Nr. 2: Volker von Prittwitz, Programm 'Offene Universität' - Privatdozenten organisieren sich für leistungsfähige Forschung und Lehre.
Der Autor ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Ihnestr. 26, 14195 Berlin). Die Veröffentlichung der Denkschrift vom 18. Juli 2005 erfolgt mit Zustimmung des Autors zum Zwecke der Diskussion auch an dieser Stelle.
Problemsituation.
Das deutsche Hochschulsystem durchläuft zwar gegenwärtig die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiensysteme. Und auch in den vergangenen Jahrzehnten erlebte es einige organisatorische Änderungsversuche (Drittelparität, Aufwertung der Fachhochschulen, Präsidialstrukturen und anderes mehr). Die grundlegenden Herrschaftsstrukturen dieses Systems sind allerdings über Jahrhunderte bemerkenswert gleich geblieben:
- Die deutsche Universität ist - entgegen der üblichen Proklamation von Hochschulautonomie -traditionell staatlich finanziert und insoweit staatsabhängig. Finanzielle und organisatorische Eigenverantwortlichkeit im Rahmen dynamischer Steuerungssysteme sind ihr fremd und müssen, so überhaupt gewünscht, mühsam implantiert werden.
- Im Inneren werden die Universitäten durch Beziehungsnetzwerke beherrscht, in deren Mittelpunkt Verwaltungsangehörige und Hochschullehrer stehen, die auf Lebenszeit angestellt respektive berufen sind. Von untergeordneter bis fehlender universitätspolitischer Bedeutung sind demgegenüber die anderen universitätspolitischen Gruppen, die Studierenden, die Angehörigen des sogenannten akademischen Mittelbaus einschließlich der auf Zeit berufenen Juniorprofessoren, insbesondere aber die nichtetatisierten Hochschullehrer/innen, so die von Fall zu Fall mit Lehre beauftragten Lehrbeauftragten sowie die Privatdozenten (einschließlich der Honorarprofessoren und außerplanmäßigen Professoren), die ihre laufenden Lehr- und Prüfungsleistungen ohne Gehalt und ohne eigenen Etat erbringen.
Zusammen ergibt sich eine hochgradig asymmetrische Struktur, in der eine Akteursgruppe, die dauerhaft besoldeten Verwaltungsangehörigen und Hochschullehrer, über alle Ressourcen verfügen oder zumindest (qua Mehrheitsbeschluss) entscheiden. Diese Grundstruktur, die im Zeichen kleiner privilegierter Universitäten, deren Mitglieder samt und sonders gute Berufschancen hatten, ihren Sinn gehabt haben mag, stellt sich heute als Problem, ja als Unrechtssystem dar:
- Während die etatisierten Verwaltungsangehörigen und Hochschullehrer unabhängig von ihrer aktuellen Leistung feste Gehälter und Pensionen erhalten, werden die nicht etatisierten Hochschulmitglieder bei gleicher Qualifikation und gleichen Leistungen (pro Lerneinheit) mit symbolischen Zahlungen oder ohne jedes Entgelt abgespeist. Prüfungstätigkeiten werden verschiedentlich, so in Berlin, überhaupt nicht speziell vergütet, so dass nicht Etatisierte selbst diese Tätigkeit mit höchster Verantwortung für Absolventen, Universität und Arbeitsmarkt ohne Vergütung leisten. Der grundgesetzlich festgeschriebene Gleichheitsgrundsatz wird damit in Bezug auf einzelne Tätigkeiten (wie Lehr- und Prüfungsleistungen) in eklatanter Weise verletzt.
- Zwischen den extremen Ausprägungen der Festanstellung oder Nichtanstellung existieren im Hochschullehrerbereich in Deutschland kaum Zwischenbereiche, wie sie in anderen Ländern seit langem regulär sind (zum Beispiel die Lecturer-Position in Großbritannien). Die entstehende Spaltung zwischen Insidern und Outsidern ist für die betroffenen Privatdozenten ökonomisch verheerend, gruppendynamisch höchst prekär und für das gesamte Lehrsystem unproduktiv.
