Günter Frech, Der Bewußtseinsriese.

Der nachfolgende Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrtift der IG Medien 'Menschen machen Medien' ('M'), 1-2 / 2000 (Internet-Version) , zugänglich unter URL [http://www.igmedien.de/publikationen/m/main.html]. Er wird einstweilen auch hier veröffentlicht, um seinen beachtlichen informatorischen Gehalt exemplarisch für eine akzentuiert faktenbasierte Analyse und Diskussion des Problems der Verfassungsangemessenheit privatwirtschaftlicher oder öffentlicher medialer Machtausübung - speziell im heutigen Deutschland - zu nutzen.

Bei diesem - nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern oder in den USA seit längerem zum Thema gewordenen - allgemeinen Problem der Medienorganisation geht es im Kern um die unter Aspekten der institutionellen allgemeinen Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) verfassungsbedenkliche, aber in der Faktizität der medialen Öffentlichkeit trotzdem überall präsente Praxis, aufgrund privater Wirtschaftsmacht 'öffentlichen Konsens zu fabrizieren' . Die 'Fabrikation eines öffentliche 'Konmsenses'' (N. Chomsky) pflegt ihrem Wesen nach in einer politisch oder kommerziell zielgerichteten, faktisch freiheitseinschränkenden Durchsetzung erwünschter Schwerpunkte und korrespondierend auch in einer besonders wirksamen Ausgrenzung unerwünschter Positionen in der öffentlichen Diskussion bestehen - mit allen Konsequenzen, die das generell für die politische Argumentation und öffentliche Willensbildung hat. Die öffentliche Meinungsbildung ist aber ein Teil der Verfassungsiordnung und muß deren Prinzipien folgen; diese schließen aber in demokratischen Gemeinwesen eine eigenständige und einflußreiche private oder oligarchische politische Einflußmacht im Bereich der nicht umsonst so genannten 'Vierten Gewalt' aus.

Es versteht sich, daß dieses Problem nicht allein das eines bestimmten Konzerns ist. Neben dem Bertelsmann-Konzern lassen sich als bedenklich einflußreich in Deutschland und seinen Nachbarländern u. a. der Murdock-Konzern, der Vivendi-Konzern, der Berlusconi-Konzern oder der Kirch-Konzern nennen. Ihnen allen ist gemeinsam eine primär wirtschaftlich-unternehmerische Grundkonzeption für ihr Handeln und zugleich ein erheblicher potentieller oder tatsächlich ausgeüber politischer Einfluß, der als Möglichkeit und als Faktizität gleichermaßen zum Verfassungsproblem werden kann.

In der konkreten Analyse eines - um es zu wiederholen exemplarischen - Einzelfalles wird die politische Seite medialer Großstrukturen - also die über das private Wirtschaften hinausgehende politisch-institutionell bedeutsame Seite medialen Agierens - in allen Aspekten plastisch deutlich. Davon ausgehend lassen sich ferner gedanklich konstruktive Alternativen für eine verfassungsangemessene mediale Ordnung entwickeln. Von Bedeutung sind - weitgehend ungeachtet dessen, was tatsächlich Firmenpolitik des hier erörterten Bertelsmann-Konzerns in der Vergangenheit war und gegenwärtig und künfig ist oder sein sollte - folgende Aspekte der mißbrauchsfähigen Möglichkeiten informeller Machtausübung bei der Gestaltung politischer Verhältnisse durch die Mittel der Beeinflussung der öffentlichen Meinung:

a) Die kumulierte Verfügungsbefugnis eines Privateigners über große Teile medialer Sparten (Zeitungen, Buchverlage, Film, Rundfunk und Fernsehen) stellt ein letzlich öffentlich-politisches Problemdar, nämlich der öffentlichen Kontrolle privaten politischen Einflusses und einer fehlenden 'Gewaltenteilung', d. h. einer angemessenen Stückelung faktischen politischen Einflusses im Bereich der privaten Medien-Wirtschaft.

b) Die internationale Verflechtung des Wirtschaftsunternehmens, die dieses in Loyalitäts- und Interessenbindungen führen muß, die es - ungeachtet aller an sich zu würdigenden gegenwärtigen offiziellen Firmenerklärungen und Sicherheitsvorkehrungen zu einer Verwurzelung des Unternehmens in Deutschland - auf Dauer aus seiner innerstaatlichen Mitverantwortlichkeit für die steuerlichen, sozialen und kulturellen Belange des Stammlandes herausführen dürften, wenn nicht in all diesen Hinsichten zuvor eine angemessene, verfassungsmäßig begründbare und in der Praxis funkionierende Bindung von Gesetzes wegen eingeführt wird.

