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Immer dringlichere Medienkritik? Hoffnung auf Besserung oder Abkehr von gewohnten Formen der Medienbenutzung im Rahmen einer 'Intellektuellen Selbstverteidigung' (N. Chomsky)?

Von Christian Gizewski.

VORBEMERKUNGEN.

In einem Beitrag "Alles nur Image oder was?" vertrat J. Huber im (Berliner) 'Tagesspiegel' vom 12. Nov. 1997 in der Abteilung 'Interaktiv/Medien' (S. 32), der auch die nachfolgende Graphik entnommen ist, die Auffassung, mit zunehmendem Alter legten Befragte aus einer bestimmten zu einer Umfrage herangezogenen Gruppe Wert auf die Lektüre einer Zeitung.

Sicherlich bietet eine Zeitung manchen wichtigen Gebrauchsvorteil - im Hinblick auf lokale Berichterstattung oder auf vielerlei praktisch informative und auch fachlich fundierte Beiträge, die man sich ohne Zeitung nur mit größerer Mühe an anderen Orten beschaffen könnte. Ferner kann auch die von Presseredaktionen vorgenommene Nachrichten- und Wissensselektion eine wichtige und anerkennenswerte Leistung sein.

Wichtiger erscheinen manchmal aber die Nachteile, über die vor allem die Zeitungen selbst sich nicht täuschen sollten. Auch - vielleicht besonders - ältere Zeitungsleser empfinden diese Mängel hin und wieder als so ernst, daß sie über Alternativen der Selbstinformation nachdenken. Unangenehm ist vor allem die nicht selten - insbesondere im Rahmen irgendwelcher politisch-medialer Kampagnen - feststellbare Tendenz, eine Leserschaft über die Nachrichtenselektion oder eine politisch-moralischen Vorkostung des ihr zugedachten Lesestoffs im Sinne bestimmter politischer Ideen oder Ideologien zu manipulieren statt ihm selbst - aus seiner Bildung und Interessenlage heraus - die Beurteilung und Entscheidung zu überlassen und ihm insoweit allenfalls nur behilflich zu sein.

Das hat zur Folge einerseits ein innerliches Abrücken des Lesers von der Vorstellung, in bestimmten politisch-gesellschaftlichen Fragen auf eine unvoreingenommene, umfassende und dem Leser jedenfalls irgendwie nützliche Information der Presse - und der ihnen wesensverwandten anderen Medien - vertrauen zu können. Zum anderen bedeutet es ganz praktisch, daß er Bindungen an Pressorgane (insbesondere Abonnements) aufgibt und sich darauf einstellt, grundsätzlich miteiander konkurrierende Informationsquellen und Meinungsbildungsinstitutionen für die eigene Meinungsbildung zu verwenden. Auch achtet er mehr auf den für die alltägliche Nachrichtenkenntnis und Meinungsbildung erforderlichen Zeitaufwand und zieht solche Medien vor, die einen Vergleich der Nachrichten schnell ermöglichen. Statt eines des Zeitungslesens können u. U. verschiedene, auch ausländische Informationsquellen im Kurzwellenfunkbereich und im Internet dafür genutzt werden.

Bei der Frage der Möglichkeit und Praxis eigenaktiver Selbstinformation der Bürger und Teilnehmer an einer 'Öffentlichkeit' handelt es sich um ein grundsätzlicheres, über die individuelle Meinungsfreiheit hinaus wichtges Problem, dessen Bedeutsamkeit von dem Sprachwissenschaftler und Kritiker des US-amerikanischen Mediensystems Noam Chomsky ausführlich begründet worden ist. Chomsky zieht aus seinen Analysen die Schlußfolgerung, den Adressaten politisch-medial Nachrichtenselektion und Meinungslenkung sei in einer Zeit perfektionierter Massenbeeinflussungstechniken, im Intersse ihrer geistihen und politischen Freiheit eine 'Intellektuelle Selbstverteidigung' anzuraten. (siehe dazu den Beitrag: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften. Bemerkungen zu a) Edward S. Herman, Noam Chomsky, Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media (1988), b) Noam Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies (1989) und c) dem Video-Film 'Manufacturing Consent, Noam Chomsky and the Media', von Peter Wintonick und Mark Achbar, mit zugehörigemTextbuch gleichen Titels, hg. von Mark Achbar (1994). Es geht Chomsky nicht primär um totalitär-politsch gesteuerte, sondern um um grundsätzlich 'demokratisch' eingebundene Informationssysteme und die in ihnen vorhandenen schweren Mängel im Verhältnis von Meinungsbildungsfreiheit, Eigeninformationsfreiheit und unakzeptabler öffentlicher Meinungslenkung und um eine ja hin und wider sogar stattfindende mediale Nichtbefassung mit und Desinformation über bestimmte Themen. Hier sieht er einen erheblichen aktuellen öffentlichen Diskussionsbedarf.

