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“Das allervornemste Kunststükk in der Teutschen Sprache.”

Von Harro Stammerjohann.

Mit Genehmigung des Autors hier veröfrfentlichtes Manuskript eines Beitrags, der in der 'Neuen Züricher Zeitung' v. 22.3.2000 erschien. - Der Autor ist Professor für Romanistik an der Technischen Universität Chemnitz.- "Angesichts des Umfangs der deutschen Rechtschreibreform mag man den Widerstand dagegen unverhältnismäßig finden, aber die Art und Weise, wie sie betrieben und durchgesetzt wurde, war es auch."


Die beste Rechtschreibung ist die, die man nicht merkt. Schreiber und Leser schreiben gleich, und der Schreiber braucht nur darüber nachzudenken, was er schreiben will, nicht wie, der Leser nur darüber, was geschrieben steht, nicht wie.

Damit ist es erstmal vorbei. Jetzt sind mehrere Rechtschreibungen in Gebrauch, die alte, die neue und die verschiedensten Kompromisse und Hausorthographien, und selbst demjenigen, der sich vorgenommen hat, so zu schreiben wie immer, begegnen andere Schreibungen, fallen ihm auf und lenken seine Aufmerksamkeit vom Inhalt ab auf das Medium.

In einer deutschen Universitätszeitung, die nach der neuen Rechtschreibung gedruckt wird, lese ich: “Die Ministerin versprach ... entsprechende Anforderungsprofile weiter zu entwickeln”. Bisher wurde 'weiter entwickeln' zusammengeschrieben; wer es getrennt schrieb, meinte 'weiter' im Sinne von 'weiterhin' — ein Bedeutungsunterschied, der mit der neuen Rechtschreibung unterdrückt wird. Der Unterschied ist hier nicht gross. Grösser ist er schon in einer Lob und Kritik abwägenden wissenschaftlichen Rezension, in der ich lese, die Darstellung sei “wohl durchdacht”. Fand der Rezensent sie nun durchdacht, oder vermutete er das nur? Schliesslich, in einer dienstlichen Mitteilung lese ich, ein Telefongespräch sei von einer Kollegin “mit gehört” worden — nicht weil sie eine Wanze im Telefon versteckt hätte, sondern weil sie gerade im Raum war, deshalb steht hinter “mit gehört” in Klammern: “nicht mitgehört”.

So sieht der orthographische Alltag jetzt aus. Was die neuen Einzelwortschreibungen anbelangt, so waren diese weder so dringend geboten, wie die Reformer mit Vorführbeispielen behaupten, noch sind sie so abwegig, wie die Vorführbeispiele der Kritiker glauben machen wollen. Alte Inkonsequenzen wurden durch neue ausgetauscht, etwa bei der Berufung auf das Stammwortprinzip, mit dem Schreibungen wie 'behände' (aber weiterhin 'Eltern'), 'Nulllösung' oder 'selbst ständig' (neben altem 'selbständig') begründet werden, während gleichzeitig Trennungen wie' ei- nander', 'he-rauf' oder 'Inte-resse' möglich sein sollen. Da ist nur zu hoffen, dass der Gebrauch baldigst entweder den Reformern recht gibt oder ihren Kritikern.

