Nr. 2: Christian Gizewski, Ein Gewinn für was und wen?

(Zu Nr. 1: B. Reichert, Verlorene Generation oder gewonnene Perspektive?)

Klar doch, eine "gute Initiative" (P. 1) der Bundesregierung ist das. Denn sie dient zweifellos dazu, einer "vernichtenden Kritik" (1), die man "in einer demokratischen Gesellschaft" (1) an der fehlenden Wahrnehmung einer "Selbsterziehungsaufgabe" (1) durch das traditionelle, d. h. "oligarchische" (1) Hochschulsystem üben müsse, auch die entsprechenden politischen Taten folgen zu lassen. Weg, weg mit dem ganzen "Gerümpel" (3e) veralteter Stellentypen und Qualifikationsverfahren, "insbesondere der Habilitation" (1), deren gemeinsames und vor allem charakteristisches Merkmal "Abhängigkeit, Ausbeutung und vorauseilender Gehorsam" (1) ist . Freie Bahn den 'JungwissenschaftlerInnen neuen Typs', die in den 'traditionell' erbrachten wissenschaftlichen Leistungen mehrerer tausend anderer ungefähr gleichaltriger Kollegen (von den älteren nicht zu reden) nichts als nutzlose Selbsttäuschung und fade Eitelkeit (3d) zu erkennen vermögen und sich zwecks Verwirklichung eines wahrhaft "emanzipatorischen Ansatzes" (1) in den 'oligarchischen Wissenschaftsstrukturen' auf einen ganz neuartigen Karriereweg konzentrieren wollen, der bedauerlicherweise zwar ihnen eine ganz besondere Förderung verspricht (wenn auch nicht sichert), dafür aber den andereren - dem "selbsternannten wissenschaftlichen Nachwuchs" der Eingebildeten und Eitlen - nicht mehr die geringste Chance läßt, auch wenn sie noch so viel 'jammern und wehklagen' (3d).

Gewiß, bei dieser Meinungsäußerung dürfte es nur um diejenige eines nach meiner Einschätzung relativ jungen Menschen mit wenig praktischer Erfahrung zumindest auf den Gebieten gehen, über deren Beschaffenheit er so sicher zu urteilen vorgibt. Er wird politisch interessiert und dürfte kaum habilitiert sein. Er wird sich nur in irgendeiner Weise Chancen ausrechnen, auf diesem 'neuen Wege' eine akdemische Karriere zu beginnen. Gewiß.

Beunruhigend ist allerdings, daß ein derartiges Denken mit seinen Grundmustern auch bei der Bundesregierung in ihrem Konzept 'Hochschuldienstrecht für das 21. Jahrhundert' nachweisbar ist.

1) Das betrifft einmal die 'Habilitation'. "Mit Einführung der Juniorprofessur wird die Habilitation entbehrlich. Die Habilitation als Prüfungs- und Lizenzierungsverfahren [scil. zur Feststellung der Hochschullehrerqualifikation] steht der gewollten größeren Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit des wisenschaftlichen Nachwuchses entgegen. Mit dem Verzicht auf die Habilitation wird der Wissenschaftsstandort Deutschland ... konkurrenzfähiger" , sagt das BMBF-Konzept (S. 11). Die empirisch festgestellte Mehrheitsüberzeugung befragter Habilitierter ist: ca. 60 % sind für Beibehaltung, ggf. unter Reform der Habilitation. Fast alle Einrichtungen der wissenschaftlichen Selbstverwaltung sind gegen die vom BMBF geplante unnachsichtige und alternativlose Ausrottung eines traditionsreichen, produktiven und wissenschaftsgemäßen Lizenzierungsverfahrens. Große Versprechungen

- plötzlich hat das BMBF, wie man dort hört (http://www.bundesregierung.de/frameset/index.jsp , s. v . 'BMBF'), Geld für die 'Erstaussattung' der Wissenschaft mit 3000 'Stellen neuen Typs' -

und das Fehlen jeglichen Versuchs einer, wo sinnvoll, auch möglichen Habilitations reform weist auf eine starke Ideologie- und Interessengebundenheit dieses Teils des Reformkonzepts hin. Als ob sich die Einübung wissenschaftlicher Verantwortlichkeit nicht auch mit den heutigen Stellentypen verbinden ließe, ja ihre eigentliche und ggf. gesetzlich besser zu sichernde Zweckbestimmung wäre.

"Die Habilitation steht dem Ziel einer deutlichen Erhöhung des Frauenanteils in der Professorenschaft entgegen." (Konzept BMBF, S. 12). Und deswegen soll es nur noch die heutigen prekären 'Berufungsverfahren' geben, wobei nicht einmal deren längst fällige gesetzliche Neuregelung unter dem Aspekt der Sicherung des gleichen Zugangsrechts aller Bewerber (Art. 33, Abs. 2 GG) ins Auge gefaßt ist? Kann man angesichts der vielfach, wenn nicht durchweg interessenbestimmten Rangeleien bei Einstellungs- und Berufungsverfahren überhaupt auf ein wenigstens prinzipiell objektiv gestaltbares, besonderes, rein wissenschaftliches Prüfverfahren wie die Habilitation verzichten, wenn man nicht künftig nur noch Parteigänger, Anpasser und sonstige besonders 'geförderte Gruppen' in Professorenämtern sehen will?

