Nr. 3: Volker von Prittwitz, Der Betteldozent.

Über den Skandal entgeltloser Lehre und Prüfungen an Universitäten.

Der Autor dieses Appells und Diskussionspapiers, Prof. Dr. Volker von Prittwitz, ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin (Otto-Suhr-Institut). Email: vvp@gmx.de. Homepage: http://www.volkervonprittwitz.de. Die Veröffentlichung erfolgt hier auf seinen Wunsch. D. Hg.


Wer qualifizierte Dienstleistungen erbringt, erhält hierfür üblicherweise ein Einkommen, von dem er leben kann. Dies gilt nicht nur für Angehörige freier Berufe, beispielsweise Rechtsanwälte oder niedergelassene Ärzte, sondern auch für sämtliche Angehörige des Staatsdienstes, beispielsweise Verwaltungsbeamte oder Lehrer. Geradezu selbstverständlich erscheint es deshalb, dass auch Träger des tertiären Bildungssektors, so Universitätsdozenten, ftir ihre besonders hoch qualifizierten Dienstleistungen in Forschung, Lehre und Prüfungen ausreichendes Einkommen erhalten.

Immerhin hat die Hochschulausbildung im internationalen Wettbewerb um Innovation, Ausbildungsqualität und Arbeitsplätze überragende Bedeutung. Die Studierendenzahlen sind jahrzehntelang gestiegen, die Hochschulen anhaltend überlastet, die Abbrecherrate an deutschen Universitäten ist weit zu hoch und der Akademikeranteil der deutschen Bevölkerung im Vergleich der konkurrierenden Spitzenländer immer noch gering. Parteien und Regierungen in Bund und Ländern übertreffen sich dementsprechend geradezu in Erklärungen und Ankündigungen verstärkter Bildungsförderung. Und in der politischen Öffentlichkeit hat sich ein breiter Konsens zugunsten verstärkter Bildungsinvestitionen entwickelt.

Gemessen an diesem Bildungskonsens erscheint die Wirklichkeit der Hochschullehre in Berlin und manch anderen Bundesländern geradezu als grotesk: Ein beträchtlicher Teil der Universitätslehre muss bisher ohne reguläre Bezahlung erbracht werden. So wird am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin ca. die Hälfte aller Lehrveranstaltungen nicht bezahlt, sondern hierfür lediglich auf Antrag eine symbolische Pauschale angeboten. Auslagen werden nicht ersetzt, und für ihre Prüfungsleistungen erhalten die mehr als 50% nichtetatisierten Angehörigen des Lehrkörpers keinen einzigen Cent! Trotz ihrer großen Zahl sind die nichtetatisierten Hochschuldozenten in keinem Universitätsgremium repräsentativ vertreten. Und die Daten über die Bezahlungssituation der Hochschullehre sind nicht offiziell zugänglich.

Die Folgen dieser Situation sind bislang kaum bekannt, aber verheerend: Ein wachsender Teil der nicht etatisierten Hochschulangehörigen ist dauerhaft auf Transferzahlungen von Arbeitsagentur, Sozialämtern oder privaten Einrichtungen angewiesen. Die erbrachten hochqualifizierten Leistungen in Forschung, Lehre und Prüfung können den jeweiligen Dienstleistern keinen eigenständigen Lebensunterhalt sichern. Ein Großteil der Hochschuldozenten wird damit zum Sozialfall mit der Perspektive Betteldozent.

Ältere Hochschullehrer, die nach jahrzehntelangen Studien und Forschungen über einen Schatz an Analysefähigkeit, Wissen und praktischen Erfahrungen in Forschung und Lehre verfügen, werden nach gängiger Ausschreibungspraxis völlig vom Zugang zu bezahlten Stellen im Hochschulbetrieb ausgeschlossen. Die Spannung zwischen ihren Fähigkeiten respektive ihrem Ansehen unter Studierenden und Kollegen einerseits und ihrer materiellen Armutssituation kann so stark zunehmen, dass es zu psychischen Ausfällen kommt. Viele der Betroffenen bekennen sich angesichts der beschämenden Armutssituation oder Armutsperspektive nicht zu ihrer Situation, leiden aber enorm bis hin zur Suizidgefahr.

Werden Leistungen aus Forschung, Lehre und Prüfungen entgeltlos angeeignet, so kann dies im Einzelfall zu einer zeitweisen Trotzreaktion mit verstärkten Anstrengungen führen. Auf Dauer und im Regelfall verringert sich aber hierdurch die Bereitschaft zu engagierter Lehre und innovativer, konstruktiver Forschung. Wertvolle Lehr- und Forschungskapazitäten zerfallen. Die Betreuung studentischer Ausbildung und Abschlussarbeiten in der Massenuniversität wird noch zufälliger und chancenärmer; die Abbruchraten im Studium wachsen weiter an, usw. Angesichts dieser dramatischen Situation helfen keine Beschwichtigungen und keine diffusen bildungspolitischen Förderungsprogramme. Vielmehr sind rasche, energische Änderungen der Hochschullehre und ihrer Infrastrukturbedingungen nötig:

1. Nicht nur die Tätigkeit im Rahmen etatisierter Stellen, sondern jede an einer Hochschullehre erbrachte Leistung in Lehre und Prüfung muss leistungsgerecht bezahlt werden. Hierzu sind kurzfristig konkrete Forderungen zu begründen und an die zuständigen Institutionen zu richten.

2. Die Notwendigkeit einer ausreichenden Kapitalisierung des Hochschulbetriebs muss nicht nur Politikern, insbesondere Finanzpolitikern, sondern auch den Studierenden deutlich gemacht werden. Studiengelder haben ihren primären Sinn darin, dass die Hochschullehre, die ja den Studierenden unmittelbar zugute kommt, ausreichend finanziert wird.

3. Die Verwendung von Haushaltsmitteln der Universitäten muss bis auf die Institutsebene für alle Universitätsangehörige, hierbei auch für die nichtetatisierten Hochschuldozenten/innen, transparent gemacht werden. Insbesondere deutlich gemacht werden müssen die Bestands- und Flussgrößen der Mittelverausgabung für Hochschullehre und Hochschulforschung einerseits und die Hochschulverwaltung andererseits.

4. Erscheinungen von Selbstbedienungsmentalität und Geldverschwendung sind konsequent aufzuklären und zu sanktionieren.

5. Die nichtetatisierten Hochschulangehörigen haben ein Anrecht auf eine repräsentative interessenpolitische Vertretung auf allen Ebenen der Hochschule.

6. Die nichtetatisierten Hochschulangehörigen der Berliner Hochschulen, später auch Vertreter/innen der nichtetatisierten Hochschulangehörigen aller Bundesländer sollten sich baldmöglichst treffen, um über die Situation und anstehende Maßnahmen zu beraten und zu beschließen. Als eine mögliche Handlungsperspektive sollte dabei ein Boykott nichtbezahlter Lehre und Prüfungen einbezogen werden.

7. An alle Parlamentsparteien auf Bundes- und Länderebene sollten baldmöglichst Wahlprüffragen im Sinne der genannten Forderungen geschickt werden.

8. Angaben zur Problemsituation und zu möglichen Initiativen sollten baldmöglichst politischen Fernseh-, Print- und Rundfunkmagazinen zugänglich gemacht werden.


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