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Bericht über Vorbereitung, Umsetzung und Ergebnis des Aufrufes Berliner Professoren zur Unterstützung des Berliner Volksbegehrens gegen die staatlich verordnete Rechtschreibregelung.

Von Hartmann Rüppel.

Internetveröffentlichung eines gedruckten Beitrags. D. Hg.


Der Professorenaufruf ist am 1.7.1999 auf S.12 des 'Tagespiegels' veröffentlicht worden. Die Veröffentlichung erfolgte also erst gegen Ende des für das Volksbegehren festgelegten Zeitraumes und nicht, wie geplant, zu dessen Beginn am 10.5.1999. Die Gründe hierfür sind im folgenden Bericht dargelegt:

1. Der ad hoc für das Vorhaben gegründete Hochschularbeitskreis 'Kulturelle Selbstbestimmung' (1) hat hat gut 2200 Berliner Professoren und Dozenten angeschrieben. Das Heraussuchen der Privatanschriften (2) stellte sich als sehr zeitraubend und kostspielig heraus, da nur die FU und die HdK Verzeichnisse von Anschriften führen. Der Rücklauf geschah sehr schleppend.

2. Die Rücklaufquote für Beteiligung war bei allen Hochschulen nahezu gleich und entsprach im Mittel etwa dem Prozentsatz der Berliner Wahlberechtigten, der das Volksbegehren unterstützt hat. Daneben gab es auf den Rückmeldebögen kuapp 0,5% an kritischen bis hin zu ablehnenden Stimmen. Erstaunlich war, daß keiner der dem Vorhaben gegenüber aus verschiedenartigster Gründen ablehnend eingestellten Kollegen die Rechtschreibregeln an sich voll befürworten konnte. Damit ergab sich auch hier das durch Meinungsumfragen belegte Bild, daß 80-90 % der Bevölkerung die Orthographie-Änderung ablehnen (bei Professorer vermutlich mehr), während nur ein kleiner Teil, nämlich etwa 5 % zu offenen Widerspruch bereit ist.

3. Am Tag vor seiner Veröffentlichung wurde der Aufruf in einer Pressekonferenz den Journalisten vorgestellt. Diese fand am 30. 6. 1999, 10 bis 12 ,Uhr im TU- Seminarraum ER 06 des zentral gelegenen Ernst-Reuter-Hauses statt. Die Kollegen Motschmann (HdK), Neumeister (FU), Heinrich (FU), Gizewski (TU), Markner (MLU/FU) und Rüppel (TU) (3) haben in 'statements' die im Aufruf angeführten Kritikpunkte zur neuen Rechtschreibregelung untermauert und in der anschließenden Diskussion die Fragen der Journalisten beantwortet. Darüberhinaus wurde den Journalisten eine Pressemappe mit 12 Dokumenten überreicht. Von der 1-2-seitigen Dokumenten belegen 3 (W1 - W3 ) den sofortigen und entschiedenen Widerstand (> W) der Fachwissenschaft gegen das fehlerhafte Regelwerk, während die anderen 9 (M1 - M9) in Ergänzung zu den 'statements' die gravierenden Mängel (>M) desselben herausstellen und die durch sie hervorgerufenen Probleme aufzeigen. Das Presseecho war nicht unbeachtlich - insbesondere, wenn man bedenkt, daß bereits für einen Monat später bei den meisten Medien die Umstellung auf die neue Schreibweisen eine abgemachte Sache war. Allerdings fiel bei den über den Aufruf berichtenden Medien bzw. Agenturen (Ausnahme: dpa) folgendes auf: Die in den 'statements' wie in den Dokumenten W1 - W3 deutlich hervorgehobene Feststellung, daß die Rechtschreibänderung gegen den Widerstand der überwiegenden Mehrheit der Fachwissenschaften im deutschsprachigen Raum (4) erfolgt ist. wurde ignoriert (s. o.). Auf die Auslassung dieses wichtigen Tatbestandes hat der Arbeitskreis in einem Leserbrief (in der 'Welt') bzw. in seiner Pressemitteilung (s. u.) mit Nachdruck hingewiesen.

