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In allen Teilen mißlungen.

Vor zwei Jahren schlossen sich die deutschen Zeitungen der Rechtschreibreform an. Ein Gespräch mit ihrem entschiedensten Gegner, dem Germanisten Theodor Ickler, geführt von Uli Paulus, NZ.

Aus: Nürnberger Zeitung Nr. 179, Samstag, 4. August 2001, NZ am Wochenende, S. 3.


Vor zwei Jahren, am 1. August 1999, haben die deutschen Zeitungen und Presse-Agenturen ihre Rechtschreibung auf die staatlich vorgegebenen Neuregelungen abgestimmt - gegen den Willen vieler Chefredakteure und gegen den Willen der meisten Leser. Danach verschwand das Thema Rechtschreibreform auffallend schnell aus der öffentlichen Diskussion. Lediglich eine einzige große deutsche Tageszeitung wagte im letzten August die Rückumstellung auf die bewährte alte Schreibweise - und erhielt dafür über 600 Dankes- und Glückwunschschreiben von Lesern, Schriftstellern und Sprachwissenschaftlern.

Die Rechtschreibreform hatte von Anfang an mehr Gegner als Befürworter. In Umfragen sprachen sich stets zwischen 60 und 98 % der Befragten gegen eine Änderung der Rechtschreibung aus. Einer der heftigsten Reformkritiker war von Beginn an der Erlanger Germanist Theodor Ickler.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit der Rechtschreibthematik hat der Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Friedrich-Alexander-Universität mittlerweile vier Bücher vorgelegt. Unter anderem ein eigenes Rechtschreibwörterbuch, das die deutsche Orthografie auf Grundlage der bewährten Rechtschreibung darstellt. Für dieses Werk und als Anerkennung für das Aufzeigen eines "konstruktiven Auswegs aus der Krise, die durch die Rechtschreibreform ausgelöst wurde", erhält Theodor Ickler im September den mit 15 000 DM dotierten Deutschen Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung.

Die NZ unterhielt sich mit dem Erlanger Sprachwissenschaftler über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen Rechtschreibung und über die Hintergründe der staatlich durchgesetzten Rechtschreibreform.

NZ: Herr Ickler, Sie kämpfen seit mehr als fünf Jahren gegen die Rechtschreibreform. Werden Sie nicht langsam müde?

ICKLER: Nein. Die Beschäftigung mit der Rechtschreibung ist nicht nur notwendig, sondern auch interessant, und zwar gerade deshalb, weil es hier um einen Teil der gewachsenen Sprachkultur geht, den man nicht willkürlich verändern kann, ohne ihn zu zerstören.

NZ: Was treibt Sie an?

ICKLER: Einmal das Interesse an der Sache. Und zweitens die Empörung über diese Affäre. Dass ein paar Leute es geschafft haben, hundert Millionen deutschsprachige Menschen mit so was zu traktieren, ist eine Unverschämtheit.

NZ: Für Ihre Bemühungen um die deutsche Sprache werden Sie im September mit dem Deutschen Sprachpreis 2001 ausgezeichnet. Ist das für Sie ein Zeichen, dass sich der Einsatz für die Erhaltung der alten Schreibweise gelohnt hat?

ICKLER: Der Preis ist eine Anerkennung für alle, die sich der Sache angenommen haben, und er bringt das Thema erfreulicherweise wieder ein wenig in die Medien, nachdem die Zeitungen gleich nach ihrer Umstellung das Thema mit einem Tabu belegt haben. Es gab nur einige Ausreißer, aber das waren mutige Redakteure, die gleich zurückgepfiffen wurden.

NZ: Was passt Ihnen denn an der reformierten Rechtschreibung nicht? Welche konkreten sprachwissenschaftlichen Einwände haben Sie?

ICKLER: Die Reform ist in allen Teilen misslungen, an einigen Stellen bestenfalls überflüssig, also schädlich. Am schlimmsten sind die Grammatikfehler, die nun in den Schulen von Amts wegen eingeübt werden: "so Leid es mir tut, wie Recht du hast, Pleite gehen, Not tun". Hier handelt es sich nämlich nicht um Substantive. "Es tut mir leid" ist baugleich mit "es tut mir weh" oder "es tut mir gut". Und wer würde Letztere groß schreiben. Nicht weniger ärgerlich ist die Beseitigung guter deutscher Wörter wie "sogenannt, Handvoll, Zeitlang". Mein "Kritischer Kommentar" ist eine Mängelliste von dreihundert Seiten - nur um einmal die Ausmaße der Verfehltheit anzudeuten.

NZ: Die Reform hatte das Ziel, die Fehlerzahl beim Schreiben, gerade auch für Schulanfänger, zu senken. Konnte dieses Ziel verwirklicht werden?

ICKLER: Ganz und gar nicht, die Fehlerzahlen sind objektiv gestiegen, auch wenn die Lehrer kaum noch etwas anstreichen, weil sie nie sicher sein können, ob die betreffenden Schreibweisen nicht doch in irgendeinem der neuen Wörterbücher stehen. Die Kultusminister haben ja angeordnet, dass in Zweifelsfällen stets zu Gunsten der Schüler entschieden werden soll.

