Zu_Diogenes

Zur politisch geplanten Neuordnung der 'Personalstruktur' der Hochschulen und der 'Qualifizierungsverfahren für den wissenschaftlichen Nachwuchs'.

Aus dem Jahresbericht des Präsidenten des DHV zum 51. Hochschulverbandstag (März 2001).

Text auszugsweise entnommen aus: 'Forschung und Lehre' 5 / 2001, Beilage, S. 3 - 8, und hier nochmals publiziert, weil die Ausführungen in besonderem Maße geeignet erscheinen, die ungewöhnlichen Aktionen des DHV der Öffentlichkeit gegenüber sachlich und emotional verständlich zu machen. Die inwoweit besonders eindrücklichen Textstellen wurden vom Hg. durch Größerschreibung markiert. D. Hg.


"............ Dies alles darf uns allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Deutsche Hochschulverband schon seit vielen Jahren allen Grund hat, mit der staatlichen Hochschulpolitik unzufrieden zu sein. Dies gilt über alle Parteien hinweg. Die Hochschullehrer werden ebenso wie die Universitäten in diesem Lande in vielfätiger Hinsicht vom Staat gegängelt, in ihrer Leistung nicht anerkannt und mit ihren Argumenten nicht angehört. Lassen Sie es mich offen aussprechen: Das Verhältnis des Deutschen Hochschulverbandes zur staatlichen Hochschulpolitik ist gespannt. In - wie wir heute wissen - schnöde ausgenutzter Gutgläubigkeit haben wir in den 70er und 80er Jahren die Unterfinanzierung und das Ausbluten der Universitäten in der Überlast nahezu klaglos hingenommen. Dann bekamen wir einen Bundesbildungsminister, der Humboldt öffentlich für tot erklärte, dann sollten aus den Opfern Täter gemacht werden, indem man eine Kampagne gegen die angeblich faulen Professoren anzettelte und schließlich setzt man den deutschen Hochschullehrern eine sog. Dienstrechtsreform vor, die das Faß zum Überlaufen bringt. Als eine in jeder Beziehung unabhängige Einrichtung hat der Deutsche Hochschulverband die für manche unangenehme Eigenschaft, die staatlichen Vertreter bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf diese unglückselige Entwicklung aufmerksam zu machen. Daß dies nicht überall auf Zustimmung und Verständnis stößt, läßt sich leicht nachvollziehen. Daß die Stimmung gereizt ist, hat vor einem Jahr Herr Staatsminister Naumann am eigenen Leibe erfahren müssen.

Der 50. Hochschulverbandstag in Berlin konnte schon vor diesem Hintergrund kein Verbandstag des Jubels und der ungetrübten Freude sein. Gerade im Abstand eines Jahres zeigt sich, wie richtig die Entscheidung des Präsidiums war, auf jeden Anflug von Selbstzufriedenheit oder Weihrauch für diesen Anlaß zu verzichten. Wer sich in der Zwischenzeit etwas näher mit dem ganz vorzüglichen Werk von Herrn kollegen Bauer über die 50-jährige Geschichte des Deutschen Hochschulverbandes befaßt hat, der weiß, daß der Deutsche Hochschulverband selbst in den schwierigen Zeiten des Übergangs der sogenannten Ordinarienuniversität in die sogenannte Gruppenuniversität nicht vor derart umfassenden Herausforderungen gestanden hat, wie sie in den letzten zwei, drei Jahren auf uns zugekommen sind. In unserer vom Grundgesetz gestalteten Gesellschaftsordnung hat es noch niemals eine Zeit gegeben, in der die Fremdsteuerung der Universitäten durch ihre staatlichen Träger so stark gewesen ist wie gegenwärtig. Zu einer solchen krisenhaften Situation paßt kein feierlich zelebriertes Jubiläum. Deshalb war es angemessen, im Rahmen einer würdigen Feier am zweiten Tag des Hochsehulverbandstages unsere Arbeit für ein kurzes Innehalten zu unterbrechen, um uns zu vergewissern, daß der Deutsche Hochschulverband schon eine Strecke Weges gegangen ist und wir in unserem Bestreben nicht nachlassen dürfen, auf der Grundlage einer umfassenden Service-Einrichtung für unsere Kolleginnen undK(oflegen auch eine hochschulpolitiseh agierende und schlagkräftige Vereinigung zu werden und zu bleiben.

