Nr. 5: Reinhard Blomert (2) unter Mitarbeit von Martin Spiewak, Zwischen Humboldt und Coca-Cola.

Der folgende Beitrag, der zunächst in der Zeitschrift 'DIE ZEIT' 33/200, Abt. F O R S C H U N G erschienen ist wird mit vorausgesetzter Zustimmung der Autoren auch an dieser Stelle veröffentlicht, um die öffentliche Diskussion über den Zusammenhang zwischen einem Brachliegen von Forschungspotentialen und wissenschaftlich produktiver Arbeitskraft einerseits und für die Wissenschaft als ganze zunehmend problematischen Ökonomisierungstendenzen gegenwärtiger wissenscchaftspolitischer Denkweisen zu erhellen. Es geht um folgende die USA betreffende, aber modellartig auch für gegenwärtige deutsche Verhältnisse und Entwicklungen beachtliche Fragestellung: Weil die US-Regierung ihren staatlichen Universitäten die Mittel kürzt, suchen die Wissenschaftler nach Geldgebern in der Wirtschaft. Besonders in Kalifornien wissen große Firmen diese Chance zu nutzen. Droht nun der Ausverkauf der unabhängigen Forschung? D. Hg.


Shakespeare, Dante, Darwin und andere große abendländische Denker zieren die Doe-Bibliothek der Universität von Berkeley, Kalifornien. Als die Porträts als Wandfriese im Jahre 1917 angebracht wurden, wollte man an Männer erinnern, die durch ihre "Erträge aus Forschung und Inspiration" zum "Fortschritt unserer Zivilisation" beigetragen haben. Der Neubau der Haas School of Business von Berkeley wurde 1995 nach diesem Vorbild gestaltet. Auch hier sind die Seminarräume mit bekannten Namen geschmückt: Die Studenten hören Vorlesungen im Wells-Fargo-Raum oder im Arthur-Andersen-Auditorium. Auf den Fluren hängen die Plaketten von Toyota, Mitsubishi und Eastman Kodak.

Die neuen Schirmherren der Wissenschaft zeigen nicht nur die wachsenden Bindungen zwischen der kalifornischen Universität und den Weltkonzernen. Sie weisen auch auf ein neues Verständnis von "Erträgen aus Forschung und Inspiration" hin, das in Berkeley wie anderswo in den USA zu scharfen Konflikten innerhalb der akademischen Gemeinschaft führt. Denn nicht nur in Kalifornien steigt die Zahl der Allianzen zwischen Universität und Industrie.

Da die Kosten für wissenschaftliche Forschung steil ansteigen und die öffentlichen Mittel zurückgehen, buhlen Forscher überall in den USA um die Zuwendungen von privaten Unternehmen: Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt neues Spielzeug mit Unterstützung von Lego oder Walt Disney. In Princeton forscht ein von IBM bezahlter Professor über internationale Beziehungen, an der Universität Georgia ein Coca-Cola-Professor über Firmenlogistik.

Auftragsforschung ist nicht neu in den USA. Ebenso wie in Deutschland haben Universität und Industrie bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eng zusammengearbeitet und damit zum industriellen Aufschwung beigetragen. Doch der Umfang der Auftragsforschung wächst. Nach Angaben der amerikanischen National Science Foundation sponserte die Industrie 1999 die Forschung an Hochschulen und Colleges mit umgerechnet rund fünf Milliarden Mark. Zehn Prozent ihrer Forschungsausgaben bestreiten US-Wissenschaftler mittlerweile mit Firmenzuschüssen.

Big Science braucht Big Business.

Viele Forscher heißen den Geldstrom aus der Industrie willkommen; Big Science, so ihre Devise, komme heute nicht mehr ohne Big Business aus. Dennoch wächst die Zahl der Kritiker der Kommerzialisierung der Universität. Sie sehen die Unabhängigkeit der Forschung in Gefahr. "Ist der universitär-industrielle Komplex außer Kontrolle?", fragte die Zeitschrift Nature. Und die Harvard Review spricht von einem neuen Modell der Universität, der market model university, das nach Marktgesichtspunkten arbeitet.

