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Anmerkungen zum Rechtschreib-Urteil des Bundesverfassungsgerichts

von Theodor Ickler.

Intenetwiedergabe eines zur allgemeinen Veröffentlichung freigegeben Druckbeitrags. D. Hg.


Am 12. Mai verhandelte das Bundesverfassungsgericht über die Beschwerde eines Lübecker Eltempaares gegen den Beschluß des schleswig-holsteinischen Oberverwaltungsgerichts vom 13.8.1997 und den Beschluß des schleswig-holsteinischen Verwaltungsgerichts vom 12.3.1997. Das BVerfG hatte zu dieser Verhandlung im Vorjahr schriftliche Stellungnahmen verschiedener Institutionen erbeten und schließlich 13 Verbande und Institutionen zur mündlichen Verhandlung eingeladen. 10 davon waren (auch aus der Mannheimer Anhörung) als Reforrnbetreiber und -befürworter bekannt:

(GfdS, GEW, DPhV, DBB und BER haben ihre Mitglieder nie befragt.) Als Reforinkritiker waren eingeladen:

Außerdem war der

eingeladen, der jedoch nur einen kurzen Brief schickte, worin er darlegte, daß ihm an der Durchsetzung der Reforin nicht gelegen sei, die Kosten sich jedoch in Grenzen halten würden und eine Teilnaluhe an der Verhandlung nicht sinnvoll erscheine.

Den beiden Kritikem (Christian Meier für die Akademie und Theodor Ickler für den Verein) saßen bei der Verhandlung etwa 50 Personen von der Reformerseite gegenüber, darunter die Kultusministerinnen Böhrk und Brunn. Die Presse schien dieses Mißverhältnis nicht erwähnenswert zu finden.

Die ungleichmäßige Einladungsstrategie wäre nur dann nicht zu beanstanden, wenn es der Vorsatz des Gerichts gewesen wäre, die Stimmen zu wiegen statt zu zählen. Zumindest in der Frage, ob die Reform das Ziel der Vereinfachung des Schreibenlernens erreiche, hat das Gericht sich jedoch offensichtlich von der schieren Überzahl derjenigen beeindrucken lassen, die diese Frage bejahten, s. u. zu S.47 des Urteils.

Schon einige Zeit vor der Verhandlung gab es aus verschedenen Quellen Hinweise, daß das Urteil im Sinne der Kultusminister ausfallen werde. Dies hat sich mit überraschender Eindeutigkeit bestätigt. Nach dem Eindruck mancher Beobachter (vgl. Bayerische Staatszeitung vom 18.7.1998) könnte das Urteil geradewegs von der KMK verfaßt sein.

Der wesentliche Inhalt des Urteils wurde etwa zehn Tage vor der Urteilsverkündung, die auf den 14. Juli 1998 angesetzt war, durch die Presse bekannt, und zwar unter Berufung auf Bonner Politiker. Daraufhin zogen die Beschwerdeführer ihre Beschwerde zurück, weil sie, wie sie sagten, mit einem fairen Verfahren nicht mehr rechnen könnten. Außerdem beabsichtigten sie, das Bundesverwaltungsgericht wieder zum Zuge kommen zu lassen, dem das Bundesverfassungsgericht überraschend zuvorgekommen war. (Beim Bundesverwaltungsgericht war auf dem Wege der Sprungrevision die Berufung des Landes Berlin gegen das Urteil des VG Berlin in der Sache Gemot Holstein gegen das Land Berlin anhängig. Mit einer Niederlage des Landes Berlin war zu rechnen.)

Das Bundesverfassungsgericht beschloß jedoch, "juristisches Neuland" zu betreten (so die Pressestelle) und das Urteil dennoch zu verkünden, weil ein allgemeines Interesse daran bestehe. Zugleich wurde mitgeteilt, daß die Bundesrichter "verärgert" über die Indiskretionen seien und nach der undichten Stelle im Gericht forschen wollten. Indiskret waren allerdings auch und vor allem die Bonner Politiker gewesen; denn daß zwischen Karlsruhe und Bonn vielfältige Informationskanäle existieren, war Insidern nicht unbekannt. Der Bundesjustizminister stellte sich (obwohl selbst ein Reformgegner) schützend vor das Gericht und kritisierte die Presse wegen der Weitergabe von Informationen - zu Unrecht, wie allgemein empfunden wurde, weil die Presse hier kein Staatsgeheimnis verraten hatte und gewiß nicht päpstlicher als der Papst - also diskreter als die Richter und ihre politischen Freunde - sein muß.

Das Urteil (Az 1 BvR 1640/97) umfaßt mit Begründung kaum 63 Seiten, ist also angesichts der komplizierten Sachlage eher knapp ausgefallen. Es folgen einige Anmerkungen, wobei das spezifisch Juristische ausgespart bleibt.

"Die Rechtschreibung, der Inbegriff der Regeln über die richtige Schreibung, dient dem Ziel, im Interesse der Kommunikation die Einheitlichkeit des Schreibens sicherzustellen." (S.2)

Schon der erste Satz läßt erkennen, daß Rechtschreibung für das Gericht stets extern gesetzte Norm, nicht inhärente Norm der Sprache ist. In vielen Schriftsätzen, die dem Gericht sowohl vom Beschwerdeführer als auch von unabhängigen Sprachwissenschaftlern vorgelegt worden sind, und ebenso im mündlichen Vortrag ist der Begriff der inhärenten Norm erläutert worden. Nach dieser Auffassung besteht die Rechtschreibung zunächst darin, "zu schreiben wie die anderen" (eventuell mit gewissen Einschränkungen hinsichtlich der als maßgebend anzusehenden Muster), unabhängig von der mehr oder weniger gelungenen Kodifikation in Wörterverzeichnissen und - nochmals einen Schritt von der Wirklichkeit entfernt - Regelwerken. Durch die Nichtberücksichtigung dieses linguistisch trivialen Sachverhaltes kommt von Anfang an ein falscher Ton in die Darstellung des Gerichts. Es wird nämlich problemlos eine normsetzende Instanz angenommen, und daß der Staat diese Rolle zu übernehmen habe, erscheint viel selbstverständlicher, als es ist.

Es ist zwar richtig, daß es im 19. Jahrhundert noch lange nicht zu einheitlichen Rechtschreibregeln kam (S.3), ebenso richtig wäre es aber, auf die gleichwohl vorhandene, rasch voranschreitende Konvergenz der regionalen bzw. Verlagsorthographien hinzuweisen. Die Schulorthographien waren nur ein Beitrag zur Vereinheitlichung, sie wirkten katalysierend und beschleunigend, man muß aber annehmen, daß, wie auch Konrad Duden 1876 feststellte, die Einheit auch ohne staatlichen Eingriff gekommen wäre.

