Nr. 6: Christian Gizewski, Eigene Forderungen? Angemessene Forderungen?

Kritische Bemerkungen zu Nr. 5 (Ein offener Brief im Namen von 464 deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Ausland an die Bundesministerin Bulmahn und die Kultusminister der Länder.) D. Hg.


"464 bundesdeutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, tätig in 15 Ländern" außerhalb der Bundesrepublik Deutschland, "etwa 10% von ihnen Professoren oder 'Senior-Scientists', unter ihnen einige Institutsdirektoren, Präsidenten von Forschungsorganisationen und Nobelpreisträger" - plädierten am 27 März 2001 geschlossen für den gegenwärtigen Gesetzentwurf der Bundesregierung - eine beeindruckende "globale Zustimmung", gewiß. Die Zahl ist mittlerweile sogar auf über 700 angestiegen (http://www.geocities.com/hochschulreform/ am 19. April 2001).

Von den zunächst unterzeichneten 464 Wissenschaftlern sind - kleinere Auszählfehler vorbehalten - tätig in den USA: 389, in Großbritannien: 29, in der Schweiz: 14, in Frankreich: 12, in Kanada: 5, in Schweden: 3, in Italien: 3, in Österreich: 2, in Australien: 2, in Israel: 2, in Japan: 1, in Tschechien: 1, in Brasilien: 1, in Dänemark: 1, in den Niederlanden 1 und in China: 1.

Es sind sicherlich bei weitem nicht alle aus Deutschland stammenden Wissenschaftler im Ausland, die sich hier zusammengefunden haben, aber erkennbar solche, die die Möglichkeit haben, an den unterschiedlichsten Orten der Welt befindlich, untereinander eine Verbindung herzustellen und sich unter der Führung von zwei Sprechern, die an verschiedenen Hochschulen der USA tätig sind, zu einer gemeinsamen, außerordentlich dezidierten Willenäußerung und Erklärung für die bundesrepublikanische Üffentlichkeit zusammenzufinden. Denn in Deutschland ist es im allgemeinen schon an einer einzigen Universität und natürlich noch mehr in einem Bundesland oder bundesweit außerordentlich schwierig, eine größere Zahl Wissenschaftler zu einer einheitlichen politischen und öffentlichen Willensäußerung zusammenzuführen. Es gelingt nur dort, wo es verbandliche oder administtrative Zentren gibt, die Adressenlisten verwalten und für solche Zwecke zur Verfügung stellen.

Welches adressenverwaltende Organisationszentrum solcher Art gab es hier? Der 'offene Brief' erwähnt es nicht. Warum? Dabei ist nicht schwer dahinterzukommen: "Die Initiative zu der Unterschriftenaktion entstand aus einer Diskussion im 'Diskussionsforum für DFG-Stipendiaten'. Einige der TeilnehmerInnen dieses Email-Forums hatten Mitte Januar an dem 'Project Talent'-Workshop in Palo Alto teilgenommen, zu dem über 100 deutsche NachwuchswissenschaftlerInnen aus den USA geladen waren." (WWW-Seite der DFG-Stipendiaten http://www.geocities.com/hochschulreform/; ebenso: Die Junge Akademie, Internet-Forum Wissenschafspolitik: http://130.133.47.72/Juniorprofessur_links.html ). Es ist also ein Kreis von Wissenschaftlern, die der DFG nahestehen, wahrscheinlich zumeist jüngere Sttpendienempfänger, sicherlich aber auch ältere, die mit der DFG-Organisation aktiv zu tun haben. Wenn in Palo Alto (USA) nur 100 DFG-Stipendiaten anwesend waren, wird, vermittelt über das zentrale DFG-Adressensystem bzw. über das DFG-EP-Forum (DFG-STIPENDIATEN@LISTSERV.GMD.DE ; wohl nur nach besonderer Zulassung für DFG-Angehörige zugänglich), eine entsprechende Anfrage oder Anregung an andere DFG-Stpendiaten oder -Zugehörige in allen Teilen der außerbundesrepublikanischen Welt gegangen sein. Mußte dieser einfache Sachverhalt im 'Offenen Brief' unausgesprochen bleiben, weil die Öffentlichkeit sonst den Eindruck gewinnen könnte, es handele sich jedenfalls nicht primär, wie behauptet, um eine 'globale Zustimmung', sondern um eine von Deutschland aus zentral initiierte Aktion? Jeder weiß, daß die DFG-Führungsspitze seit langem eigene Auffassungen von der Wissenschaftsentwicklung hegt, was sie ja sicherlich darf. Aber die DFG-Spitze ist - wie die Spitzen anderer Wissenschaftsorganisationen im politiknahen Raum - nicht die breite Wissenschaft, sonder eben etwas Wissenschaftspolitisches. Sie sollte nicht den Eindruck erwecken, das, was sie will, sei der Wille der von ihr geförderten Wissenschaftler. Es wird wohl eher umgekehrt sein:

"Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ihrerseits bereits Reformen umgesetzt wie z.B. die Einführung des Emmy Noether-Programms und die Möglichkeit zur Beantragung der eigenen Stelle in Projektanträgen. Diese Neuerungen haben schon erste vielversprechende Akzente zugunsten einer früheren Unabhängigkeit der Nachwuchsforscher gesetzt und werden von uns sehr begrüßt. Wir fordern Sie deshalb eindringlich auf, mit einer zügigen Umsetzung von Reformen dem Beispiel der DFG zu folgen, um den Forschungsstandort Deutschland für die Zukunft attraktiv und wettbewerbsfähig zu machen."