Aber mit der Ausweitung der Getrenntschreibung haben die Reformer ein Wortbildungsprinzip ignoriert, das produktiv und übrigens alt ist. Schon im 17. Jahrhundert schrieb Justus Georg Schottel, der grösste deutsche Grammatiker seiner Zeit: “Die Doppelung oder Verdoppelung (Compositio) ist ein rechtes Haubtteihl und das allervornemste Kunststükk in der Teutschen Sprache / welche vornemlich ihr übertrefliches Vermögen durch die Kraft der Doppelung darzeiget: Es ist aber die Doppelung / und geschiehet also / daß zusammen gesetzet und gleichsam unzerteihlt verbrüdert / und zu andeutung eines gantz neuen Verstandes vereiniget werden:” — und er zählt die Zusammensetzungsarten auf, die er unterscheidet. Auf den “gantz neuen Ver stand”, oft eine übertragene Bedeutung, kommt es an: sitzen bleiben tut man auf dem Stuhl, sitzenbleiben in der Schule. Nicht, dass der Duden hier bisher eindeutig gewesen wäre, und so argumentieren denn die Reformer auch immer damit, dass z.B. 'baden gehen' bisher nur getrennt geschrieben wurde, ob mit einer Badehose oder mit einem Projekt, 'spazierengehen' hingegen immer zusammen, und 'bummeln gehen' wiederum auseinander. Besonders einschlägig scheint mir der gegen die Getrenntschreibung vorgebrachte Fall 'schwer behindert' zu sein: Wer in einer bestimmten Situation schwer behindert ist, der ist darum noch lange nicht im Sinne des Schwerbehindertengesetzes schwerbehindert. Zwischen 'blau machen' in der Bedeutung von 'blau färben' und 'blaumachen' in der Bedeutung von 'nicht arbeiten' unterscheidet der neue Duden noch genauso wie der alte, d.h. die Reformer bestreiten die Möglichkeit eines Bedeutungsunterschieds nicht. Nun ist der Bedeutungsunterschied nicht immer so gross wie zwischen 'blau machen' und 'blaumachen', und oft ist gar kein Bedeutungsunterschied festzustellen, z.B. zwischen 'breit gefächert' und 'breitgefächert', oder er ist strittig, und wo er unstrittig ist, liegt er nicht immer zwischen sog. wörtlicher und übertragener Bedeutung und ist schwer zu fassen. Angesichts dieser Schwierigkeit haben die Reformer kurzerhand die Getrenntschreibung zum Normalfall erklärt: möchten sie einige Zusammenschreibungen rückgängig machen und keine neuen zulassen. Dass mancher in der übertragenen Bedeutung 'badengehen', in einem Wort, schrieb, obwohl es im Duden schon immer anders stand, zeugt von der Intuition, diese Bedeutung orthographisch auszudrücken (der Intuition, mit der nach dem Muster von 'zusammenschreiben' auch' getrenntschreiben',' grossschreiben', 'kleinschreiben' in einem Wort schreiben möchte, wenn diese Zusammensetzungen terminologische Qualität haben). Übrigens ist es nur ein schwacher Trost der Reformer, wenn sie einem unbenommen lassen, weiterhin zusammenzuschreiben, was man möchte; denn erstens hat man diese Freiheit nur noch im privaten Verkehr, zweitens weiss man nicht, was andere meinen, die nur noch getrennt schreiben.

Dabei ist die Berufung auf den Kontext nicht stichhaltig. Natürlich weiss man im Kontext sofort, ob jemand auf dem Stuhl sitzen?geblieben ist oder in der Schule. Aber Sprache ist redundant: sie gibt mehr Zeichen als notwendig, um die Sicherheit zu erhöhen, dass der Hörer versteht. In der schriftlichen Kommunikation trägt die Schreibung zu dieser Redundanz bei: was sich schon aus dem Kontext erschliessen liesse, ergibt sich sicherheitshalber auch aus der Zusammenschreibung.

Was für die Unterscheidung zwischen Getrennt- und Zusammenschreibung gilt, gilt auch für diejenige zwischen Klein- und Grossschreibung, die von der deutschen Orthographie besonders genutzt wird und die die Reform nun ebenfalls zurückdrängt. Die Reformer hatten leichtes Spiel, als sie argumentierten, es sei nicht einzusehen, dass man' in bezug auf' klein schreibe, 'mit Bezug auf' gross, und fixierten hier die Grossschreibung, also 'in/mit Bezug auf', dort die Kleinschreibung, z.B. nur noch das 'schwarze Brett'. Wiederum wird der Kontext gewöhnlich klären, was gemeint ist, wenn jemand das 'schwarze Brett' abmontiert: ob das Anschlagbrett oder irgend ein schwarz gestrichenes Brett. Aber wo schon die Schreibung zwischen' schwarzes Brett' und 'Schwarzes Brett' unterscheidet, kommt dieser Unterschied zum Kontext, der die Bedeutung er schliesst, hinzu. Das gilt übrigens auch für die brieflichen Anredeformen Du, Dein, Dir usw., Ihr, Euer, Euch usw., die jetzt klein geschrieben werden sollen: der Grossbuchstabe macht die textuelle Funktion dieser Wörter sozusagen auf einen Blick auffällig. Das kann sogar für das 'ß' gelten, z.B. bei 'Flussschifffahrt', dessen Zusammensetzung in der Schreibung 'Flußschifffahrt' an Durchsichtigkeit gewönne (aber was dem 'f' recht war, war dem 's' natürlich billig), und es kann für etymologische Trennungen gelten.