Über die Konferenz von 1901 heißt es:

"Die grundsätzlichen Fragen - Kleinschreibung der Substantive, lautgetreue Schreibung, Fremdwortschreibung, Silbentrennung, Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Zeichensetzung - wurden dagegen ausgespart." (S.5)

Diese Darstellung ist tendenziös, da sie einerseits wirkliche Teilgebiete (Silbentrennung, Getrennt- und Zusammenschreibung) nennt, im Falle der "Kleinschreibung der Substantive" sowie der "lautgetreuen Schreibung" aber nur die traditionellen Programmpunkte der Reformwilligen. Damit wird suggeriert, daß es sich bei der Einführung der gemäßigten Kleinschreibung und der phonetischen Schrift um eine seinerzeit ungelöste perennierende Aufgabe handele. Diese Darstellung konunt von vornherein den Bestrebungen der heutigen Reformer entgegen, die ja immer wieder ihre Vorliebe für die Kleinschreibung bekundet haben und die "lautgetreue Schreibung" nachweislich als ideale Erfüllung der Buchstabenschrift betrachten. Richtiger wäre es, neutral von "Groß- und Kleinschreibung" und von "Laut-Buchstaben-Beziehungen" zu sprechen. Es geht um Themen der Diskussion, nicht um fällige Veränderungen.

Die "Einarbeitung des sogenannten Buchdrucker-Dudens in den für die Allgemeinheit bestimmten Duden" wird ebenfalls tendenziös in der gewohnten Weise der Reformer dargestellt, als sei die "Allgemeinheit" seither ungebührlicherweise mit Spezialanforderungen eines Berufszweiges überbeansprucht worden. Aber wer ist die "Allgemeinheit"? Die Orthographie von 1901/1902 war keine Schulorthographie mehr, und die Allgemeinheit außerhalb der Schule besteht größtenteils aus Sekretärinnen und vielen anderen Menschen, die durchaus professionellen Ansprüchen an die Textgestaltung genügen wollen und sich daher mit einer lückenhaften, hinter dem "Stand der Techmk" (d. h. der Entwicklung einer hochdifferenzierten Schriftsprache) zurückbleibenden Regelung nicht zufrieden geben. Die Buchdrucker andererseits arbeiten für die Allgemeinheit, nämlich für Leser aller Art, die von Gedrucktem eine perfektere Orthographie erwarten dürfen, als sie selbst zu leisten imstande sind. Im Duden waren zuvor viele Normierungen nur im Wörterverzeichnis, also einzelwortgebunden verzeichnet, aber sie waren vorhanden. Ihre Überführung in die verallgemeinerte Darstellung des Regelwerks, mithin in die sog. "doppelte Kodifizierung", bedeutete keine zusätzliche Regelung. Die Schule mußte und muß weiterhin für ihren gestuften Unterricht aus dem Gesamtkorpus von Regeln und Wörtern auswählen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine neue Äußerung des führenden Reformers Augst:

"Nicht alle Regeln, Ansnahmeregein und Ausnahmeregeln von den Ausnahmeregeln waren Gegenstand des Rechtschreibunterrichts. Es hat immer ein heimliches Curriculum der wichtigsten Regeln gegeben. Das bleibt auch nach der Neuregelung so. Manches ist zwar weggefallen, wie die schwierigen Regeln des Kommas vor und oder beim Infinitivsatz [1], aber generell ist die amtliche Regelung, die ja auch die Belange der Drucker und Setzer berücksichtigen muss, zu umfangreich: sie muss für die Schule reduziert werden." (Gerhard Augst / Mechtlhild Dehn: Rechtschreibung und Rechtschreibunterricht. Stuttgart 1998, S.90)

Es wird nicht klar, wer die Politiker (BMI und KMK) überhaupt veranlaßte, Reformplanungen auf den Weg zu bringen (S. 7). Das Institut für deutsche Sprache (IDS) und die dann tätig werdenden Reformer waren in Wirklichkeit die treibenden Kräfte, die sich den "politischen Auftrag holten", wie es in Reformerschrifien zu heißen pflegt. KMK und Bundesinnenministerium waren nicht Initiatoren, sondern "Adressaten für Anträge zu einer Reform der deutschen Rechtschreibung" (so der Reformer Zabel in Augst et al. [Hg.] 1997, S.7). Dieser Gesichtspunkt ist darum so wichtig, weil alle rnit Reformarbeiten Beschäftigten immer schon bereitstanden und in allen wesentlichen Forderungen übereinstimmten. Die Rekrutierung der Reformarbeitsgruppen auf dem Wege der Selbsternennung und Kooptation liegt weitgehend im dunkeln, bleibt aber entscheidend, weil damit die Richtung der Reform von vornherein feststand. So war klar, daß in diesem Falle auf der Linie der gescheiterten Stuttgarter und Wiesbadener Empfehlungen weitergearbeitet werden würde. Es zeigte sich bald, daß die Reformer hauptsächlich weiterhin auf die gemäßigte Kleinschreibung hinarbeiteten, obwohl die Bearbeitung dieses ganzen Komplexes ihrem ausdrücklichen Auftrag widersprach, wie auch die Auftraggeber seinerzeit kritisch feststellten [2]. Das Urteil geht auf diesen Hergang nicht ein. Für die siebziger Jahre stellt es schlicht fest, daß "sich die Diskussion um eine Rechtschreibreform neu belebte" (wer belebte sie?). In den vier deutschsprachigen Staaten "wurden Arbeitsgruppen gebildet" (von wem?). Sie traten seit 1980 als "Internationale Arbeitskreis für Orthographie zu gemeinsamen Sitzungen zusammen" (S.7). Hinter dieser Selbstbezeichriung steckte keine offizielle Gründung und zunächst auch kein Mandat.

S. 10 ff: Unter den Punkten 2 a) bis i) beansprucht das Urteil, "die wichtigsten Neuerungen" anzuführen. Das trifft jedoch nur teilweise zu. So scheinen die Richter zu glauben, daß Dränage, Mohär, Polonäse, Jacht, Kode und Sketsch neu eingeführte Varianten seien; in Wirklichkeit stehen sie alle schon im vorigen Duden. Im Folgenden werden viele Regeln aufgezählt, die keinerlei Neuerung enthalten. Der Sinn dieser gleichwohl hochselektiven Darstellung ist unklar, die Folge jedoch nicht: Wie bei allen Kurzfassungen (in 'Sprachreport', 'Woche', 'Hörzu' usw., jeweils vom IDS erstellt) und "Schnellkursen" (Focus 21.7.1998, von DUDEN) wird die neue Rechtschreibung so dargestellt, daß die Ausnahmen weitgehend wegfallen und die ganze Reform daher stringenter und vor allem einfacher aussieht, als sie tatsächlich ist. Gerade bei solchen Gegenständen ist die Verkürzung eine wesentliche Verfälschung.