In diesem Punkte stellt sich die verfassungsstrukturelle Frage, wie Institutionen politisch-öffentlicher Meinungsbeeinflussung - auch solche, die privatrechtlich organisiert sind - im Hinblick darauf, daß sie über das Jedermannsrecht der freien Meinungsäußerung faktisch weit hinausgehen und ihrer wesentlichen Bestimmung nach Aufgaben einer 'Vierten Gewalt' wahrnehmen - als Elemente der öffentlichen Ordnung konsequent politischen und zugleich freiheitlichen Verfassungsprinzipien unterworfen werden bzw. werden müssen. Das betrifft einmal die vorbehaltlose rechtliche Klarstellung dieser öffentlichen Funktion - jenseits aller eventuellen privatrechtlichen Eigentumstitel - , zum anderen die klare allgemeinwohlbezogene und uneingeschränkt freiheitliche Bestimmung der publizistischen Aufgaben, vor allem ihre im Vergleich zu heute weitaus deutlichere Bindung an durchsetzbare Aufklärungs-, Wahrheits-, Sachlichkeits- und Rechenschaftspflichten und die gleichzeitige konsequente Sicherstellung ihrer organisatorischen, finanziellen und personellen Unabhängigkeit von politischen Parteien, gesellschaftlichen Interessengruppen und wirtschaftlichen Hintergrundsmächten mit unangemessenen, so nicht legitimierten Meinungsbeeinfflussungsansprüchen.

In einem weiteren Punkte geht es um ein - auch im heutigen Deutschland - gegenwärtig in mancherlei Hinsicht offenbar gefährdetes, jedenfalls aber wegen seiner, wie es scheint, ständig zunehmenden Publikumsbevormundung in wichtigen politischen Fragen, und zugleich wegen seiner werbend-manipulativen Unaufrichtigkeit und wegen seiner 'inszenierten' oder 'marktbezogenen' Scheinhaftigkeit oft nicht mehr ernst zu nehmendes Kulturniveau öffentlicher Diskussion und Information.

E sei insoweit auch auf einen speziell den deutschen Verhältnissen gewidmeten Aufsatz "Die politische Krise als Kommunikationskrise" ('Foschung und Lehre', 12/1997, S. 644 - 647) von Peter Glotz Bezug genommen. Glotz, eine mit der Politikpraxis eng vertraute Persönlichkeit des politischen Lebens und lange Jahre dem Führungszirkel der SPD zughörig, formuliert - im Rahmen von Überlegungen, die eigentlich den Parteien gelten - seine Einschätzung der heute von vielen - und verschieden - politisch Denkenden zunehmend als lästig und unproduktiv empfundenen Tabubildungs- und Einförmigkeitstendenzen öffentlicher Berichterstattung und 'Meinungsbildung' wie folgt(Peter Glotz, Die Jahre der Verdrossenheit, Ein Tagebuch ohne Rücksichten, Stuttgart 1997):

Eine "... Kommunikationsstörung liegt in der Kommunikationsverweigerung, die die politischen Parteien in Deutschland mehr und mehr betreiben. Die deutsche politische Kultur ist tantenhaft."