Auch das von Frau Reichert "uneingeschränkt begrüßte" Konzept des BMBF, den Qualifikationsweg zum Hochschullehreramt in der dafür eigentlich wichtigen letzten Qualifikationsphase unangemessen zu verkürzen, läßt an einer Ausgewogenheit des Urteils der Bundesregierung zweifeln. Wenn die Selbstausbildung eines Hochschullehrers - ob in Deutschland oder anderswo - faktisch (nicht rechtlich) je nach Fach mindestens vier bis fünf Jahre nach der ersten wirklich akademischen Leistungsprüfung (z. B. der Promotion) in Anspruch nimmt, was ist daran durch 'Reform' abänderbar? Wieso kommt es im übrigen angeblich gerade für Wissenschaftler (deren Fähigkeiten doch erheblich auf dem Faktor Erfahrung, d. h. Zeit beruhen) so vordringlich auf Jungendlichkeit an, daß man 45-Jährige oder Ältere zur Erstbesetztung eines wissenschaftlichen Amtes für zu alt hält und deswegen die Habilitation ersatzlos streichen will? Könnte man mit dem Argument 'zu alt' nicht konsequenterweise auch Lehramtsinhaber, die über dieser Altersgrenze liegen, aus ihren Ämtern entfernen? Dieses Bestehen auf Jugendlichkeit am deutlich falschen Platze hat doch etwas kollektiv Monomanisches an sich.

Unerörtert -. nebenher gesagt - blieb bisher vom BMBF u. a. auch die mit der Abschaffung der Habilitation notwendig verbundene Abschaffung der Privatdozentur bzw. der außerordentlichen Professur, traditionsreicher und zukunftsträchtiger Formen freiheitlicher, d. h. wissenschaftlich-autonomer, wenn auch nicht-beamtenmäßiger Hochschullehrertätigkeit. In ihrer Anlage zur Kombination mit anderen wissenschaftsnahen Berufsfeldern außerhalb der Hochschule wären sie gut ausbaubar und in ihrer Produktivität zu steigern durch eine sozialversicherungsrechtliche Einbindung (den einzigen positiven Denkansatz, den ich am BMBF-Konzept erkennen kann) und durch ein gewisses bescheiden-angemessenes Leistungsentgelt (von dem heute durchweg nicht die Rede sein kann). Stört irgendjemanden ihre Konkurrenz? Oder ihre völlig unkontrollierte wissenschaftliche Geltung und Autonomie? Warum sollten gerade sie in unserer, was die Wissenschaftsausgaben betrifft, so sparsamen und im übrigen so sehr auf den Gesellschaftspraxis-Bezug der Wissenschaft setzenden Zeit keine Zukunftsberechtigung mehr haben?

2) Auf andere erhebliche Probleme, nämlich die Wissenschaftswidrigkeiten des BMBF-Entwurf, welche 'materielle Leistungsanreize für die Lehre' und die 'Evaluation', also die letztlich die staatliche Kontrolle der Wissenschaftstätigkeit betreffen - Frau Reichert spricht sie als Positvposten des Konzepts an -, kann ich hier im Interesse der Kürze nicht eingehen.

3) Am meisten stört mich als langjährig stellungslos, aber immer wissenschaftlich vollzeitbeschäftigt gewesenen Habilitierten am Konzept der Bundesregierung das, was ich auch in Frau Reicherts Meinungsäußerung erkenne oder besser gesagt vermisse. Es fehlt nach meiner Einschätzung letztlich das Problembewußtsein

einmal für den gesetzlich zu sichernden (und nicht etwa auszuhöhlenden) Eigenwert der inneren Freiheit der Wissenschaft,

zum anderen dafür, daß es eine substanzielle und ständige Verantwortung auch der Hochschulpolitik (und natürlich auch der gesamten Regierungspolitik) für eine systematische Förderung des wissenschaftlichen Einsatzes der heute massenhaft vorhandenen hochqualifizierten Wissenschaftler gibt - gleich ob alt oder jung, ob Männlein oder Weiblein, ob innerhalb oder außerhalb der Hochschule.

Bei letzterem geht es nicht um irgendwelche halbherzigen 'bestandswahrenden Übergangsregelungen', sondern um die systematische, wirksame, allgemeinnützliche, zukunftsorientierte Verwendung aufwendig erzeugter, gegenwärtig verfügbarer wissenschaftlicher Hoch- und Spezialqualifikationen in einer Gesellschaft, die angeblich so wissenschaftsbedürftig ist, daß sie sogar den Import wissenschaftlicher Hochqualifikation für nötig hält.

Man kann ja an der Hochschulverfassung dies und das ändern. Aber dabei nicht nur keinen Blick für den gewaltigen - auch sozialen - Problemstau in der gesellschaftlichen Wissenschaftsstruktur zu haben, sondern im Gegenteil, im Wege einer ressortmäßig eng begrenzten sog. 'Dienstrechts- und Qualifikationswegreform' die willkürliche 'Marktentwertung' erbrachter wissenschaftlicher Leistungen und eine empörende Chanceneinschränkung für ihre Träger als notwendiges und sogar wesentliches Mittel zum Erfolg - letztlich bedenkenlos - einzuplanen, das läßt nicht so sehr an unserem Hochschulsystem als an unserem politischen System zweifeln.

Ich wünsche diesem offenbar völlig festgezurrten Konzept und all seinen politischen Autoren den Mißerfolg, den sie verdienen.

Weitergehende Informationen und Ausführungen des Autors zum Thema unter den URL-Adressen:
http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC3/ZuBMBF_E.htm ,
http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC3/AnzA_DHV.htm und
http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC3/ResBetr.htm .

Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Beiträge und Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW]: Christian Gizewski, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de