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Die Schriftsprache soll nicht zum Spielball des Zeitgeistes werden. Die Rechtschreibreform muß im Dienst des verstehenden Lesens stehen.

Von Wolfgang Hinrichs.

Entnommen aus: 'Die Welt online' 5. 7. 1999, 22. 46, URL [http://www.welt.de/daten/1999/07/06/0706de120394.htx]


Die Rechtschreibreform hat eine Riesenzahl von Zweifelsfällen hervorgebracht. Während man früher wußte, daß man richtig schreibt, wenn man dem Duden folgt, weiß man heute nicht mehr, welchem Wörterbuch man trauen soll, falls man sich der neuen Schreibung befleißigt. Bisher ist der Duden mit seinen Rechtschreibregelungen dem gewachsenen Sprach- und Schriftgebrauch des Volkes gefolgt. Jetzt aber sollen wissenschaftlich ersonnene Rechtschreibänderungen umgekehrt maßgebend werden für den Schriftgebrauch des schreibenden Volkes. Die Wörterbücher folgen erstmals nicht mehr der Tradition. Sie stellen vielmehr Regeln auf als Kopfgeburten bestimmter Wissenschaftsschulen, wonach sich das Volk und die anderen Wissenschaftlerrichten sollen.

Eine neue Sprachregelung von oben auf dem Schleichweg zur Sprachdiktatur? Die Warnung einer großen Zahl von bekannten Schriftstellern und Autoren vor der jetzigen Rechtschreibreform kennt man bereits. Und von Roman Herzog stammt das Wort, sie sei"unnötig wie ein Kropf".

Keine Sorge, so argumentieren die Rechtschreib-"Reformer" scheinbar großzügig, die bisherige Rechtschreibung soll noch jahrelang als nicht falsch, sie soll als "traditionell" gelten. Während Schüler das "Neue" sofort lernen müssen, wird hier das "Traditionelle" indirekt abgewertet und ? "geduldet". Bis es ausgestorben ist! Das bedeutet: sanfte Liquidierung der Tradition und damit Aushöhlung der Autorität der Kompetenten. Jedoch Tradition, traditionsbewußte Kompetenz ist Merkmal aller Kultur. Rechtschreibänderung nunmehr durch Federstrich! Die Pädagogik, die lebendige, gründliche Kulturtradition wird zum Spielball der Neuerer, der Mode.

Ohne Bewußtsein der Tragweite geistern hier offenbar "im Hinterkopf" als unversöhnliche Gegensätze: neu/jung und alt, modern/progressiv/revolutionär einerseits und traditionell/konservativ auf der anderen Seite, als ob ersteres gut, letzteres schlecht sei. Es sollte aber erlaubt und geboten sein zu sagen: Das ist die Denkweise der Schwarzweißmalerei, im 20. Jahrhundert hinlänglich bekannt geworden durch unheilvolle Wirkung. Dieses Denken trifft in letzter Konsequenz destruktiv ins Zentrum des Pädagogischen und aller Kultur. Es ist die Tendenz, das Traditionelle und das Tradieren dem Neuen und Erneuern bloß entgegenzusetzen. Das haben wir in schlimmster Form bei Nationalsozialisten und Kommunisten erlebt.

Rechtschreibregelung ist auch eine pädagogische Angelegenheit, aber nicht Sache einer Pädagogik aus Ressentiment, die mit der Autorität auf Kriegsfuß steht, sondern kompetenter Kulturpädagogik. Unsere Sprache und Schrift dient dem Verstehen, dem Vermeiden von Mißverständnissen. Sie ist unser aller Angelegenheit, nicht die von "Progressiven" oder "Traditionalisten". Wir Deutsche zerren vieles in der Parteien Streit und Hader. Die Schriftsprache sollte nicht auch noch in diesen Strudel geraten.

