Nr. 1: Offener Brief an den Wissenschaftssenator - Privatdozentinnen und -dozenten melden sich zu Wort.

A. Abdruck eines Berichts in der Universitätszeitung 'Humboldt. Die Zeitung der Alma Mater Berolinensis' (Humboldt-Universität), v. 14. Juli 2005, S. 2, der den Inhalt eines dem Senator für Wissenschaft, Forschung und Kunst und den Präsidenten und Rektoren der Berliner Universitäten und Hochschulen zugegangenen 'Offenen Briefs', unterzeichnet von PDin Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen und PD Dr. Wilfried Spohn, zusammenfaßt.

B. Der Wortlaut des Briefes selbst.

C. Die Antworten des Senators und der Präsidenten und Rektoren der Berliner Universitäten und Hochschulen sind hier ggf. ebenfalls zur Veröffentlichtlichung und Diskussion vorgesehen, sobald ihr genauer Wortlaut bekannt ist. D. Hg.


A.

Mit einem offenen Brief haben sich Vertreter der "Berliner Privatdozentinnen-Initiative" an den Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Dr. Flierl, sowie die Präsidenten und Rektoren der Berliner Universitäten und Hochschulen gewandt.

"Die Berliner Universitäten unternehmen derzeit große Reformanstrengungen, die Studiengänge auf die neue BA- und MA-Struktur umzustellen und gleichzeitig Elitesegmente in der Forschung zu entwickeln. Bei diesen Reformanstrengungen unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen wird allerdings die Gruppe der Privatdozenten und -dozentinnen übersehen, die eher ein anachronistischer Teil der traditionellen Universitätsstruktur zu sein und keinen Platz in der neuen Reformuniversität zu haben scheint",

schreiben die Unterzeichner PD Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen und PD Dr. Wilfried Spohn.

"Eine solche weit verbreitete Sichtweise vergisst, dass diese hoch qualifizierte und zahlreiche Gruppe sehr wohl eine zentrale Funktion im Reformprozess der Berliner Universitäten wahrnehmen kann."

Die Angeschriebenen werden deshalb aufgefordert, mit der Reform des Berliner Hochschulgesetzes Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Potential dieser Gruppe für den universitären Reformprozess gezielt berücksichtigt.

Folgende strukturelle Maßnahmen werden gefordert:

"1. Die Einrichtung von altersunabhängigen Zeitprofessuren (W2) auf 4 Jahre mit 2 Jahren Verlängerungsmöglichkeit und der üblichen professoralen Lehrverpflichtung;

2.Die Einrichtung von altersunabhängigen Lecturer-Stellen im Angestelltenverhältnis entsprechend BAT lb oder II a mit Zeit- oder Dauerverträgen und einer leicht über der professoralen Lehrverpflichtung liegenden Anzahl von Semesterwochenstunden; und

3. die angemessene Bezahlung von Lehrkräften und Prüfungsleistungen nach westeuropäischen Standards (etwa um 4000 EUR pro Kurs und Semester)"

.....

"In allen westeuropäischen Ländern sind seit langem neben der regulären Professur altersunabhängige Stellen für Lehre und Forschung eingerichtet worden, um dieses hoch qualifizierte akademische Personal weiterbeschäftigen zu können."

Nach Angaben der Initiative gibt es allein in Berlin insgesamt etwa 850 Privatdozentinnen und -dozenten, bundesweit 4800.

"Die an deutschen Universitäten überkommene Institution der Privatdozentur ist von ihrer Intention her als Wartezeit zwischen Habilitation und Professur eingerichtet, in der die Habilitierten ihre Lehrbefugnis und Lehrbefähigung durch regelmäßige Lehre aufrechtzuerhalten verpflichtet sind... Doch bedingt durch die Verringerung der Professorenstellen bei gleichzeitigem Wachstum der Habilitierten kann nur noch ein Teil berufen werden, und wächst der Anteil der stellenlosen Privatdozentinnen und -dozenten ständig an..."