Die Reform sollte das Schreiben erleichtern, ohne das Lesen zu erschweren. Das Schreiben sollte leichter erlernbar werden, aber ob es das jetzt ist, ist schon fraglich. Die Reformer behaupten, es seien jetzt viel weniger Regeln als vorher — die Kritiker, es seien sogar noch mehr geworden, nur sei ein Teil der Regeln jetzt in Unterregeln versteckt. Offenbar kommt es darauf an, wer zählt. So sind denn auch die ersten Fehlerstatistiken nach der Reform widersprüchlich und belegen vermutlich, was sie belegen sollen: die einen, dass jetzt viel weniger, die andern, dass sogar mehr Fehler gemacht werden. Vielleicht werden genauso viele Fehler gemacht wie vorher, aber z.T. andere. Gelegentlich wurde sogar zugunsten der Reform argumentiert, dass die neue Rechtschreibung nicht nur für die deutschen Schulkinder, sondern auch für Ausländer, die Deutsch lernen, leichter sei. Falls sie für deutsche Kinder tatsächlich leichter ist, ist sie das auch für Lerner anderer Muttersprachen. Für diejenigen jedenfalls, die Deutsch als Fremdsprache schon gelernt haben und benutzen, ist die Verwirrung noch größer als für erwachsene deutsche Muttersprachler: Bekanntlich ist die Diskussion um eine Reform der Rechtschreibung in Frankreich genauso alt und genauso heftig wie in Deutschland, und auch in Frankreich ist Anfang der neunziger Jahre eine Reform verabschiedet worden. Jetzt habe ich zum erstenmal ein französisches Buch in der neuen Rechtschreibung gelesen und stocke bei jedem neu geschriebenen Wort, ob es eins ist, das ich nicht erkenne, oder eins, das ich nie kannte.

Schließlich wurde die Reformbedürftigkeit der deutschen Rechtschreibung auch damit begründet, daß die Sprache sich weiterentwickle und die Rechtschreibung nicht stehenbleiben könne. Aber Schreibungen nach dem Stammwortprinzip haben gerade nichts mit Änderungen der deutschen Sprache in den letzten hundert Jahren zu tun, in denen die bisherige Rechtschreibung galt, sondern mit der Berufung auf die viel ältere deutsche Sprachgeschichte. Da, wo die Sprache sich tatsächlich weiterentwickelt, indem sie neue semantische Differenzierungen vornimmt, soll die Rechtschreibung dieser Entwicklung nicht mehr Rechnung tragen und die orthographischen Ressourcen Getrennt- vs. Zusammenschreibung, Groß- vs. Kleinschreibung ungenutzt lassen.

Die Reformer wollten Ordnung in die deutsche Rechtschreibung bringen, die in Wirklichkeit ein Kinderspiel war und ist, verglichen mit der französischen — ganz zu schweigen von der englischen Rechtschreibung, die der Erlernbarkeit und Verbreitung der englischen Sprache offensichtlich nicht im Wege ist. Angesichts des Umfangs der deutschen Rechtschreibreform mag man den Widerstand dagegen unverhältnismäßig finden, aber die Art und Weise, wie sie betrieben und durchgesetzt wurde, war es auch. Zum Teil sind ja Varianten zugelassen, mindestens bis 2005; man fragt sich, warum nicht alle Änderungsvorschläge zunächst als Varianten eingeführt wurden, zwischen denen der Gebrauch unmerklich entscheiden kann — so unmerklich, wie er sich gegen Photograph und für Fotograf entschieden hat. Wenn die Reformer sagen, sie hätten aus ihrer Arbeit kein Geheimnis gemacht und Gelegenheit genug gegeben, dazu Stellung zu nehmen, so behandeln sie die Rechtschreibung wie eine Fristsache: Als der Inhalt der Reform allgemein bekannt war, hätte der öffentliche Widerstand dagegen kaum größer sein können, und man hat sich darüber hinweggesetzt. Die Deutschen mokieren sich gerne über den Sprachdirigismus der Franzosen, aber selbst in Frankreich ist man vor dem Oktroi der neuen französischen Rechtschreibung zurückgeschreckt und hat sich mit ihrer Empfehlung begnügt.

Was die historisch gewachsenen Orthographien der großen Kultursprachen anbelangt, sollte man vielleicht die Maxime beherzigen, die da auf EDV-deutsch lautet: Never touch a run ning system.


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