Seit G. Frechs Darstellung ist die Internationalisierung des Bertelsmann-Konzerns weiter fortgeschritten. Eine Fusion des Konzerns und der US-amerikanischen Random House-Gruppe mit der Konsequenz einer Verlagerung der Führungsebene für die Buchproduktion nach New York hat kürzlich stattgefunden (Focus 13/2001)). Was das für die Entwicklung der deutschen Literatur-Verlagswesens im Rahmen des Konzerns bedeutet, bleibt kritisch zu beobachten. November 2002 D. Hg.

"Europas mächtigstes Medienunternehmen ist so groß, dass es sich am liebsten ganz klein macht" schrieb im Sommer 1999 "Der Spiegel" über Bertelsmann. Über den Daumen gepeilt gehören zum Konzern etwa 100 Zeitungs- und Zeitschriftentitel, 25 Verlage, ein gutes Dutzend Druckereien, 22 Fernseh und 18 Radiostationen.

Eigentlich hätte der seit etwas mehr als einem Jahr amtierende Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann, Thomas Middelhoff, "den Deal" gerne selbst gemacht, weiß die "Wirtschaftswoche" zu berichten. Nach der "genialen Fusion" ("Süddeutsche Zeitung") zwischen AOL und Time-Warner sind einige Beobachter der Meinung, dass die Medienlandschaft neu definiert werden muss. Das "Handelsblatt" merkt an, AOL-Chef Steve Case würde Bertelsmann gerne kaufen. Solange dies wegen der Stiftungs-Struktur nicht möglich ist, muss Case - der zukünftig AOL/Time-Warner auch vorsteht - mit Middelhoff im Gespräch bleiben, weil "die Perlen im Bertelsmann-Portfolio" geradezu danach schreien, via AOL unter die Menschen gebracht zu werden.

Ob Bertelsmann weltweit an zweiter oder vierter Stelle der Rangliste der Mediengiganten steht, sei dahingestellt. Es gibt in der Medienbranche kaum eine Nische, die nicht vom Gütersloher Konzern besetzt ist. Und mit der Bertelsmann-Stiftung wird eine "Denkfabrik" unterhalten, die ideologisch vorgibt, wie Konzernpolitik im übrig gebliebenen Kapitalismus umgesetzt wird. Zum Beispiel werden in Kooperation mit dem DGB-Bildungswerk Betriebsräte zu "Managern des Wandels" geschult.

Die "Grundwerte" des Unternehmens sind in den "Bertelsmann-Essentials" zusammengefasst. Unter anderem steht da geschrieben, "Partnerschaft ist die Grundlage unserer Unternehmenskultur" und dass sich die Bertelsmänner "weltweit für den Schutz geistigen Eigentums" einsetzen. Die künstlerische und publizistische Freiheit wird garantiert und man bekennt sich zu "der besonderen Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die aus dem Wesen des Mediengeschäfts und dem wirtschaftlichen Erfolg erwächst." Ebenso ist festgeschrieben, dass die Bertelsmann-Stiftung Hauptaktionärin bleibt, da so die Unabhängigkeit des Unternehmens gesichert wird.

Bei Nennung des Firmensitzes der "publizistischen Supermacht" ("Der Spiegel") Bertelsmann rufen amerikanische Medienmanager regelmäßig "where is fucking Gutersloo?" Sie können kaum verstehen, das ausgerechnet im ostwestfälischen Gütersloh die Fäden des "internationalsten Medienunternehmens der Welt" (Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff) zusammenlaufen. Metropolenerfahrene Manager lästern dann schon mal, dass in Gütersloh eigentlich nur die "Erbsenzähler" sitzen, die das Geld zählen, das in Hamburg, Berlin, Köln, New York, Bogota und anderswo verdient wird.

Die Firmengeschichte

"Von der Erweckerbewegung zum Internet" - Das wäre ein programmatischer Titel für die 165-jährige Firmengeschichte von Bertelsmann. Mit fast schon religiösem Eifer erklärt Middelhoff das World Wide Web zum Maß aller Dinge. Hans Magnus Enzensberger spricht vom "digitalen Evangelium" und rät im "Spiegel" zu mehr Gelassenheit, wenn es um sogenannte neue Medien geht.

Religiös sind auch die Anfänge von Bertelsmann. Nachdem er bereits ab 1824 in Gütersloh eine Steindruckerei betrieb, erhielt Carl Bertelsmann 1835 die Konzession zur Errichtung einer Buchdruckerei. Für die protestantische Erweckungsbewegung druckte er Liederbücher und Predigertexte. Der Betrieb wechselte 1849 vom Vater auf Sohn Heinrich. Seine beiden Söhne starben im Kindesalter, so daß Tochter Friederike als Erbin eingesetzt wurde. Sie heiratete 1881 den Pastorensohn Johannes Mohn, der 1896 zum Alleininhaber der Druckerei mit 60 Beschäftigten aufstieg. Im Jahre 1910 wurden 80 Beschäftigte gezählt und aus Anlass des 75-jährigen Firmenjubiläums gewährte ihnen Mohn auf Lebenszeit einen zusätzlichen dreitägigen Jahresurlaub bei Fortzahlung des Lohnes. Nach Ende des Ersten Weltkrieges übernahm Johannes Sohn Heinrich die Firma, der in den zwanziger Jahren die Anfänge des Direktmarketings entwickelte.