Sie sei von zahllosen Tabus bestimmt, über die man nicht diskutieren 'dürfe' [aber natürlich kann, C. G.]. Hintergrund dieser Tantenhaftigkeit seien falsche Ideen über die "Führbarkeit" einer Gesellschaft durch Meinungsmanipulation. Man könne das die deutsche "Pubizistenideologie" nennen. Das sei der eingewurzelte Wunsch vieler Journalisten, in die Politikerrolle zu schlüpfen. Viele Journalisten stellten nicht das zur Debatte, was die Gesellschaft bewege, sondern das, was die Gesellschaft ihrer Meinung nach 'bewegen müsse'. Ausdruck einer solchen Publizistenideologiesei die als ethisches Gebot kostümierte Auffassung, man dürfe doch X oder Y kein "Podium bieten". Wem ich ein Podium biete, sagten viele Journalisten, entscheide ich selbst. Die Folge sei eine immer größer werdende Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.

Glotz ist zuzustimmen. Journalisten oder Medien-Herausgeber können im System einer demokratischen Verfassung keinesfalls als herrschaftsbewußte Strategen akzeptiert werden, welche sich anmaßen, zu entscheiden, wer "aufgewertet" wird und wer nicht, sondern nur als bescheidene Vermittler. Die "Tantenhaftigkeit" in der politischen Kultur führt nicht nur dazu, daß bewegende Debatten in der Politik nicht so stattfinden, wie es von den Themen her angemessen wäre. Die dafür nötigen Extrempositionen werden ausgegrenzt. Die dafür geeigneten Protagonisten stellen sich kontroversen Debatten nicht oder werden in die Ecke verbannt. Also bleiben oft weitschweifige und uninteressante Diskussionen in Parlamenten, Presse und Fernsehen. "Das Ergebnis: das deutsche Volk interessiert sich weit mehr für Thomas Gottschalk, Boris Becker und das Nabtal-Duo als für politische Debatten."

Zwei kleine Beiträge zu der künftig vermutlich noch dringlicher werdenden Diskussion sind a) die nachfolgende, in der kurzen Form eines ironischen Briefs an eine Zeitungs-Marketing-Gesellschaft formulierte Ideenskizze, b) zum anderen ein in eine abstrakte Form gebrachter Brief, mit dem ein Zeitungsabonnement gekündigt wird. Die in beiden Beiträgen unrsprünglich enthaltenen Beispiele sind weitgehend weggelassen, um die Aufmerksamkeit des Lesers weg von konkreten Problemen der 'öffentlichen' Tabubildung und Begriffsherrschaft, die, um reine Polemik zu vermeiden, im Zusammenhang und ausführlicher erörtert werden müßten, auf das allgemeine strukturelle Problem zu lenken.

Diagramm 'Leserinteresse'.

Aus dem 'Tagesspiegel' vom 12. 11. 97, S. 32.


 

a) Aussichtsloser Vorschlag zur Verbesserung der informativen Qualität einer Zeitung.

31. Okt. 1997

An die Zeitungsmarketing-Gesellschaft mbh &Co. KG

.........

Sehr geehrter Damen und Herren!

Ihren Vorschlag, die [XY- Zeitung] einige Wochen lang zu beziehen, möchte ich aus folgenden Gründen nicht annehmen:

1) Ich habe neben meiner sonstigen Lektüre zu wenig Zeit, um entprechend der Leistung, die Sie erbringen würden, fairerweise ein sorgfältiges tägliches Studium dieser Zeitung einzuschieben.
2) Ich beantworte ungern Fragebögen, insbesondere solche, die notwendigerweise, um ihren Sinn zu erfüllen, Persönlichkeitsprofile entwerfen müssen.
3) - und nebenbei gesagt - bin ich m. E. auch kein ,Entscheidungsträger', als welchen Sie mich aus irgendwelchen Gründen einstufen.

Da ich gegenwärtig aber im Begriffe bin, ein langjähriges Abonnement einer Zeitung in Berlin (nicht der [XY-Zeitung]) aufzugeben, um mich künftig vor allem nur noch durch gelegentliche Zeitungskäufe verschiedenartiger Zeitungen, durch bestimmte Radiosender und das Internet besser zu informieren, will ich Ihnen kurz die Gründe dafür nennen. Vielleicht hilft das Ihnen bei der Erstellung von Vorschlägen für Ihren Klienten, für dessen - mir durch gelegentliche Lektüre schon bekannte Form - m. E. Ähnliches gilt. Ich fasse meine Gründe in die Form positiver Gegenvorschläge.