Die Verdoppelung von Konsonantenbuchstaben zur Kennzeichnung der Vokalkürze wird zwar häufiger durchgeführt; aber angesichts der ungeheuren Menge von Ausnahmen fallen die Änderung von Tip zu Tipp und einige wenige ähnliche Maßnahmen überhaupt nicht ins Gewicht. Zur irreführenden Subsumierung von ss statt ß unter diese Regel; s. Th. Ickler: "Kritischer Kommentar zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung".

Das Gericht übernimmt in jeder Hinsicht die Darstellung der Reformer, ohne sich um die kritischen Einwände unabhängiger Sprachwissenschaftler zu kümmern. Zur Stammschreibung, bei "Wörtern, die sich aufeinander beziehen lassen" (S.11): Wer bezieht hier - und warum muß man Beziehungen herstellen, wo die Reformer das für richtig halten, sonst aber nicht? Nicht jeder bezieht numerieren auf Nummer, und die Umlautschreibung folgt keineswegs der allgemeinen Regel, sondern nur in einigen wenigen Fällen, die auch fast vollständig aufgezählt werden (Stängel, behände usw.), nicht aber in Dutzenden oder gar Hunderten von weiteren, die ebensoviel Recht auf "Stammschreibung" hätten (*Häu, *käntern, *Spängler usw.), insbesondere dann, wenn man den Begriff der "Grundform" in der volkslinguistisch gelockerten Weise versteht, wie es im Regelwerk der Fall ist. Sogar das Beispiel selbstständig wird im Sinne der Reformer dargestellt, als ginge es hier wirklich um eine andere "Schreibung" von selbständig und nicht um die Lemmatisierungsentscheidung für ein anderes Wort, die überhaupt nichts mit Orthographie zu tun hat. Hier zeigt sich besonders deutlich, daß das Gericht selbst einfachste Fehler getreulich aus den Vorlagen der Reformbetreiber abschreibt.

Zu den Fremdworteindeutschungen wäre noch zu bemerken, daß auch Desintegrationen vorgesehen sind; so darf laut Wörterverzeichnis die längst eingedeutschte Form Gräkum nicht mehr benutzt werden, sondern nur noch Graecum.

S. 15: Von den fünf bedeutsamen Neuerungen bei der Kommasetzung werden nur zwei erwähnt: die Weglaßbarkeit des Kommas zwischen konjunlrtional verbundenen Hauptsätzen und vor erweiterten Infinitiven. Nicht erwähnt sind: die Zulässigkeit eines Kommas zwischen gleichrangigen, konjunktional verbundenen Nebensätzen (ich glaube, daß es kalt wird, und daß es Schnee gibt ); das obligatorische neue Komma als drittes Satzzeichen nach wörtlicher Rede ("So?", fragte sie ); das obligatorische neue Komma vor Infinitiven (sogar nichterweiterten!), wenn ein Hinweiswort vorhergeht : hier fällt es schwer, zu schweigen). Die beiden letzteren sind lHauptgegenstände der Kritik und erstrangige neue Fehlerquellen. (In hier gilt es zu schweigen kann das Komma wegfallen, weil das es kein hinweisendes ist! Dies hat fast niemand verstanden, es ist auch nahezu unlernbar.)

Der "Bericht" der Rechtschreibkommission vom Dezember 1997 schlug nicht nur vor, in zentralen Bereichen die alten Schreibungen neben den neuen wiederzuzulassen, sondern enthielt darüber hinaus den bemerkenswerten Satz, daß Änderungen "unumgänglich notwendig" seien. Zwar wurde dieser Satz in der Endfassung vom Februar 1998 gestrichen, aber das Gericht bezieht sich ausdrücklich auf die erste Fassung. Dieses Eingeständnis geht grundsätzlich über eine Duldung das Alten neben dem Neuen hinaus, es ist ein Eingeständnis des Scheiterns in zentralen Bereichen und zwar wegen oft nachgewiesener Verstöße gegen die deutsche Grammatik (das nichts Sagendste, noch tief schürfender usw., ebenso aber auch die Großschreibung in Bankrott gehen u.v.a.). Das Gericht ist von seiten unabhängiger Sprachwissenschaftler viele Male darauf hingewiesen worden, geht aber mit keinem Wort darauf ein. Es verschanzt sich wie schon in der mündlichen Verhandlung hinter der Behauptung, nicht linguistischer Obergutachter sein zu wollen - ohne jedoch auf sprachbezogene Aussagen von entscheidender Bedeutung zu verzichten, wenn es der angestrebte Zweck erfordert: die Neuregelung für geringfügig zu erklären.

Aus dem Urteil des OVG Schleswig vom 13.8.1997 zitiert das Gericht u. a. die "positive Akzeptanzprognose", nicht aber den entscheidenden, an prominenter Stelle, nämlich am Schluß stehenden weiteren Text. Er lautet:

"Wenn allerdings der Bundestag und / oder Landtage durch politische Beschlüsse mit parlamentarischer Autorität gegen die Rechtschreibreform Stellung bezögen, wäre wohl nicht mehr damit zu rechnen, daß sich das Reformwerk gleichwohl noch durchsetzte. Für den Fall etwa wäre es dann kein tauglicher Gegenstand eines korrekten Deutschunterrichts mehr, wie ihn Eltern aus Schulverhälmis und Elternrecht verlangen können.

Durch den Bundestagsbeschluß vom 26.3.1998 ist die "positive Akzeptanz-Prognose" (OVG Schleswig) erschüttert; dasselbe würde durch den Volksentscheid eintreten, wie denn auch alle Umfragen nach wie vor eine hohe Ablehnungsquote in der gesamten Bevölkerung ergeben und auch nach dem 1.8.1998 nicht mit einer allgemeinen Umstellung zu rechnen ist, außer natürlich in den umstrittenen Sonderbereichen, über die der Staat "Regelungsgewalt" hat.[3]

Das Urteil resümiert die vorgelegten Stellungnahrnen zwar nur pauschal, interessant ist jedoch, daß aus dem Schreiben des Bundesverbandes der Zeitungsverleger (S.33) gerade der entscheidende Schlußsatz nicht zitiert wird: "Gleichwohl liegt uns daran zu betonen, daß den Zeitungsverlegern in ihrer Gesamtheit in keiner Weise an einer Umsetzung der Rechtschreibreform gelegen ist." Und dies, nachdem in dem Schreiben ausdrücklich festgestellt wurde, daß die erwartbaren Kosten von 5 Mill. Mark für die Umstellung "mit Blick auf den Gesamtumsatz unserer Branche nicht allzu hoch" sein würden.