Hochschullehrerdienstrechtsreform.

Das hochsehulpolitisch beherrschende Thema der letzten zwölf Monate war die Hochschullehrerdienstrechtsreform. Im unmittelbaren Anschluß an den 50. Hochschulverbandstag in Berlin legte nach achtmonatiger Arbeit die sogenannte Expertenkommission ihre Ergebnisse vor. Auch wenn es einzelne Arbeitsergebnisse und Forderungen in diesem Bericht gibt, die unsere Unterstützung verdienen, bleibt das Präsidium bei seiner Beurteilung, daß die Expertenkommission in den wesentlichen Punkten nur das nachvollzogen hat, was im Ministerium für Bildung und Forschung bereits vorher politisch konzipiert worden war. Die Expertenkommission ist so zu einem guten Stück instrumentalisiert worden. Auch im Nachhinein war es daher richtig, daß der Deutschc Hochschulverband im Januar des letzten Jahres die Kommission verlassen hat. Es gab de facto keine Einwirkungsmöglichkeiten, da die Ergebnisse der Kommission eben politisch vorgegeben waren. Der Hochsehulverband steht nicht zur Verfügung, um vorgefertigten Ergebnissen den Schein einer wissenschaftlichen Legitimation zu geben.

Umso verwunderlicher ist es, daß eine Vielzahl der Mitglieder der Expertenkommission, die den Bericht und seine Ergebnisse in der Kommission abgesegnet haben, sich in den folgenden Monaten von diesen Ergebnissen offen distanziert haben. Mir will nicht einleuchten, warum namhafte Mitglieder der Expertenkommission erst jetzt verkünden, daß die Hochschullehrerdienstrechtsreform unter der Vorgabe der Kostenneutralität scheitern müsse. Diese Erkenntnis hätte man auch schon früher haben künnen, zumal wir frühzeitig und unüberhörbar darauf hingewiesen haben. Natürlich ist und bleibt die Kostenneutralität der neuen Hochschullehrerbesoldung deren Angelpunkt. Wer seine fundamentalen Bedenken dagegen souverän übergeht, um sie später als Distanzierungsmittel zu benutzen, setzt sich dem begründeten Verdacht aus, damit eine Absetzbewegung einzuleiten, um die politische Verantwortung für ein Reformwerk von sich zu weisen, das den deutschen Universitäten einen schweren, kaum zu revidierenden Schlag versetzen würde. Denn darüber muß Klarheit bestehen: Wenn das Vergütungsmodell, das Frau Ministerin Bulmahn den deutschen Universitätslehrern verordnen will, Gesetz werden sollte, wird die damit verbundene Absenkung des gesamten professoralen Besoldungsniveaus auf lange Zeit nicht mehr revidierbar sein. Insoweit handelt es sich um eine unumkehrbare Entwicklung, so daß wir in der Tat vor einer wichtigen und ernsten Weichenstellung stehen.

Der Deutsche Hochschulverband wird jedoch nicht vergessen, welchen Protagonisten die deutschen Universitäten diese Reform zu verdanken haben. Es sind dieselben, die maßgeblich daran beteiligt waren, eine Kampagne gegen den vermeintlich faulen deutschen Professor in die Öffentlichkeit in tragen. Da gibt es schon merkwürdige Zusammenhänge.

Auf der Grundlage des vorbehaltlosen, ohne jedes Minderheitenvotum aus dem universitären Bereich verabschiedeten Berichtes der Expertenkommission, hat Frau Ministerin Bulmahn im September des letzten Jahres nicht einen Gesetzesentwurf, sondern Eckpunkte für die Reform des Hochschullchrerdienstrechtes der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese in "Forschung & Lehre" dokumentierten und kommentierten Eckpunkte rezipieren den Bericht der Expertenkommission ohne größere inhaltliche Abweichungen. Auf der Grundlage dieser Eckpunkte wird nun auf Bund-Länder-Ebene versucht, einen außerparlamentarischen Konsens zu erzielen, um danach, möglicherweise noch vor Ostern, das Gesetzgebungsverfahren in Gang zu setzen. Erklärtes Ziel der Regierung ist es weiterhin, zum 1.1.2002 die Reform in Kraft setzen.