I. Eine Zeitung sollte m. E.

aufgeteilt sein. Es sollte dem Kunden möglich sein, nur die 'Hauptzeitung' zu kaufen.

II. Die 'Hauptzeitung' sollte nicht umfänglicher als 6 normale Zeitungsseiten lang sein und im wesentlichen nur wirklich wichtige politische und wirtschaftliche Nachrichten nach einem bestimmten vorgegebenen, von konkreten politischen Ereignissen nicht in Aufbau und Form veränderbaren sachlichen Wichtigkeits-Schema für das gesamte Inland und Ausland, d. h. also für die ganze Welt, enthalten. Ferner sollte sie - die 'Hauptzeitung' -

sein.

Im Hinblick auf den konzentrierten Charakter einer 'Hauptzeitung' sollte in dieser auf alle Elemente der 'Unterhaltung' oder 'Auflockerung' verzichtet werden. Die 'Hauptzeitung' sollte selbst keine bewußt-implizite oder explizite Kommentierung enthalten. In einem klar und leicht verständlich gefaßten Inhaltsverzeichnis - ohne Bilder, Blickfänger und hervorgehobene Schrifttypen - sollte sie auf die weiteren Informationskomplexe, Dienstleistungen und Kommentare der 'Dienstleistungszeitung' hinweisen.

III. In der 'Dienstleistungszeitung' könnte prinzipiell all das stehen, was man heute etwa in der [XY-Zeitung] oder in anderen vergleichbaren Zeitungen ungeschieden von dem, was an Nachrichten m. E. wirklich wichtig ist, findet. Um Beispiele aus der [XY-Zeitung] vom 20./21. Sept. zu geben: Ein Artikel über die "Invasion der Tamagotchis", die Nachrichten "Leibwächter Dianas hat Gedächtnislücken" oder "Rechtsradikale überfallen Punk-Musikgruppe", "CNN-Chef Turner spendet 1 Milliarde Dollar", Sportergebnisse, Wetternachrichten, große Bilder von Politikern oder von sonst irgendwetwas, das jeder schon aus dem Fernsehen kennt, und auch große Kommentarkolumnen - all dies macht ca. 90 % der dortigen Titelseite aus - dürften wegen ihrer objektiven Minderwichtigkeit zumindest nicht in einer 'Hauptzeitung' stehen, könnten aber in einer 'Dienstleistungszeitung' untergebracht werden.

IV. Auch eine 'Dienstleistungszeitung' sollte aber gegenüber den heute m. E. als üblich zu beobachtenden Verfahrensweisen

Zu a) Die Zeitungen sollten ihre eigene klare und schmucklose Ordnung als Druckmedien wahren und entwickeln, d. h. nicht - auch nicht ansatzweise - die multimediale Verwirrung nachahmen, die einem - etwa im Fernsehen - mittlerweile so lästig und langweilig geworden ist. Trotz allen immer wieder wahrnehmbaren Bemühens wirken aber viele Zeitungen, die ich kenne, ihrem ganzen Stil nach so übersichtlich und sachlich überzeugend wie eine Kaufhauspräsentation und machen zumindest nervöse Menschen auch entsprechend unwillig.

Zu b) Die Zeitungen sollten ihre eigene, von den Sphären der Politik, Wirtschaft und Kultur mit ihren jeweiligen Propaganda-, Verschleierungs-, Diskriminierungs- und Imagebildunggsbedürfnissen unabhängige, tatsachenbezogene Sprache sprechen. Als Sprachregelungen, die man allenthalben beobachten kann, dienen m. E. zum Beispiel deutlich Worte wie [Beispiele]. Als manipulativ empfinde ich etwa Formulierungen wie [Beispiele].

In welchem Maße Leserbedürfnisse durch redaktionelle Linien verdrängt werden, läßt sich mit angemessenem Zeitaufwand nur exemplarisch verdeutlichen. Ich wähle das - in einer außen- und innenpolitischen Wichtigkeitsskala sicherlich nicht prioritäre, aber dennoch gesellschaftspolitisch aufschlußreiche - Beispiel 'Rechtschreibreform' und verweise Sie zur Verdeutlichung meiner Kritik an einem - von mir öfters beobachteten - vorauseilenden Gehorsam oder fast funktionärshaft wirkenden 'Moderatoren-Pragmatismus' gegenüber problematischen Vorgaben aus dem Bereich der Politik auf meine Beiträge in: [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/C1.htm].