Nicht erwähnt werden natürlich auch die umfassenden sprachwissenschaftlichen Analysen, die der Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege vorgelegt hat (S.32). Dem Gericht lag ferner die folgende von nahezu 600 Professoren der Sprach- und Literaturwissenschaft unterschriebene Erklärung vor:

"Die sogenannte Rechtschreibreform entspricht nicht dem Stand sprachwissenschaftlicher Forschung" (so die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft am 3. März 1998); sogar die Rechtschreibkommission der Kultusminister hat in ihrem Bericht vom Dezember 1997 wesentliche Korrekturen als "unumgänglich" bezeichnet.

Eine derart fehlerhafte Regelung, die von den bedeutendsten Autoren und der großen Mehrheit der Bevölkerung mit guten Gründen abgelehnt wird und die Einheit der Schriftsprache auf Jahrzehnte zerstören würde, darf keinesfalls für Schulen und Behörden verbindlich gemacht werden."

Nicht einmal diese Erklärung hat das Gericht offenbar dazu veranlassen können, Fachleute außerhalb des immergleichen Kreises der Reformer zu Rate zu ziehen.

Die wichtigsten Aussagen des Urteils finden sich auf S. 37 ff Das Gericht stellt zunächst zutreffend fest, daß das Grundgesetz kein Verbot enthalte, die Rechtschreibung zum Gegenstand staatlicher Regelung zu machen. Der Staat dürfe hier im Gemeinwohlinteresse handeln, auch ohne besondere Ermächtigung durch die Verfassung. Dann folgen die zentralen Aussagen:

"Auch aus der Eigenart der Sprache folgt kein absolutes Regelungsverbot. Die Annahme, die Sprache 'gehöre' dem Volk, kann ein solches Verbot nicht begründen; denn weder bringt das 'Gehören' eine Zuordnung im Rechtssinn zum Ausdruck noch könnte die der Annahme zugrunde liegende These, falls ihr rechtlicher Gehalt zukäme, eine staatliche Befassung verhindern. Daß ein Gegenstand dem Staat nicht 'gehört', hindert diesen nicht daran, seinen Gebrauch bestimmten Regeln zu unterwerfen. Auch der Umstand, daß die Sprache nicht aus staatlicher Quelle fließt und sich im gesellschaftlichen Gebrauch von selbst entwickelt, steht einer staatlichen Regelung nicht entgegen. Diese Eigenschaften teilt die Sprache mit zahlreichen Regelungsgegenständen. Die Sprache unterscheidet sich von anderen Regelungsgegenständen auch nicht dadurch, daß bei ihr korrekturbedürftige Fehlentwicklungen - etwa im Sinn erschwerter Lehr- und Lernbarkeit - von vornherein ausgeschlossen wären. Der Staat kann die Sprache deswegen aber nicht beliebig regeln. Begrenzende Wirkungen ergeben sich aus der Eigenart der Sprache jedoch nur für Art und Ausmaß einer Regelung, nicht dagegen für eine Regelung überhaupt.

Auch ein generelles Verbot gestaltender Eingriffe in die Schreibung läßt sich dem Grundgesetz nicht entnehmen. Der Staat ist nicht darauf beschränkt, nur nachzuzeichnen, was in der Schreibgemeinschaft ohne seinen Einfluß im Lauf der Zeit an allgemein anerkannter Schreibung entstanden ist. Regulierende Eingriffe, die Widersprüche im Schreibusus und Zweifel an der richtigen Schreibung beseitigen oder - etwa aus Vereinfachungsgründen - bestimmte Schreibungen erstmals festlegen, sind ihm ebenfalls grundsätzlich erlaubt." (S. 37 f.)

An diesen Feststellungen ist dreierlei besonders bemerkenswert:

1. Der Staat darf die Sprache regeln, nicht nur die Schrift. Der Übergang von der strittigen Orthographie zur Sprache kann nicht auf Zufall oder Nachlässigkeit beruhen, denn die ganze Argumentation zum Thema "Die Sprache gehört dem Volk" ist nur sinnvoll, wenn tatsächlich die gesamte Sprache gemeint ist, die hier ausdrücklich als Gegenstand staatlicher Regelung aufgefaßt wird.

Da die Sprache in gewisser Weise gar kein "Gegenstand" ist, der sich von seinem "Gebrauch" unterscheiden ließe - denn sie ist selbst ein Brauch, eine Gesamtheit von gesellschaftlich-kommunikativen Umgangsformen -, ist die Argumentation an sich schon bedenklich. Es ist nicht möglich, zwischen eigengesetzlicher Entstehung und staatlich geregeltem Gebrauch zu unterscheiden, als ginge es um das natürliche Wachstum der Bäume einerseits und die Beschränkung ihrer Abholzung in der staatlichen Baumschutzverordnung andererseits.

Ein staatlicher Eingriff in die Sprache war zum Beispiel die Ablösung der landesüblichen Grußformeln durch den "Deutschen Gruß" Heil Hitler während der nationalsozialistischen Herrschaft. Dies war ein durchaus normschöpferischer ("gestaltender") Eingriff im Sinne des Urteils; man wird den Vorgang aber heutzutage schwerlich als Vorbild für eine zulässige Sprachregelung anführen wollen.

2. Der Staat darf die Sprache der gesamten Sprachgemeinschaft regeln, nicht nur die Schul- und Behördensprache. Das Urteil spricht in den zitierten Abschnitten ausdrücklich von der Sprache insgesamt und bejaht an anderen Stellen die auch im Urteil von Schleswig ausgesprochene und belegte Deutung, daß die Rechtschreibreform auf die gesamte deutsche Sprachgemeinschaft zielt.

3. Der Staat darf die gesamte Sprache ändern, auch im Sinne eigener Erfindung. Im zweiten Abschnitt kehrt die Argumentation zwar zur Schrift zurück, doch ist nicht zu erkennen, daß die Ausführungen nicht auch auf die gesamte Sprache zu beziehen wären. Die Geschlossenheit der Argumentation erfordert dies geradezu. Vorausgesetzt wird, daß der Staat in bezug auf die Sprache überhaupt tätig werden darf und sogar muß, und in Frage steht nur noch, ob er nachzeichnen oder selbst erfinden darf. Selbst ein bloß nachzeichnender Staat versteht sich nicht von selbst, zumal weiterhin nicht bloß von der Schuisprache die Rede ist. Warum sollte es eine staatliche Aufgabe sein, der Sprachgemeinschaft eine Beschreibung ihres sprachlichen Usus vorzulegen? Weit darüber hinaus geht aber die Ermächtigung, diesen Usus aus eigener Machtvollkommenheit zu verändern und damit die Sprachgemeinschaft zu zwingen, sich anders auszudrücken als bisher.