Nirgendwo in den USA lässt sich dieser Konflikt besser beobachten als in Kalifornien. Hier hat der Staat in den vergangenen Jahren die öffentliche Finanzierung der zehn verschiedenen Campus-Universitäten der University of California, zu denen auch Berkeley gehört, drastisch gekürzt. Da wirkt der Beitrag privater Investoren wie ein Ausweg aus der Finanzmisere. Gerade Berkeley, das Flaggschiff der öffentlichen Hochschulen der USA, schaffte es, die sinkenden Staatszuschüsse nicht nur auszugleichen, sondern seinen Etat sogar noch zu erhöhen - dank der Spenden von Ehemaligen, der Verwertung von Patenten sowie Beiträgen der Industrie.

Kritiker bezweifeln jedoch, dass eine Trennung von Kommerz und interessenfreier Forschung möglich ist. Als Beweis dient ihnen ein Vertrag zwischen der Firma Novartis und der Abteilung für Pflanzen und Mikrobiologie des Campus Berkeley. Das Unternehmen mit dem Stammsitz in der Schweiz hatte sich 1998 verpflichtet, die Forschung des Fachbereiches fünf Jahre lang mit je fünf Millionen Dollar zu unterstützen. Dafür sicherte sich der Chemiemulti Privilegien, die über alle Verwertungsrechte anderer Industriekooperationen weit hinausgehen (siehe Kasten). Ein wöchentlicher Report hält Novartis über alle Aktivitäten des Departments auf dem Laufenden. Alle an dem Abkommen beteiligten Wissenschaftler müssen ihre Forschungen geheim halten und bis zu 30 Tage warten, bis sie ihre Ergebnisse veröffentlichen. In dieser Zeit hat die Firma das Recht, die Ergebnisse auf mögliche Verwertungen hin zu prüfen. Ebenso behält sich Novartis vor, als erste Firma auf ein Drittel aller angemeldeten Patente Lizenzen zu erhalten.

Bereits vor dem Novartis-Deal bestanden enge Beziehungen zwischen der Universität Kalifornien und der Bio-Tech-Industrie. "Was Biotechnologie betrifft, so denkt man an der Universität Kalifornien an das Business", hieß das Motto eines Programms zur Forschungsförderung namens Biostar, an dem unter anderem Firmen wie Novartis, Monsanto oder Geron beteiligt waren. Zugleich ist die Universität zahlendes Mitglied einer Lobby-Organisation der Biotechnologie-Industrie.
Die "strategische Allianz" mit Novartis und dem Department für Mikrobiologie ging jedoch einen Schritt weiter und hat die Universität bis heute gespalten. Während die Universitäts- und Institutsleitung die Zusammenarbeit als "Modell" feierte, brandmarkten Universitätsangehörige den Deal als Ausverkauf der akademischen Freiheit. Besonders misstrauisch machte sie, dass die Kooperation ohne Beteiligung derjenigen Gremien zustande kam, die sonst die Zusammenarbeit der Universität mit der Industrie überwachen.

Die Doktorandenversammlung forderte, die Verträge zu kündigen. Studenten überklebten das Universitätsemblem mit dem Firmenlogo von Novartis und verteilten in einer Veranstaltung für frisch Promovierte statt der Doktorhüte Kappen mit dem Novartis-Logo. Selbst im kalifornischen Senat kam das Thema zur Sprache, als der demokratische Senator Tom Hayden ein Hearing über die Folgen des Vertrags ansetzen ließ.

Der Rechtsprofessor Robert C. Berring, einer der profiliertesten Gegner der Zusammenarbeit mit der Chemiefirma, sieht im Novartis-Vertrag einen gefährlichen Trend: Die Universität sei eine der letzten Bastionen der Forschung, die nicht uneingeschränkt dem Profitmotiv diene, schrieb er im California Monthly, dem Alumni-Magazin der Universität Kalifornien. Der Vertrag markiere einen tiefen Bruch in der Geschichte von Berkeley; denn erstmals erlaubt die Universität einer Firma, nicht nur an den Forschungsergebnissen teilzuhaben, sie lässt sie sogar über die Richtung mitbestimmen: Zwei von fünf Vertretern des Forschungsgremiums des Instituts stellt Novartis. Damit verlöre Berkeley seine Autonomie, die akademische Korporation werde zur "Fakultätsgesellschaft mit beschränkter Haftung", klagte Berring.