NZ: Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier behauptet, dass "ein hoher Prozentsatz der Rückmeldungen von Lehrern" darauf hindeute, "dass die Einführung der Rechtschreibreform unproblematisch sei und die Neuregelungen Erleichterungen gebracht" hätten. Haben Sie ähnliche Rückmeldungen erhalten?

ICKLER: Die Propaganda der Schulministerin möchte ich nicht kommentieren, sondern es dem Urteil der Lehrer überlassen, was sie davon zu halten haben.

NZ: Ebenfalls Hohlmeier war es, die anführte, dass nur 0,05 % der deutschen Rechtschreibung von der Reform betroffen seien. Die große Aufregung - gerade auch bei Kritikern wie Ihnen - sei bei der geringen Menge an Änderungen übertrieben. Was sagen Sie dazu?

ICKLER: Das ist ein grotesker Irrtum. Von den 12 500 Wörtern des amtlichen Verzeichnisses sind rund 1020 verändert (ohne Silbentrennung), von den 115 000 Einträgen des Duden rund 18 000 (mit Silbentrennung). Also insgesamt acht bis 15 Prozent des Wortschatzes - ein erheblicher Eingriff in die deutsche Sprache!

NZ: Ein Argument der Reformer für die Einführung der neuen Rechtschreibregeln war, dass sie weniger umfangreich und übersichtlicher als die alten Regeln seien. Teilen Sie diese Meinung?

ICKLER: Das neue Regelwerk ist das bei weitem umfangreichste, das es je gegeben hat. Der Trick mit der veränderten Zählung der Regeln ist inzwischen allgemein durchschaut, aber am Anfang war diese Lüge nicht ohne eine gewisse Wirkung. Es war ja auch allgemein mit einer Erleichterung und Vereinfachung gerechnet worden. Dass dann das Gegenteil herauskam, konnten viele zunächst gar nicht fassen.

NZ: An dem ursprünglichen Reformpaket wurde ja mehrfach nachgebessert, mit der oben beschriebenen Folge, dass in unterschiedlichen Wörterbüchern aus den letzten Jahren auch verschiedene Orthografien dargestellt wurden. Sogar der Duden fragt auf einem seiner neuesten Übungsbücher fast hilflos" Wie schreibt man jetzt?" Was kann man zum Zustand der Wörterbücher sagen?

ICKLER: Die erste Generation der umgestellten Wörterbücher wies Tausende von Abweichungen auf, weil die neuen Regeln so unklar sind. Inzwischen ist durch ständige Zusammenarbeit der Wörterbuchredaktionen - übrigens nur von Bertelsmann und Duden, mit denen einige Reformer auch geschäftlich verbunden sind - eine größere Einheitlichkeit erzielt worden, allerdings auch Einheit im Unsinn. Zum Beispiel haben die Reformer auf diesem Wege Schreibweisen wie morgen Früh eingeführt, was genauso dumm aussieht, wie es ist.

NZ: Seit ihrer Einführung wurde die Reform also mehrfach revidiert. Sind die reformierten Bücher und Lehrwerke der ersten Generation inzwischen schon wieder obsolet?

ICKLER: Entgegen anders lautenden Behauptungen zeigt der neueste Duden eine Fülle tief greifender Änderungen gegenüber der ersten reformierten Auflage, aber auch gegenüber der amtlichen Neuregelung. Mit diesem Duden ist im Grunde genommen die gesamte bisher erschienene Reformliteratur überholt, alle Rechtschreibmaterialien müssten erneut überarbeitet und die Schul- und Kinderbücher bei nächster Gelegenheit noch einmal revidiert werden.

NZ: Sie haben letztes Jahr ein eigenes Wörterbuch herausgebracht. Darin versuchen Sie, eine Orthografie darzustellen, die sich am allgemein üblichen Schreibgebrauch der Sprachgemeinschaft orientiert. Was bedeutet das konkret?

ICKLER: Ich habe die allgemein bekannte, in Milliarden Texten bewährte Schreibweise so dargestellt, wie sie wirklich war und in der seriösen Literatur noch weithin ist. Der Duden hatte sich - bei allen Verdiensten - stellenweise in haarspalterische Einzelfestlegungen verbissen, die das "richtige" Schreiben, also das dudenkonforme Schreiben, unnötig schwer machten. Das ist bei mir weggefallen. Es ist also keine private Reform, sondern die Wiederherstellung der zu Unrecht "alt" genannten Schreibweise und deren glänzende Rehabilitierung.

NZ: Das Verhältnis der Deutschen zur Rechtschreibung war schon immer gekennzeichnet von einem gewissen Normierungswillen. Können wir überhaupt leben ohne ein eindeutiges "richtig" und "falsch"?