Mein Gegenvorschlag: Es sollte für jeden größeren, abgrenzbaren thematischen Komplex einer 'Dienstleistungszeitung' ein Leserforum geben, und zwar mit zentraler Bedeutung für die Organisation der Dienste, Nachrichten und Kommentare dort. Da zumeist nicht sämtliche Leserzuschriften berücksichtigt werden können, sollte das Forum die Gesamtmenge der einschlägigen Leserbriefe eines bestimmten Zeitraums regelmäßig und eingehend auf Leserinteressen analysieren, klassifizieren, und einen Leserreaktionsbericht erstellen, der auch regelmäßig veröffentlicht werden sollte. Die Leserschaft einer Zeitung könnte so feststellen, ob die Redaktion ihren Informationsinteressen gemäß verfährt oder nicht. Ich habe den Eindruck, manche Zeitungen segeln - zumindest in bestimmten von ihnen ihren redaktionellen Linien unterworfenen Themenbereichen - gegen den 'Wind des Leserinteresses', sogar ihrer üblichen Lesergruppen. Dies ist zumindest dann ärgerlich und auf Dauer auch intolerabel, wenn sie sich, was sich an einigen 'öffentlichen' Begriffsbildungen und 'Tabu'-Themen in wichtigen Einzelfällen gut nachweisen ließe, als Meinungslenkungsinstanzen - mit der dazu gehörigen Totschweigungskompetenz - mißverstehen.

Zu c) Wie im Fernsehen, so stören auch bei Zeitungen allzu viel inhaltsleerer formaler Gestaltungswille und all zu viele kompromißlose Aufmerksamkeitserreger die Funktionalität der Nachrichten und Dienstleistungen. Zum Bespiel sind ganzseitige Mitteilungen von Firmen-Symbolen, Werbe-Gags und inhaltsleeren, wenn auch formal perfekten Hintergrundsbildern - und dies evtl. in Häufung - zwar in wirtschaftlicher Hinsicht verständlich, aber funktional m. E. völlig sinnlos, ja kontraproduktiv für alle Beteiligten. Man kann m. E. in erheblich kleinerem Umfang effektiver werben, und die Zeitungen sollten deswegen hier einen Rahmen setzen und durchhalten.

Was meine Vorschläge - gerade etwa auch ihren letzten Punkt - betrifft, ist mir bewußt, daß es schwer ist, etwas anderes ins Werk zu setzen als das, was sich durchgesetzt hat. Aber wenn es so ist, habe ich meinerseits wenig Lust, diese Formen über Gebühr ernst zu nehmen und mit regelmäßigen Geldzahlungen zu fördern; denn sie sind m. E. nichts weiter als die immer wieder in modische Formen gebrachten 'neuen Kleider' zur untauglichen Verhüllung der handfesten Meinungsbeeinflussungsansprüche irgendwelcher politisch-publizistischer Interessengruppen, die sich darüberhinaus möglichweiweise sogar noch selbst als 'demokratische Eliten' fehleinschätzen. Ich bin mir ferner bewußt, daß ich in dieser 'Strenge' auf diesen oder jenen als 'Einzelfall' wirke. Ich kenne allerdings in meinen Kreisen manche verwandte 'Einzelfälle'. Zur den hier thematisierten Zügen der heutigen allgemein zu beobachtenden Informationspraxis der Medien - um nur von dieser zu sprechen - stellt sich dort eine fast durchgehende, zunehmende Distanz und Skepsis ein.

Jedenfalls sollten Sie aber bedenken, daß es aus aus der Sicht mancher Menschen auf ein neues 'Layout' einer Zeitung nicht primär ankommt und daß sie auch nicht primär als Marktobjekte erforscht, sondern vor allem als Leser mit ihren wirklichen Informationsbedürfnissen ernstgenommen werden wollen. 

Mit freundlichen Grüßen

A. B.


b) Unausweichliche Kündigung eines langjährigen Zeitungsabonnements.

1. März. 2002

An Redaktion und Vertrieb

des XYZ-Blattes

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Sehr geehrte Damen und Herren!