- Auch alle formellen Kompetenzen der Forschungssteuerung und Leitung von Forschungsprojekten liegen, unabhängig von der Autorenschaft der jeweiligen Forschungskonzepte und Forschungsanträge, ausschließlich bei Etatisierten. Wer auf keiner Hochschulstelle sitzt, kann keinen eigenständigen Forschungsantrag stellen. Hierdurch entsteht ein hinderlicher Flaschenhals bei der Beantragung und Durchführung von Forschungsprojekten. Vor allem aber kann sich kein offener Forschungs- und Lehrwettbewerb entwickeln, in dem alle Beteiligten dazu angeregt und in die Lage versetzt werden, ihre Potentiale für die Initiative, die Durchführung von Forschung und deren Umsetzung in anwendungsnahe Kontexte zu entfalten. Im Gegenteil: Müssen alle Ideen und Leistungen, die Studierende, akademische Mittelbauern oder Privatdozenten entwickeln, einer etatisierten Hochschullehrer-Figur zugeschrieben werden, so wirkt dies auf die Beteiligten in der Regel demotivierend. Dabei leiden selbst die als Gallionsfiguren fungierenden Hochschullehrer nicht selten unter der Überlast der meist hochgradig bürokratisierten Leitungsanforderungen der durch sie formell repräsentierten Forschungsprojekte.
Das heute in Deutschland bestehende Universitätssystem behindert damit, alles in allem, leistungsfähige Lehre und Forschung. Seine tiefgehende Ungleichheit, die durch es konservierten Privilegien passen nicht mehr in die moderne Gesellschaft, werden den anstehenden Herausforderungen nicht mehr gerecht. Unrecht wird damit zu Unproduktivität.
Strategische Situation.
Wie ist der Situation politisch zu begegnen? Notwendige Grundlage für Aussagen hierzu ist eine Analyse der strategischen Situation, das heißt insbesondere der Frage, unter welchen Bedingungen sich eine Bewegung entwickeln kann, das das überholte Privilegiensystem aus den Angeln hebt. Soziopolitische Bewegungen sind entgegen einer verbreiteten Auffassung kein einfacher Response objektiver Betroffenheit. Bewegungen kommen vielmehr üblicherweise dadurch zustande, dass sich zunächst individuelle Pioniere mit Sendungsbewusstsein engagieren, sich dann Akteure einschalten, die es verstehen, individuelle Betroffenheit mit einem allgemeinen Nutzenkalkül zu verbinden, und schließlich viele andere aus individuellen oder gruppendynamischen Motiven aufspringen. Entscheidend sind hierbei Kapazitätsbedingungen, die die Problemwahrnehmung und individuelle Beteiligung ermöglichen.
Im Fall der Hochschulsystem-Problematik erscheinen die Bedingungen für das Zustandekommen einer Bewegung bisher wenig günstig: Die meisten Privatdozenten sind nämlich durch die Angst, durch offene Kritik auch die letzten Berufschancen, etwa auf zeitweilige Lehrvertretungen, zu verlieren, als frühe Träger einer Privatdozentenbewegung praktisch ausgeschaltet. Hieran ändern auch Zeitschriften- und Zeitungsartikel über Privatdozenten nichts, solange in diesen weder die gegebene Ausbeutung noch mögliche Handlungsperspektiven des Widerstands diskutiert werden. Im Gegenteil: Perspektivlose Lamentos etwa über eine verschrottete Generation von Privatdozenten bestärken nur den Eindruck, die gegenwärtige Situation sei unveränderbar und damit hinzunehmen.
Auch die Chancen für eine mögliche Zusammenarbeit mit anderen Hochschulgruppen erscheinen bisher begrenzt:
- Die etatisierten Verwaltungsangestellten und Hochschullehrer betrachten schon den kleinsten Versuch der Etatisierung neuer Hochschulgruppen (wie Privatdozenten, Lehrbeauftragter) als eigene Bedrohung in einem potentiellen Verteilungskampf. Sie versuchen daher nach allen Regeln der politischen Kunst jede Initiative in dieser Richtung schon im Keim zu ersticken. Dies reicht von der gezielten Einbindung einzelner kurzzeitig aufmüpfiger Privatdozenten/innen, etwa über einzelne Stellenvergaben oder über die Vergabe des Professorentitels, über die konsequente informationelle Marginalisierung der Privatdozenten (keine Information überlaufende Forschung, Entscheidungsvorgänge, Verweigerung des Zugangs zu Adressen usw.) bis zur latenten Androhung von Nachteilen im Fall des Widerstands.
- Auch von Hochschulgruppen im Herrschaftsumfeld der etablierten Hochschullehrer, so mit festen Stellen versorgten Mittelbauern oder Juniorprofessoren, ist aufgrund ihrer objektiven Versorgungslage und/oder ihrer großen Abhängigkeit von herrschenden Netzwerken keine Unterstützung der Nichtetatisierten an der Uni zu erwarten.