Walter Kempowski schreibt in seiner Bertelsmann/Mohn-Chronik "Schwarzbrod und Freiheit sei mir beschieden" über das neues Vertriebskonzept: "Jeder Buchhändler konnte sein Schaufenster ohne große Mühe zu einem ,Sonderfenster' umdekorieren, das die neuen Produkte...in ihrer vollen Pracht zeigte. Er brauchte nur das aus Gütersloh gelieferte Plakat...auszuhängen und den...Roman in geballter Form aufzustellen, wie es die Anleitung des Verlages zeigte. Hatte er größere Mengen bestellt, aber nicht verkauft, durfte der Buchhändler die Hälfte zurückgeben, ohne etwas zu bezahlen". Bis zum Zweiten Weltkrieg expandierte das Unternehmen und beschäftigte etwa 400 Menschen.

Hauptlieferant für nazitaugliche Kriegsliteratur.

Während des Faschismus war Bertelsmann - noch vor dem Naziverlag EHER - der größte Produzent für nazitaugliche Unterhaltungs- und Kriegsliteratur und Propaganda. Zu diesem Schluss kommt die "unabhängige historische Kommission" unter Leitung von Saul Friedländer, die am 17. Januar des Jahres einen Zwischenbericht zur Rolle Bertelsmann während des Faschismus vorlegte. Wie die FAZ am darauf folgenden Tag anmerkte, war Bertelsmann "Hitlers bester Lieferant", was Middelhoff in einer "merkwürdig kurzen Erklärung" sofort "bedauerte", da "dieser Sachverhalt aufgrund einer unzureichenden Kenntnis der damaligen Ereignisse bisher unzutreffend dargestellt wurde." Laut FAZ sind die Ergebnisse der Kommission "ein Desaster für die bisherige Selbstdarstellung des Konzerns." Bereits ab 1935 erweiterte der C.Bertelsmann-Verlag sein konfessionelles Verlagsprogramm um "Kriegserlebnisbücher". Zur "Erbauung" der Soldaten wurden im Auftrag der Wehrmacht Reihen wie die "Feldpostausgaben", die "Kleine Feldpostreihe" und "Feldposthefte" herausgegeben und gedruckt. Im Jahre 1938 betrug der Bertelsmann-Gewinn 284.191 Reichsmark; im Jahre 1941 waren es bereits 3.259.730 Reichsmark.

Insgesamt wurden etwa 20 Millionen "Landser"-Hefte gedruckt. Die Kommission hat 119 Druckereien außerhalb des Reichsgebietes ausfindig gemacht - die meisten davon in von deutschen Soldaten besetzten Ländern - in denen die Wehrmachtsaufträge im Auftrag von Bertelsmann abgewickelt wurden. Die Schließung von Verlag und Druckerei durch die Reichsschrifttumskammer 1944 erfolgte nicht - wie von Bertelsmann bisher behauptet - wegen oppositioneller Haltung zu den Faschisten, sondern unter anderem wegen unrechtmäßig erworbenem Papier und stand im Zusammenhang mit der totalen Kriegsmobilmachung. Im März 1944 wurde ein Teil der Firma von britischen Bombern zerstört. Unter Reinhard Mohn begann nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges die Wiederaufbau- und ab Mitte der fünfziger Jahre die Expansionsphase. "Die immensen, wie auch immer angesammelten Papiervorräte aus der Kriegszeit erleichterten dem Verlag den Start unter britischer Besatzungsmacht", merkt dazu die FAZ an.

Die Einsetzung der Kommission ist ein Bertelsmann-Zugeständnis an die amerikanischen Geschäftspartner. Beim Erwerb des US-Verlags Random House stellte Middelhoff das Gütersloher Unternehmen als "unbefleckt" dar. Der Düsseldorfer Publizist Hersch Fischler warf daraufhin Bertelsmann vor, die eigene Geschichte zu beschönigen. Nachdem dann auch noch das ARD-Magazin Monitor über die Nazi-Vergangenheit der Bertelsmänner berichtete, wurde die unabhängige historische Kommission eingesetzt.

Nach 1945: Der unaufhaltsame Aufstieg.

