AHWBerlin

Memorandum zur Reform der Habilitation in Bayern.

Von der Bayerischen Rektorenkonferenz am 19. Juli 2002 einstimmig beschlossen.*)

Das nachfolgend wiedergegebene 'Memorandum zur Reform der Habilitation in Bayern' der Bayerischen Rektorenkonferenz enthält verschiedene angesichts der 'Unausgewogenheit' der 5. Hochschulrahmenrechtsnovelle des Bundes nötige und sinnvolle Alternativüberlegungen zur Fortentwicklung der Habilitation, von denen anzunehmen ist, daß sie in nächster Zeit friktionslos in die Gesetzgebungspraxis des Bayrischen Landeshochschulgesetzgebers eingehen werden. Auch in anderen Ländern der Bundesrepublik ist dieser Weg des Landesgesetzgebers denkbar.

Daneben bleibt zu hoffen, daß das genannte Bundesgesetz wegen seiner offenkundigen wissenschaftsverfassungsrechtlichen Bedenklichkeit - d. h. wegen des beabsichtigten faktischen Ausschlusses und der öffentlichen, nicht nur unsachlichen, sondern auch praktisch evtl. folgenreichen Herabwürdigung der Habilitation als Professorenqualifikation - in den durch einige Länder eingeleiteten Klageverfahren der Kassation durch das Bundesverfassungsgericht anheimfallen wird.

Die durch die gegenwärtige Hochschulrahmengesetzgebuung des Bundes generell beeinträchtigten nichthabilitierten Wissenschaftler sollten jedoch ggf. auch daran denken, bei einer ihnen rechtlich nicht zu verwehrenden Bewerbung um ausgeschriebene 'Juniorprofessuren 'ggf. verwaltungsgerichtliche Konkurrentenklage zu erheben, wenn sie im Vorfelde oder im Verfahren der Auswahl nicht berücksichtigt werden. Ebenso sollten habilitierte Wissenschaftler bei der ihnen rechtlich nicht zu verwehrenden Bewerbung um Professuren, die - ob ausgeschrieben oder nicht - in rechtlich problematischer Weise eine Zweckwidmung für die 'Übernahme von Juniorprofessoren' haben, an eine verwaltungsgerichtliche Konkurrentenklage denken, wenn sie im Vorfeld oder im Verlaufe der Bewerberauswahl nicht zum Zuge kommen.

Christian Gizewski, im Nov. 2002.

Leitgedanke.

Die Reformidee besteht in der Förderung der frühen akademischen Selbständigkeit des künftigen Hochschullehrer-Nachwuchses in Verbindung mit einer möglichst objektiven Bewertung der Leistungen. In der nachfolgend vorgeschlagenen Habilitationsreform hat das personenbezogene Fachmentorat eine zentrale Bedeutung. Das Engagement und der Schutz dieses Ausschusses fördern den Erfolg des Habilitanden auf dem Weg zur Hochschulprofessur. Die Arbeit der Mentoren soll auf die Förderung des Habilitanden und auf das Ziel einer erfolgreichen Habilitation ausgerichtet sein. Die Mentoren sollten ihren Auftrag als Verantwortung gegenüber sich selbst, der Wissenschaft, der Universität wie auch dem Habilitanden sehen. Sollten zu einer Fragestellung bezüglich des Verhältnisses Mentorat - Habilitand keine Aussagen gemacht sein, so wird von einer Regelung im Geiste dieses Leitgedankens ausgegangen.

I. Anlass.

Neben die Habilitation als die klassische Form der "Lehrbefähigung" an den deutschen Universitäten sind neuerdings weitere Modelle der Qualifikation für eine Professur getreten. Die sog. "Juniorprofessur" und "tenure track"-ModelIe stehen im Vordergrund der hochschulpolitischen Diskussion. Daneben gibt es spezielle Exzellenzprogramme von DFG, MPG und Stifterverband. Die Bayerische Rektorenkonferenz begrüßt die Vielfalt der Qualifikationswege und sieht in deren Einengung durch die 5. Novellierung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) eine Gefahr für die Vielfalt und Eigenständigkeit der Fächer.