Die "neue Rechtschreibung", sagt man im Umkreis der politisch privilegiertenSprachwissenschaftlergruppe, solle für die Schüler Erleichterungen bringen. Man wolle erreichen, daß nicht nur eine elitäre Gesellschaftsklasse, sondern alle das Rechtschreiben beherrschen. Doch warum die vielen neuen, zum Teil die Sprachlogik und -herkunft verwischenden Regelungen, die gar keine Erleichterungen sind? Die Schüler sollten vielmehr erfahren, daß die (Schrift-)Sprache kein gleichgültiges Instrument (organon), kein bloßes Mittel zum Zweck ist, ja daß sie selbst eine hohe geistige Potenz ist (energeia), die uns bereichert, daß die Bildkraft oft den Sinngehalt eines Wortes aufschließt und daß mit ihr die Wortbildung (Zusammensetzung, Vorsilbe usw.) und -herkunft tiefe Einblicke gewährt in die reiche geistige Welt der Sprachentstehung. Diese Quellen, auch die der Verflechtung verschiedener Sprachen (Fremdwörter),Quellen der Kreativität und des Verstehens, dürfen durch "Recht"-Schreibung nicht verschüttet werden. Sonst trocknen Sprachunterricht und Sprachkultur aus. Wer wissenschaftlich einschlägig versiert und erfahren im Kulturtradieren und im Tradieren von Kulturtechniken ist, muß sich entschieden gegen eine, wenn auch noch so gut gemeinte, "Erleichterungspädagogik" wenden. "Die pädagogische Liebe . . . muß heute streng sein, damit das Schicksal nicht künftig über einen Blinden hereinbreche", sagt der große Erzieher Eduard Spranger.

Eine gewisse Strenge in der Überlieferung der Normen, in unserem Fall der Rechtschreibnormen, die der herkömmliche Duden aus dem gewachsenen Sprachgebrauch entwickelt hat, ist unerläßlich. Jeder mag später schreiben, wie er will (wenn er den Rechtschreibnormen nicht gerade von Amts oder Berufs wegen genau zu entsprechen hat). Das spätere Leben verteilt keine Schulzeugnisse,sondern andersartige Quittungen. Aber ein jeder ist auch vor allem dem Leser verpflichtet und hat sich in der persönlichen Handschrift wie im Rechtschreiben so deutlich an die durch Konvention gewonnenen Normen zu halten, daß der Leser ihn nicht mißverstehen kann. Die Rechtschreibnormierung hat ein Optimum zwischen Schreib- und Leseanstrengung zu finden: im Dienst des verstehenden Lesens.

Die Schule sollte somit Anstrengung fordern und im Zeugnis zur Selbstprüfung die Nähe zur genormten Handschrift und zum genormten Rechtschreiben jeweils genau bewerten. Unter Erwachsenen, die teilweise Opfer schlechten Unterrichts sind, sollte man aber ? bei aller Achtung vor den Normen ? gerade in Deutschland liberaler, großzügiger reagieren auf das nicht immer normgerechte Rechtschreiben anderer. Wir Deutschen neigen zum übertriebenen Regulieren. Regelungswut und Prinzipienreiterei führen zu Dürre und Erstarrung. Sie kompensieren einen tiefsitzenden Mangel an Prinzipienfestigkeit und Mut. Sie wollen fehlendes Rückgrat ersetzen und Unterwerfung unter das Diktat der Mode verschleiern. Das Motto sollte aber sein: Liberalisierung bei Wahrung der lebendigen Sprachtradition, Kampf der deutschen Regelungswut. Großzügigkeit und Lebendigkeit sind Ausweis echter Regel- und Prinzipientreue.

Am 9. Juli endet die Frist für die Unterschriftensammlung gegen die Rechtschreibreform in Berlin. 111 Professoren der Berliner Hochschulen haben dazu aufgerufen, die Reform zu stoppen. Der Siegener Pädagoge Professor Wolfgang Hinrichs schließt sich dem Aufruf an.

Informationen zur Rechtschreibreform: [http://won.mayn.de/rechtschreibreform/o-adress.html].


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