Nach der Reorganisationsphase in den ersten Nachkriegsjahren verlegte Bertelsmann seine Aktivitäten auf den Aufbau von Buchclubs. Erfolgreich setzte Bertelsmann Drückerkolonnen ein: Im Jahre 1960 wurden 2,9 Millionen Lesering-Mitglieder gezählt. Zwischen 1954 und 1959 explodierte der Umsatz von 48 Millionen auf 152 Millionen Mark. In der Druckerei waren 1961 etwa 1500 Menschen beschäftigt. Der Einstieg ins Schallplattengeschäft führte 1958 zur Gründung von Sonopress und der Musikgesellschaft Ariola; insgesamt erhöhte sich die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis Anfang der sechziger Jahre auf 4700 und hat sich damit seit 1950 verzehnfacht. Im Jahre 1970 wurde das noch heute geltende Gewinnbeteiligungsmodell eingeführt. Freilich "profitieren" davon nur etwa die Hälfte der Bertelsmann-Beschäftigten. In Abhängigkeit von der Gewinnsituation und der Anzahl der Berechtigten wird jährlich ein variabler Prozentsatz der "Basislohnsumme" festgelegt. Im Geschäftsjahr 1992/93 wurde mit 200 Prozent (des Monatslohns) die höchste und 1984/85 mit 20 Prozent die niedrigste Quote ausbezahlt. Schon Jahre zuvor beteiligte Mohn die Beschäftigten - rein buchungsmäßig - am Firmengewinn; die Beträge "lieh" er sich zum Zinssatz von zwei Prozent und sparte so nach Angaben des "Spiegels" in fünf Jahren 8,5 Millionen Mark Steuern.

Die siebziger und achtziger Jahre waren die Jahre des Wachstums. Bertelsmann entwickelte sich - fast unbemerkt von der Öffentlichkeit - zum Medienmulti. Ab 1969 begann der Einstieg beim Hamburger Hochglanzverlag Gruner + Jahr (G+J) - hier erscheinen die Titel "stern", "Geo", "Brigitte" und noch einige mehr - der 1976 mit der heutigen 74,9 Prozent-Beteiligung abgeschlossen war. Druckereien wie maul-belser und Verlage wie Goldmann wurden erworben. Dann begann 1984 die Zeit der bewegten Bilder: In der UFA Film- und Fernseh-GmbH bündelten sich die Fernsehaktivitäten von G+J und dem Mutterhaus Bertelsmann. Die Übernahme der amerikanischen Plattenfirma RCA führte 1986 zur Gründung der Bertelsmann Music Group (BMG). Neben Gütersloh bezogen die Ostwestfalen 1987 eine weitere Hauptverwaltung in New York.

Getreu der "60er-Regelung" wechselte Reinhard Mohn 1981 vom Vorstands- in den Aufsichtsratsvorsitz. Sein Engagement galt fortan der von ihm 1977 gegründeten Bertelsmann-Stiftung. Diese entwickelt sich mehr und mehr zum
"ideologischen Überbau" des Konzerns und legt sich durch Kommissionen und Expertenrunden wie ein Krake über so gut wie alle Politikfelder in der Republik. "Unternehmenskultur" wurde zu Mohns Steckenpferd. In der Zeitschrift der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung "Die Mitbestimmung" outete er sich als "Wanderprediger in Sachen leistungsorientierte Führung und Partnerschaft". Mitarbeiter müssen Mohn zufolge nicht nur ihren Lohn bekommen, sondern sollen zudem die "Chance zur Selbstverwirklichung" haben. Was man genau im Hause Bertelsmann darunter versteht, davon wird noch die
Rede sein.

Das alles passierte eher lautlos. Man betrieb eben einen Buchclub, druckte Bücher und verlegte Schallplatten. Hin und wieder machte man ein Schnäppchen. Von der Kabarettszene völlig unbemerkt setzte das Medienunternehmen Ende der sechziger Jahre auf Produktdiversifikation und war kurzzeitig einer der größten Eierproduzenten der Republik. Der später als "Kräuterheiler" bekannt gewordene "Wunderdoktor" Manfred Köhnlechner war in seinem ersten Leben Manager in Gütersloh und bescherte Bertelsmann eine Hühnerfarm mit einer Million Legehennen. Später merkte man, daß sich Eier
zum Einlegen in Zeitschriften - wie das beispielsweise mit Parfüm- oder Shampooproben geschieht - nicht eignen. Köhnlechner musste gehen und mit ihm verschwanden auch die Hühner. Das war der ehrwürdigen "Süddeutschen Zeitung" die Schlagzeile "Bertelsmanns Hühner sind spurlos verschwunden" wert (22. Januar 1972).

Jede Menge Zahlen - Die Eigentumsverhältnisse.

Bei der Vorstellung seines ersten Geschäftsberichtes am 22. September 1999 bekräftigte der "erste Popstar an der Spitze des Medienhauses" ("Manager-Magazin"), Thomas Middelhoff, den Mohn-Grundsatz, die unternehmerische Unabhängigkeit von Bertelsmann zu wahren und keine fremden Kapitalgeber ins Unternehmen zu holen. Den Eigenkapitalwert beziffert Bertelsmann auf 5,2 Milliarden Mark; die Bilanzsumme wird mit 19,7 Milliarden Mark angegeben. Im zuletzt abgerechneten Geschäftsjahr 1998/99 wurden 29 Milliarden Mark umgesetzt bei einem Jahresüberschuss von 910 Millionen Mark. In den letzten Jahren lag die Steigerungsrate immer weit über der zehn-Prozent-Marge. Weltweit beschäftigt Bertelsmann etwa 65000 Menschen, 25000 davon in der Bundesrepublik. Etwa 500 Betriebe sind über 53 Länder verteilt.