Nach Ablauf der Halbzeit des Projektes haben sich einige der schlimmsten Befürchtungen als unbegründet erwiesen. Novartis versuche kaum, direkten Einfluss zu nehmen, heißt es von den beteiligten Professoren. "Bislang haben sie uns ziemlich in Ruhe gelassen", sagt der Biologe Lewis J. Feldmann. Er mache keine andere Forschung als vorher. Der Chronicle of Higher Education, das Hausblatt amerikanischer Professoren, kam sogar zu dem Schluss, der Deal habe nichts verändert, außer bessere Forschungsmöglichkeiten für die Wissenschaftler zu schaffen. Sie müssen keine langen und mühsamen Anträge mehr schreiben, die nötig sind, um an staatliche Fördergelder zu kommen. Die Zahl der Veröffentlichungen und Patente des Instituts ist stark gestiegen.

Doch die Kritik ist nicht verstummt. Die Geheimhaltungsverträge zwischen Novartis und der Universität haben zu Kommunikationsproblemen im Department geführt, sagt ein Professor. Es habe sich eine Art Schweigemauer um das Institut gebildet. Jason Delbourne, studentisches Mitglied im Board der Universität Kalifornien, sprach von einem subtilen Druck, der auf die Studenten ausgeübt werde, um Arbeiten anzufertigen, die den Interessen der Sponsorfirma entgegenkommen.

Forscher verheimlichen Ergebnisse.

Die Leitung der University of California zeigt sich von solcher Kritik unbeeindruckt. Bald wird die UC drei neue "Institute für Wissenschaft und Innovation" hinzubekommen, multidisziplinäre Forschungszentren, die die Wirtschaft des Staates ankurbeln sollen. An den Universitäten von San Francisco, San Diego und Los Angeles sollen neue Zentren für Biotechnologie, Telekommunikation und Nanosysteme entstehen, an denen sich, so sagt der kalifornische Gouverneur Gray Davis, "die kreativsten akademischen und wissenschaftlichen Köpfe versammeln". Das Besondere an dem Programm: Neben 300 Millionen Dollar aus Steuermitteln sollen die Zentren hauptsächlich aus privaten Quellen finanziert werden.

Die ersten Firmengelder sind bereits eingetroffen. So unterstützt die Firma Qualcomm mit 15 Millionen Dollar das in San Diego geplante California Institute for Telecommunications and Information Technology. Sie hat sich damit ein Anrecht auf die Lizenzen für die hier entwickelte Technologie gesichert. Weitere der führenden Telecom-Firmen des Staates haben Beiträge zugesichert. Sie alle erwerben sich als zahlende "Partner" des Zentrums das Recht, an den halbjährlichen Treffen teilzunehmen, auf denen die Wissenschaftler die neuesten Forschungsberichte vortragen. Einmal im Jahr erhalten die Sponsoren den Besuch eines Fakultätsmitglieds, um mit ihm die laufenden Projekte zu diskutieren. Sie haben exklusiven Zugang zu den Datenbanken des Zentrums und das Recht, in gewissem Maß Einfluss auf die Forschung zu nehmen.

Leiter des Projekts ist der Präsident der Universität Kalifornien, Richard Atkinson, der als vehementer Verfechter von public-private partnership gilt. Atkinson sieht die Universität als eine Art Katalysator für die New Economy. Die Entwicklungslabore der großen Firmen seien zu schwerfällig und zentralisiert, so Atkinson, um wirklich innovativ zu sein. Die Universitätsforschung dagegen biete nicht nur ständig neues intellektuelles Kapital, sondern auch Zugang für kleine Unternehmungen, die sich keine eigenen Laborkapazitäten leisten können. Auch als Privatmann scheut der Universitätspräsident nicht die Nähe der Wirtschaft. Er selbst besitzt nicht nur einen Posten im Aufsichtsrat der Qualcomm, sondern ebenso Aktienanteile an der Firma im Wert von 100 Millionen Dollar.