Eine Untersuchung des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung 1) hat die Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung, aber auch einer Reform der Habilitation verdeutlicht. Einerseits ist für viele Fakultäten die Habilitation bei der Auslese und Qualifizierung des Hochschullehrernachwuchses heute noch von Gewicht. Andererseits tritt die Habilitation um so mehr in den Hintergrund für Disziplinen, je stärker sie sich an der englischsprachigen Scientific Community orientieren. Auf die Mathematik, die Informatik und die Naturwissenschaften trifft dies in besonderer Weise zu. Im Ingenieurwesen ist die Habilitation schon heute von geringer Bedeutung.

Speziell im Gefolge der Bologna-Erklärung über den europäischen Hochschulraum ist der Eindruck entstanden, als sei mit einer Anpassung der Bezeichnungen und Voraussetzungen von akademischen Abschlüssen eine echte Internationalisierung schon erreicht. In diesem Sinne werden zwar in der 5. Novellierung des HRG die Qualifikationsmerkmale für Hochschullehrer abschließend aufgezählt, aber ohne die Habilitation. Ohne die Vorteile der Juniorprofessur und von tenure track-Modellen speziell für technische und experimentelle Fächer in Frage zu stellen, ist die Habilitation für die Mehrzahl geistes- und staatswissenschaftlicher Fächer eine Qualifikationsform, die zwar typisch für den deutschsprachigen Raum ist, aber für diese Fächer auch international hohe Bedeutung hat.

Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, die Habilitation so weiterzuentwickeln, daß diese bewahrt, aber in ein zeitgemäßes hochschul- und personalrechtliches Konzept eingepaßt wird. Dadurch sollen Zielgerichtetheit, Effizienz und wissenschaftliche Selbständigkeit der Habilitation sichergestellt werden, nicht zuletzt um den Forderungen des Wissenschaftsrates aus dem Jahre 1996 Rechnung zu tragen. Die Habilitation soll damit als spezifische Qualifikationsform grundsätzlich erhalten bleiben, ohne jedoch neuere Ansätze zu behindern.

II. Reformgrundzüge.

Die Habilitation gehört neben der Berufung zu den Instrumenten der wissenschaftlichen Selbstergänzung der Universitäten. Sie ist eine der vornehmsten Aufgaben der Universitäten; deren besondere Verantwortung für die Spitze des wissenschaftlichen Nachwuchses gilt es vom Beginn des Verfahrens an zu institutionalisieren und zu stärken. Der Sinn der Habilitation besteht darin, den für eine Hochschullehrerlaufbahn besonders qualifiziert erscheinenden Nachwuchs frühzeitig an die selbständige eigenverantwortliche Wahrnehmung von Aufgaben in Lehre und Forschung heranzuführen. Gleichzeitig soll die akademische Nachwuchsförderung auf hohem Niveau vorgelebt werden, denn auch hierzu sind die Professorinnen und Professoren der Universitäten verpflichtet. Eines der Reformziele ist die deutliche Senkung des Habilitationsalters.

Der Reformvorschlag der Bayerischen Rektorenkonferenz stellt sich im Vergleich zur klassischen Habilitation wie folgt dar:

Alt
Neu
Einseitige Personenbindung Mentorat in Fakultätsverantwortung
Kein Förderanspruch Drittmittelähige Grundausstattung durch Universität / Fakultät(en)
Kein Recht auf selbständige akademische Lehrtätigkeit Übertragung selbständiger eigenverantwortlicher Lehraufgaben durch die Fakultät im Einvernehmen mit dem Mentorat
Offene Zeitskala Abschluss nach vier Jahren
Keine Zwischenevaluierung Zwischenevaluierung nach 2 Jahren unter Verantwortung des Mentorats mit Empfehlungen an Habilitanden und Fakultät
Abschließendes Prüfungsverfahren mit "Probevorlesung" und wissenschaftlichem Vortrag Abschließendes Prüfungsverfahren entfällt

Die Reformziele sollen wie folgt erreicht werden:

Gegenstand der Habilitation im Forschungsbereich sind gleichberechtigt entweder die Erstellung des "zweiten großen Buches" oder einer Mehrzahl von Fachpublikationen mit vergleichbarem wissenschaftlichem Gewicht. Gleichzeitig erfolgt eine systematische und wissenschaftsgeleitete Qualifizierung in der akademischen Lehre und die Einarbeitung in die aktuellen Unterrichts- und Lerntechniken mit fortlaufenden Nachweisen.

