Nr. 8: Christian Gizewski, Zum Stand der derzeitigen (Nov. 2005) Diskussionsbeiträge auf dem 'Diogenes-Dialog-Forum, Abt. 2.


Im folgenden geht es um eine kommentierende Zwischenbilanz der teilweise seit nun schon sechs Monaten ohne Kommentierung oder Gegenvorstellung gebliebenen 'Hauptdiskussionsbeiträge in Abteilung B des Forums, und zwar

einmal um die Frage, ob und in welchem Umfange es für ein politisches Handeln ausreichende Gemeinsamkeiten gibt zwischen den derzeit auf dem Forum befindlichen Diskussionsbeiträgen einschließlich eines an den Senator für Wissenschaft in Berlin u. a. Adressaten gerichteten 'Offenen Briefs'.

Zum anderen will der Autor ansprechen, wo er in und zwischen den einzelnen Beiträgen, was ihre Lageeinschätzungen und ihre praktischen Konsequenzen daraus betrifft, weitere Klärungen für sinnvoll hält.

Geht man davon aus, daß es sich bei dem auf dem Forum zur Diskussion gestellten Gesamtthema tatsächlich um mehrere, teilweise vielschichtige Komplexe von Problemen

(z. B. Hochschulstrukturfragen, Hochschulrechtsfragen, allgemeine - d. h. auch die Wissenschaft außerhalb der Hochschulen betreffende - Wissenschaftsfinanzierungs- und -organisationsfragen, Arbeitsmarktfragen, Arbeitslosigkeits- und Hartz IV-Fragen, Sozialversicherungsfragen, Statistikfragen und unter all dem auch praktische Fragen der individuellen Stellungslosigkeit und berufsperspektivischen Chancen höchstqualifizierter Wissenschaftler)

handelt, so ist zunächst festzustellen, daß sich die meisten Papiere aus ihrer Zielsetzung heraus nur mit einem Teil oder nur mit bestimmten Aspekten dieser Problemkomplexe befassen und befassen können.

Kern des von W. Spohn und E. Meyer-Renschhausen unterzeichneten 'Offenen Briefs' ist etwa der Appell an einige - d. h. nicht an alle - wesentlichen hochschulpolitischen Adressaten, im Interesse zahlreicher stellungsloser, aber dennoch - und zwar im wesentlichen kostenlos - an der Universität wirkender habilitierter Wissenschaftler für eine gesetzgeberische oder administrative - dies bleibt manchmal offen - Einrichtung und Bereitstellung altersunabhängiger Zeitprofessuren, altersunabhängiger 'Lecturer'-Stellen oder entsprechender wissenschaftlicher Dauerstellungen sowie für die angemessene Bezahlung bisher im wesentlichen kostenlos erbrachter Lehr- und Prüfungsleistungen zu sorgen.

Die Beiträge Volker von Prittwitz' (1 und 2) befassen sich zum einen im wesentlichen mit dem Problem des wissenschaftsstrukturell unvertretbaren Mangels an Stellen für professorable Wissenschaftler an Hochschulen, der Nichtbeteiligung von ihm so genannter 'nicht-etatisierter' Hochschullehrer an der akademischen Selbstverwaltung sowie der systematischen und quantitativ erheblichen Ausbeutung sog.' nebenberuflicher' Hochschullehrer im Wege einer Zumutung kostenloser Dauerleistungen in Forschung und Lehre. Zum anderen heben sie plastisch die prekäre psychosoziale Situation unbestallter höchstqualifizierter Wissenschaftler angesichts der ihnen im Hochschulbereich zugemuteten Ungerechtigkeiten hervor. Beide Beiträge versuchen in diesem - hochschulbezogenen - thematischen Rahmen, eine Reihe praktischer Schlußfolgerungen sei es für die Politik, sei es für die Betroffenen selbst zu formulieren.