4. Nach dem Scheitern des Berliner Volksbegehrens (5) hat der Arbeitskreis am 18.7.1999 per simultan-e-mail an über 60 Presseorgane bzw. Agenturen im deutschspraclügen Raum eine Presseerklärung (> PE) verschickt. In dieser wurden die Hintergründe für das Scheitern des Volksbegelirens erörtert, bei dem Behindernngen durch den Berliner Senat eine nicht unerhebliche Rolle spielen (Mangel an Auslegungsstellen u.a. m.). Ferner hat der Arbeitskreis nochmals zum Ausdruck gebracht, daß der Staat sowohl aus sprachwissenschaftlichen als auch verfassungsrechtlichen Gründen unzuständig ist für eine Regulierung von Sprache und Schrift. Eine Kurzfassung dieser Erklärung ist am 18. / 19.7.1999 in einer Pressemitteilung (> PM) mittels serieller fx-Übertragung an ca. 80 Presseorgane bzw. Agenturen im deutschsprachigen Raum abgegangen. Als ergänzender Hinweis ist diese Mitteilung (PM) auch an die 60 Adressen gegangen, die bereits vorher über e-mail die ausführlichere Presseerklärung (PE) erhalter hatten. Hierbei wurden die österreichischen, schweizerischen sowie luxemburgischen Agenturen auf fehlende Informationer über das Ausmaß der Unzulängliclikeiten aufmerksam gemacht, die bei der Orthographieänderung vorliegen und insbesondere von deutscher Seite zu verantworten sind. Diese Mitteilungen wurden zusammen mit dem Aufruftext und den Dokumenten aus der Pressemappe in der Internet-Seite des Arbeitskreises eingestellt: [http://www.tu-berlin.delfb1/AGiw/Cricetus/Aktion.htm].

5. Eine mehr persönliche Notiz: Eine Reihe von Arbeitskreisnmitgliedern, vor allem Kollegen, die bei der Vorbereitung des Aufrufs sowie bei der Pressekonferenz aktiv mitgewirkt hatten, fanden sich am Abend des 9. 8. 1999 in der Berliner Gartenstodt Frohnau unter dem Mofto "EIS KAKOGRAFOS" zu einem Gartenfest zusanimen, um in fröhlicher Rnnde bei einem guten Glas Pfälzerwein in aufmunternden Gesprächeen kritische Rückschau wie weiteren Ausblick zu halten.

