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Wohl verstanden?

Von Hans Krieger.

Fundstelle : 'Süddeutsche Zeitung' vom 04.03.2000, Feuilleton, S. 18; URL:[http://www.sueddeutsche.de/aktuell/?section=feuill&myTime=20000305083246&id=952115928.4604] .


Auch der neue Duden belegt: Die Rechtschreibreform ist gescheitert. Gelogen wird nicht nur in der Politik, gelogen wird nicht nur über schwarze Kassen. Gelogen wird auch über die Rechtschreibreform, gelogen wird auch im Duden. Jedenfalls im „Großen Duden“, dem neuen zehnbändigen. Mit manipuliertem Quellenmaterial wird der Eindruck erweckt, deutsche Schriftsteller wie Thomas Mann, Stefan Heym oder Edgar Hilsenrath hätten schon vor Jahrzehnten so geschrieben, wie es jetzt die Reformwillkür befiehlt. Sie hätten geschrieben, dass jemand ihnen „Leid tut“, der ihnen gar nichts Böses will, sondern nur ihr Mitgefühl weckt, oder ein Konzept, das sie eigentlich „wohldurchdacht“ finden, als nur „wohl durchdacht“bezeichnet.

Lügen haben kurze Beine: In der achtbändigen Vorgänger-Ausgabe des „Großen Duden“ waren die gleichen Zitate noch korrekt wiedergegeben. Ein klarer Fall von Quellenfälschung; man muss von Wissenschaftsbetrug sprechen

Der „Große Duden“ wird hoch gepriesen: Endlich sei mit ihm das Wörterbuch-Chaos überwunden, das seit dem Herbst 1996 herrschte. Doch die jetzige „klare Orientierung“ besteht darin, dass die Reform an manchen Stellen zurückgebaut, gar widerrufen und an anderen verschärft wird: Man darf ein Ereignis nun wieder „aufsehenerregend“ nennen, eine Speise dagegen nicht mehr, wie noch in der Reformausgabe des „kleinen“ Rechtschreib-Duden, „wohlschmeckend“, sondern nur noch „wohl schmeckend“, womit gesagt wäre, dass sie vermutlich „schmeckend“ ist. Die fragmentarische „Reform der Reform“, die hier klammheimlich betrieben wird, ist in sich so widersprüchlich, wie es die Reform selbst schon war. Der „Große Duden“ vermehrt das Chaos und dokumentiert, dass die Reformer sich längst in ihrem eigenen Laden nicht mehr auskennen.

Sieben Monate Anwendung der Neuschreibung in der Presse haben das Chaos für alle offenkundig gemacht. Darin liegt das Positive dieses Großversuchs, aus dessen kläglichem Ergebnis nun aber Konsequenzen gezogen werden müssen. Wenn selbs Berufsschreiber mit doch wohl überdurchschnittlicher Sprachkompetenz ständig an den Klippen derNeuschreibung scheitern, kann kein Ernstzunehmender mehr behaupten, für Rechtschreibschwache sei irgendetwas einfache geworden.

Trügerisch wäre der Trost, dass es sich um ein Problem Trügerisch wäre der Trost, dass es sich um ein Problem der Umgewöhnung, also einer Übergangsphase handle. Denn Gewöhnung bildet sich nur auf der Grundlage intuitiven Verstehens. Das intuitive Sprachverständnis aber, meist „Sprachgefühl“ genannt, wird durch die Reform systematisch außer Kraft gesetzt: Nicht am Verständnis der Bedeutung hat man sich zu orientieren, sondern an formalistischen Regelkriterien, die auf die Logik der Sprache und oft auch auf die Grammatik (wie in „es tut mir Leid“) keine Rücksicht nehmen. Einerseits „das Blut saugende Insekt“, andererseits „das blutstillende Medikament“ – das ist selbst Deutschlehrern am Gymnasium kaum begreiflich zu machen und Hauptschülern wohl überhaupt nicht. Nur sklavischer Gehorsam kann da helfen: der Griff zum (nur bedingt verlässlichen) Wörterbuch.

Wir werden also auf Dauer orthografisch an Krücken gehen müssen. Das wäre noch nicht das Schlimmste. Schlimmer sind die langfristigen Folgen für die Sprachkultur, die eintreten müssen, wenn das Sprachgefühl lahm gelegt wird und Kinder kaum mehr eine Chance haben, ein stimmiges Sprachgefühl aufzubauen. Darüber ist noch nicht genügend nachgedacht worden. Auch das Bundesverfassungsgericht hat das nicht bedacht, als es im Juli 1998 mit einem erschreckend oberflächlichen Spruch einer demokratisch kaum legitimierten Reform grünes Licht gab.

Das Gericht hat allerdings auch ein seltsames juristisches Paradox hinterlassen. Dass außerhalb der Schulen niemand gezwungen sei, sich der Neuschreibung zu beugen, war die tragende Prämisse der Urteilsbegründung. Aber alleJournalisten und die allermeisten Schriftsteller müssen sich nun beugen. Selbst ein so prominenter Autor wie Joachim Kaiser konnte den Nobelpreis für Günter Grass in dieser Zeitung nicht „wohlverdient nennen, wie er wollte; gedruckt wurde „wohl verdient“.Gilt also der Karlsruher Spruch?

„Wohl verdient“ statt „wohlverdient“ – das ist eine ebenso einschneidende Sinnentstellung wie die Einfügung eines „vermutlich“ in den Text, die einen zensurähnlichen Eingriff gleichkäme. Die Zensur wird hier ausgeübt von einer Reformer-Clique, die sich gegenüber der Öffentlichkeit nicht verantwortet. Sie haben Hunderte von zusammengesetzten Wörtern, die sich die Sprachgemeinschaft aus gutem Grund geschaffen hatte, einfach gestrichen – ein beispielloser Akt der sprachlichen Entdifferenzierung und der kulturellen Regression.

Eine Reform der Reform hat die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung schon vor zwei Jahren für „unumgänglich notwendig“ erklärt. Die Kommission arbeitet jetzt an dieser Nachkorrektur. Neue Flickschusterei ist zu erwarten. Reform der Reform heißt neue Unsicherheit, aber auch neue Umstellung, die etwas kostet. Wirkliche Klarheit bringt bei kaum höheren Kosten nur der Abbruch der Reform.

Der Zug ist abgefahren. In Zügen gibt es Notbremsen. Einen Fehler zu korrigieren, ist teuer; ihn nicht zu korrigieren kommt noch teurer, wenn man auch die immateriellen Kosten mitrechnet. Wackersdorf, Schneller Brüter, Transrapid – der Sieg der Vernunft kommt manchmal spät. Auch für die ungeliebte Rechtschreibreform sollte er möglich sein.

HANS KRIEGER


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