Christian Gizewski, Kurzbericht zur Diskussion über das Thema "Lebensrisiko Habilitation? Was wird aus unseren 'Höchstqualifizierten'?"

Podiusmdiskussion am Montag, 6. Februar 2006, 19.00 - 21.00 Uhr in der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung, Hackesche Höfe, Rosenthaler Str. 40/41, 10178 Berlin-Mitte mit Teilnehmern aus der Initiative Berliner Privatdozenten und dem Berliner Arbeitskreis habilitierter Wissenschaftler und - als Podiumsdiskutanten - Ministerialdirigent Christoph Ehrenberg, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Peter Hommelhoff, Rektor der Universität Heidelberg, Ulrike Preißler, Justiziarin beim Deutschen Hochschulverband, Gerd Köhler, Mitglied des Bundesvorstands der GEW, Vorstandsbereich Hochschule und Forschung, Prof. Dr. Dorothea Beutling, Deutscher Hochschullehrerinnenbund, außerplanmäßiger Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, und Martin Spiewak, Redakteur im Wissenschaftsresort der Wochenzeitung 'Die Zeit' (Moderation).

Zu Beginn der Diskussion wurde anhand eines Informationsblattes auf die vorliegenden bzw. zu schätzenden Zahlen betr. die berufliche Unsicherheit unter heute Habilitierten hingewiesen (Gizewski) .

Gründe für ein Fehlen beruflicher Verwendungsmöglichkeiten für Habilitierte wurden von einigen Diskutanten gesehen in einer quantitativen und qualitativen Erzeugung von Habilitationsqualifikationen am Bedarf vorbei; weder die Hochschulen noch der außerhochschulische Berufsbereich könnten die Menge der Habilitierten ganz aufnehmen (Ehrenberg, Preissler, Hommelhoff). Das sei allerdings vor allem ein Problem der Geisteswissenschaften (Hommelhoff).

Kritik wurde insoweit einerseits geübt an fehlender Vorausschau und Eigenverantwortung der sich Habilitierenden betr. die Konsequenzen eines 'Risikoberufs' (Ehrenberg, Preissler), ferner an zu weitgefaßten, für eine Berufspraxis untauglichen Habilitationsthemen (Ehrenberg), an einer zu langen Bearbeitungszeit für Habilitationsschriften (Ehrenberg, Preissler), an einem Nichtzureichen der Habilitationsqualifikation vor allem für Berufsfelder außerhalb der Hochschule (Köhler) und an fehlender Bereitschaft Habilitierter zur Nutzung bestehender außeruniversitärer Berufschancen (Beutling, Ehrenberg).

Es wurde andererseits auf eine seit Jahzehnten fehlende Perspektive für die wissenschaftliche Personalentwicklung auf allen Ebenen der Wissenschafts- und Hochschulpolitik und -administration hingewiesen (Hommelhoff, Köhler). Bei richtiger Einstellung des gesamten Hochschulbereichs auf die Notwendigkeit, eine gewachsene und in den nächsten Jahren weiterwachsende Zahl von Studenten aller Fächer auszubilden, müßten eigentlich alle heute beruflich ungesicherten Habilitierten eine bescheiden-angemessene dauerhafte Berufsstellung schon im Hochschulbereich erreichen können (Köhler). Allerdings müsse man dabei daran denken, daß es gegenwärtig nur 24000 Professorenstellen im Hochschulbereich (14000 im Fachhochschulbereich) gebe; nur für den Hochschulbereich sei ja die Deckung eines Ersatzbedarfs durch Habilitierte von Bedeutung (Ehrenberg). Aber auch im beruflichen Bereich außerhalb der Hochschule gebe es für Habilitierte - bei richtiger Berufsberatung und -selbstinformation - viele angemessene Berufsmöglichkeiten (Beutling).

Auch das Habilitationsverfahren selbst wurde als unzeitgemäß und unzweckmäßig für die Lösung des Berufsperspektivenproblems für Habilitierte kritisiert (Ehrenberg): nach Abschluß der Habilitation seien die so Qualifizierten vielfach zu alt für eine angemessene Berufskarriere innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft, das Verfahren selbst sei nichts weiter als ein zeitraubendes, fachlich unnötiges 'Initiationsritual'. Dies sei ein Grund für die gesetzgeberische Einführung des neuen Modells einer 'Juniorprofessur' gewesen.

Demgegenüber wurde betont, daß die 'Juniorprofessur' kein Ersatzmodell für die Habilitation sein könne, und auf die große praktische Bedeutung etwa der außerplanmäßigen Professoren, im Universitätsbetrieb hingewiesen (Hommelhoff). Ferner seien Juniorprofessoren mittlerweile nach Abschluß ihrer Juniorprofessur faktisch von ähnlichen berufsperspektivischen Schwierigkeiten betroffen wie Habilitierte (Hommelhoff, Köhler). Es gebe offenkundig auch ein Anzahl von Juniorprofessoren, die sich neben ihrer Arbeit als Juniorprofessoren auch habilitierten, um ihre Berufschancen zu verbessern.