ICKLER: Das gibt es überall, aber bei uns ist ausgerechnet dieser Teil der Sprache "verstaatlicht". Man sollte die Gelegenheit nutzen und den Staat hier völlig herausdrängen. Der Staat muss ja auch die Aussprache, die Grammatik oder die Wortbedeutung nicht festlegen, warum denn die Rechtschreibung? Wir sollten zum englischen Modell übergehen, das in der ganzen Welt das üblichste ist: freie Konkurrenz der Wörterbücher bei der Darstellung des allgemein üblichen Sprachgebrauchs, und dann Zulassungsverfahren für orthographische Lehrmittel wie für andere Schulbücher auch.

NZ: Lassen Sie uns noch einmal rückblickend über die Einführung der Rechtschreibreform reden. Die Reformer behaupten bis heute, der Öffentlichkeit sei das Reformpaket seit 1993 bekannt gewesen. Als sich auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 1996 von Schriftstellern und Journalisten heftiger Widerstand gegen die Reform regte, wandten die Reformer ein, die Kritiker hätten die Entwicklung schlicht verschlafen. Teilen Sie diese Einschätzung? War die Öffentlichkeit, waren die professionellen Schreiber tatsächlich ausreichend informiert?

ICKLER: Das ist alles von Grund auf unwahr. Die Reformvorlage von 1993 war eine ganz andere und ist auch kaum bekannt geworden. Ich erinnere daran, was die eigentlichen Ziele der Reformer jahrzehntelang waren: Kleinschreibung der Substantive, rigorose Eindeutschung der Fremdwörter, Einheitsschreibung "das" (auch statt "dass"). Nichts davon konnte verwirklicht werden. Der Entwurf von 1994 bzw. 1996 kam sehr überraschend, und das Regelwerk nebst Wörterverzeichnis erschien auch erst im selben Augenblick, als es schon in die Schulen der meisten Bundesländer gedrückt wurde. Das alles war ein echtes Überrumpelungsmanöver.

NZ: Nach allen bekannten Umfragen hatte die Reform nie Rückendeckung in der Sprachgemeinschaft. In den Umfragen zwischen 1996 und 2000 sprachen sich stets 60 bis 98 Prozent der Befragten gegen die Reform aus. Warum wurde und wird der Wille des Volks nicht respektiert?

ICKLER: Die Politiker fürchten den Gesichtsverlust, wenn sie zurückweichen. Außerdem wird die Rechtschreibreform, wie mehrere Politiker ausdrücklich gesagt haben, als Testfall für wirkliche Reformen, u. a. den Euro, angesehen.

NZ: Sie wurden 1998 vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Rechtschreibreform nach Karlsruhe berufen, um die sprachwissenschaftliche Sichtweise darzustellen. Ihre Einwände wurden offenbar nicht gehört, die Reform für verfassungskonform erklärt. Wie beurteilen Sie den damaligen Richterspruch?

ICKLER: Das Urteil ist auch in der juristischen Fachwelt auf scharfe Kritik gestoßen. Die Richter waren offenbar überfordert. Das Urteil ist so formuliert, dass man dem Staat grundsätzlich das Recht zubilligt, die Sprache selbst zu verändern, nicht nur die Unterrichtsmethoden. Früher hat man allgemein gemeint, es sei Sache des Volkes, seine Sprache selbst zu regeln. Der Staat könne da nicht eingreifen. Das ist leider in Karlsruhe zum ersten Mal anders gesehen worden. Aber wahrscheinlich haben die längst eingesehen, dass sie da einen Fehler gemacht haben.

NZ: Bis 2005 gilt an Schulen eine Übergangsphase, in der alte und neue Rechtschreibung erlaubt sind. Wie sieht nach ihrer Einschätzung danach die Zukunft der deutschen Rechtschreibung aus?

ICKLER: Das Durcheinander, das wir Kritiker verhindern wollten, wird noch eine Weile herrschen, aber es ist unvermeidlich, dass mit der Zeit wieder eine gewisse Einheitlichkeit einzieht. Leider besteht die Möglichkeit, dass als einziger Reformrest am Ende die ungemein fehlerträchtige "neue" ss-Regelung beibehalten wird, die übrigens ein Rückschritt ins 19. Jahrhundert ist. Davon wird man wohl nicht mehr runterkommen. Aber wer weiß. Die Springer-Zeitungen könnten das von heute auf morgen kippen - und nach den Sommerferien hätten die Schüler den ganzen Mist vergessen.

NZ: Ist das wirklich noch möglich?

ICKLER: Ja, es ist möglich. Es sind viele überraschende Sachen passiert. Die Umstellung der F.A.Z. war für die Öffentlichkeit auch total überraschend.

NZ: Ist eine Rücknahme der Reform durch die Kultusminister noch möglich? Oder gar zu erwarten?

ICKLER: Möglich ist sie schon, und nichts wäre einfacher, aber zu erwarten ist sie nicht.

NZ: Vielen Dank für dieses Gespräch.

[Das Gespräch führte Uli Paulus, NZ]


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