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Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes zur Rechtschreibreform.

Aus dem Jahresbericht des DHV-Präsidenten , Prof. Schiedermair, auf dem Hochschulverbandstag im März 2001 in Saarbrücken; Textauszug entnommen aus: 'Forschung und Lehre' 5 / 2001, Beilage, S. 8 - 10.

Zu einem wichtigen Thema ist im Berichtszeitraum auch die Reform der Rechtschreibung für den Deutschen Hochschulverhand geworden. Nachdem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Ende Iuli [2000] bekanntgegeben hat, wieder die alte Rechtschreibung zu benutzen. hat das Präsidium des Deutsch Hochschulverbandes diesen Schritt durch die Ankündigung unterstützt, daß der Deutsche Hochschulverband sowie die von ihm herausgegebene Zeitschrift "Forschung & Lehre" ab dem 1. Oktober 2000 in ihrem gesamten Schriftverkehr zur bisherigen Rechtschreibung zurückkehren werde. Diese Entscheidung soll - und dies ist zu beachten - nur solange aufrecht erhalten bleiben, bis die Kultusminister der Bundesländer sich darauf verständigt haben, die unerläßlichen Korrekturen an der teilweise offenkundig mißgebildeten Rechtschreibreform vorzunehmen.

Diese Entscheidung des Deutschen Hoehschulverbandes hat eine ganz außergewöhnliche Wirkung in den Medien erzeugt. Die Frankfurter Allgcineirie Zeitung hat darüber auf der ersten Seite berichtet, und ich habe den ganzen August über und darüber hinaus eine nicht bezifferbare Zahl von Interviews gegeben. Eine Vielzahl von Mitgliedern hat das Präsidium spontan zu seinem Beschluß beglückwünscht.

Freilich hat es auch einige Kolleginnen und Kolleg gegeben, die die Entscheidung des Präsidiums. zum Teil harsch kritisiert haben. Dem Präsidium und mir war selbstverständlich von Anfang an klar, daß jedwede Stellungnahme des Deutschen Hochschulverbandes zur Rechtsehreibreform auf Kritik stoßen muß. Schließlich wird der Streit um die Rechtschreibreform schon seit vielen Jahren mit großer Energie und sehr viel Emotionen geführt. Bei nüchterner Betrachtung geht es im wesentlichen uiii drei Fragen:

1. Ist die Parteinahme des Deutschen Hochshulverbandes für die alte Rechtschreibung von der Sache her richtig und vertretbar?

Nach meinem Dafürhalten ist es unbestreitbar. daß insbesondere die neuen Regeln der Getrenntschreibung zu einer erheblichen Verkürzung der schriftlichen Ausdrucksniöglichkeiten von Sprache und damit zu einem erheblichen Verlust an Sprachkultur führen. Mir geht es dabei aber gar nicht um die Einzelheiten des neuen Regelwerkes. Mir geht es um die Sprachkultur. Sie ist ein markantes Indiz für die geistige Verfassung eines Volkes, um die es mir angesichts einer immer größeren Durchdringung mit Anglizismen nicht gerade zum Besten bestellt zu sein scheint. Ich sehe die Stellungnahme des Deutschen Hochschulverbandes nicht als eine fachwissenschaftliche an, obwohl ich mich selbstverständlich des fachwissenschaftlichen Rates versichert habe, wofür ich insbesondere Herrn Kollegen Munske von der Hochschulverbandsgruppe in Erlangen an dieser Stelle herzlich danken darf. Es wäre auch nicht richtig, die Stellungnahme des Hochschulverbandes als bloße Forderung zu verstehen, zur alten Schreibweise zurückzukehren. Wir wollen vielmehr Druck auf die Kultusministerkonferenz ausüben, die überfälligen Korrekturen an den neuen Rechtschreibregelungen so schnell wie möglich vorzunehmen. Die seither ergangenen Beschlüsse der Kultusministerkonferenz betrachte ich als Bestätigung und Ermutigung.

2. Hat der Deutsche Hochschulverband ein Mandat, sich zu dieser Frage zu äußern?

Diese Frage habe ich nach Abwägen aller Argumente pro und contra eindeutig bejaht. Der Deutsehe Hochschulverband kann nicht seit Jahreii mit Verve fordern, die Universitäten als Teil der Kultur zu begreifen, und in einer Frage, die eine essentielle Kulturtechnik betrifft, schweigen. Wir alle sind als Wissenschaftler auf das Medium der Sprache tagtäglich angewiesen. Es geht also um unser Handwerkszeug. In den Geisteswissenschaften sind wir gezwungen, alles zu verbalisieren. Daher sind wir in besonderer Weise auf den Erhalt sprachlicher Beweglichkeit angewiesen. Es ist daher geradezu unsere Pflicht, auch im Zusammenhang mit der Rechtschreibreform uns im wahrsten Sinne des Wortes zu Wort zu melden.

Diesen Überlegungen folgend habe ich mich auch bei der aktuellen Diskussion um den Vorschlag zu Wort gemeldet, eine Akademie zum Schutz und zur Pflege der deutschen Sprache einzurichten. Sprachpolitik ist immer auch ein Stück Kulturpolitik. Der Hochschulverband tut aus meinerr Sicht gut daran, sich an dieser Diskussion zu beteiligen.

3. Hätte vor einer Stellungnahme des Hochschulverbandes ein Meinungsbild unter den Mitgliedern herbeigeführt werden müssen?

Diese Frage ist aus meiner Sicht am einfachsten zu beantworten: Zum einen war das Verhältnis der zustimmenden zu den ablehnenden Zuschriften, die wir nach unserer Stellungnahme erhalten haben, etwa 6 :1. Zum anderen ist es aus meiner Sicht nicht möglich, daß wir bei allen kontroversen kultur- oder hochschulpolitischen Fragen Mitgliederbefragungen durchführen. Dazu sind wir schon organisatorisch kaum in der Lage. Allerdings kann man selbstverständlich darüber streiten, ob nicht ein vorheriger Beschluß des Hochschulverbandstages hätte vorangestellt werden müssen. Dies ist in der Tat eine nicht zu vernachlässigende Frage, die sich das Präsidium - wie bei allen wichtigen Entscheidungen - auch vor der Stellungnahme zur Rechtschreibreform gestellt hat. Im Ergebnis war das Präsidium der Meinung, daß es in aktuellen Diskussionslagen stets ermächtigt sein muß, flexibel und schnell zu reagieren.

Dies ist unerläßlich, um die Handlungsfähigkeit des Verbandes zu gewährleisten, so daß von Eigenmächtigkeit in diesem Zusammenhang keine Rede sein kann. Immerhin ist zu bedenken, daß das Präsidium alle seine Entscheidungen Jahr für Jahr vor den Hochschulverbandstagen rechtfertigt und verantwortet. Diese Verantwortlichkeit wird im Präsidium in seiner Meinungsbildung stets bedacht und ernst genommen.


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