Reinhard Blomert setzt sich in seinen beiden Beiträgen (1 und 2) einerseits mit den in der gegenwärtigen - d. h. irgendwann vorübergehenden - Phase der Wissenschaftspolitik zum Dauerthema gewordenen verschiedenen Aspekten einer 'Ökonomisierung' der öffentlich-rechtlich organisierten Universitäten

('Management von außen', 'Eliteprojekte', 'Marktorientierung von sog. F&E-Projekten', Zuschnitt der Personalstruktur des Hochschulbereichs nach betriebswirtschaftlichen 'Management'-Aspekten)

auseinander. Er stellt dabei insbesondere deren Negativfolgen für eine freie Forschung der Universitäten heraus. Aus seinen Analysen zieht er jedoch keine ausdrücklich formulierten praktischen Schlußfolgerungen, etwa im Hinblick auf eine alternative politische Gestaltung der - für das Diskussionsthema dieses Forums wichtigen - Personalstrukturen im Wissenschaftsbereich, um sie als solche zu Diskussion zu stellen.

Elisabeth Meyer-Renschhausen befaßt sich mit den staatlichen Mittelkürzungen für den Hochschulbereich und den dadurch bewirkten Beeinträchtigungen freier Forschung, d. h. der Nichtnutzung, dem Abbau und der Nichtförderung vorhandener produktiver Forschungsstrukturen, ferner mit dem Abbau von Studiengängen und einer Ausmusterung wissenschaftlich produktiver, hochqualifizierter Arbeitskräfte aus Forschung und Lehre . Die Darstellung dieser Probleme erfolgt durch eingehende Wiedergabe von Interviews, die die Verfasserin mit dem Hochschullehrer Ulf Preuß-Lausitz, der Hochschulpolitikerin Lisa Paus, der Hochschullehrerin Brigitte Rauschenbach sowie Brigitte Reich aus der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft geführt hat. Wie Blomert stellt die Verfasserin keine ausdrücklich formulierten praktischen Konsequenzen aus den mitgeteilten Positionen zur Diskussion..

Einige der zuvor kommentierten Diskussionsbeiträge lassen einerseits gewisse Gemeinsamkeiten - etwa in einer generellen Kritik an einem 'ökonomistisch' oder staatsfinanziell motivierten Um- und Abbau von Forschungs- und Studieneinrichtungen oder an einer Ausbeutung der Arbeitskraft habilitierter Wissenschaftler im Hochschulbereich und dem Fehlen von bezahlten beruflichen Perspektiven dort für Qualifizierte ihrer Art - erkennen.

Andererseits werden aber auch unterschiedliche thematische Schwerpunkte deutlich, für die sich wegen einer durchweg nicht-explizit-systematischen Themenstellung nicht sicher abschätzen läßt, ob ihre Erörterung nach Auffassung der jeweiligen Autoren alles im Zusammenhang mit dem Diskussionsthema dieser Abteilung zu Bedenkende und zu Sagende prinzipiell anspricht oder nicht. Jedenfalls fällt - geht man die oben zusammengestellte Liste von Problemkomplexen durch - als objektiver Befund auf, daß sich die genannten Autoren etwa durchweg nicht mit den außerhochschulischen oder den rechtlichen Aspekten der Problematik befassen und daß ferner bei einigen Beiträgen eine von ihnen selbst verantwortete diskussionsfähige Formulierung praktischer Konsequenzen fehlt. Selbst dort, wo Forderungen formuliert werden, erscheinen sie in ihren praktischen Konsequenzen oft nicht hinreichend klar, zum Beispiel dann, wenn sie in passivischer Form - in der Art: "es muß ... getan werden" - formuliert sind und die Fragen offen lassen, wer mit welchen Kompetenzen und Kräften was wie tun soll, oder wenn sie aus Gründen knapper Formulierung Begriffe verwenden, die dem Leser nicht klar sein und ggf. deshalb bei ihm die Befürchtung hervorrufen können, in ihren praktischen Konsequenzen unakzeptabel zu sein.

Solche Begriffe sind etwa: 'Elitesegmente in der Forschung', 'Zentrale Rolle der Privatdozenten im Reformprozeß der Universitäten', 'denkbare Entlastungsfunktion bezahlter Privatdozenten in der Routine-Lehre', 'Kapitalisierung des Hochschulbetriebs'.