Das Aktienkapital von Bertelsmann gehört zu 68,8 Prozent der Bertelsmann-Stiftung, 20,5 Prozent hält Reinhard Mohn und der Zeit-Stiftung gehören 10,7 Prozent, die allerdings in den nächsten zehn Jahren zurückgekauft werden sollen. Im Sommer letzten Jahres hat Mohn seine Stimmrechte der eigens gegründeten Bertelsmann Verwaltungs GmbH übertragen. Der Gesellschafterversammlung gehören Middelhoff und sein Vorgänger Mark Wössner an, ebenso der frühere Thyssen-Chef Dieter Vogel (der auch im Bertelsmann-Aufsichtsrat sitzt) sowie G+J-Chef Schulte-Hillen, Bertelsmann- Gesamtbetriebsratsvorsitzender Erich Ruppick, Bertelsmann-Finanzvorstand (und Mohns Testamentvollstrecker) Siegfried Luther, Mohns Ehefrau Liz und er selbst. Änderungen der Geschäftspolitik - also ein Abrücken von Mohns Grundsätzen - sind nur mit einer zweidrittel Mehrheit zu haben. Frühestens ist dies aber erst fünf Jahr nach dem Tod von Mohn möglich.

Bereits 1959 führte Bertelsmann unter Mohns Regie das System der Profitcenter ein. "Dezentralisierung der Unternehmensführung" hieß damals das Zauberwort. Eigeninitiative und unternehmerische Verantwortung sollten geschärft werden. Unterhalb der Hauptverwaltung wurden acht teilautonome Einheiten geschaffen. Im Laufe der Jahre wurde dieses Profitcentersystem immer feingliedriger und erstreckt sich heute bis in einzelne Abteilungen des Konzerns. Der Vorstand gibt neben den jährlichen auch monatliche Kennziffern heraus, die durch internes Controlling ständig überprüft werden. "Was sich nicht rechnet, muss weg" ist eine von Middelhoffs Devisen. Unlängst spürten es die Kolleginnen und Kollegen des Boulevardblattes "Hamburger Morgenpost", das von G+J kurzerhand verkauft wurde. Der Bertelsmannsche Maßstab heißt Gesamtkapitalrendite. Unterschreitet sie die 15-Prozent-Marge, ist Krisensitzung angesagt.

Namen und Geschäftsbereiche des Konzerns.

Die heutigen Geschäftsfelder sind in sieben Vorstandsbereiche aufgeteilt, die jeweils eigene Vorstände haben. Middelhoff ist der Chef vom Ganzen, ihm stehen zur Seite: Gerd Schulte-Hillen (G+J), Michael Dornemann (BMG und CTL-UFA), Klaus Eierhoff (Multimedia), Siegried Luther (Hauptverwaltung, Finanzvorstand), Gunter Thielen (Arvato) und Frank Wössner (Buch). Dazu kommt der Geschäftsbereich der Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer mit dem früheren Springer-Vorstandschef Jürgen Richter als Vorsitzender der Geschäftsführung an der Spitze. Die Vorstandsbereiche gliedern sich in Unternehmensbereiche: So ist zum Beispiel der designierte Schulte-Hillen-Nachfolger Bernd Kundrun bei G+J noch für den Unternehmensbereich Zeitungen zuständig. Wenn er im Herbst des Jahres an die Verlagsspitze wechselt, gehört er auch dem Vorstand von Bertelsmann an.

Eine Konzern-internen Regelung besagt, dass sich die Führungskräfte mit Erreichen des 60. Lebensjahres - der sogenannten "60er-Regelung" - aus dem operativen Geschäft zurückziehen. So rückte im November 1998 Middelhoff auf den Sessel von Mark Wössner, der zur Bertelsmann-Stiftung wechselte. Wenn G+J-Chef Schulte-Hillen im Herbst diesen Jahres Kundrun Platz macht, wird er an die Aufsichtsratsspitze von Bertelsmann wechseln. Was sich unter Wössners Führung nur langsam andeutete, vollzieht sich unter Middelhoff in einem atemberaubendem Tempo: Der Konzern verändert sein Gesicht. Es vergeht kaum eine Woche, wo nicht eine neue Beteiligung vermeldet wird. Auch innerhalb des Konzerns wird ständig umgebaut. Das Online/Internet/Multimedia-Engagement lässt sich Bertelsmann im laufenden Geschäftsjahr zwei Milliarden Mark kosten. "Schnelligkeit geht vor Größe" hat Middelhoff auf der Bilanz-Pressekonferenz verkündet. Nach einer Aufstellung von G+J-Online GmbH vom 15. Januar 2000 gliedert sich der Konzern wie folgt:

CLT-UFA.