Der Staat hat kein legitimes Interesse an der Lehr- und Lernbarkeit der Sprache, sondern nur an den Methoden des Lehrens und Lernens der Sprache. Dazu kam es durch die Verstaatlichung des Schulwesens.

Daß die Reform neuerfundene Schreibweisen einführt, wird mehrfach bekräftigt; so stellt das Gericht S.47 noch einmal ausdrücklich fest,

"daß durch die vorliegende Rechtschreibreform im Schulunterricht Rechtschreibregeln und Schreibweisen eingeführt werden, die nicht nur das Ergebnis einer historisch gewachsenen, vom Staat unbeeinflußten Schreibentwicklung sind und auch nicht lediglich eine sich im gesellschaftlichen Bereich immerhin anbahnende Schreibentwicklung vorwegnehmen, sondern jedenfalls teilweise auf reformerische Entscheidungen staatlicher Entscheidungsträger zurückgehen."

Dafür gibt es keine Legitimation, die angeführte ist ungültig. Die Sprache reguliert sich selbst. Was nicht lehr- und lernbar ist, überdauert nicht einmal den Schritt der Weitergabe an die nächste Generation. Den Kommunikationspartnern ist ja an nichts anderem gelegen als an ihrer gegenseitigen Verständigung. Folglich halten sie ihr Verständigungsmittel schon im eigenen Interesse in Ordnung. Das gilt auch für die Kommunikation mit der heranwachsenden und daher lernenden Generation. Lernbarkeit gehört zum Wesen der Sprache, sogar optimale Lernbarkeit darf man mit guten Gründen unterstellen. (Es würde zu weit führen, diese Gründe hier ausführlich darzustellen.) Daß der Staat das Gleichgewicht von Lernbarkeit für die Jungen und höchsten Ansprüchen an das Kommunikationsmittel der Erwachsenen besser austarieren könnte als die Sprachgemeinschaft selbst, ist eine Annahme von aberwitziger Kühnheit. Der Vergleich mit dem notorischen Versagen von Zentralverwaltungswirtschaften wäre eine Untertreibung.

Erleichterte Lehr- und Lembarkeit wird auch nur als eines der möglichen Motive staatlicher Sprachplanung erwahnt. Andere sind denkbar. Das Nächstliegende sind bestimmte Vorstellungen von politischer Korrektheit. Feministische, antirassistische und ähnliche gutgemeinte Programme sprachlicher Umerziehung lassen sich zwanglos anschließen. Wer könnte es wagen, sie zu kritisieren? Wer könnte etwas gegen "Vereinfachung" des Rechtschreibens für "unsere Kinder" haben (wie die Kultusministerinnen sich gern ausdrücken)? [4]

Im übrigen ist es unmöglich, im Schreibusus "Widersprüche" festzustellen. [5] Widersprüchlich kann die regelförmige Beschreibung des Usus sein, nicht dieser selbst. Der Sprachusus ist ja ein Stück Wirklichkeit, und diese kann Unterschiede und Unregelmäßigkeiten enthalten, aber keine Widersprüche. Diese Klarstellung ist wichtig: Widersprüche sind schon rein begrifflich etwas zu Beseitigendes, Unterschiede und Unregelmäßigkeiten an sich nicht.

Im Folgenden beruft sich das Urteil auf frühere staatliche Orthographieregelungen, wie sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts üblich wurden und nach Auffassung des Gerichts bezeugen, daß Orthographie als staatliche Aufgabe begriffen wurde.

"Dabei bestanden die für die Schule aufgestellten Rechtschreibregeln nicht nur aus einer Wiedergabe dessen, was sich im außerstaatlichen Bereich auf gewissermaßen natürlichem Wege an Schreibkonventionen herausgebildet hatte. Die im Schulunterricht vermittelten Regeln und Schreibweisen waren vielmehr - zumindest teilweise - auch das Ergebnis nonnierender staatlicher Entscheidung. Schon die Schulorthographien des 19. Jahrhunderts stellten, soweit sie in dem Bestreben um eine einheitliche Schreibung in dem jeweiligen Land bestimmte Schreibweisen ausschlossen, eine bewußte und gezielte staatliche Einflußnahme auf Art und Inhalt der Rechtschreibung dar. Gleiches galt für die Ergebnisse der staatlichen Orthographiekonferenz von 1901. Daß und in welchem Umfang der Staat die Befugnis für sich in Anspruch nahm, auch verändernd in den Schreibusus einzugreifen, zeigen im übrigen Reformvorschläge wie die Wiesbadener Empfehlungen von 1958, auch wenn sich diese nicht durchsetzen konnten.

Selbst der Beschluß der Kultusministerkonferenz vom 18. / 19. November 1955, der für Zweifelsfälle die im Duden jeweils gebrauchten Schreibweisen und Regeln für verbindlich erklärte, führte schwerlich nur zum Nachvollzug außerstaatlicher Schreibentwicklung. Nach den Worten des früheren Leiters der Dudenredaktion tradieren deren Mitarbeiter bei der von ihnen betriebenen 'Sprachpflege' 'nicht blind überkommene sprachliche Normen, sondern überprüfen sie und bestimmen sie gegebenenfalls neu' (vgl. Drosdowski, a.a.O. S. 30 f.). Auch wenn man diese Bewertung der Tätigkeit der Dudenredakton für zu weitgehend hält, wie dies in der mündlichen Verhandlung eingewandt worden ist, läßt sich eine normative Einflußnahme des Dudens auf die deutsche Schriftsprache jedenfalls im Grundsatz nicht ausschließen, zumal eine scharfe Grenzziehung zwischen reiner Deskription und regulierender Präskription schon angesichts der Uneinheitlichkeit und Wandelbarkeit des Schreibgebrauchs kaum möglich sein dürfte. Nahm der Duden eine Änderung auf, wechselte niit diesem Vorgang die betroffene Schreibung aus dem Status des Fehlers in den der Norm." (S. 39 f.).

Das Urteil drückt sich bemerkenswert vage aus. Beispiele für staatliche Neuerfindungen von Schreibweisen im 19. Jahrhundert werden nicht genannt; es sind auch aus der Literatur keine bekannt. Vielmehr wählten die Schulorthographien aus allgemein bekannten Schreibweisen einige aus, im Sinne der Beseitigung von Doppelformen. Das liegt im Wesen jeder Orthographie. Entscheidend ist, daß bereits in Gebrauch befindliche Formen ihre Funktionstüchtigkeit schon unter Beweis gestellt haben, während dies bei Neuerfindungen zunächst ungewiß ist.