6. Ausblick: Inzwischen hat der Landtag von Schleswig-Holstein auf Betreiben der SPD-geführten Landesregierung mit einem einstimmmigen Beschluß (also aller Parteien) das eindeutige Ergebnis des dortigen Volksentscheides, zur klassischen Einheitsrechtschreibung zurückzukehren, wieder eliminiert. - Hierin zeigt es sich, daß der Anfang des Jahres nur schnell hingeworfene Name für den Arbeitkreis, nämlich 'Kulturelle Selbstbestimmung', eine nicht vorhersehbare, altuelle Bedeutung gewonnen hat Diese Bezeichnung verdeutlicht eine Absage an die Arroganz der (politischen) Macht, die sich in diesem Landtagsbeschluf manifestiert. Die Kultusbürokratie hat damit trotz des erklärten Widerspruchs der Wissenschaft (4), ja gegen eigene Zusagen (6) wider besseres Wissen das verfehlte Regelwerk auf dem Wege über die Schulen aufgezwungen und dabei bewußt chaotische Verhältnisse in Kauf genommen. - Für jeden sichtbar haben die meisten Agenturen sowie ein Großteil der Zeitungen seit August d. J. das Rechtschreibhaos noch vergrößert, indem sie zugunsten unterschiedlicher Hausorthographien die klassische Einheitsrechtschreibung aufgaben. Inzwischen ist von verschiedener Seite, auch vom Berliner Schulsenator, eine 'Reform der Reform' angekündigt worden (7), die nur weitere Verwirrung stiften, den Verlagen als 'Reformgewinnlern' aber weitere Vorteile, d. h. zusätzlichen Absatz von Lehrbüchern und Lexika bringen wird. Bei kritischer Abwägung aller Argumente - sowohl zum Umfang der Verfehlung und der Größe des angerichteten Schadens als auch zur Vielzahl der durchgeführten, als irreversibel angesehenen 'Reform'- Schritte und der damit sich verringernden Chancen für ein 'Zuückkommen' zur Einheitsorthographie -wird keinerlei Grund zu allgemeiner Resignation gesehen. Wegen des großen Affronts gegenüber der gesamten Wissenschaft (nicht nur der Geisteswissenschaft) wissen wir uns geradezu verpflichtet, unsere begrenzten Kräfte zusammenzufassen und mit gezielten, intelligenten Aktionen dazu beizutragen, daß die Fehlerhaftigkeit der Neuregelung in der Öffentlichkeit und damit auch 'der Politik' erkennbar und bewußt wird. Derart ad absurdum geführt, wird sie sich auf Dauer nicht festsetzen können. Unabhängig vom Erfolg oder Mißerfolg der noch laufenden Volksbegehren in anderen Bundesländern wird hiermit die Voraussetzung geschaffen, daß die staatlichen Behörden im gesamten deutschsprachigen Raum das Regelwerk - ungeachtet einer 'Reform der Reform' im Schnibereich und bei den Behörden in Gänze wieder zurücknehmen. Damit wird aber keineswegs nur der status quo ante wieder hergestellt werden. Inzwischen liegen von der Sprachwissenschaft z. B. vom Kollegen Ickler (Erlangen) praktikable Vorschläge für ein sprachwissenschaftlich auf dem neuesten Stand der Wissenschaft stehendes Regelwerk der deutschen Einheitsorthographie vor. Neben anderen Vorzügen dokumentiert dieses genauer als das bisher priviligierte Dudenregelwerk den tatsächlich üblichen Schreibgebrauch und vermeidet auch dessen zu recht kritisierten 'Haarspaltereien'. Mit einem derartigen Regelwerk sind nur wirklich geringfügige Eingriffe in die bisherige Orthographie verbunden. Das aber entspricht dem von der Dudenredkktion in der Vergangenheit erfolgreich praktizierten Prinzip der behutsamen Anpassung an sprachliche Entwicklungen. Demgegenüber bedingt das verfehlte 'Reform'-Regelwerk jedoch krasse, häufig absurde und rückwärtsgekehrte Eingriffe in die Orthographie. Und genau diese Schreibregelung ist vom Staat bedenkenlos in den ihm zugänglichen Bereichen des öffentlichen Lebens auf dem Verordnungswege (8) implementiert worden. Hiermit aber wurde die Initialzündung für eine weitere Einführung in Verlagen und Medien gegeben. Damit aber wird, wie man z.Zt. sieht, wiederum ein indirekter Zwang ausgeübt, diese Regelung auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, in Verbänden, Kirchen, Parteien etc. einzuführen, damit sie letztlich auch von der eigentlichen Zielgruppe, dem ganz privaten Bereich, übernommen werden muß. Dadurch aber verkommt die im Bundesverfassungsgerichtsurteil vom vom 14.7.1998 gegebene Zusicherung zur reinen Farce, daß die Selbstbestimmung des einzelnen in seiner Schriftsprache nicht angetastet wird (9). Die sich hier abzeichnende, für die deutsche Einheitsorthographie sehr unheilvolle, an sich perfide 'Abwürgespirale' gilt es wieder umzukehren!

Im einzelnen werden folgende Aktivitäten ins Auge gefaßt und zur Ausführung empfohlen:

1. Wie bereits vor den letzten Wahlen, weitere persönliche Gespräche mit Politikern aller Parteien insbesondere mit Abgeordneten des Bundestages und des Berliner Abgeordnestenhauses mit gezielter Sachinformation.