Leider sehe ich mich genötigt, mein mehr als zwanzigjähriges Abonnement Ihrer Zeitung zu kündigen.

Der eigentliche Grund ist für mich dabei nicht etwa eine fehlende alltägliche Nützlichkeit Ihrer journalistischen Arbeit, die immer wieder durchaus Anerkennung verdient, obschon mich persönlich manche Ihrer Themen und Schwerpunkte (von Sport bis Prominentenleben) wenig interessieren; sie mögen aber dennoch nützlich sein, und sie halten sich in Ihrer Zeitung auch in Grenzen. Es ist vielmehr die effektiv alternativlose Art, in der Ihre Zeitung bestimmte politische Meinungen und kulturelle Muster propagiert. Es ist eine substanziell irreführende und letztlich herrschaftsförmig verstandene Art der Publikumsbeeinflussung. Es geht ihr nicht um journalistischen Meinungsäußerung, sondern um politisch-mediale Feldbehherschung. Deutlich vorhandenen und auch in Ihrer Leserschaft m. E. weitgehend für richtig oder denkbar gehaltenen Alternativen zu den in Ihrer Zeitung vertretenen politischen 'Linien' - insbesondere zu denen 'zeitgemäßer' 'politischer Korrektheit' und angeblichen 'globalen Fortschritts' - gibt sie nicht den ihnen gebührenden Raum. Man hat insoweit den Eindruck: die Leser sollen 'von Gewohnheiten abgebracht' oder einfacher: sie sollen erzogen werden. Diese mehr oder weniger geschickt verborgene Anmaßung einer Erziehungskompetenz und Herrschaftsausübung im Geistigen ist für einen frei denkenden Zeitgenossen auf Dauer intolerabel. Ich stelle fest, daß sich Ihre Zeitung insoweit in den letzten Jahren stark verändert hat.

Ich sehe zwar, daß nicht nur Ihre Zeitung, sondern auch andere Medien sich so verhalten, so daß man m. E. sogar von einer starken, die Gegenwart dominierenden Tendenz in der Medienlandschaft sprachen kann. Dennoch hatte Ihre Zeitungen solchen Praktiken gegenüber in früherer Zeit mehr Widerstandsgeist und journalistisches Eigenprofil. Es ist erkennbar, daß Sie Ihre Arbeit gegenwärtig nicht mehr primär als eine Dienstleistung im engeren Sinne des Wortes für die berechtigten Informationsinteressen eines unterschiedlich zusammengesetzten Leserpublikums verstehen, sondern vor allem ein von Ihnen in Anspruch genommenes Recht ausüben wollen, zumindest in bestimmten Themenkomplexen eine strikt zielgerichtete Beeinflussung Ihres Lesepublikums vorzunehmen.

Ich habe Ihnen meine diesbezüglichen Bedenken in den letzten Jahren immer wieder einmal ausführlich mitgeteilt, nämlich am [...] Ich darf insbesondere an folgende früher angesprochenen wichtigeren Probleme erinnern: [...]. Vor etwa zwei Jahren stellten Sie anläßlich einer solchen Vorhaltung in Aussicht, über derartige grundsätzliche Leserkritik in Ihrem Hause zu gegebener Zeit einmal eine öffentliche Diskussion stattfinden zu lassen, um festzustellen, ob Sie das Interesse Ihrer Leser hinreichend berücksichtigten. Seither hat es jedoch eine solche Veranstaltung nicht gegeben. Ich schließe daraus, daß Sie es nicht oder nicht mehr zu derartigen moderaten Formen öffentlicher Leserkritik und damit auch informeller Mitwirkung an der Gestaltung Ihrer Zeitung kommen lassen möchten, obschon Sie - wie ich annehmen darf, nicht nur von mir - mit dem Bedarf daran konfrontiert wurden und werden.

