ja keine Mehrheiten im Parlament gegen eine Europäisierung, gegen die Globalisierung und für nationale Isolierung besteht. Es bestünde natürlich eine gewisse Gefahr, wenn etwa die Mehrheit der Entscheidungsberechtigten Sprache wieder in traditionell-nationalistischer Weise nicht als praxisbezogenes, soziales Kommunikationsmittel auffassten, sondern als ein zu schützendes Kulturgut wie etwa ein historisches Kunstwerk. Da kämen wir dann bei der Sprachideologie des 19. Jahrhunderts, dem sogenannten 'Sprachnationalismus', aus.

Wie wird sich die deutsche Sprache entwickeln?

Sprache entwickelt sich nicht von selbst, sie ist nur ein Abstraktum. Was wirklich existiert, ist der Sprachverkehr der Menschen untereinander - und man sollte nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der menschlichen Kommunikation in der heutigen und künftigen Welt fragen. Die deutsche Sprache wird natürlich kaum mehr eine Rolle spielen im internationalen Verkehr, im Militärwesen, in der Computertechnik, in der Informatik, in den Naturwissenschaften, im Außenhandel usw., aber sicherlich eine bleibende Rolle in der Geschichts- und Kulturwissenschaft, im Rechtswesen, im Umweltschutz, in der Sozialpolitik. Deutsch ist niemals eine Weltsprache gewesen, das wird sie auch nicht werden. Sie ist nur eine eher regionale, übernationale und mitteleuropäische Verkehrssprache.

Welche Fremdsprachen sollten die Deutschen lernen, damit sie in der weiten Welt nicht verloren gehen?

Bis zur Goethezeit herrschte eine weltoffene, kosmopolitische, mehrsprachige Einstellung. Aber seit den napoleonischen Kriegen hat sich der Nationalismus durchgesetzt, der zu einer verhängnisvollen Einsprachigkeit führte. Heute besinnen wir uns zurück auf unsere Aufgaben als friedliche Mitteleuropäer, die viele Nachbarn mit eigenen hochwertigen Sprachen haben. Also halten wir uns doch an Goethe, von dem es eine handschriftliche Nachbemerkung zum Aufsatz "Die deutsche Sprache" gibt. Er schreibt: "Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause sei".

Das Gespräch führte Swantje-Britt Koerner .


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