Die Wiesbadener Empfehlungen mögen den "Anspruch" des Staates exemplifizieren, aber sie besagen nichts für die Berechtigung, mit der dieser Anspruch erhoben wird. Der Anspruch hätte auch damals schon angefochten werden können, doch bestand dazu kein Anlaß mehr, da der Reformversuch scheiterte.

Die Werbeschrift des ehemaligen Dudenchefs ist keine zitierbare Informationsquelle, wenn man die tatsächliche Wirksamkeit des Duden bestimmen will. Der Hinweis, es sei "im Grundsatz nicht auszuschließen", daß der Duden auch einmal etwas Neues erfunden und durchgesetzt habe, genügt nicht; er wird durch kein Beispiel belegt, obwohl das doch leicht möglich sein müßte, wenn die Vermutung einigermaßen begründet wäre. Übrigens hat nicht nur die Seite der Kritiker, sondern der neue Dudenchef selbst während der mündlichen Verhandlung die Aussage seines Vorgängers zwar höflich, aber deutlich genug relativiert.

Wenn eine in der Sprachgemeinschaft neu aufgekommene Schreibweise zunächst weder im Wörterverzeichnis vorgesehen noch nach den Regeln ableitbar ist und folglich als falsch zu gelten hat und dann allmählich in einer neuen Auflage des Duden als neue Variante und schließlich als neue Norm registriert wird, so ist dies genau der Vorgang des bloßen Nachzeichnens der eigenständigen Sprachentwicklung und keineswegs ein Beleg für die unterstellte normschaffende Vorgehensweise, wie das Gericht in einem bemerkenswerten Sophisma meint.

Fazit: Das Gericht kann seine Behauptung, der Staat sei entweder direkt oder auf dem Umweg über die Ermächtigung des Duden auch bisher schon spracherfinderisch und nicht bloß nachzeichnend tätig gewesen, weder durch allgemeine Argumente noch durch ein Beispiel belegen. Die Behauptung muß daher bis auf weiteres als falsch gelten.

Das Gericht bezeichnet die Geschichte der Schulorthographie als "anschauliches Beispiel" dafür, daß "Zielsetzungen und Werte, die in der Schule vermittelt werden, stets in den außerschulischen Bereich ausstrahlen." (S. 41 f.). Es nennt aber - der behaupteten "Anschaulichkeit" zum Trotz - kein einziges Beispiel für Schreibweisen, die vom Staat über die Schule in den allgemeinen Gebrauch eingeführt worden wären.

Das Gericht behauptet:

"Das Ziel, das Erlernen richtigen Schreibens durch Vereinfachung der Rechtschreibregeln und Schreibweisen zu erleichtern, ist ein Gemeinwohlbelang, durch den die Neuregelung veffassungsrechtlich hinreichend gerechtfertigt ist. Nach vertretbarer Einschätzung des Landes ist die Rechtschreibreform geeignet, dieses Ziel zu erreichen." (5. 56 .f).

Der erste Satz zeigt, daß das Gericht sich der naiven, am Ziel der Fehlervermeidung orientierten Auffassung der Orthographie anschließt, die der gesamten neueren Reformbewegung zugrunde liegt. Die Orthographie hat aber nicht den Zweck, "fehlerfreies Schreiben" zu ermöglichen, wie es an anderer Stelle und in der gesamten Reforniliteratur heißt. Vielmehr hat sie den Zweck, eine optimale Vermittlung von Inhalten zu ermöglichen, und zwar durch leserorientierte Techniken, die es einzuüben gilt.

Mit dem zweiten Satz setzt sich das Gericht über das Urteil der besten Sachkenner hinweg und ignoriert auch die ihm vorgelegten Beweismaterialien, die gegen die zitierte Einschätzung durch das Land Schleswig-Holstein sprechen. Dabei hatten alle Kultusminister und die KMK und am allermeisten deren Präsident Wernstedt ihre Glaubwürdigkeit hundertfach verspielt, als sie immer wieder abenteuerliche Behauptungen über phantastische Fehlerverminderungsquoten in die Welt setzten, die schon aus arithmetischen Gründen nicht zutreffen konnten. Vgl. auch S.48, wo gewisse ungenannte "Erschwernisse im Teilbereich der Getrennt- und Zusammenschreibung" erwähnt werden, denen aber größere Vorteile gegenüberstünden. Nochmals schließt sich das Gericht der Einschätzung durch die schleswig-holsteinische Landesregiernng an und erwähnt seine "Eindrücke" aus der mündlichen Verhandlung (S.47). Daß in den Akten von empirischen Fehleranalysen der Reformkritiker berichtet wird, während die Reformbetreiber keine solchen Untersuchungen angestellt haben (bis auf die evident unzulänglichen Studien des ISB, München), interessierte das Gericht nicht. Ihm genügt die bloße Behauptung auf seiten der Reformer.

Und hier ist es denn auch, wo offensichtlich die Überzahl der Befürworter als solche das Gericht beeindruckt hat, was angesichts der unsymmetrischen Einladungspolitik befremdlich wirkt. Daß die beiden Kultusministerinnen und ihre Gefolgschaft sowie die erstaunlich unwissende Vertreterin der GEW in der mündlichen Verhandlung ohne jeden Beleg behaupteten, die Reform vereinfache das Schreiben, war so wenig überraschend wie relevant.

Erleichterung kann für den Unterricht angestrebt werden, aber bevor die Technik selbst vereinfacht wird, ist zu fragen, ob sie dann ihren eigentlichen Zweck noch erreicht. Zum Vergleich eignet sich durchaus das oft angeführte Klavier ohne schwarze Tasten oder die Flöte mit zwei Löchern. Oder noch einmal anders: Man könnte das Musizieren natürlich auch dadurch erleichtern, daß man nur noch einfache Stücke spielen läßt.