Was im Falle der AOL/Time-Warner-Fusion mit "Vollzug einer Komplementärstrategie" umschrieben wird, vollzog Bertelsmann im Bereich Fernseh- und Hörfunkgeschäft 1997: Durch den Zusammenschluss der beiden Medienunternehmen CLT und UFA wuchsen unter dem Dach CTL-UFA die Bereiche Senderaktivitäten, Programmproduktion und Rechtehandel zusammen. Im Bereich werbefinanziertes Fernsehen baut die Holding ihre Marktführerschaft stetig aus. Bertelsmann hält eine 50-Prozent-Beteiligung (die andere Hälfte gehört der Audiofina Finanzgruppe); im Vorstand ist Michael Dornemann für diesen Bereich zuständig. Geschäftsführer ist Rolf Schmidt-Holtz, der unter anderem auch schon Chefredakteur des "stern" war. Im Geschäftsjahr 1998/99 erzielte CTL-UFA einen Gesamtumsatz von 6,4 Milliarden Mark und hat damit nach den Worten von Finanzvorstand Luther "deutlich zum Gesamtgewinn" des Konzerns von knapp einer Milliarde Mark beigetragen.

Laut Bertelsmann-Geschäftsbericht schalten täglich 120 Millionen Menschen in Europa einen CTL-UFA-Fernsehsender ein. Weiter weist der Bericht aus, dass die Holding in acht europäischen Ländern an 22 Fernseh- und 18 Radiostationen beteiligt ist. Auf der Lohnliste standen 1998 im Jahresdurchschnitt 4602 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zum 1. Januar 1999 wurden die Bereiche Rundfunktechnik, Rechtehandel und deutschsprachige Radios in Profitcenter umgewandelt, um die "Selbstständigkeit der Unternehmensteile" zu stärken, wie CTL-UFA-Sprecher Robin Mishra sagte.

Neben den Sendern RTL, RTL2 und VOX gehört auch Super RTL zur Familie, wobei an letzterem auch Walt Disney beteiligt ist. Am Pay-TV-Sender Premiere werden noch fünf Prozent gehalten; 45 Prozent wurden im März 1999 an Leo Kirch verkauft. Eine Kabel-Allianz aus CTL-UFA/Bertelsmann, Kirch und Telekom - die Medienbranche sprach bereits von Bertelkirch - scheiterte an kartellrechtlichen Bedenken. Für die Bundesrepublik rühmt man sich, das "Format der Daily Soaps erfolgreich" hierher geholt zu haben. Die RTL-Produktion "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" spielt nach Angaben des früheren Geschäftsführers von RTL und heutigen Medienberaters von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement, Helmut Thoma, knapp 50 Prozent des Gewinns ein.

Mit der UFA Film- und TV Produktion und der Trebitsch Produktion verfügt CTL-UFA über leistungsfähige Produktionsfirmen der Filmbranche. Im Geschäftsbericht wird ausdrücklich erwähnt, dass man auf internationaler Ebene mit Time-Warner zusammenarbeitet. Mit CTL-UFA International betätigt man sich zudem als Co-Produzent und Co-Finanzier internationaler Unterhaltungsproduktionen sowie mit dem Rechtehandel solcher Produktionen. Die Tochtergesellschaft UFA-Sports gilt als Europas größter Sportvermarkter. Ende 1998 war man im Besitz der Übertragungs- und Vermarktungsrechte von über 200 europäischen Fußballclubs, 40 Nationalmannschaften und 12 Bundesligaclubs.

Gruner + Jahr.

Am Hamburger Hafenrand, gegenüber der Überseebrücke, residiert der Verlag Gruner + Jahr (G+J) in der wohl prächtigsten "Wellblechhütte" der Hansestadt. Ein ums andere Mal, wenn er vom Personalvorstand Martin Schuster eine Mappe mit Vorlagen zu "Kostenreduzierungsmaßnahmen und Synergieeffekten" vorgelegt bekommt, kommentiert Wolfgang Barthel, Betriebsratschef für den Bereich Verlag und Redaktionen in Hamburg, das Ansinnen auf seine Art: "Mal schauen, wie wir den notleidenden Verlag in seiner Wellblechhütte diesmal retten." Um dann die Relationen wieder gerade zu rücken, schiebt Barthel angesichts der Gewinnsituation im Mediengewerbe nach: "Nur im Kokainhandel wird besser verdient."

Für Bertelsmann ist G+J der wohl wichtigste Inhaltsproduzent im Printbereich. Aber auch im Bereich elektronische Medien - der im Tochterunternehmen Elektronic Media Service (EMS) gebündelt ist - gewinnen die Hamburger Marktmacht. Die Suchmaschine Fireball, die Homepage des "stern" (www.stern.de) und das Internetportal Lycos gehören zu den erfolgreicheren im World Wide Web.

