Zum Eingang der Aktionsseite

Ein kleines Beispiel für neue Unklarheit durch vereinfachende Aufgabe alter Schreibtraditionen:

Zur Schreibregelung "ß" - "ss".

Von Hartmann Rüppel.

Internetfassung eines gedruckten Beitrags. D. Hg.


Das der deutschen Schrifsprache eigene Zeichen 'ß' ist seit langem Zielscheibe der reformerischen Kritik. Das früher in der Frakturschrift noch existierende Zeichen [siehe die unten Fraphik unten; d. Hg.] für das sog. "weiche" Schluß-s, das parallel zum "harten" SchIuß-s, dem 'ß' verwendet wurde, ist bereits im Jahre 1941 mit der vorletzten Reform des Reichskultusministers Rust eliminiert worden. Die Buchstabenbezeichnungen deuten an, daß hier im Laufe der Entwicklung spezielle Buchstaben entstanden sind, die am Silbenschluß jeweils einen 'scharfen' oder weichen s - Laut darstellten. Damit ergab sich eine bessere Unterscheidbarkeit einzelner Wörter. Der Verlust dieser sehr verfeinerten Differenzierungsfähigkeit unserer Schriftsprache durch den Wegfall des 'weichen"'Schluß-s nach dem Jahren 1941 bzw. 1944 war sicher zu verschmerzen. Anders liegt der Fall jedoch beim ß. Da die Reforrner jüngster Zeit nicht ganz auf dieses Zeichen verzichten wollten, war wegen der nicht mehr voll anwendbaren Schluß-s-Regelung etwas Neues nötig. Man hat deshalb die in Deutschland, nicht aber in der Schweiz mit der fortlaufenden Schriftentwicklung weggefallene, ganz alte Schreibweise des 'ss' wiederbelebt und dem 'ß' gegenübergestellt. Es schien auf den ersten Blick sehr überzeugend zu sein, die jeweilige Verwendung von 'ß' und 'ss' an die Länge oder Kürze des vorangehenden Vokals zu knüpfen, also eine phonetisch begründetes Kriterium zu entwickeln. Demnach sollte man schreiben:

Doch bereits beim Wort Spaß gibt es ein Problem: Im Raum Hannover mag die Regel wohl richtig sein, doch schon im Rhein-Ruhr-Gebiet müßte man gemäß der örtlichen Aussprache statt 'Spaß' der phonetischen Regel gemäß 'Spass' schreiben. Dasgleiche gilt z. B.auch für Städtenamen wie 'Straßburg', der vielerorts 'Strassburg' zu schreiben wäre.

Dieses Phänomen zeigt deutlich die Fehlerhaltigkeit ja Unsinnigkeit einer solchen Regel: Wenn man die vom Staat erlassene Regel weiter strikt gelten ließe, müßte man dulden, daß diese Wörter generell je nach Landschaft anders geschrieben werden. Das aber würde die weiterhin angestrebte Einheitlichkeit der deutschen Orthographie zerstören. Will man dieses jedoch nicht, müßte man eine einheitliche Sprecherziehung im ganzen deutschen Sprachraum vornehmen. Das aber verlangt phonetisch ausgebildete Lehrer und diese wiederum an den Hochschulen eine ausreichende Zahl von Dozenten der Phonetik/Sprecherziehung. Diesen Aufwand aber kann der Staat gar nicht leisten. Außerdem ist es das erklärte Ziel der förderal gegliederten Staaten im deutschsprachigen Raum, die mundartlichen Unterschiede eher zu bewahren als wegen einer wenig sinnvollen Rechtschreibregel einzuebnen.

H. Rüppel


Die o. e. Frakturschrift ('Alte Schwabacher'):

Quelle: http://www.e-welt.net/BfdS/ (Stand 2. 2. 2000)


Berabeitung für das Internet: C. Gizewski


Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW]: C. Gizewski, EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de.