Nr. 9: Sven Krackow, Das Dequalifizierungsprinzip.

Zur Veranstaltung ,,Lebensrisiko Habilitation?" in der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin am 6.2.2006.


Die von der Initiative Berliner Privatdozenten itinitiierte Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung zum 'Lebensrisiko Habilitation' am 6.2.2006 war der Suche nach Auswegen aus der gegenwärtigen Situation gewidmet, die eine immer größere Zahl zur Hochschullehre qualifizierter Wissenschaftler in Deutschland in prekären Beschäftigungssituationen hinterläßt. Die Bewertung dieses Mißstandes reichte von mildtätigem Mitgefühl gegenüber dieser gesellschaftlich nicht sonderlich relevanten Gruppe von im Grunde eben nicht genügend leistungsstarken Menschen (Christoph Ehrenberg, SPD, aus dem Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft), über die Konzedierung eines gesellschaftlich kontraproduktiven und daher dringend zu lösenden Problems (Rektor der Universität Heidelberg, Prof Dr. Peter Homelhoff, Gerd Köhler vom Hauptvorstand der GEW), bis zu dringenden politischen Einforderungen (Christian Gizewski, Elisabeth Meyer-Renschhausen, Gertrud Hüwelmeier, Reinhard Blommert). Einigkeit bestand darüber, daß Gegenmassnahmen dringend angeraten sind, wobei die einzig konkreten und dem Problem angemessenen Vorschläge von Herrn Homelhoff auf der Flexibilisierung und Aufstockung des Lehrkörpers der Universitäten beruhten.

Die in der Diskussion zu Tage geförderten politischen und bürokratischen Schwierigkeiten, welche solchen Reformbemühungen im Wege stehen, führten in der Zuhörerschaft allerdings zu einem geradezu paradoxen und in der Konzequenz gesellschaftlich absolut unakzeptablen Schluß, wie ihn zwei Wissenschaftlerinnen im Nachgang konstatierten: Die Aussagen der illustren Runde hätten sie endgültig bestärkt, das Risiko, ihre Karriere durch eine Habilitation ultimativ zu torpedieren, nicht eingehen zu wollen. Mit anderen Worten, sie sahen die Gefahr, sich für den von ihnen gewählten Lebensweg durch die Höherqualifikation per Habilitation am Ende zu disqualifizieren.

Dieses Paradox exponiert die Fehleinschätzung des Herrn Ehrenberg, daß das Thema der Veranstaltung wohl eher als 'Karriererisiko Habilitation' denn als 'Lebensrisiko' tituliert hätte werden sollen. Denn während die Investition in eine solche Höherqualifikation natürlich mit dem Risiko behaftet ist, die mögliche Professur am Ende nicht zu erhalten, ist die Erreichung der Habilitation ohne Anschlußprofessur gleichbedeutend mit einem Ende des Lebensweges als Wissenschaftler. Das stellt wohl unbestreitbar ein viel tiefgreifenderes Lebensrisiko dar, als die Auslassung einer Karrierensprosse, zumindest für die große Mehrheit der Wissenschaftler, die die Hochschulkarriere nicht um der Stellenleiter willen, sondern des Lebensinhalts wegen eingeschlagen haben. Warum aber führt das deutsche Hochschulsystem zu dieser Dequalifizierungsdynamik, welche das Leistungsprinzip auf den Kopf stellt?

Tatsächlich offenbart das Dequalifizierungsprinzip die systemimmanten Ursachen, die es dem deutschen akademischen System versagen, der Struktur angepaßte Ausbildungszahlen zu erreichen, wie es Frau Dr.Preißler vom Deutschen Hochschullehrerverband beklagte. Daß es ein Lebensrisiko darstellt, die Karriereleiter so weit erklommen zu haben, ist nämlich weder a priori zu erwarten, noch in irgendeinem anderen Land der Welt verwirklicht. In vielen Gesellschaften ist es evtl. ein Risiko, den Weg der Wissenschaft überhaupt einzuschlagen, da dieser vielfach schlechter bezahlt ist als alternative Karrieren. Die Aufnahme eines Studiums ist natürlich ebenfalls insofern ein Risiko, als nicht sicher ist, ob man zu einer solchen wissenschaftlichen Karriere taugt. Doch solche Risiken betreffen jede mit einer Ausbildung verbundene Tätigkeit und haben nichts mit dem Risiko zu tun, welches damit verbunden ist, eine Laufbahn durch Qualifikationserfolg zunichte machen zu können. Veranschaulicht: in einem 'Stühlerücksystem', wie es der Arbeitsmarkt des öffentlichen Dienstes darstellt, gibt es fast auf jeder Position die potentielle Möglichkeit, sich finanziell durch einen Aufstieg zu verbessern, und gleichzeitig die Gewißheit, daß es nicht jeder nach ganz oben schaffen kann. Doch der Studienrat, der nicht innerhalb einer bestimmten Frist Schulrektor wird, erhält danach keinen Laufpaß, sondern bleibt Studienrat. Dito in allen anderen Bereichen des beamteten und nicht beamteten öffentlichen Dienstes. Das einzige mit dem derzeitigen deutschen Risiko in der akademischen Laufbahn vergleichbare Risiko besteht in dem durch Wegfall der Institution verursachten Stellenverlust und dem daran anschließenden Risiko, evtl. keine neue Position in dieser Form des Arbeitsmarktes zu ergattern. Dieses Risiko ist in Deutschland - mit nachvollziehbar gutem Grund - unter Einfluß gewerkschaftlicher Aktivitäten minimiert worden, und zwar umso stärker, je älter die Betroffenen sind.

