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Treten Sie zurück!

Helmut Jochems, Prof. em. an der Gesamthochschule Siegen,

an Dr. Klaus Heller, Mitglied der 'Zwischenstaatlichen Kommission'.

Offener Brief v. 3. 4 2000.

Quelle: http://www.rechtschreibreform.com, Nachrichten-Archiv, Stand 5. 4. 2000. Der Verfasser ist Prof. em. für das Fachgebiet 'Didaktik der englischen Sprache' an der Universität- Gesamthochschule Siegen und ein langjähriger Kollege des Angesprochenen


Sehr geehrter, lieber Herr Heller,

als Sie im Januar resignierend in den zweiten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission schrieben, angesichts der starren Haltung der Kultusminister bliebe Ihnen nichts anderes übrig, als die Neuregelung in ihrer unrevidierten Fassung durchzusetzen, ahnten Sie noch nicht, welches Unwetter sich über Ihnen zusammenbraute. Die Kritiker haben recht behalten: Nicht in den Schulen mit ihrem beschränkten Rechtschreibvokabular, sondern in den Druckmedien scheitert die 'amtliche Regelung'. Ein halbes Jahr hat genügt, um die Absurdität der neuen Rechtschreibung Journalisten und Zeitungslesern vor Augen zu führen. Davon liest man in Ihrem Bericht nichts, aber nun halten es Ihnen die Zeitungen vor.

Auslöser der Unmutsäußerungen war die Dreistigkeit der Duden-Redaktion, in ihrem zehnbändigen Wörterbuch Textbelege im Sinne der „Neuregelung“ zu verfälschen. Hans Krieger berichtete darüber in der 'Süddeutschen Zeitung' von 4. 3. 2000 und wurde von der Wiener Zeitung 'Die Presse' am 7. 3. 2000 so zitiert:

Die nächste Hiobspost für Ihr Unternehmen kam von Harald Marx (Bielefeld, jetzt Leipzig), der die Auswirkungen der neuen s-Regel auf das Rechtschreibverhalten von Grundschülern ermittelt hat. Hermann Unterstöger von der 'Süddeutschen Zeitung' referierte die Ergebnisse dieser Untersuchung am 27. 3. 2000 folgendermaßen:

"Dem der Studie zu Grunde liegenden Test unterzogen sich gut 300 Dritt- und Viertklässler, die seit Beginn des Schuljahres 1996/97 nach den neuen Regeln unterrichtet werden; den Kontrast bildete ein ähnlicher Test, den Marx zwei Jahre vorher angestellt hatte. Das Material entstammte 'Knuspels Schreibaufgaben'; ausgewertet wurden die Schreibungen für 34 Wörter ohne und zehn Wörter mit s-Laut, wobei sich in fünf Fällen reformbedingt die Schreibweise verändert hatte: schloß zu schloss oder näßt zu nässt. Das Ergebnis zeigt, dass die Reform in einer Weise wirkt, die nicht beabsichtigt war. Zum einen machen 'die Kinder aller Klassenstufen bei den von der Reform betroffenen s-Laut-Wörtern signifikant mehr Fehler'. Zum anderen registrierte Marx ein Phänomen, das auch bei erwachsenen und sonst durchaus geübten Schreibern festzustellen ist. Es wird 'übergeneralisiert', das heißt, die neue Schreibweise wird auch auf Wörter angewandt, die von der Reform gar nicht betroffen sind. Man schreibt etwa, um gewiss auf der richtigen Seite zu stehen, 'grosses' statt 'großes' Kino."

Einige Tage vorher hatte die 'Neue Zürcher Zeitung' dem Romanisten Harro Stammerjohann (Frankfurt, jetzt Chemnitz) Gelegenheit gegeben, die inzwischen offensichtlichen Mängel der Rechtschreibreform aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu kommentieren (22. 3. 2000):

Und nun legt der neueste Spiegel v. 1. 4. 2000 noch nach: "Freie Bahn dem Alkoholissmuss".

Alle zitierten Schreiber kannten noch nicht den zweiten Kommissionsbericht aus Mannheim. Herzlichen Glückwunsch! Diesmal hat es mit der Geheimhaltung besser geklappt als 1998. Wer jedoch Ausführungen wie die nachfolgenden liest, empfindet eher Mitleid als Zorn. Die Arbeitskreise der Rechtschreibreformer waren immer eine von der freien fachlichen Diskussion wie auch von der sprachlichen Wirklichkeit abgeschottete Welt. Welche Stimmung jetzt im Raumschiff Mannheim herrscht, kann kein Außenstehender wissen, da die Kommission seit Ende 1997 beharrlich schweigt. Ihren Bericht für die Kultusminister wird aber jeder unvoreingenommene Leser als das empfinden, was er ist: ein Dokument Ihres Scheiterns auf ganzer Linie:

Ihre Schlußfolgerungen werden Sie sich ersparen können. Wenn Ihnen das Gespür für wissenschaftliche Redlichkeit und demokratischen Gemeinsinn in der Mannheimer Klausur nicht völlig abhanden gekommen ist, sollten Sie jetzt das einzig noch Mögliche tun: Treten Sie und die anderen Mitglieder der Zwischenstaatlichen Kommission zurück! Den erwachsenen Sprachbenutzern in den drei deutschsprachigen Ländern haben Sie mit Ihrem abenteuerlichen Unternehmen vielleicht ein paar unterhaltsame Jahre beschert. An der Schuljugend aber haben Sie sich versündigt. Geben Sie auf, ehe das Chaos noch größer wird!

Mit einem herzlichen kollegialen Gruß bin ich

Ihr Helmut Jochems


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