Die neuen Regeln erreichen zwar das Ziel der Vereinfachung nicht oder nur in ganz seltenen und marginalen Fällen, aber eine Reduzierung der Ansprüche ist dennoch feststellbar, deutlicher gesagt: eine Vergröberung. Hier wäre zunächst die forcierte Getrenntschreibung zu erwähnen. Ob es einfacher zu erlernen ist, aneinander hängen und auseinander entwickeln nur noch getrennt zu schreiben, sei dahingestellt. Betonungs- und damit zusammenhängende Bedeutungsunterschiede brauchen nicht mehr beachtet zu werden; andererseits bleibt das Mittel der Zusammenschreibung von Verbzusatz und Verb ja grundsätzlich erhalten, und damit könnte auch der Wunsch bestehenbleiben, aneinanderhängen ebenso zu schreiben wie zusammenhängen. Die neue Regel erscheint dann als kontraintuitive Ausnahmeregelung und neue Fehlerquelle. (Die Erfahrung mit neuschreiblichen Texten bestätigt diese Einschätzung; beispielsweise wird auch von Neuschreibern auseinandersetzen fast immer zusammengeschrieben, entgegen der neuen Regel, die einfach nicht einleuchten will.) Jedenfalls geht dem Leser durch obligatorische Getrenntschreibung eine wichtige Information verloren. In manchen Fällen wird der Sinn geradezu ins Gegenteil verkehrt: Wie sich schon früher die Menschenaffen und die Menschenvorfahren auseinander entwickelt hatten... (aus einem neuen Geschichtsbuch des Cornelsen Verlags). Gemeint ist natürlich, daß sich Affen und Menschen auseinanderentwickeit haben. Wäre nicht eine Skizze mit sich gabelndem Stammbaum beigefügt, würden die Schüler etwas Falsches lernen. Man muß den Text hier gänzlich umformulieren, um den Sinn wiederherzustellen. Und das alles nur, weil ein seit langem bewährtes, tagtäglich genutztes orthographisches Ausdrucksmittel mutwillig zerstört worden ist.

Selbst wenn die neuen Regeln einfacher zu erlernen wären, müßte man ihre Legitimierung in Zweifel ziehen, weil sie die Regelungsmaterie selbst einschneidend verändern. Das Urteil hatte allerdings an früherer Stelle bereits festgestellt, der Staat dürfe die Sprache verändern. Die Tauglichkeit dieser veränderten Sprache für die von der Sprachgemeinschaft für wichtig gehaltenen Zwecke ist für das Gericht kein Beurteilungsgesichtspunkt. Es denkt in Kategorien des um seine Note besorgten Schülers.

Aus dieser engen Perspektive sind auch die Prognosen S.49 zu verstehen:

"Die Gefahr einer Verunsicherung der Kinder durch die verschiedenen Schreibweisen [sc. beim Lesen älterer Bücher] erscheint ebenfalls als eher gering. Verwechslungen, die im Einzelfall infolge der Konfrontation mit älteren Texten trotzdem unterlaufen, bleiben auch in der Schule auf lange Zeit folgenlos, weil dort bis mindestens Ende Juli 2005 bei schriftlichen Leistungsnachweisen bisherige Schreibweisen nicht als Fehler, sondern lediglich als überholt gekennzeichnet werden."

Es wird völlig außer acht gelassen, daß unabhängig von der Notengebung zwei verschiedene Orthographien zwangsläufig zu einer Verunsicherung (Ähnlichkeitshemmung) und in diesem Falle auch zu einer Schwächung des Sprachgefühls führen müssen, d. h. der intuitiven Kenntnis von Wortklassen, Bildungsmustern und Syntax. Und noch einmal: Warum mutmaßt das Gericht, wo es nach knapp zwei Jahren Erfahrung wissen könnte?

Zur Begründung staatlicher Orthographienormung führt das Gericht an:

"Lehrer wie Schüler benötigen möglichst sichere, verbindliche, aber auch verständliche Grundlagen für richtiges Lehren und Lernen der deutschen Schreibung sowie zuverlässige Maßstäbe für die Benotung der inbesondere im Rechtschreibunterricht geforderten schulischen Leistungen" (S.39).

Das Interesse am möglichst erfolgreichen Lehren der "deutschen Schreibung" ist wohlbegründet, aber es setzt gerade voraus, daß es diese "deutsche Schreibung" immer schon gibt. Die Grundlagen ihrer Vermittlung sind ein didaktisches Problem, und Didaktik ist nachgeordnet; sie läßt den beizubringenden Gegenstand unberührt. Noch befremdlicher ist die allerdings schon im ersten Satz des Urteils enthaltene Vorstellung, um der Notengebung willen müsse der Staat die Orthographie regeln, "bestimmte Schreibweisen von der Anerkennung durch die amtlichen Regeln" ausschließen, wie es wenig später heißt. Es gibt kein genuines Interesse des Staates an der Notengebung. Gegen die Funktion der Rechtschreibung als Instrument der Selektion haben sich die Reformbetreiber der siebziger Jahre mit Recht verwahrt. Zum Vergleich: Das Strafgesetz hat nicht den Zweck, Möglichkeiten seiner Übertretung zu schaffen und dadurch die Guten von den Bösen zu unterscheiden, sondern es dient dem friedlichen Zusammenleben der Menschen. So hat auch die Orthographie ihren Zweck, das Gericht nennt ihn: die Verbesserung der schriftlichen Kommunikation. Wie man sie an Kinder vermittelt, sollen die Pädagogen sich überlegen, und dazu müssen sie die herrschende Orthographie kennen, aber sie dürfen sie nicht verändern.

Zur Legitimation der Reform wird ferner angeführt, es handele sich bei Rechtschreibunterricht auch künftig um "wertfreie Wissensvermittlung" (S.47). Solange es aber den Gegenstand dieses Wissens außerhalb der Schule überhaupt nicht gibt, kann es auch nicht um Wissensvermittlung gehen. Der Unterricht vermittelt vielmehr eine neue, schulspezifische Praxis, von der gerade strittig ist, ob sie angemessen auf das Leben außerhalb der Schule vorbereitet. Allenfalls könnte man argumentieren, daß das vermittelte Wissen sich auf einen zukünftigen Brauch beziehe. Damit käme jedoch die Akzeptanzprognose wieder ins Spiel, um deren Validierung sich das Gericht nicht hinreichend bemüht. Inzwischen gibt es weitere Indizien dafür, daß die Neueregelung nicht zum allgemein üblichen Schreibusus werden wird. Die behauptete Wissensvermittlung gewinnt dadurch utopische Züge.

An dieser Stelle sei auch auf einen Widerspruch hingewiesen, der das gesamte Urteil durchzieht. Einerseits legitimiert sich die Reform nach Ansicht der Richter dadurch, daß die Neuregelung mit großer Wahrscheinlichkeit zum Schreibgebrauch der gesamten Sprachgemeinschaft werden wird, wie es auch die Akzeptanzprognose des OVG Schleswig ins Auge gefaßt und mit Zitaten aus der Absichtserklärung und aus der Neuregelung selbst als erklärtes Ziel der Reform belegt hatte."Die Rechtschreibreform ziele nicht nur auf eine Anderung der Schreibweise im Unterricht und in der Amtssprache. Reformiert werde zum 1. August 1998 die Schreibweise der deutschen Sprache überhaupt." (S.21, nach dem Urteil von Schleswig.) - Andererseits beruft sich das Gericht dort, wo es um das Recht der Bürger auf sprachliche Integrität und Schutz vor Benachteiligungen geht, auf die Unverbindlichkeit der Reform für den außerschulischen Bereich:

"Soweit dieser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt. Personen außerhalb dieses Bereichs sind rechtlich nicht gehalten, die neuen Rechtschreibregeln zu beachten und die reformierte Schreibung zu verwenden. Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben". (S.59).