2. Gespräche mit Parteifunktionären bzw. politischen Beamten, die mit dem Kultursektor befaßt sind

3. Gespräche init Schriftstellern, Publizisten, Journalisten und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, um diese zu kritischen Stellungnahmen anzuregen.

4. Anforderung an bedeutende Juristen, weitere kritischen Kommentare zum umstrittenen BVerWG-Urteil zu erstellen.

5. Sondierungen bei Chefredadakteuren von wichtigen Zeitungen, um diesen nahezulegen, auf Grund der jetzt allgemein erkennbaren Fehlerhaftigkeit auch in den Hausorthographien aus dem Überruihnieliartell wieder auszuscheren.

6. Nutzung der Internet-Verbindung des Arbeitskreises a) zu passiver Darstellung aber auch b) zu gezielter aktiver Information von Medien über simultan-e-mail an ausgesuchte Adressen aus dem vorliegenden Pressesatz.

7. Gemäß pos. 6 regelmäßige Sachinformationen an Zeitungen, die die Crthographie nicht umgestellt haben.

8. Erweiterung des Arbeitskreise durch lockere Assozierung von Kollegen aus dem deutschen Sprachraum, um ihnen unter dieser Firmierung u. a. eine Pulikationsplattform zu bieten.

9. Gespräche mit der Berliner Sektion der Gesellschaft für deutsche Sprache, um anhand des neusten Standes der für alle Seiten unbefriedigenden Entwicklung eine gemeinsame Basis zu finden.

10. Sondierung bei 'Rechtschreibreform'-Experten der GEW und anderer Lehrerverbände mit dem Ziel, den Erkenntnisstand des Arbeitskreises zu vermitteln und daraufhin gemeinsame Interessen auszuloten.

11. Wissenschaftliche Untersuchungen über Ausmaß, Ergebnis bzw. Erfahrungen bei anderen Versuchen zu großangelegter Änderungen von schriftlicher Sprachdarstellung - wie in a) NS-Deutschland, b) Griechenland c) Norwegen und d) Japan.

12. Anforderung von Auslandsbeurteilungen zur deutschen Rechtschreibreform über die Goetheinstitute insbeondere aus Schweden, USA, Japan


ANMERKUNGEN:
1) Zur 'Treffsicherheit~ dieser Bezeichnung s. Abschn. 6, Satz 2-3
2) Die Dienstadressen gelten während des Semesters als kaum 'bedienbar' für Reklame- und damiit auch Infopost.
3) Die für das Podium vorgesehenen Kollegen von TFH / HU wurden wegen Krankheit oder Dienstreisen durch Kollegen aus der FU ersetzt.
4) Die 'Frankfurter Erklärung' wurde von 400 Schriftstellern und Verlegern, die 'Gemeinsame Erklärung' von 600 Sprach - und Literaturwissenschaftlern unterzeichnet.
5) Statt der notwendigen 10 % der Stimmberechtigten hatten nur knapp 5% beim Volksbegehren für einen Volksentscheid gestimmt.
6) KMK -Vertreter hatten erklärt, den Refonnversuch beenden zu wollen, wenn ein Bundesland ausscheren müßte (Die Welt v. 4.5. 97).
7) S. Artikel des Erlanger Sprachwissenschaftlers Theodor Ickler in der 'Welt' Seite SW4 v. 20.11.1999.
8) Sprachwissenschaftler werden dabei erinnert an unzählige 'Reformverordnunge' des Reichserziehungsministers Rust (z.B. 1941 u. 1944)
9) Sprachwissenschaftler weisen daraufhin, daß diese 'Selbstbestimmung', anders als das umstrittenen BVerfG-Urteil voraussetzt, eigentlich nur generations übergreifend zu verstehen ist.

Textbearbeitung für das Internet: Chriitian Gizewski


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