Zwar verbieten die geltenden Landespressegesetze derartiges nicht ausdrücklich: sie machen den Medien in privater Hand nicht, wie es m. E. an sich verfassungsmäßig geboten wäre und bei öffentlích-rechtlich verfaßten Medien der Fall ist, detaillierte Auflagen hinsichtlich einer ausgewogenen, der Pluralität der Meinungen angemessen berücksichtigenden journalistischen Einflußnahme auf die Öffentlichkeit. Andererseits gibt es aber immerhin die Richtlinie 2. 8 (1) - Leserbriefe - des vom Deutschen Presserat angenommenen Pressekodex ("Den Lesern sollte duch Abdruck von Leserbriefen, sofern sie nach Form und Inhalt geeignet sind, die Möglichkeit eingeräumt werden, Meinungen zu äußern und damit an der Meinungsbildung teilzunehmen"). Diese scheinen Sie jedoch auch nicht, nicht einmal substanziell, berücksichtigen zu wollen.

Ihre Zeitung ist in den letzten Jahren in eine enge wirtschaftliche Beziehung zu der 'Soundso'-Gruppe getreten. Das machte und macht sich nicht nur in einer spürbaren Kooperation mit deren anderem 'Medienbesitz', sondern auch in einer gewissen konformen Alternativlosigkeit bei der Darstellung bestimmter politischer Grundsatzfragen der Gegenwart deutlich, die über die legitime kommentierende Meinungsäußerung hinausgeht.

In sachlich kaum zu rechtfertigender, in Ihrem Darstellungsrahmen substanziell widerspruchslos bleibender Weise vertritt Ihre Zeitung - wie andere Medien der 'Soundso'-Gruppe - nach meiner nunmehr langen Beobachtung zum Beispiel

Derartige Fragen, die nicht nur von mir, sondern sicherlich auch von vielen anderen Lesern als wirklich, d. h. kontrovers erörterungsbedürftig angesehen werden, pflegt Ihre Zeitung m. E. weder im Rahmen ihrer Kommentierung noch im Rahmen eines sich selbst 'demokratisch' nennenden Diskussionsforums wirklich zur Diskussion zu stellen. Wie mir meine Beobachtung nun seit langem zeigt, lassen Sie Ihre von Ihnen seit einiger Zeit für richtig gehaltenen grundlegenden Argumentationslinien in Ihrer Zeitung in aller Regel nicht durch sachlichen Widerspruch in Frage stellen, auch wenn es diesen in Ihrer Leserschaft statistisch plausibel geben muß, und nicht einmal dann, wenn er, wie es hin und wieder nachweisbar ist, in Meinungsumfragen überwiegt. Statt dessen tun Sie so, als wären Sie dazu berufen, irgendeine geistige Lufthoheit zu wahren bzw. neu zu erobern. Deutlich wird das dem vielfach Andersdenkenden unter Ihren Lesern an Ihrer als regelhaft erkennbaren Vorgehensweise, Leserbriefe, vor allem wenn sie sorgfältig begründet Ihren zeitungsoffiziösen Positions-Vorgaben widersprechen, nicht zu berücksichtigen, und zwar mit auf Dauer unglaubwürdigen Hinweisen auf 'Raumknappheit', 'Nichtmehr-Aktualität' oder 'die Fülle anderer Zuschriften zu anderen Themen'. Dies widerspricht zumindest in einem elementaren Sinne der oben zitierten Richtlinie des Presserats-Codex und vor allem guten journalistischen Traditionen, deretwegen ich ursprüglich eine Abonnementsbindung an Ihre Zeitung für sinnvoll hielt. Es liegt leider in Ihrer rechtlichen Macht, Ihnen unbequeme Leserbriefe auf diese Weise abzuwimmeln. Aber Sie müssen sich dann auch darauf einstellen, daß ein solches Verfahren irgenwann bei Ihren Lesern zu dem Eindruck führt, in zentralen Fragen der Politik und Kultur für gängelbar gehalten und mit einem vorgekauten, geistig uninteressanten Meinungseinheitsbrei gefüttert zu werden. Sie werden dann danach streben, die medialen Umfriedungen eines für sie vorgesehenen geistigen Kinderspielplatzes zu verlassen.