Das Problem solcher Allianzen ist der klassische Konflikt mit der Wahrheit, wie man früher gesagt hätte: Die Forschungsförderung der privaten Unternehmen fördert die Industriefreundlichkeit der Forschungsergebnisse. Einige derartige Konflikte wurden in den vergangenen Jahren öffentlich:

Bereits 1996 hatten Mildred Cho und Lisa Bero im Fachjournal The Annals of Internal Medicine nachgewiesen, dass Forschungen über neue Medikamente, die von der Pharmaindustrie gefördert wurden, häufiger zu positiven Ergebnissen kämen als Forschungen, die ohne eine solche private Unterstützung auskommen.

Nach einer Erhebung des Journal of the American Medical Association verschob jeder fünfte der von ihnen befragten Forscher die Veröffentlichung seiner Ergebnisse um mehr als ein halbes Jahr, um auf die Rechtsansprüche des Firmensponsors Rücksicht zu nehmen.

Untersuchungen der Northwestern University fanden heraus, dass Forschungen über neue Krebsmittel, die von privaten Firmen gefördert wurden, fast achtmal seltener zu negativen Ergebnissen kämen als solche, die nicht gewinnorientiert finanziert waren. So hatte eine Gesundheitsstudie an der kalifornischen Davis-Universität im letzten Jahr ergeben, dass Schokoladenverzehr gesund für das Herz sei. Später stellte sich heraus, dass die Studie von der Firma Mars finanziert worden war.
Im Herbst 2000 versuchte die Firma Immune Response Corp. die Universität San Francisco davon abzuhalten, einen Bericht über ein Medikament gegen HIV zu veröffentlichen, der das Mittel als wirkungslos darstellte. Als die Forschungsergebnisse, die Immune Response mitfinanziert hatte, dennoch veröffentlicht wurden, verklagte das Unternehmen die Universität auf Schadensersatz in Millionenhöhe.

Um den wachsenden Einfluss gerade von Pharmafirmen auf die Forschung zurückzudrängen, haben führende amerikanische Fachzeitschriften für Medizin nun vereinbart, Forschungsveröffentlichungen in Zukunft abzulehnen, in denen die Unabhängigkeit der Autoren nicht gewährleistet ist. Die Herausgeber der Fachjournale The New England Journal of Medicine, The Lancet und Annals of Internal Medicine einigten sich auf Mindeststandards, die jeder Aufsatz in Hinblick auf Transparenz und Freiheit der Forschung erfüllen müsse.

Häufig erfahren Fachkollegen ebenso wenig wie die Öffentlichkeit von den Verquickungen der Wissenschaftler mit der Industrie. Es gebe kein Gesetz, das Forscher zwinge, ihre Finanzquellen offen zu legen, beklagt Sheldon Krimsky von der Tufts University in Boston, der seit Jahren Interessenkonflikte in der Wissenschaft analysiert. Im Gegenteil: Viele Firmen drängen die Wissenschaftler, ihre Beteiligung am Projekt bei Veröffentlichungen zu verschweigen. Auch beim Novartis-Berkeley-Deal erscheint der Name der Chemiefirma nicht in den Veröffentlichungen der Forscher, auch wenn das Unternehmen behauptet, keinen Einfluss auszuüben.

Die Association of the University Professors, die Standesvereinigung der US-Professoren, hat ihre Mitglieder aufgefordert, solchen Interessenkonflikten durch verbindliche Regeln vorzubeugen. Jeder Forscher sollte sicherstellen, dass er die Quelle seiner Finanzierung veröffentlichen darf. Zudem sollten die Wissenschaftler garantieren, dass die Auswirkungen der Industriefinanzierung auf Forschung und Lehre ständig evaluiert werden.

Eine unabhängige Initiative, die für die Freiheit der Wissenschaft von kommerziellem Einfluss kämpft, geht neuerdings einen anderen Weg. Das Center for Science in the Public Interest macht die private Finanzierung von Universitätsforschung im Internet öffentlich. Wer den Namen eines Forschers eingibt, erhält die Firmen präsentiert, die ihn finanziell unterstützen. 1100 Wissenschaftler sind inzwischen archiviert.


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