... der Deutsche llochschulverband [hat] in den letzten 12 Monaten vehement gegen wichtige Eckpunte der Hochschullehrerdienstrechtsreform öffentlich opponiniert. Wir haben in dieser Kritik Unterstützung durch den Allgemeinen Fakultätentag, zum Teil auch durch den Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und in den letzten Monaten auch durch die Hocbschulrektorenkonferenz erfahren. Gleichwohl hat sich der Eindruck verfestigt, daß diese Kritik an der Regierrung spurlos abprallt. Es gibt mit dem federführenden Ministerium für Bildung und Wissenschaft seit eineinhalb Jahr keine formellen oder informellen Kontakte mehr in dieser Frage.

Diese Funkstille ist dem Umstand geschuldet, daß diese Reform vorsätzlich gegen den Willen der deutschen Universitätslehrer durchgesetzt werden soll. Die Diktion von Frau Ministerin Bulmahn ist eindeutig: Sie will "alte Zöpfe abschneiden". Dabei unterliegt sie dem fundamentalen Irrtum. sie könne die jungen Wissenschaftler gegen die älteren, die zum großen Teil nun für eine Pensionierung oder Emeritierung anstehenden gegeneinander ausspielen. Offensichtlich stellt sich Frau Ministerin Bulmahn den Deutschen Hochsehulverband als eine konservative Altherrenriege vor, die noch nicht die Zeichen der Zeit verstanden habe und mit Anflügen von Altersstar sinn an längst verblaßten Idealen hänge.

Vielleicht sollte man auch einmal im Ministerium zur Kenntnis nehmen, daß die Politik des Deutsche Kochschulverbandes ihm in den letzten 20 Jahren kontinuierlich steigende Mitgliederzahlen eingebracht hat, daß 65 Prozent unserer neuen Mitglieder dem Kreise der Privatdozentinnen und Privatdozenten angehört und daß die schärfsten Kritiker dieser Reform zu Recht zum wissenschaftlichen Nachwuchs gehören, weil es um dessen wissenschaftliche und berufliche Zukunft geht. Vielleicht sollte man auch im Ministerium einmal zur Kenntnis nehmen, daß es einen die Generationen übergreifenden Konsens unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gibt, daß die mißliche Lage, in die sich die deutschen Universitäten vor allem wegen ihrer fortschreitenden finanziellen Austrocknung zur Zeit befinden, das unmittelbare Ergebnis einer verfehlten staatlichen Hochschulpolitik ist. Auf diese verfehlte langjährige Hochschulpolitik werden jetzt aber noch Konzepte gesetzt, die alles nur schlimmer machen. Die deutschen Universitätslehrer sind es schlichtweg leid, daß ihnen Rezepte der 70er Jahr wie die in der Praxis gescheiterte Assistenzprofessur, oder politische Unverschämtheiten, wie das von Frau Bulmahn geforderte "Habilitationsverbot" auch noch als Rezept zur Rettung des Abendlandes verkauft werden. Die deutsche Universitätslehrer sind zwar nachsichtig und geduldig, aber auch hier geht der Krug solange zum Brunnen, bis er bricht.

Protestanzeige FAZ.

Vor diesem Hintergrund hat das Präsidium des Deutschen Hochsehulverbandes am 19. Januar dieses Jahres den mutigen Beschluß gefaßt, eine Protestanzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erscheinen zu lassen, um dem bislang weitgehend erfolglosen Protest der deutschen Hochschullehrer gegen die derzeit konzipierte Hochschullehrerdienstrechtsreform neue Formen zu geben. Diese Anzeige ist heute, am 28. März, erschienen. Mehr als 3.700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben diese Protestanzeige namentlich unterzeichnet und dafür einen Kostenbeitrag von jeweils DM 30,-- geleistet. Mit dieser Anzeige machen wir deutlich, daß sich innerhalb von wenigen Wochen spontan Tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern demonstrativ hinter die Kritik des Deutschen Hochschulverbandes stellen. Mit dieser Protestdemonstration wird sinnfällig dokumentiert, daß die geplante Dienstrechtsreform gegen den Willen der davon Betroffenen umgesetzt werden soll und bereits damit zum Scheitern verurteilt ist. Dieser eindrucksvollen Demonstration bedarf es auch insoweit, als sich einer interessierten Öffentlichkeit der Eindruck aufdrängt, es gäbe in der wissenschaftlichen Szene ganz unterschiedliche Auffassungen über die Sinnhaftigkeit der geplanten Reformen. An diesem Eindruck haben führende Exponenten bedeutender Wissenschaftsorganisationen einen erheblichen Anteil. Unsere Anzeige macht deutlich, daß es sich dabei aber um Generäle ohne Truppen handelt.

Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß es schon eine gewisse Anzahl von Kolleginnen und Kollegen gibt, die der geplanten Hochschullehrerdienstrechtsrcform mehr Positives als Negatives abzugewinnen vermögen. Durch eine der Protestaktion vorausgegangene Umfrage haben wir stichprobenartig festgestellt, daß das Verhältnis derjenigen, die diese Reform ablehnen oder befürworten, etwa bei 9 : 1 liegt. Ich will an dieser Stelle hervorheben, daß die Kolleginnen und Kollegen, die sich eine Verbesserung der universitären Arbeitsbedingungen durch diese Reform versprechen, respektable Gründe für ihre Position ins Feld führen können. Aus der vielfältigen Korrespondenz, die die Geschäftsstelle und ich in den letzten Monaten gerade mit Befürwortern der Reform geführt haben, weiß ich aber, daß nicht selten diese positive Haltung durch negative individuelle Erfahrungen gespeist wird. Wer schon einmal in der eigenen Fakultät miterlebt hat, wie ein Habilitand "ausgebeutet" wurde, wer in der eigenen Fakultät erlebt hat, daß Kollegen nach ihrer Berufung "wegtauchen", der wird angesichts dieser vereinzelt zweifellos vorhandenen und zu beklagenden Mißstände eher geneigt sein, jedem Versuch, dem wissenschaftlichen Nachwuchs mehr Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit zu geben und die engagierten Hochschullehrer für ihre überobligationsmäßige Leistung wenigstens ein wenig besser zu honorieren, seine Zustimmung zu geben. Dabei wird allerdings oft nicht bedacht, daß diese Ziele nach den Eckpunkten von Frau Bulmahn mit Sicherheit nicht erreicht werden können. Dissens besteht also nicht über die Ziele, wohl aber über den Weg zu diesen Zielen.

Mit dem Problem der Mißstände werden wir auf ein Thema hingewiesen, mit dem wir uns nicht erst seit gestern intensiv beschäftigt haben. Der Deutsche Hochschulverband ist und bleibt der letzte, der die Augen vor Mißständen in der Universität schließt. Der Deutsche Hochschulverband hat sich deshalb auch nie schützend vor Kolleginnen und Kollegen gestellt, die den ethischen Anforderungen unseres Beruf nicht gewachsen waren. Im Sinne einer Selbstbindung hat der Hochschulverband schon im Oktober 1991 mit "dem Berufsbild des Hochschullehrers" Grundsätze für den Beruf des Hochschullehrers aufgestellt. Der Hochsehulverband war einer der Ersten, der sich um unzulässige Praktiken der Promotionsberatung gekümmert hat, auch wenn in diese Hochschullehrer verwickelt waren. Der Deutsche Hochschulverband hat sich deutlich von solchen Mitgliedern distanziert, die erwiesenerweise wissenschaftliche Publikationen gefälscht haben. Der Deutsche Hochsehulverband hat sich nach 1990 als einziger Berufsverband dadurch ausgezeichnet, daß er keine Mitglieder aus den neuen Bundesländern in seine Reihen aufgenommen hat, die sich aus in ihrer Person liegenden Gründen für den Beruf des Hochschullehrers als ungeeignet erwiesen haben. Und schließlich war es der Deutsche Hochsehulverband, der sich als Erster nachdrücklich um eine interessen-gerechte Abgrenzung von strafbarer Korruption und staatlicherseits geförderter Drittmitteleinwerbung gekümmert hat. Es soll also niemand dem Deutschen Hochsehulverband Opportunismus oder Einseitigkeit vorwerfen.

Gleichwohl muß realistischerweise anerkannt werden, daß damit das so häufig diskutierte Problem der sogenannten schwarzen Schafe nicht gelöst werden konnte. Eben dieser Tatbestand hat erheblich zu dem beigetragen, was wir gegenwärtig in der Dienstrechtsreform erleben. Dies sollten wir den betroffenen Kolleginnen und Kollegen, wenn wir ihnen denn begegnen, auch offen auf den Kopf zusagen. Freilich - und das bleibt der entscheidende Punkt - entschuldigt dieser Tatbestand keine Hochschulpolitik, die den Ausnahmefall zur Regel macht.