Die Universitäten unterstützen von Beginn an aktiv den Habilitationsprozess. Die Fakultäten stellen die prozeßbegleitende Evaluation der Habilitationsprojekte durch die Einsetzung einer Mentorengruppe ("Fachmentorat") sicher; diese soll nach den Gesichtspunkten der fachspezifischen und der interdisziplinären Kompetenz zusammengestellt werden.

Die Habilitation soll nach vier Jahren mit der Erteilung der Lehrbefähigung und Lehrbefugnis abgeschlossen sein 2). Das Fachmentorat veranlaßt dazu die dem betreffenden Fach adäquate wissenschaftliche Begutachtung.

Nach erfolgreichem Abschluß erfolgt die Ernennung zum Universitätsdozenten.

Erfolgreich Habilitierten soll bis zur Ausschöpfung des gesetzlich maximalen Zeitraums 3) die Chance gegeben werden, sich von ihrer Stelle aus auf Professuren zu bewerben.

Zur praktischen Umsetzung werden folgende Maßnahmen vorgeschlagen:

Die Fakultät setzt ein personenbezogenes Fachmentorat aus drei bis vier Mitgliedern ein, möglichst auch aus einer anderen Hochschule. Dabei soll eines der Mitglieder nicht dem Fach i.e.S. angehören; ihm obliegt insbesondere die Wahrung der interdisziplinären Belange. Der Habilitand besitzt ein Vorschlagsrecht bei der Besetzung dieses Ausschusses. Das Fachmentorat handelt namens und im Auftrag der Fakultät. Die Fakultät überträgt dem Habilitanden im Einvernehmen mit dem Fachmentorat die selbständige eigenverantwortliche Wahrnehmung von Aufgaben in Forschung und Lehre.

Das Fachmentorat übernimmt eine Vertrauens- und Schutzfunktion für den Habilitanden. Es legt im Benehmen mit dem Habilitanden im Rahmen einer Zielvereinbarung zwischen Habilitand, Fakultät und Universität Art sowie Umfang der für eine Habilitation notwendigen Leistungen für Wissenschaft und Lehre fest. Es unterstützt den Habilitanden bei der Umsetzung dieser Anforderungen. Es begleitet gleichgewichtig den Fortgang der Qualifikationsleistungen in Forschung und Lehre. Nach zwei Jahren findet eine Zwischenevaluation statt. Der Mentorenausschuß berichtet der Fakultät und teilt dem Habilitanden eine Empfehlung mit. Gelangt er dabei zum Ergebnis, daß die Ziele des Habilitationsverfahrens voraussichtlich nicht erreicht werden, so empfiehlt er die Beendigung der Förderung und gibt das Mentorat an die Fakultät zurück. Sind die für die Habilitation notwendigen Leistungen nach seiner Einschätzung innerhalb der o.g. Frist erbracht, beantragt er - unbeschadet des Antragsrechts des Habilitanden - die Erteilung der Lehrbefähigung und -befugnis.

Die Habilitation erfolgt nach Maßgabe der verfügbaren Personalstellen auf einer befristeten Universitätsstelle, auf einer geeigneten Drittmittelstelle oder einer Stipendiatenstelle. Der Befristungsrahmen soll eine vierjährige Habilitation und nachfolgend eine Bewerbungsphase innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen erlauben.

Der Habilitand erhält im Rahmen der verfügbaren Mittel eine drittmittelfähige Grundausstattung zur Durchführung der für seine Qualifizierung notwendigen Vorhaben. Sie wird bei Beginn der Habilitation mit dem Mentorat unter Mitwirkung des Dekans vereinbart.

Die Dienstleistungen des von der Fakultät geförderten Habilitanden werden - unbeschadet der Einhaltung der mit der Stelle verbundenen Lehrverpfiichtung - der rechtzeitigen Erreichung des Habilitationsziels angepasst. Die Fakultät berücksichtigt die Tatsache der Habilitation im Rahmen der leistungsbezogenen Mittelzuteilung und gleicht ggf. dadurch entstehende Defizite bei den wissenschaftlichen Dienstleistungen des Lehrstuhls bzw. Instituts im Rahmen der verfügbaren Mittel aus.