- Die Studierenden könnten zwar durchaus erkennen, dass die Qualität ihres Studiums und ihrer Prüfungen in einem erheblichen Maß davon abhängen, dass das vorhandene Potential an Lehr- und Prüfungskräften genügend zu essen hat und motiviert ist. Andererseits besteht eine deutliche Spannung zwischen dem studentischen Interesse an einem gebührenfreien Studium und den Interessen der Privatdozenten an ordentlicher Entlohnung ihrer Tätigkeiten: Angesichts der chronischen Finanzschwäche der öffentlichen Hände sind die Universitäten nämlich zunehmend auf private Hochschulausgaben angewiesen, zu denen Beiträge der Studierenden gehören. Mit dem vor sich gehenden Stimmungswandels zugunsten von Studiengebühren-/Stipendien-Systemen verbessern sich aber die Chancen einer tragfähigen Zusammenarbeit zwischen Privatdozenten und Studierenden.
- Noch die größten Überschneidungsbereiche weisen die Interessenlagen der Lehrbeauftragten und der Privatdozenten auf: Zwar sind Lehrbeauftragte üblicherweise nicht habilitiert und haben häufig, anders als viele Privatdozenten, ein berufliches Standbein außerhalb der Universität. Unter dem Gesichtspunkt ihrer fehlenden Etatisierung beziehungsweise ihrer Marginalisierung im Hochschulbetrieb bilden sie aber mit den Privatdozenten zusammen eine Hochschulgruppe. An einzelnen Instituten, so dem Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin, wird traditionell mehr als die Hälfte der wissenschaftlichen Lehre von Privatdozenten und Lehrbeauftragten durchgeführt und dies ohne jede Etatisierung und geregelte Mitentscheidungsfähigkeit in den Instituts- respektive Fachbereichsgremien! Die Situation vieler Lehrbeauftragte gleicht insofern zunehmend der existentiell betroffener Privatdozenten, als immer mehr Lehrbeauftragte angesichts fehlender sonstiger Stellen bezahlte Lehraufträge als Existenzstütze benötigen. Gerade diese existentielle Abhängigkeit der einzelnen Lehrbeauftragten wiederum ist ihre größte Schwäche im Hinblick auf ihre aktive Beteiligung an einer oppositionellen Hochschulbewegung.
Programmziele und strategische Schlussfolgerungen.
Angesichts der dargestellten Situation erscheint mir die Öffnung des deutschen Hochschulsystems für einen freien Wettbewerb überfällig zu sein. Anstatt Hochqualifizierte, die jahrzehntelang studiert und geforscht haben, auszuschließen, sollten integrative Hochschulkonzepte realisiert werden, durch die alle qualifizierten Hochschulangehörigen ihre Lehr- und Forschungspotentiale aktivieren können. Grundlegend hierfür sind
- die sofortige Bildung von Hochschuletats für Privatdozenten und Lehrbeauftragte,
- die generelle Bezahlung von Lehraufträgen und Prüfungstätigkeiten in einer Größenordnung, die den jeweils Tätigen reelle Existenzschancen gibt,
- die Einrichtung differenzierter, flexibler Lehr- und Besoldungsstrukturen, insbesondere Teilzeitstrukturen, die ihren Trägern Existenzmöglichkeiten geben,
- das Recht für alle qualifizierten Hochschulangehörigen, Forschungsanträge frei einzureichen,
- das Recht für alle qualifizierten Akademiker, Forschungs- oder sonstige Institute zu gründen, mit deren Hilfe sie Forschung und Lehre betreiben können.
Diese Programmziele sollten möglichst rasch öffentlich, insbesondere unter Privatdozenten und Lehrbeauftragten, bekannt gemacht und diskutiert werden. Hierzu sind entsprechende öffentliche Erklärungen (offene Briefe, Presseerklärungen) und öffentliche Veranstaltungen im universitären Raum dienlich. In diesen Veranstaltungen können auch Angehörige anderer Hochschulgruppen Stellung nehmen. Besonders wichtig erscheint jedoch die intensive Kommunikation unter Privatdozenten und Lehrbeauftragten.
Zur Organisation dieses Kommunikationsprozesses sollte möglichst rasch eine Privatdozenten-Organisation, möglicherweise in Vereinsform, gegründet werden.
Berlin, 18. Juli 2005
Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Beiträge und Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW]: Christian Gizewski, EP: Christian.dizewski@tu-berlin.de.