Vonseiten betroffener Hochschullehrer (Meyer-Renschhausen, Hüwelmeyer, Olmert) wurde eingehend an einer vielfach zu spürenden unnötigen Hartleibigkeit hochschulpolitischer, - rechtlicher und -administrativer Festlegungen und Gewohnheiten, welche einer langfristigen und einer pragmatisch-kürzerfristigen Lösung der Probleme im Wege stünden, Kritik geübt:

So sei etwa das fortgeschrittenere Alter entweder belanglos oder aber eher günstig für die wissenschaftlichen Fähigkeiten eines habilitierten Stellenbewerbers, altersbegründete Einstellungshindernisse rechtlicher oder praktischer Art daher wissenschaftlich unzweckmäßg und außerdem gleichheitswidrig (Art. 3 GG).

Ferner gebe es in tarifrechtlichen und beamtenrechtlichen Regelungen zahlreiche Hindernisse, die der unkomplizierten Einstellung habilitierter Wissenschaftler in an sich passende Berufspositionen außerhalb der Hochschule entgegenstünden oder sie gar ausschlössen.

Ferner sei die für wissenschaftliche Mittelbaustellen geltende alternativlose'12-Jahres-Regelung' unzweckmäßig; zumindest nach einer Habilitation bedürfe es rechtlicher Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Beschäftigung über die 12-Jahres-Grenze hinaus.

Unerträglich sei auch die völlig oder weitestgehend kostenlose Nutzung der dem Allgemeinwohl gewidmeten wissenschaftlichen Dienste und Leistungen sog. 'nebenberuflicher' Hochschullehrer (vor allem der Privatdozenten und außerplanmäßige Professoren) in Forschung und insbesondere Lehre des Universitätsbereichs; ihre 'Ehrenamtlichkeit' sei keine Rechtfertigung für eine Ausbeutung der - zumeist weitgehend mittellosen - Betroffenen, und deshalb müsse es eine allgemeine, detaillierte Grundvergütung für alle regelmäßigen oder gewichtigeren einmaligen Dienst- und Werkleistungen nebenberuflicher Hochschullehrer im Universitätsbereich geben.

Sachlich durch nichts gerechtfertigt sei ferner der Ausschluß eines selbständigen, auf die Förderung eigener Forschungsprojekte gerichteten Rechts zur Antragstellung für nicht-etatisierte Hochschullehrer etwa bei der 'Deutschen Forschungsgemeinschaft'.

Diese Kritik fand bei anderen Diskutanten (Hommelhoff, Köhler) ganz oder teilweise Unterstützung. Als Gegenmittel wurden die Einführung einer perspektivisch weit angelegten umfassenden Personalplanung auf allen Ebenen der Wissenschaftspolitik und der Wissenschaftsverwaltung, die Einführung neuer der Hochschullehrerqualififikation angemessener, aber besser als die bisherigen einsetzbarer Personalkategorien für Habilitierte und ein Aufgeben von Regelungsprinzipien, die für Problemösungen der diskutierten Art unproduktiv geworden seien, in der deutschen Wissenschaftslandschaft gefordert. Auch wurde auf den Zusammenhang der strukturellen Habilitiertenprobleme mit denen anderer unsinnig betroffener Qualifikationsgruppen der Bevölkerung hingewiesen (Köhler)

Mehrfach wurde der im o. e. Informationsblatt begründete Vorschlag gemacht (Gizewski), nach der Karpen-Studie (1985) und der 'Kossbiel-Studie' (1986) und unter Nutzung ihrer Methodik und Vorerfahrungen in staatlicher Kompetenz oder sonstiger Initiative nach 20 Jahren endlich eine neue empirische Studie über den beruflichen Einsatz und die Einkommens- und Lebensverhältnisse Habilitierter zu veranstalten. Dies könne stark verankerte, auch wissenschaftsideologische Voreingenommenheiten gegenüber der mittlerweile in ihrer Zahl auf bis 30000 zu schätzenden Gruppe beruflich ungesicherter 'Habilitierter' in Deutschland entgegenwirken und werde aller Voraussicht nach auch Begründungen für eine veränderte politische Praxis gegenüber der Habilitation liefern. Eine neue Studie wurde von einigen Diskutanten zwar in ihrer Verwirklichungsmöglichkeit und in ihrem Nutzen in Frage gestellt (Ehrenberg), von anderen aber als sinnvoll und nötig unterstützt (Köhler).

Es war - aus Sicht des Berichterstatters - in der begrenzten Zeit leider nicht möglich, alle wichtigen Aspekte des - lauter strukturelle Wissenschaftsfragen und lauter diskussionsbedürftige Voreinstellungen zu diesen betreffenden - Themas zu erörtern. Die Diskussion war aber - gerade auch wegen ihres stark kontroversen Charakters - nützlich und zukunftsweisend.


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