III. Umsetzung.

Die Bayerische Rektorenkonferenz empfiehlt ihren Mitgliedern und den politisch Verantwortlichen eine rasche Umsetzung dieser Empfehlungen. Die konkurrierenden Modelle für den Zugang zur Professur, insbesondere die "Juniorprofessur", sind bereits etabliert und z.T. gesetzlich verankert. Deshalb kann die Neugestaltung der Habilitation nicht länger aufgeschoben werden. Auch haben die Nachwuchswissenschaftler, die sich für eine Habilitation entschieden haben oder noch entscheiden wollen, Anspruch auf baldige Klarheit über die Rahmenbedingungen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten an der Universität.

Die Bayerische Rektorenkonferenz legt dem Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst nahe, im Rahmen der laufenden Haushaltsverhandlungen auf die Schaffung von Stellen für neuartige Qualifikationsverfahren zu drängen. Außerdem macht eine wettbewerbsfähige Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bessere Arbeitsmöglichkeiten im Sinne personeller und sächlicher Ausstattung erforderlich.

Dieser Empfehlung folgt bis 15. Oktober 2002 eine Mustersatzung für eine Rahmenhabilitationsordnung der bayerischen Universitäten, die nur wenige fachspezifische Teile enthält. Die Bayerische Rektorenkonferenz empfiehlt ihren Mitgliedern, eine Rahmenhabilitationsordnung nach diesem Muster rasch in den dafür zuständigen zentralen Organen beschließen zu lassen. Die Ausfüllung durch die Fakultäten könnte dann sehr schnell erfolgen. Übergangsweise sollten die geltenden Habilitationsordnungen im Sinn der oben stehenden Reformvorschläge ab sofort vollzogen werden, soweit zwingende Vorschriften nicht entgegenstehen.

Die Bayerische Rektorenkonferenz empfiehlt ferner, durch eine Änderung des Bayerischen Hochschulgesetzes umgehend die notwendigen Voraussetzungen für die Etablierung von Modellen zu schaffen, die unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Fächerkulturen den herausragenden wissenschaftlichen Nachwuchs für eine Hochschullehrerlaufbahn optimal qualifiziert. Hierfür sollen die notwendigen untergesetzlichen Folgeänderungen vorgenommen werden. Es wird ferner empfohlen, die hier formulierten Kriterien auch auf vergleichbare Qualifizierungswege zu übertragen, wie z.B. das Emmy-Noether-Programm der DFG, VW-Nachwuchsforschergruppen, DFG- bzw. Max-Planck-Forschergruppen, Forschungs-Dozenturen des Stifterverbands und ähnliche Programme zur Förderung des Hochschullehrernachwuchses.

Für die Bayerische Rektorenkonferenz:

gez. Prof. Wolfgang A. Herrmann Vorsitzender

ANMERKUNGEN.

* Die Bayerische Rektorenkonferenz ist der Zusammenschluß der elf bayerischen Universitäten: Universität Augsburg, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Universität Bayreuth, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Ludwig-Maximilians-Universität München, Technische Universität München, Universität der Bundeswehr München, Universität Passau, Universität Regensburg, Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

1 E. Berning, L. v. Harnier, Y. Hofmann, Das Habilitationswesen an den an den Universitäten in Bayern - Praxis und Perspektiven, München 2001; vgl. E. Beming, Die Habihtation ersatzlos abschaffen ?, in: in: Forchung&Lehre' Heft 4/2001, S. 188-190.

2 Dies bedeutet in der Folge, dass die Promotionszeit nicht mehr als drei Jahre betragen soll.

3 Die Gesamtdauer der Promotion, einer evtl. anzurechnenden Postdoktorandenzeit, der Habilitation und der Bewerbungsphase darf nicht mehr als 12 Jahre (Klinische Fächer 15 Jahre) betragen. Bei gesetzlichen Ändeningen tritt die entsprechende Neuregelung in Kraft. Erziehungszeiten von i.d.R. 2 Jahren sollen auf die Habilitationsdauer nicht angerechnet werden.


Bearbeitung für des Internet: Christian Gizewski. -Verantwortlich für die redaktionelle Gestaltung aller Beiträge und Mitteilungen im Rahmen der WWW-Seite [http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW]: Christian Gizewski, EP christian.gizewski@ tu-berlin.de