"Regulär eingestellte und bezahlte Privatdozentinnen und -dozenten können reguläre Professorinnen und Professoren in Routineaufgaben der Lehre erheblich entlasten; dies gilt vor allem auch für regelmäßig anzubietende Module in den neuen BA- und MA-Studiengängen. Zweitens könnten sie dort ihre außeruniversitären Praxiskenntnisse und internationalen Erfahrungen einbringen. Drittens sind sie in einem besonderen Maße an der Einwerbung von Drittmittel in der Forschung beteiligt",

heißt es in dem Brief.

B.

Offener Brief an den Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin Dr. Flierl, die Berliner Universitätspräsidenten und Fachschulrektoren.

Sehr geehrter Herr Senator,
sehr geehrte Präsidenten und Rektoren!

Die Berliner Universitäten unternehmen derzeit große Reformanstrengungen, die Studiengänge auf die neue BA- und MA- Struktur umzustellen und gleichzeitig Elitesegmente in der Forschung zu entwickeln. Bei diesen Reformanstrengungen unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen wird allerdings die Gruppe der Privatdozenten und -dozentinnen übersehen, die eher ein anachronistischer Teil der traditionellen Universitätsstruktur zu sein und keinen Platz in der neuen Reformuniversität zu haben scheint. Diese weit verbreitete Sichtweise vergisst, dass diese hoch qualifizierte und zahlreiche Gruppe sehr wohl eine zentrale Funktion in dem Reformprozess der Berliner Universitäten wahrnehmen kann. Wir fordern deshalb den Senat, die Universitätspräsidenten und Fachhochschuldirektoren des Landes Berlin öffentlich auf, mit der Reform des Berliner Hochschulgesetzes zugleich Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Potential dieser Gruppe für den universitären Reformprozess gezielt berücksichtigt.

Die an deutschen Universitäten überkommene Institution der Privatdozentur ist von ihrer Intention her als Wartezeit zwischen Habilitation und Professur eingerichtet, in der die Habilitierten ihre Lehrbefugnis und Lehrbefähigung durch regelmäßige Lehre aufrechtzuerhalten verpflichtet sind. Ursprünglich wurde diese Lehre durch Hörergelder entgolten, doch seit der Universitätsreform in den 1970er Jahren fiel diese Honorierung weg. Solange der Erwerb einer Professur nach einer solchen Wartezeit relativ aussichtsreich war, machte diese spezifisch deutsche Institution einen gewissen Sinn. Doch bedingt durch die Verringerung der Professorenstellen bei gleichzeitigem Wachstum der Habilitierten kann nur noch ein Teil berufen werden, und wächst der Anteil der stellenlosen Privatdozentinnen und Privatdozenten ständig an. Allein an Berliner Universitäten gibt es derzeit insgesamt etwa 850 solcher Privatdozentinnen und Privatdozenten, die zudem mit wachsendem Alter aufgrund der Berufung zunehmend jüngerer Professorinnen und Professoren immer geringere Chancen haben, eine reguläre Stelle zu bekommen. Diese Situation betrifft vor allem die Sozial-, Kultur-, Geistes- und Geschichtswissenschaften und vor allem Frauen. In der Konsequenz weichen viele Privatdozentinnen und Privatdozenten in andere Praxisbereiche aus, gehen ins Ausland, schlagen sich mit ihrem Privatvermögen durch oder stehen oft vor dem Nichts.