Die obige Zusammenfassung umschreibt [, wie ich durch die detaillierte Aufzählung meiner Leserbriefe an Sie schon deutlich machte,] nur relativ abstrakt eine Vielzahl belangvoller Beispiele. Besonders bedenklich und abschreckend fand und finde ich etwa , um ein scheinbar 'weniger wichtiges' Beispiel zu nennen, die Art, wie Sie die sog.'neue Rechtschreibung' in Ihrem Hause und gegenüber Ihrer größtenteils andersdenkenden Leserschaft - mit ursprünglich kleinen, mittlerweile jedoch eingestellten 'Konzessionen' - 'durchsetzten' und bis heute 'unbeirrt' beibehielten, obschon es sich um ein in mancherlei Hinsicht kulturloses, empörend freiheitswidriges und auch im Hinblick auf seine expliziten Ziele praktisch untaugliches Instrument einer versuchten allgemeinen Schriftsprachregelung durch den Staat und andere für Sprachregelungen noch weniger legitimerte Instanzen handelt.

Ihr dabei ohne das m. E. nötige Problembewußtsein, jedenfalls aber ohne Notwendigkeit und mit mir unverständlicher Energie betriebenes Zusammenwirken mit vielen - wenn auch zum Glück nicht mit allen - anderen Presseorganen des deutschsprachigen Raumes ist m. E. besonders alarmierend, weil exemplarisch für eine zutiefst unakzeptable Art journalistisch-medialer Herrschaftsaspiration oder aber ggf. - noch. unangenehmer - für eine vorauseilende und hyperaktive Anpassungsbereitschaft gegenüber irgendwelchen angeblich nötigen, argumentativ aber in vielem angreifbaren, oft genug auch kultur- und traditionslosen und manchmal auch verfassungsbedenklichen 'politischen Projekten', die Ihnen von irgendwoher nahegelegt werden.

Ihr und anderer Medien in diesem Sinne 'neuer Stil' läßt darüberhinaus generell daran zweifeln, ob ein heutiger Zeitungsleser selbst in 'weniger wichtigen' Fragen der öffentlichen Meinungsbildung grundsätzlich noch von einer wirklichen Vielfalt der Presselandschaft ausgehen darf. Es hat in den letzten Jahren bedauerlicherweise mehrere Fälle weiträumig koordinierter Presseaktionen gegeben, die - zumal in ihrer immer bedenkenloseren Wiederholung - letztlich nicht weniger bedeuten als eine im großen abgestimmte Form der Öffentlichkeitsbeeinflussung, der der institutionellen Zweck der verfassungsrechtlich geschützten Meinungsvielfalt und Sprachfreiheit (Art. 5 GG) offenbar gleichgültig ist.

Zusammengefaßt:

In manchen wichtigen Fragen kommen politische Alternativen zu den von Ihnen redaktionell vertretenen Positionen in Ihrer Zeitung nicht oder nicht mehr angemessen zu Wort, und zwar auch dann nicht, wenn anzunehmen ist, daß sie - wie in der übrigen Bevölkerung, so auch - in Ihrer Leserschaft weit verbreitet sind. Sie vertreten somit - wie nicht wenige andere Politikinstanzen und Medien der Gegenwart - m. E. ein eher oligarchisch-indoktrinatives als ein demokratisch-freiheitliches Modell öffentlicher Meinungsbildung. Es scheint sich insoweit nicht nur um eine Ihre Zeitung, sondern um eine den medialen Bereich generell in größerem Umfang betreffende Entwicklung zu handeln.

Ist die Verfassung Ihres Hauses und größerer Teile der allgemeinen Medienlandschaft aber gegenwärtig so, so besteht die einzige Möglichkeit eines individuellen Lesers, sich gegen journalistische Einseitigkeiten und 'Erziehungsmaßnahmen' dieser Art und Intensität zur Wehr zu setzen, im Nichtkauf einer Zeitung oder in der Abbestellung eines Abonnements. Verhielte man sich als Leser anders, so wäre das so, als wenn man eine politische Partei unterstützte, mit der man in wichtigen Punkten ihrer Praxis und ihres Programms nicht übereinstimmte. Mit den Parteien, die die von Ihnen propagierten Linien ebenfalls vertreten, stimme ich weitgehend nicht überein.

Ich werde daher Ihre Zeitung künftig zwar weiterhin lesen, aber nur in ständigem, regelmäßigem Wechsel mit völlig andersartigen Presseorganen und Informationsquellen.

Mit freundlichen Grüßen

A. B.


Verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung der hier veröffentlichten Beiträge: Christian Gizewski [christian.gizewski@tu-berlin.de].