Mit der Tiefdruckerei in Itzehoe bescherte G+J der IG Medien 1989 ein "tarifpolitisches Tschernobyl", wie Erwin Krois, Betriebsrat der Springer-Tiefdruckerei, gerne zum besten gibt. Mitten in die Tarifverhandlung über den freien Samstag erklärte G+J, man trete mit der Druckerei aus dem Bundesverband Druck aus. Seither gibt es in Itzehoe einen Haustarifvertrag. In Dresden betreibt G+J die zweite Tiefdruckerei, die leistungsfähigste in Europa, wie stolz verkündet wird. "Jenseits aller tarifvertraglicher Regelungen" wurde in Dresden mit dem Betriebsrat eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen, die den 24-Stunden- und Sieben-Tage-Betrieb zulässt.

Zum Bereich G+J gehört auch das Dresdner Druck- und Verlagshaus (DD+V) mit der "Dresdner Morgenpost" und der "Sächsischen Zeitung" sowie einer Zeitungs- und einer Tiefdruckerei. Das besondere an dieser Konstellation sind die Eigentumsverhältnisse: Durch ihre Medienholding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) ist die SPD mit 40 Prozent am Unternehmen beteiligt und trägt zum Beispiel Tarifdumping in der Tiefdruckerei mit. Kurz vor Jahresende ' 99 wehrten sich Journalisten und Verlagsangestellte mit einem 25-tägigen Streik gegen die Folgen der Auslagerung von Bezirksredaktionen der "Sächsischen Zeitung" (siehe Seite 14ff.).

Mit Spannung warten Medien- und Wirtschaftsexperten auf das neuste Produkt aus dem Hause G+J: In Kooperation mit dem englischen Pearson-Verlag soll in diesen Tagen die deutschsprachige Ausgabe der "Financial Times" (M berichtete) unter die Menschen gebracht werden. Unter Chefredakteur Andrew Gowers werkeln etwa 130 Journalistinnen und Journalisten seit Monaten an dem Blatt, das wie das englische Vorbild auf blassrosa Papier gedruckt werden soll. Anfangs sprachen beide Verlage von einem Investitionsvolumen in Höhe von 180 Millionen Mark. Inzwischen gehen Branchenbeobachter von um die 300 Millionen aus. Bereits die Ankündigung vor einem Jahr hat die Branche aufgewirbelt: Alle überregionalen Tageszeitungen weiteten ihre Wirtschaftsteile aus. Aufgrund der Abwerbungen von Redakteuren aus anderen Blättern kletterten die Gehälter in den Wirtschaftsressorts um 10 bis 15 Prozent nach oben.

Arvato AG.

Dieser Unternehmensbereich umfasst das Druckgeschäft, die Distrubution (unter anderem ein Callcenter mit 3000 Telearbeitsplätzen), ein Direktmarketigunternehmen und weitere Serviceinheiten unter seinem Dach. Mohndruck in Gütersloh gehört zu den produktivsten Offsetdruckereien in Europa. Innerhalb von Arvato ist der Druckbereich mit Mohndruck, Elsnerdruck in Berlin, und dem Grafischen Großbetrieb Pößneck in Mohn Media zusammengefasst. Der Lokalzeitung "Neue Westfälische" vom 12. Oktober 1999 sagte Geschäftsführer Hans Gutenbrunner: "Mohn Media bedeutet nämlich inzwischen sowohl Konzeption und Beratung als auch den Aufbau und die Pflege medienneutraler Datenbanken, intergrierte Vorstufen, Druck und Weiter-verarbeitung sowie die Einbindung in alle Leistungen der gesamten
Bertelsmann AG.

Lange bevor überhaupt das Bündnis für Arbeit erfunden wurde, tüftelte Bertelsmann für die Mohndruck-Beschäftigten ein "intelligentes Modell zur Kostensenkung" aus und nannte es "Partnerschaftspaket": Weil der Druckbereich in Folge von Überkapazitäten und einem Unterbietungswettbewerb 1993 etwa 40 Millionen Mark Verlust einfuhr, sollten etwa tausend
Mohndrucker Opfer bringen. Ab September 1995 schenkten sie dem Konzern 22 Monate lang sieben unbezahlte Überstunden pro Monat und tun das auch noch bis heute. Für die IG Medien und ihre Vorläuferorganisation IG Druck und Papier war sowohl Mondruck wie auch der gesamte Bertelsmann-Konzern schon immer ein schwieriges Terrain. Das hat sich in den letzten Jahren nur sehr geringfügig verändert. Doch immerhin wurde bei der letzten Betriebsratswahl bei Mohndruck die Mehrheit nur denkbar knapp verfehlt.