Das Präsidium war sich bewußt, daß der Deutsche Hochschulverband mit der Protestanzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein nicht geringes Risiko eingegang ist. Niemand konnte mit Sicherheit vorhersagen, daß der Kenntnisstand über die Einzelheiten der Reform bei den Kolleginnen und Kollegen groß genug war, um sie in markanter Zahl zur Unterschriftt des Aufrufs zu bewegen. Es ging also um nicht mehr und nicht weniger als um die Kampagnefähigkeit des Hochschulverbandes. Diese Kampagnefähigkeit hat der Deutsche Hochschulvcrband in den vergangenen wenigen Wochcn unter Beweis gestellt. Auch wenn ich mir gewünscht hätte, daß das Votum noch eindrucksvoller ausgefallen wäre und ich es zudem auch sehr gern gesehen hätte, wenn tatsächlich alle Funktionsträger des Deutschen Hochschulverbandes meiner dringlichen Bitte, die Aktion zu unterstützen, gefolgt wären, so ist die Aktion doch insgesamt ein großartiger Erfolg. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen, die sich mit ihrem Namen an dieser Aktion beteiligt und damit einer krisenhaften Situation für die deutschen Universität Flagge gezeigt haben. Ob und welche Wirkung unsere Aktion in der Öffentlichkeit haben wird, hängt wesentlich von der am 29. März in Berlin stattfindenden Pressekonferenz ab. Unser wichtigstes Zwischenziel, ein deutlich sichtbares Zeichen des Widerstandes gegen eine absurde Reform zu setzen, ist aber in jedem Fall erreicht.

Natürlich bleibt es unser Ziel, diese Reform zu verhindern und die Politik dazu zu bewegen, sich endlich einmal mi den Vorstellungen und der Kritik der Betroffenen auseinanderzusetzen. Es muß als Skandal gegeißelt werden, daß die Berufsvertretung der Professoren und die Mitglieder des wissenschaftlichen Nachwuchses als institutionelle Gesprächspartner für eine solche Reform schlichtweg übergangen werden. Kann man sich vorstellen, daß die Privatisierung der Flugsicherung ohne Gespräche mit dem Verband der Fluglotsen durchgeführt wird? Kann man sich vorstellen, daß die Änderung des Zeugnisverweigerungsrechtes ohne vorherige Gespräche mit den Journalistenverbänden durchgeführt wird? Kann man sich vorstellen, daß die Reform der Justizausbildung ohne vorherige Gespräche mit dem Deutschen Richterverein oder dem Deutschen Anwaltsvercin durchgeführt werden? Warum soll für Hochschullehrer eigentlich etwas anderes gelten? Wann nimmt die Politik endlich zur Kenntnis, daß die Hochschulrektorenkonferenz in der Frage der zukünftigen Besoldungsstruktur, wenn überhaupt, über ein weitaus schwächeres Mandat verfügt als eine Berufsvertretung mit seinen mehr als 18.000 Mitgliedern?