Dabei handelt es sich bei dieser Gruppe von Privatdozentinnen und Privatdozenten um einen im Schnitt äußerst hoch qualifizierten Personenkreis mit überdurchschnittliche Erfahrungen im Ausland und in der außeruniversitären Praxis. Sie würde deshalb gerade in der gegenwärtigen Reformphase der deutschen Universität dringend gebraucht. In allen anderen westeuropäischen Ländern sind seit langem neben der regulären Professur altersunabhängige Stellen für Lehre und Forschung eingerichtet worden, um dieses hoch qualifizierte akademische Potential weiterzubeschäftigen zu können. Besonders beispielhaft ist dabei das britische System, in dem es Stellen für Reader, Lecturer und Researcher in allen Altersstufen gibt, die Professoren dadurch von Routineaufgaben in Lehre und Forschung befreien. Dadurch wird eine deutlich bessere Betreuung der Studierenden erreicht. Nur in Deutschland - auch sonst inzwischen in vielem europäisches Schlusslicht - leistet man sich den irrationalen Luxus, eine wachsende Zahl hoch qualifizierter Kräfte für die eigenen Universitäten nicht zu nutzen. Dieser deutsche Sonderweg ist sowohl für die Betroffenen als auch für die deutschen Universitäten ein unhaltbarer Zustand, der einer Veränderung dringend bedarf.

Was die Berliner Universitäten angeht, könnten regulär eingestellte und bezahlte Privatdozentinnen und Privatdozenten vor allem folgende Funktionen wahrnehmen: Zum ersten könnten sie die regulären Professorinnen und Professoren in Routineaufgaben der Lehre erheblich entlasten; dies gilt vor allem auch für regelmäßig anzubietende Module in den neuen BA und MA Studiengängen. Zweitens könnten sie dort auch ihre außeruniversitären Praxiskenntnisse und internationalen Erfahrungen einbringen. Drittens könnten sie helfen, wichtige Disziplinen, die den Sparmaßnahmen der Universitäten zum Opfer fallen, aufrechtzuerhalten. Dies gilt etwa für die Soziologie, die in Berlin (trotz der nach wie vor über 2000 Studierenden an der FU) skandalöserweise als Diplomstudiengang im Grund- und Hautstudium ohne Ersatz durch einen BA Soziologie weitgehend abgeschafft wurde; doch könnte sie auf diese Weise zumindest als koordiniertes Nebenfach aufrechterhalten werden. Viertens könnte das Potential der Privatdozentinnen und Privatdozenten auch zur Entwicklung innovativer Wissenschaftsfelder genutzt werden: etwa der Ergänzung der vielfältigen Ausbildung in nichteuropäischen Sprachen und Kulturen an der FU und HU durch sozial- und politikwissenschaftlich fundierte interdisziplinäre Regionalstudien; als Beispiel möge nur der Aufbau von Ostasiatischen Studien angesichts der zunehmenden Bedeutung Chinas und des ostasiatischen Raums für Deutschland und Europa dienen.

Um das wissenschaftliche Potential von Privatdozentinnen und Privatdozenten in dieser oder einer anderen Weise zu nutzen, fordern wir den Berliner Senat, die Universitätspräsidenten und Fachhochschulrektoren auf, folgende strukturelle Maßnahmen zu ergreifen:

1. die Einrichtung von altersunabhängigen Zeitprofessuren (W2) auf 4 Jahre mit 2 Jahren Verlängerungsmöglichkeit und der üblichen professoralen Lehrverpflichtung;

2. die Einrichtung von altersunabhängigen Lecturer-Stellen (ev. auch Hochschuldozenturen genannt) im Angestelltenverhältnis entsprechend BAT Ib oder IIa mit Zeit- oder Dauerverträgen und einer etwas über der professoralen Lehrverpflichtung liegenden SWS; und

3. die angemessene Bezahlung von Lehraufträgen und Prüfungsleistungen nach westeuropäischen Standards (etwa um 4000 EUR pro Kurs und Semester).

Es ist an der Zeit, nicht nur bedauernd oder zynisch aber zugleich irreführend von der verlorenen Generation zu sprechen, sondern überholte Hochschulstrukturen zu verändern, um die jetzigen und zukünftigen Generationen von Privatdozentinnen und Privatdozenten im Interesse national und international attraktiver Berliner Universitäten und Hochschulen zu gewinnen.

Hochachtungsvoll

PD Dr. Elisabeth Meyer-Renschausen, PD Dr. Willfried Spohn


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