Haben sich das 464 - vermutlich überwiegend- stipendiengeförderte Wissenschaftler aus primär eigener Einsicht einfallen lassen? 

Aber es geht hier nicht primär um Ironie. Wenn mehr als 400 Jungwissenschaftler, die - stipendeingefördert und daher sicherlich fachlich nicht untüchtig - eine wissenschaftliche Chance im Ausland suchten, offenkundig besorgt sind, ob es für sie eine Fortsetzung ihrer wissenschaftliche Karriere in der Bundesrepublik gibt, wenn sie dorthin zurückkehren möchten oder müssen, so scheint dies ein Problem zu sein, das einer besseren Lösung in der bundesrepublikanischen Hochschul- und generell Wissenschftsverfassung bedarf als bisher. Es ist auch nach meiner Meinung sinnvoll, daß ein Hochschulreformmodell ein solches Problem aufgreift. Allerdings muß man dabei bedenken, daß jeder - auch ein im Inland eingeschlagener - Karriereweg eine Festlegung sein kann, die den Umstieg auf andere Wege erschwert. Dies Problem könnte man im Wissenschaftsbereich gerechterweise nicht dadurch beseitigen, daß man bestimmten Gruppen, etwa im Ausland wissenschaftlich bewährten Wissenschaftlern, sachlich völlig unbegründet das Prädikat 'vor allen anderen professorabel' zuerkennen, d. h. eine Chancenpriorität etwa gegenüber der 'Masse' der im Inland wissenschaftlich ausgebildeten, zumeist 'habilitierten' Wissenschaftler zuschieben würde. Auch diese Wissenschaftler haben ihre erheblichen beruflichen Schwierigkeiten. Es gibt keinen Grund, sie zurückzusetzen oder sogar , wie es der Gesetzentwurf der Bundesregierung anstrebt , eine über die Gesetzgebung statffindende, 'sofort greifende', deutliche Entwertung ihrer unbestreitbar erwiesenen wissenschaftlichen Hochleistungen vorzunehmen, um sie dadurch als Bewerberkonkurrenten auszuschließen oder zu verdrängen. Die Interessen 'auslandsdeutscher' Wissenschaftler, die zurückkehren möchten, könnten und müßten m. E. vielmehr in sinnvoller Abstimmung mit den Interessen der anderen Wissenschaftler in Deutschland befriedigt werden. Alles andere würde auf ein mehr oder weniger skrupelloses Verdrängungsmodell hinauslaufen

Es gibt ferner - rein wissenschaftlich gesehen - m. E. nicht den geringsten Grund, das bisherige deutsche Habilitationssystem - als ein System der möglichst gründlichen und objektiven Feststellung der Hochschullehrerqualifikation eines Wissenschaftlers außerhalb eines Stellenbesetzungsverfahrens - prinzipiell abzuschaffen. Ist das Modell einer sog. 'Junior-Professur' wirklich in jeder Hincht so unproblematisch, daß es insoweit ohne Konkurrenz mit einem anderen, etablierten System eingeführt werden dürfte? Ich glaube das nicht; denn es hat ganz erhebliche Schwachstellen, insbesondere im Hinblick auf seinen Nachweischarakter für Hochschullehrerfähigkeiten eines 'Juniorprofessors'. Könnte man im übrigen, bevor man sie ausrottet, die Habilitation nicht erst einmal konstruktiv verändern, etwa durch eine sozialversicherungsrechtliche Flankierung oder eine Anlage dieses Qualifizierungsverfahrens auch auf außerhochschulische Wissenschafts- und Praxisfelder hin ?

"Wie Sie wissen, ist die akademische Struktur der deutschen Hochschulen nicht mehr zeitgemäß." Die Verfasser des 'Offenen Briefes' täuschen hier mit einer Formulierung, die der Praxis nichtsnuziger Ehestreitigkeiten entstammen könnte, eine Sicherheit des Urteils vor, der sie m. E. argumentativ kaum gerecht werden können. Ist das 'System' etwa nur deswegen 'inflexibel und hierarchisch', weil man dort nicht so schnell weiterkommt, wie man verständlicherweise gern möchte? Muß man in dieser Hinsicht aber nicht viel mehr an die seit Jahrzehnten unzureichende öffentliche Wissenschaftsfinanzierung und die ebenfalls seit Jahrzehnten unsinnigen Formen der Nichtverwendung ausgebildeter und verfügbarer wissenschaftlicher Hochqualifikationen auf allen Feldern der gesellschaftlichen Praxis denken? Man kann doch nicht einfach auf irgendetwas einschlagen und das dann eine "überfällige, schnelle, entschlossene Reform mit deutlich mehr Chancen als Risiken" nennen wollen.