In Wissenschaft und Forschung ist es dagegen umgekehrt. Mit für viele unerträglichen psychischen und sozialen Folgen, zu denen z.B. die nicht erreichte geschlechtliche Gleichverteilung der Stelleninhaber und die Kinderlosigkeit der dem Druck widerstehenden Frauen gehören. Die Gründe für diese Pervertierung sind im Folgenden skizziert.

1. Aufgrund des in Deutschland ausdrücklich und stringent angewandten 'top-down approaches' gibt es keine Selbstregularien, welche die Stellenanzahl und -struktur dem Bedarf der Gesellschaft anpassen können. Soll heißen, der Andrang der in der Gesamtpopulation überrepräsentierten Kohorte der in den 60er Jahren geborenen (heute 35 - 45 Jährigen) kann ebensowenig aufgefangen, wie der schwankenden Studentenzahl Rechnung getragen werden. Die Basierung des Stellenaufkommens auf flexibel zu handhabende Etats von Forschungsinstitutionen etwa in den angelsächsischen Ländern, also dem 'bottom-up approach', beugt solchen Limitationen vor. In anderen 'top-down' Ländern, etwa der benachbarten Schweiz, gibt es aus anderen Gründen ein stärkeres gesellschaftliches Übereinkommen, welches eine flexiblere Handhabung erlaubt. Die von Herrn Prof. Dr. Hommelhoff, Rektor der Universität Heidelberg, berichtete Ablehnung der Landesregierung vonseiten der Universität vorgeschlagenen ,,Lehrprofessuren" als "nicht vorgesehene Stellen" spricht in diesem Zusammenhang Bände. Der von dem fortschrittlichen Universitätsleiter vorgebrachte Optimismus für die letztendliche Durchsetzung dieses Vorschlages wurde von den meisten der Anwesenden keineswegs geteilt und widerspräche auch aller bisherigen Erfahrung. Denn die Übertragung der Personalsteuerungsfunktionen an der deutschen 'Massenuniversität' an ausseruniversitäre, politisch motivierte Behörden und Parlamente (siehe http://www.hochschuldebatten.de/text/einheitsprofessor.pdf) lässt kaum Wege erkennen, diese lähmenden Inertia zu überwinden.

2. Wenn wir davon ausgehen, daß man eine Umstellung der Struktur von einem 'top-down' auf ein 'bottom-up' System kaum wird erreichen können, stellt sich die Frage, wie man zumindest eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber erzielen könnte, daß erfolgreiche Wissenschaftler der Universität erhalten werden sollten. Zur Zeit bestehen für die Universitäten und Lehrstühle feste Mittelzuweisungen, welche leistungsunabhängig sind, und eine formale Organisationsstruktur, welche der Professorenschaft einerseits autark (wenn nicht autistisch) macht, aber andererseits jegliche Eigeninitiative erschwert.

Tatsächlich ist im jetzigen System nicht erkennbar, woher die Motivation kommen sollte, ein Interesse für den Erhalt der nicht ordinierten Belegschaft aufzubringen, oder gar Lobbyarbeit für die Aufstockung der Belegschaft zu leisten. Nur die Abschaffung der festen, zweck- und leistungsungebundenen Mittelzuweisungen sowohl an Universitäten im ganzen, als auch an die Lehrstühle, kann hieran etwas ändern. Solange die Mittelakquirierung durch subalterne Mitarbeiter keinerlei Effekt auf die Existenz und Ausrichtung eines Lehrstuhls hat, ist es nicht denkbar, daß die nötige Übereinkunft über den Wert der akademischen Leistung erzielt werden kann. Diese Schlußfolgerung ist, wie am hilflosen Appell des Herrn Köhler an die Qualitätsorientierung der Universitäten ablesbar, bis heute nicht bei den Gewerkschaften angekommen.