"Die Schriftsprache wird sich wie bisher trotz bestehender amtlicher Regeln weiterentwickeln. Traditionelle Schreibweisen werden sich noch längere Zeit erhalten und, wie dies schon im ersten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung vom Januar 1998 für eine Reihe von Fällen vorgeschlagen worden ist, als Schreibvarianten neben den reformierten Schreibweisen verwendet werden. Allenfalls auf lange Sicht läßt sich vorstellen, daß einzelne Schreibweisen von neuen - im hier behandelten Regelwerk enthaltenen oder später hinzugetretenen - abgelöst werden, sofern sich diese im Schreibusus der Schreibgemeinschaft durchsetzen." (S.60).

Das Urteil rechnet also geradezu damit, daß die Neuregelung keineswegs den erwartbaren Zustand der orthographischen Praxis vorwegnimmt. Damit wird jedoch die Legitimation auch des reformierten Unterrichts teilweise entkräftet.

Das Gericht bringt in allen Sachfragen, zu denen es sich selbst nicht kompetent äußern kann, den Kultusministerien ein nahezu unbegrenztes Vertrauen entgegen. Es ist der Meinung, "daß Sachkompetenz und Nähe zur schulischen Praxis die Kultusverwaltungen für die Entscheidung über Notwendigkeit, Inhalt, Ausmaß und Zeitpunkt einer Rechtschreibreform besonders qualifizieren" (5. 51). Daß sich die Kultusverwaltungen schon durch die Einsetzung und Duldung einer so stark in die fachliche Kritik geratenen Konunission disqualifiziert haben, ferner durch die bereits erwähnten evident unwahren Behauptungen über die Wirkung der Reform, bleibt unberücksichtigt. Nicht das Urteil der Sprachwissenschaftler und der kritischen Lehrer, die sich immerhin auf umfangreiche Fehleranalysen stützen können, sondern die Kultusministerien erscheinen dem Gericht von vornherein als glaubwürdig, so daß es deren Behauptungen ohne nähere Nachprüfüng für "vertretbar" hält.

Noch erstaunlicher ist die Ansicht des Gerichts, Rechtschreibreform falle zuvörderst in die Kompetenz der Schulbehörden, sei also eine didaktische Angelegenheit und keine die Schreibgemeinschaft als solche betreffende.

Zusammenfassend urteilt das Gericht:

"Die Rechtschreibänderungen fallen quantitativ und qualitativ nicht besonders ins Gewicht". (S.57).

Die Reform führt dazu, daß von den 115.000 Einträgen des Rechtschreibdudens etwa 12.000, also rund 10%, durch Rotdruck als geänderte Schreibungen gekennzeichnet sind.[6] Nur weniges davon betrifft neue Worttrennungen. Von den 12.500 Einträgen der amtlichen Liste (die naturgemäß prozentual weniger Zusammensetzungen enthält) sind 1.038 (= rund 8%) durch Asterisken als geändert markiert; darin sind überhaupt keine Worttrennungen enthalten. Aus trivialen statistischen Gründen ist der Prozentsatz geänderter Wörter (Wortformen, Tokens) in einem laufenden Text wesentlich geringer. Schätzungen besagen, daß etwa 0,5 bis 1,5 Prozent sich ändern. Das weithin übliche Herausrechnen der neuen ss-Schreibung ist nicht zu rechtfertigen, da gerade diese Anderung als besonders segensreich gepriesen wird. Die Qualität der Anderungen wird am umfassendsten in Munskes Aufsatz "Wie wesentlich ist die Rechtschreibreform?" dargestellt. Der Verfasser zeigt, daß bisherige Regeln und Grundsätze durch die Reform geradezu auf den Kopf gestellt oder durch ganze Gruppen von Ausnahmen untergraben werden. Er konunt daher zu seinem oft zitierten Fazit: "Diese Rechtschreibreform ist nach Art und Umfang der vorgesehenen Anderungen tatsächlich eine Reform, ein wesentlicher Eingriff in die Struktur der Schriftnorm des Deutschen." Das ist die Meinung fast aller Sprachwissenschaftler, soweit sie unabhängig, d.h. weder in die Ausarbeitung noch in die Vermarktung der Reform verwickelt sind.

Zusammenfassung:

Das Gericht hat sich in allen sprach- und schriftbezogenen Fragen einzig und allein auf die Vorgaben der Kultusminister und damit auf die fachliche Außenseiterposition der Reform-Urheber verlassen. Das Urteil beruht daher auf falschen sachlichen Voraussetzungen.

Hinzu kommt die völlig überraschende Ermächtigung des Staates, auf dem Umweg über Schulen und Behörden die Sprachgewohnheiten des ganzen Volkes zu ändern. Dadurch wird das Verhältnis von Staat und Gesellschaft neu definiert. Die Folgen sind noch nicht abzusehen.

ANMERKUNGEN

1 Interessanterweise befolgen Augst/Dehn und alle anderen Reformer genau die weggefallenen Kommaregeln! Sie scheinen also doch noch irgendwo zu existieren.

2 Sogar öffentlich; vgl. Leserbrief von Kultusminister und KMK-Präsident Gölter in der F.A.Z. vom 22. 3.1989.

3 Diese Prognose hat sich bestatigt. Nach dem 1. August 1998 ist zwar die Reformpropaganda - besonders durch Duden und Bertelsmann - enorm verstarkt worden; die Druckmedien sind jedoch bei der alten Rechtschreibung geblieben. Die Schüler lernen teilweise schon das dritte Jahr eine Orthographie, die außerhalb der Schule nahezu unbekannt ist.

4 Zum "erschlichenen Wir" der politischen Rede vgl. Werner Becker: ,"Ethik als Ideologie der Demokratie". In: Salamun, Kurt (Hg.; 1992): Ideologien und Ideologiekritik. Darmstadt, S. 149 - 160, hier S. 157.

5 Vgl. meinen Kommentar zum Bericht der Mannheimer Kommission. Dieser Bericht scheint die Quelle der entsprechenden Ausführungen des Bundesverfassungsgerichts zu sein - falls das Gericht nicht üherhaupt Formulieningsbeistand heim IDS gesucht und gefunden hat.

6 Dabei ist ein bestimmter Typ von Änderungen überhaupt nicht markiert. Zum Beispiel läßt sich nur durch den Wörterbuchvergleich feststellen, daß unverrichteterdinge (Duden 1991) nach der Neuregelung keine zulässige Variante mehr sein soll.


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