"Die Habilitation dient mehr der Zementierung existierender Machtstrukturen als einem wissenschaftlichen Leistungsnachweis." Das ist überwiegend nicht wahr, und soweit es nicht wahr ist, ist es zumindest dem Tatbestand, wenn vielleicht auch nicht dem Vorsatz nach eine Verleumdung aller, die sich mit viel wissenschaftlich angemessener Mühe und dem dann auch verdienten Erfolg habilitiert haben. Soweit es wahr ist, ließe sich alles, was an 'Unabhängigkeit des wissenschaftlichen Arbeitens' für einen künftigen Typus der Junior-Professur angedacht ist , ab sofort zugunsten einer rechtlichen Verbesserung der Hochschulassistentur oder der anderen befristeten Qualifikationsdienstverhältnissen einführen. Denn die konzipierte 'Juniorprofessur' ist ja wohl eine befristete Qualifikationsstelle, und auch nach Vorstellung der Bundesregeierung darf es ja wohl eine im wesentlichen automatische Überleitung von einem Qualifikationsdienstverhältnis zu einer Daueranstellung als Hochschullehrer nicht geben. In der derzeitigen Diskussion ist diese Fragezwar wohl noch uneintschieden und verborgen unter dem auch für Eingeweihte letztlich unklaren Anglizismus 'tenure track'. Forderungen nach einer 'automatischen Überleitung' scheinen nur gelegentlich , so in einem Papier imerhin der 'Jungen Akademie - AG Wissenschaftspolitik' (URL: http://130.133.47.72/wisspol_position.html ), erhoben zu werden. Ich hielte sie für kurzsichtig. Alles, was an einem Ende des Systems für den einen an Vorteil herauskäme, verschwände für die andereren wieder am anderen Ende. Auch im fachlichen Interesse der Wissenschaft selbst muß es m. E. künftig weiterhin überall das Prinzip einer wirklichen Konkurrenz um Hochschullehrerstellen geben.

Allerdings wäre dafür endlich einmal eine detaillierte gesetzliche Neuregelung des 'Berufungsverfahrens' unter dem Aspekt des "gleichen Zugangs zu allen öffentlichen Ämtern" (Art. 33, Abs. 2 GG) erforderlich, damit auch jeder überall wirklich die gleichen Chancen hätte und wissenschaftsfremde Interessen sich bei Stellenbesetzungen einfach vom Verfahren her gar nicht durchsetzen können. Insoweit ist das heutige 'Berufungsferfahren' m. E. rechtlich und wissenschaftlich viel problematischer und reformbedürftiger als die sog. 'Habilitation'.

Einige 'Reformforderungen' der Unterzeichner des 'Offenen Briefes' erscheinen mir sinnvoll, wie etwa die nach wissenschaftsbezogen "flexiblen Möglichkeiten der beruflichen Qualifikation, mit welchen Wissenschaftlern aus der Industrie, Rückkehrern aus dem Ausland und Ausländern der Einstieg in das deutsche akademische System erleichtert werden können". Inwieweit sie zu dem derzeitigen Reformmodell der Bundesregierung passen, das ja immerhin die Habilitation als etablierten Qualifikationsweg einfach auszuschließen sich anschickt und damit ein Maximum an Rigorosität indiziert, ist allerdings die - möglichst bald realistisch zu beantwortende - Frage. Flexibilität im Hinblick auf die Qualifikationszielsetzung ließe sich m. E. jedenfalls im Wege einer Reform auch mit dem derzeitigen Hochschullehrerqualifikationssystem verbinden. - "Keine pauschale Diskriminierung aufgrund des Lebensalters" ist besonders für die auch künftig vermutlich zahlreichen älteren wissenschaftlich Hochqualifizierten eine sehr naheliegende und darüber hinaus in jeder Hinsicht gerechte Forderung. - "Abschaffung der "5-Jahres-Regel" im befristeten Arbeitsverhältnis" setzt voraus, daß es eine automatische Überleitung aus einer Qualifikationsstelle in eine unbefristete Hochschullehrerstelle prinzipiell nicht geben soll, was, wie erwähnt, zur Zeit bei den Reformüberlegungen wohl noch im Unklaren gehalten zu werden scheint. Bei jeder befristeten Qualifikationsstelle des Hochschulbereichs jedenfalls, auch bei denen heutigen Typs, stellt sich jedenfalls dann, wenn nicht gleich anschließend eine Professur erreicht wird, die Frage nach Übergangsmöglichkeiten in eine andersartige wissenschaftliche oder sonstige, der Qiualifikation angemessene Anschlußberufsmöglichkeit. Zu diesem Zweck sollte es Fristverlängerungsmöglichkeiten für die Qualifikationsstellen, zugleich aber auch andere Möglichkeiten - z. B. die Förderung eines wissenschaftlich produktiven Übergangs in außerhochschulische Arbeitsfelder durch Stipendien oder den produktiven, offentlich finanzierten Wissenschaftereinsatz in der wissenschaftsbasierten Berufsausbildung und -fortbildung - geben.


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