3. Die dritte strukturelle Komponente von überragendem Einfluß betrifft den Begriff der 'Überqualifikation' im weiteren Sinne. Nicht nur ist es dem 'professorablen' Akademiker nicht erlaubt, mit anderen um wissenschaftliche Stellen zu konkurrieren, welche das Nichtvorhandensein der Habilitation beinhalten (z.B. C1- Stellen), oder Jüngeren vorbehalten sind (BAT-Stellen, Juniorprofessuren), sondern es ist ihm auch verwehrt, minderqualifizierte Berufe auszuüben, die etwa in Verwaltung und technischen Diensten zur Verfügung stehen. Während diese Einschränkungen gesetzlich oder quasigesetzlich strukturell implementiert sind, ist auch der Quereinstieg in die Wirtschaft oft unmöglich. Denn die zwangsläufige Spezialisierung der konkreten wissenschaftlichen Projekte wird in Deutschland häufig gewissermassen als Einschränkung zukünftiger Tätigkeit auf den vormaligen inhaltlichen Zusamenhang betrachtet. Das von Herrn Köhler so eindringlich vorgebrachte Bedauern des hohen Spezialisierungsgrades akademischer Mitarbeiter (und nicht ihrer Projekte!) legt dieses Mißverständnis nur allzu offen. Es entspringt der anderswo unbekannten Tradition des Zunftdenkens, welches in Deutschland noch immer von realer Bedeutung ist.

4. Angesichts dieser Rigidität des Stellenmarktes erscheint es umso dringlicher, daß dem professorablen Akademiker, welcher aufgrund der zu geringen Stellenzahl nicht weiter in der Akademie tätig sein kann, Hilfestellung bei der Findung alternativer Einkommensquellen geleistet wird. Es ist sicherlich nicht vorstellbar, daß eine Person, welche erfolgreich die akademische Karriere absolviert, gleichzeitig und ohne Wissen, ob es relevant werden könnte, die potentiellen alternativen Wege der Einkommensschaffung soweit im Auge behält, daß ein Umstieg ohne weiteres möglich ist. Doch gibt es in Deutschland keine Institution, privater oder öffentlicher Natur, die solche Hilfe leisten könnte. Die bei weitem größere Transparenz auf dem 'Arbeitsmarkt' für Akademiker im v. a. angelsächsischen Ausland ist ein weiterer Grund für den ohnehin bedenklichen 'brain drain', der immer größere Bereiche der deutschen Akademie, inklusive der medizinischen Fakultät, enschließt.

Angesichts dieser erheblichen strukturellen Problemlagen erstaunte doch etwas, daß Frau Prof. Dr. Beutling vom Deutschen Hochschullehrerinnenbund im Diskurs mit dem Diskussionsleiter Martin Spiewak von der "ZEIT" Mängeln in der Bewerbungskompetenz mancher Wissenschaftler und der persönlichen Verantwortung von Professoren gegenüber ihrem wissenschaftlichen Personal erkleckliche Bedeutung für die drängenden Probleme zumaß. Derartige Ratschläge können aber die eigentlichen Probleme der nicht ausreichenden Stellenzahl und der - anderswo unbekannten -'Überqualifikation' sicher keiner dauerhaften Lösung zuführen. Tatsächlich verstärken sie bei den beteiligten Wissenschaftlern eher den niederschmetternden Eindruck, in Deutschland auch nach erfolgreicher Karriere weiterhin einer Eignungs-Selektion ausgesetzt zu sein, als an einem fairen Wettbewerb teilzunehmen - als wäre es gerechtfertigt, wenn man den Olymp nicht erklimmen kann, als gesellschaftlicher Abfall zu enden.

In diesem Sinne sei zum Abschluß erwähnt, daß eine wachsende Zahl insbesondere der begabtesten Studenten bis hin zu Promovenden sich dieser Limitationen bewußt ist und nach freier Entscheidung gar nicht erst versucht, eine Karriere in Deutschland anzustreben. Tatsächlich kann man diesen Schluß nur unterstützen; denn die Überwindung der oben dargestellten

Limitationen erforderte ja:

1. Flexibilisierung der Personalstruktur und Erhöhung der Stellenzahl durch adäquates Personaistrukturmanagement;

2. In ihrer Existenz dem Wettbewerb ausgesetzte Lehrstühle und Universitäten, was zu einer effektiven Lobbyarbeit führen würde;

3. Wettbewerb entsprechend Qualifikation, nicht innerhalb von Kontingenten, was die Abschaffung von Überqualifikationsregelungen, einschließlich Altersdiskrimination, bedingt;

4. Freie Arbeitsvermittlung ohne Zunftorientierung.

Für keine dieser Prämissen ist innerhalb der bestehenden Hochschulstruktur eine Durchsetzungschance in Sicht. Daher wird die vorübergehende Verschiebung und kurzfristige Erhöhung von Kontingenten im Namen der verordneten Exzellenz einiger Institute und des ebenfalls ,top-down' verfahrenden ,Hochschulpaktes 2020', bei Lichte besehen, nichts ändern können. Daher wird das Dequalifizierungsprinzip in Deutschland bis auf weiteres das akademische Leben bestimmen und damit die Misere der Hochschulbildung perpetuieren.

'Gute Nacht Deutschland' möchte man hier zitieren, wobei Matthias Belz schon weiter geblickt hat in seinem Buch 'Gute Nacht, Europa, wo immer du auch bist'.


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