Dies ist keine Kritik an der Qualität der Beiträge, aber doch ein deutlicher Hinweis auf einen fragmentarischen und widerspruchshaltigen Gesamtdiskussionsstand der Gruppe, die hier miteinander und mit der Öffentlichkeit zu diskutieren beginnt.

D. h. auch: ein gemeinsames politisches Handeln etwa der beteiligten Autoren auf einer gemeinsamen argumentativen Grundlage dieser Beiträge, sollte es gewünscht sein, ist kaum möglich, weder im Innenverhältnis noch nach außen. Überall gibt es Unwägbarkeiten und 'Sollbruchstellen', die jedenfalls ohne weitergehende inhaltliche Diskussion bei irgendwelchen Gelegenheiten auch ihre sprengende Wirkung entfalten würden.

Besonders deutlich wird das bei jetzt schon hervortretenden wichtigeren Konzeptwidersprüchen. So tritt etwa V. von Prittwitz erkennbar für eine weitere Beteiligung der Studenten an ihren Studienkosten ein, und zwar mit dem Ziel, dadurch deren Betreuung durch bisher nicht dafür bezahlte Hochschullehrer auch finanziell zu ermöglichen. Diese Position dürften etwa die der Tendenz nach 'ökonomisierungs'-kritischen Papiere Blomerts und Meyer-Renschhausens ablehnen. Es gibt aus meiner Sicht aber auch andere, vehementere politische Gründe für eine solche Ablehnung.- Evtl. folgenreiche widersprüchliche Auffassungen über die Realität lassen sich ebenfalls ausmachen: W. Spohn und E. Meyer-Renschhausen meinen etwa in Ihrem 'Offenen Brief', die problematische Situation nicht bestallter habilitierter Wissenschaftler betreffe "vor allem die Sozial-, Kultur-, Geistes- und Geschichtswissenschaften und vor allem Frauen". Beiden Teilen dieser Aussage habe ich, auch aus hochschulstatistischen Gründen, verschiedentlich widersprochen. - Ich möchte mich hier auf diese Beispiele beschränken, um nicht unnötig Pessimismus zu säen. Es gibt m. E. jedoch weitere absehbare Bruchlinien, so etwa in wesentlichen Fragen eines - z. B. irgendwelchen 'Reform'-Projekten oder Zeitströmungen gegenüber zu wenig distanzierten - Begriffsgebrauchs oder bei Fragen der konkreten Organisation der betroffenen Wissenschaftler.

Ich darf aber - mit der gebotenen Bescheidenheit und mit prinzipieller Bereitschaft zur Fortentwicklung auch eigener Positionen - auf den Ansatz zur Bestimmung eines Rahmens für eine systematischen Diskussion hinweisen, der in meinem Diskussionsbeitrag innerhalb dieser Abteilung des Diskussionsforums enthalten ist. Für alle dort im Rahmen einer Systematik erwähnten Diskussionsgegenstände gibt es im übrigen gedankliche und praktische Vorarbeiten, wie sie in unterschiedlichen 'Privatdozenteninitiativen', bei einschlägigen hochschulpolitischen Tagungen oder in Denkschriften der letzten 20 Jahre entwickelt wurden. Sie können und sollten in eine m. E. sinnvolle und wünschenswerte erneute Diskussion eingehen.

Es wäre zu begrüßen, wenn auch dieses im Rahmen der Diskussionsfunktionen des 'Berliner Arbeitskreises habilitierter Wissenschaftler', dem ich zugehöre, zur Verfügung gestellte Diskussionsforum künftig intensiver genutzt würde, um über den derzeitigen Diskussionsstand hinausführende Meinungen und Gegenmeinungen zu äußern und dadurch einer systematischeren und in ihren einzelnen Elementen politikfesteren Meinungsbildung näher zu kommen.

Christian Gizewski


Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Beiträge und Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW / Abteilung 'Cricetus criticus '( http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/Cric.htm ): C. Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .

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