Die Bertelsmann-Distribution versteht sich als Dienstleister für das eigene Haus und bewegt sich zudem als Anbieter am Markt. Callcenter hat man in Gütersloh, Stuttgart, Dortmund und Wilhelmshaven. Nach eigenen Angaben liefert die Distribution mit ihren Versand-Dienstleistungen an jeden Bundesbürger - ohne das diese es direkt bemerken - durchschnittlich sechs Mal im Jahr Post. Die Call-Center nehmen monatlich etwa 300000 Anrufe entgegen. Wollen Bahncard-Inhaber eine Telefonauskunft, landen sie durch Rufweiterleitung bei Bertelsmann. Ebenso die ADAC-Mitglieder, wenn sie Fragen zur letzten Beitragsrechnung haben.

BMG - Entertainment.

Die Antwort des "freien Westens" auf den musikalischen Kuba-Boom, der von BUENA VISTA SOCIAL CLUB ausgelöst wurde, kommt aus dem Hause Bertelsmann, heißt Mambo No. 5 und wird von Lou Bega vorgetragen. Wolfgang Petry, Whitney Houston, Eros Ramazzotti, Taj Mahal, Modern Talkin oder Puff Daddy sind nur einige der Künstler, die bei BMG Entertainment unter Vertrag sind. Jahr ums Jahr regnet es Grammys, Awards und Echos auf die Interpretinnen und Interpreten aller musikalischer Stilrichtungen zwischen Abba und Zappa, Boygroups und Beethoven. Weltweit werden in diesem Konzernteil etwas über 11000 Menschen beschäftigt, die 8,1 Millionen Mark umsetzen.

Neben der Musikproduktion und dem -vertrieb beteiligt sich BMG auch an der technischen Entwicklung von Online-Angeboten, E-Commerce und der digitalen Distribution. Bereits heute kann man auf den BMG-Websits unter 250000 Titeln wählen und diese per e-Mail bestellen. Vielleicht morgen schon lassen sich die Titel gegen Cash direkt aus dem Netz der Netze direkt auf die eigene CD brennen. Findige Zeitgenossen lächeln und sagen, das machen sie heute schon und ohne Bezahlung.

Produktlinie Multimedia.

Seit Anfang des Jahres sind die Online- und Multimediaaktivitäten von Bertelsmann in einem eigenständigen Geschäftsfeld zusammengefasst. Im Vorstand ist dafür der ehemalige Karstadt-Manager Klaus Eierhoff verantwortlich. Zu den multimedialen Anfängen der Bertelsmänner gehört der Einstieg bei AOL im Jahre 1994 durch Middelhoff. Auch nach der AOL/Time-Warner-Fusion ändert sich an der 50-Prozent-Beteiligung bei AOL-Europa nichts. Durch den Deal werde AOL-Europa einen "noch besseren Zugriff auf noch mehr Ressourcen" haben, sagte Multimedia-Manager Bernd Schiphorst der "Frankfurter Rundschau" (zur Fusion siehe Kasten).

Neben AOL gehören das Internetauktionshaus ANDSOLD, die weltweit zweitgrößte Onlinebuchhandlung barnesandnobel.com, das Internetportal Lycos, Netscape und die Berliner Multimedia-Bastler Pixelpark - um nur einige der wichtigsten zu nennen - zum Bereich Multimedia. Bei einem Umsatz von 480 Millionen Mark im abgelaufenen Geschäftsjahr wurden 290 Millionen als Verlust gebucht. Doch bereits 2002 sollen mit Multimedia fünf Milliarden Mark erwirtschaftet werden. Der Geschäftsbericht weist für die junge Branche gerade mal 1250 Beschäftigte aus.

Bertelsmann Buch AG und Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer.

Mit Random House erwarb Bertelsmann 1998 einen der größten nordamerikanischen Buchverlage. Weltweit sorgen 25 Millionen Buchclubmitglieder dafür, dass Geld in die Kasse nach Gütersloh fließt. Das einstige Kerngeschäft - Buchverlage und -clubs - spielt ein Drittel des Gesamtumsatzes ein. Mit dem Erwerb des wissenschaftlichen Springer-Verlages 1998 wurde die Fachinformationsgruppe aus der Buch AG ausgegliedert. Das ist heute der Geschäftsbereich BertelsmannSpringer. So informiert Bertelsmann unter anderem "Ärzte aktuell und detailliert"(Eigenwerbung) durch die Ärzte-Zeitung. Neben der Zielgruppe medizinisches Personal haben die Gütersloher Architekten und Bauherren, Verkehrsfachleute und Wissenschaftler der unterschiedlichsten Diziplinen im Visier.

Bertelsmann deckt also fast die gesamte Wertschöpfungskette innerhalb der Medienindustrie ab. Die Gütersloher handeln so ziemlich mit allem, was druck- und sendbar ist, was die Menschen zerstreut und amüsiert und manchmal vielleicht auch ein bisschen bildet. Ein multimedialer Krämerladen eben. Und Krämerläden haben in der Provinz Tradition. Dass statistisch gesehen jede Bundesbürgerin und jeder Bundesbürger täglich eine Stunde mit einem Bertelsmann-Produkt verbringt, ist eine ganz andere Geschichte.

Günter Frech


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