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Theodor Ickler, Die Rechtschreibreform ist am Ende.

Gräuliche Entwicklung: Zahlreiche Änderungen in den neuesten Wörterbüchern kommen in großen Teilen einer Rücknahme der Reform gleich. Warum deren Verteidigung nicht lohnt.

Gastkommentar in: DIE WELT, 29. 6. 2001, Internet-Bearbeitung des Hg.


Als die WELT im Juli 2000 publik machte, daß die Rechtschreibkommission erhebliche Änderungen am gerade in Kraft getretenen Regelwerk beschlossen hatte, ließ das Dementi nicht lange auf sich warten. Inzwischen kann sich jeder anhand der neuesten Wörterbücher davon überzeugen, daß es mit den Änderungen - Hunderten an der Zahl - Punkt für Punkt seine Richtigkeit hatte. Auch das Österreichische Wörterbuch erscheint in Kürze neu, um "die Änderungen seit 1998" aufzunehmen. Millionen umgestellter Wörter-, Schul- und Kinderbücher sind obsolet. Es handelt sich hauptsächlich um die "unumgänglich notwendigen", jedoch von den Kultusministern untersagten Korrekturen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung.

Doch steht als nächstes die Rücknahme grammatisch falscher Großschreibungen an ("so Leid es mir tut", "wie Recht der Minister hatte", "Pleite gehen", "morgen Abend" und so weiter). Auch bei den Getrenntschreibungen muß nachgebessert, der Typ "fleischfressend", "eisenverarbeitend" und so weiter wiederhergestellt werden. Ob die deutsche Sprachgemeinschaft bereit ist, die Marotten eines einzigen Reformers ("Stängel", "Quäntchen", "gräulich") mitzutragen, steht dahin. Trennungen wie "Buche-cker", "a-brupt" werden wieder gestrichen, da kein Mensch von Verstand und Geschmack davon Gebrauch macht.

Eine absurde Geschichte ohne absehbares Ende. Sie ist nicht nur für die zwangsbeglückten Bürger ärgerlich, sondern auch für Verlage, die ihre neuen Bücher nicht gleich ins Altpapier geben wollen. Zu den ersten Opfern gehört der Heyne-Verlag, der in diesen Tagen ein tausendseitiges Rechtschreibwörterbuch herausbringt - auf dem Stand von 1996, weil der Verlag nicht zu den Glücklichen gehört, die von der Rechtschreibkommission exklusiv mit Informationen versorgt werden. Erst vor kurzem wurde bekannt, daß die privilegierten Verlage mit der Kommission eine 60 Seiten starke Liste von Trennstellen vereinbart haben, die sonst niemand kennt.

Was hat uns die Reform eigentlich gebracht? Von "Erleichterungen" zu sprechen verbietet sich bei Strafe der Lächerlichkeit. Die Neuschreibung ist nicht nur schlechter, sondern auch schwieriger als die zu Unrecht "alt" genannte. Der orthographische Zustand auch der besten umgestellten Zeitungen ist beklagenswert. An den Schulen läßt man fünfe gerade sein. Angesichts dessen ist die künstlich angefachte Diskussion über Anglizismen und Sprachgesetze nur ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Nicht zufällig sind es gerade Reformbetreiber, die am lautesten über den Sprachverfall klagen. Vor allem Unionspolitiker haben die Rechtschreibreform als Testfall für die Reformfähigkeit der Deutschen begrüßt. Die CDU war es auch, die in Schleswig-Holstein zur Annullierung des Volksentscheids gegen die Reform aufgerufen hatte.

Wie geht es weiter? Daß "technische Gründe" für die Umstellung nur ein Vorwand waren, beweist die "FAZ" seit ihrer Rückumstellung. Andere, wie die "Deutsche Anwaltspraxis", haben ebenfalls den Weg zurück gefunden, wieder andere, wie "Bild der Wissenschaft" oder "DM", hatten den Unsinn gar nicht erst mitgemacht. Wozu auch? Laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts durften die Schulbehörden die Reform zwar einführen, aber dann heißt es weiter: "Personen außerhalb dieses Bereichs sind rechtlich nicht gehalten, die neuen Rechtschreibregeln zu beachten und die reformierte Schreibung zu verwenden. Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben." Was die Medien aus dieser Freiheit gemacht haben, ist bekannt. Die Deutschen präsentieren sich jetzt als das einzige Volk, das von Amts wegen seine Muttersprache nicht beherrscht.

Die Rückkehr zur Vernunft ist durchaus noch möglich, obwohl die Kosten gestiegen sind. Aber ein Weiterwursteln mit ständigen Nachbesserungen käme noch viel teurer. Statt uns antiquierte Schreibweisen wie die Heysesche s-Schreibung aus dem frühen 19. Jahrhundert oder die barocke Getrenntschreibung von "auseinander setzen" als modern zu verkaufen, sollte man sich rasch darauf besinnen, daß die wirklich moderne Orthographie, die zuvor anerkannt war, in funktionaler Hinsicht unübertrefflich und bei richtiger Darstellung auch keineswegs besonders schwer zu lernen ist. Man darf sie nur nicht mit ihrer oft etwas haarspalterischen Darstellung im staatlich privilegierten Duden verwechseln.

Die Neuschreibung hat keine Verteidiger mehr. Mancher verzagt nur vor den vollendeten Tatsachen, hält wohl auch die Rückkehr zur Vernunft für schwieriger, als sie ist. Für die meisten wäre es gar keine Rückkehr, sondern der Anschluß an die überwältigende Mehrheit der gedruckten Texte. Darum würde ein solcher Schritt auch keineswegs die Verwirrung vergrößern. Wer die mutwillig zerstörte Einheit wiederherstellt, hat alle guten Gründe auf seiner Seite.

Theodor Ickler ist Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Erlangen-Nürnberg.


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