Bei unserem Widerstand gegen die Pläne der Bundesregierung darf nicht in Vergessenheit geraten, daß es in der Diagnose durchaus auch Gemeinsamkeiten mit den Reformern gibt. Schließlich opponieren wir nicht um der reinen Opposition willen. So geht es dem Deutschen Hochsehulverband nicht darum, vernünftige Pläne, die Besoldung der Professoren noch weiter als bisher leistungsgerecht auszugestalten, zu torpedieren. Selbstverständlich besteht ein Reformbedarf, wenn in Deutschland junge Wissenschaftler erst weit jenseits des 40. Lebensjahres die Chance erhalten, eigenverantwortlich zu forschen und zu lehren. Wir sind also nicht gegen die Hochschullehrerdienstrechtsreform, sondern gegen d i e s e Hochsehullehrerdienstrechtsreform. Vor diesem Hintergrund haben das Präsidium und das Erweitertes Präsidium zwei ausführliche Positionspapiere erarbeitet, die sich nicht in der Kritik der vorgelegten Reformvorschläge erschöpfen, sondern eine Vielzahl eigener konstruktiver Vorschläge enthalten. Für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben wir uns für eine Vielfalt von Qualifikationswegen ausgesprochen, was die Möglichkeit einschließt, die Junior-Professur als zusätzliche Personalkategorie den Fakultäten wenn sie es denn wünschen, zur Verfügung zu stellen. Bei der Habilitation haben wir für die Entscheidung der Fakultäten plädiert, im Rahmen der Fächerkultur selbst über geeignete Qualifikationswege des wissenschaftlichen Nachwuchses zu entscheiden. Dies muß, wie wir alle wissen, nicht in jedem Fach die Habilitation sein. Für die wissenschaftlichen Assistenten haben wir eine Neugestaltung des Qualifikationsamtes gefordert. Mit einer Einstellungsaltersgrenze von 29 Jahren (mit Ausnahmemöglichkeiten) wollen wir erreichen, daß mit Vollendung des 35. Lebensjahres die Berufungsfähigkeit erreicht werden kann. Darüber hinaus haben wir dafür plädiert, die systemwidrige Habilitation auf wissenschaftliche Mitarbeiterstellen einzuschränken. Im weiteren haben wir uns dafür ausgesprochen, daß Promotions- und Habilitationsverfahren zügiger als bislang durchgeführt werden, und dazu angeregt, in einzelnen Fächern, über Seitenbegrenzungen von Promotions- und Habilitationsarbeiten nachzudenlten. Wir fordern bessere Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs nach der Habilitation oder der sie ersetzenden gleichwertigen Qualifikationsprüfung. Dazu gehört vor allem ein ausreichendes Angebot von befristeten Oberassistenten- und Hochschuldozentenstellen. In Fächern, die über keinen oder nur einen kleinen Berufungsmarkt verfügen, sind für den besonders qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs auch Hochschuldozentenstellen auf Lebenszeit bereitzustellen. Darüber hinaus haben wir uns für eine stärkere Förderung der Spitzenkräfte im wissenschaftlichen Nachwuchs durch einen bundesweiten Concours und für vorgezogene Berufungen ausgesprochen.

Auch bei der leistungsorientierteren Besoldung der Hochschullehrer hat sich die Stellungnahme des Hochschulverbandes keineswegs in der Kritik der Reformvorschläge erschöpft. So haben wir für eine Belebung des Wettbewerbs im Berufungssystem plädiert, indem Berufungsaltersgrenzen und Berufungssperren beseitigt werden. Wir fordern die Beseitigung der Obergrenzen von Berufungsgewinnen und wenden uns ebenso gegen deren Standardisierung. Wir wollen größere Verhandlungsspielräume bei den Berufungsverhandlungen und müssen daher die Berufungsverhandlungen aus ihrer rituellen Erstarrung befreien. Ein auf Wettbewerb setzendes System muß es sich leisten, daß individuelle wissenschaftliche Leistungen entsprechend gewürdigt werden. Darüber hinaus haben wir uns für die Einführung eines intelligenten Hörergeldsystems ausgesprochen, um besondere Lehrleistungen entsprechend honorieren zu künnen. Dabei ist selbstverständlich, daß die Fehler der Vergangenheit, die letztendlich erst zur Pauschalisierung und dann zur Abschaffung der Hörergelder geführt haben, nicht wiederholt werden dürfen. Vielmehr bedarf es intelligenter fächerspezifischer Schlüssel, die den studentischen Zuspruch zu einer Lehrveranstaltung an ihrem Charakter als Pflichtveranstaltung, an der Zahl der Hörer im Vergleich zur Gesamtzahl der Studierenden sowie die unterschiedliche Nachfrage der Fächer untereinander angemessen berücksichtigt. Darüber hinaus haben wir uns für einen hochdotierten deutschen Wissenschaftspreis (deutscher Nobelpreis) ausgesprochen, den verstärkten Einsatz von immateriellen Belohnungen (Forschungssemester, Entlastung von Lehraufgaben usw.) vorgeschlagen und die von der CDU-Opposition in Rheinland-Pfalz dankenswerterweise aufgegriffene Anregung gegeben, für wissenschaftliche Spitzenkräfte eigens eingerichtete Exzellenzprofessuren in jedem Bundesland einzurichten.

Parallel zu unseren Vorschlägen hat das Präsidium an Herrn Kollegen Lecheler den Auftrag vergeben, gutachtlich die Verfassungsmäßigkeit der bislang von der Bundesregierung vorgelegten Reformeckpunkte zu prüfen. Damit wird der Gang nach Karlsruhe zum Bundesverfassungsgericht vorbereitet. ...."

Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW]: Prof. Dr. C. Gizewski, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .