Nr. 9: Volker von Prittwitz, Wissen Sie, was Ausbeutung ist? Über den Skandal entgeltloser Lehre und Prüfungen an Universitäten.

Dieses Papier stellt eine im Januar 2006 vorgenommene Modifikation des im Sommer 2005 auch in diesem Diskussionsforum veröffentlichten Papier des Autors " Der Betteldozent. Über den Skandal entgeltloser Lehre und Prüfungen an Universitäten"; Nr. 3) dar. Dieser ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin (Otto-Suhr-Institut). Email: vvp@gmx.de. Homepage: http://www.volkervonprittwitz.de. D. Hg.


Daß Universitätsdozenten für ihre Leistungen in Lehre, Forschung und Prüfungen ausreichendes Einkommen erhalten, erscheint selbstverständlich. Sie tragen Verantwortung gegenüber den Studierenden, die sie nicht nur qualifiziert ausbilden, sondern auch angemessen betreuen sollen. Und im internationalen Wettbewerb um Ausbildung, Innovation und Arbeitsplatzchancen haben Forschung und Lehre anerkanntermaßen überragende Bedeutung.

Was allerdings ist noch selbstverständlich in Deutschland? Ein vergleichsweise niedriger Akademikeranteil in der Bevölkerung, weit überdimensionierte Kursteilnehmerzahlen, lange Studien- und Prüfungszeiten und eine viel zu hohe Rate von Studienabbrechern zeigen, dass die Hochschullehre mit der sie fundierenden Forschung dramatisch zu gering bewertet wird. Krassester Ausdruck dieser Geringschätzung ist die geradezu groteske „Bezahlungs“-Praxis an den Berliner Hochschulen: Hochschuldozenten, die auf keiner Planstelle sitzen, erhalten für die von ihnen erbrachten Lehrveranstaltungen nur als Hohn zu bezeichnende symbolische Pauschalen von ca. 150 Euro für sechs Monate („unbezahlt“) respektive 670 Euro für sechs Monate („bezahlt“). Für ihre Prüfungsleistungen sehen sie keinen einzigen Cent! Mit diesen Pauschalen gelten auch alle Auslagen oder anfallenden Kosten als abgegolten. Zu dieser unfassbaren Ausbeutung paßt, daß nichtetatisierte Hochschullehrer/innen in keinem Universitätsgremium repräsentativ vertreten sind und keine Daten über die Proportionen zwischen bezahlter und unbezahlter Lehre und Forschung veröffentlicht werden.

Angesichts dieser dramatischen Ausbeutungs-Situation nehmen wir keine Beschwichtigungen und keine diffusen bildungspolitischen Förderungsprogramme mehr hin. Vielmehr fordern wir rasche, energische Änderungen:

1. Die Leistungen der nicht etatisierten Hochschullehrer/innen in Forschung und Lehre müssen explizit anerkannt werden. Dementsprechend haben alle an der Universität Lehrenden ein Anrecht auf angemessene Arbeitsbedingungen und eine repräsentative Vertretung auf allen Ebenen der Hochschule. Diese Vertretungen sind demokratisch zu wählen.

2. Jede an einer Hochschullehre erbrachte Leistung in Lehre und Prüfung muss angemessen bezahlt werden. Hierbei sind nicht nur die gehaltenen Lehrveranstaltungen an sich, sondern auch die notwendigen Vorbereitungs- und Betreuungsleistungen angemessen zu berücksichtigen.

3. Die Stellenstruktur an den Hochschulen muss gründlich flexibilisiert werden. Neben klassischen Professorenstellen schlagen wir die Einrichtung von Dozenten (Lecturer)-Stellen vor.

4. Forschungsmittel müssen von allen durch einen Studienabschluss qualifizierten Hochschulangehörigen frei, nach eigenem Ermessen und in eigener Verantwortung beantragt werden können. Forschungs- und Beratungsinstitute müssen frei gegründet werden können.

5. Altersdiskriminierende Regelungen (keine Berufungsmöglichkeit ab 52 Jahren) verstoßen gegen die Menschenwürde und den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes und erscheinen angesichts der geplanten Anhebung des Rentenalters als in hohem Maße zynisch. Sie sind ab sofort abzuschaffen und, sofern informell gehandhabt, zu sanktionieren.

6. Die Verwendung von Haushaltsmitteln der Universitäten muss bis auf die Institutsebene für alle Universitätsangehörige, hierbei auch für die nichtetatisierten Hochschuldozenten/innen, transparent gemacht werden. Erscheinungen von Selbstbedienungsmentalität und Geldverschwendung sind konsequent aufzuklären und zu sanktionieren.

Sollten die verantwortlichen Hochschul- und Senatsgremien unsere Rechte weiterhin mit Füßen treten, werden wir den nichtetatisierten Hochschullehrer/innen in Berlin nach entsprechenden Abstimmungen einen Lehr- und Prüfungsstreik der vorschlagen. Hierbei hoffen wir auf die Unterstützung der Studierenden und der Öffentlichkeit.


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