Nr. 4: Folgerungen aus der 'Karpen-Studie 1986'*.

Zu den Referatstexten

I. Für die Jahre 1980 - 1985 wurden vom Statistischen Bundesamt 5 914 Habilitationen gezählt. Die Erhebung der 'Karpen-Studie' erfaßte davon 4 603 ( = ca. 76 %). Für 3655 Habilitationen (= ca. 60 % von 5 914) wurden auf den rücklaufenden Fragebögen Angaben gemacht. Bei gut 1 % der rücklaufenden Angaben gab es Ungewißheit über den beruflichen Verbleib der Habilitierten.

Das heißt: es existierte eine 'Grauzone unbekannter Fälle' von mehr als 40 % in der Gesamtgruppe der statistisch belegbaren Habilitationen. Sie besteht auch heute und umfaßt schätzungsweise mehrere tauende Habilitierte. Sie sollte sinnvollerweise eingehend untersucht werden, was bis heute nicht geschah.

II. Auf Lebenszeitprofessuren befanden sich 736 (= 20, 1 % ) der durch Informationen bekannten Habilitierten (3655). Auf anderen unbefristeten wissenschaftlichen Dauerstellen befanden sich 673 (= 18,4 % von 3655). Als im wissenschaftlichen Bereich gesichert berufstätig konnten demnach nur 38,5 % angenommen werden.

Das bedeutet, daß nur gut ein Drittel der für den Hochschullehrerberuf ausgebildeten und uneingeschränkt geeigneten Wissenschaftler - in angemessener Zeit ihr berufliches Ziel erreichte und ihr wissenschaftliches Können unbehindert einsetzen konnte. Heute ist dieser Anteil als erheblich höher einzuschätzen. Auch dies bedarf daher einer erneuten Untersuchung.

III. Außerhalb der Wissenschaft waren nur 126 (= 3,5 % von 3655) als berufstätig bekundet.

Das läßt darauf schließen, daß die Habilitation 'paradoxerweise' aus personenbezogenen, Markt- und sonstigen Gründen für Berufstätigkeiten außerhalb des Wissenschaftsbereichs eine im ganzen ungünstige Voraussetzung darstellt. Daran dürfte auch die Hochschulrahmenrechts-Novelle nichts ändern.

IV. Als beruflich insgesamt gesichert konnten ( nach P. 2 und 3) nur 42 % von 3655 bekannten Fällen gelten. Als beruflich ungesichert kamen demgegenüber 58 % (von 3655 bekannten Fällen) in Betracht. Zusätzlich dazu ist ein größerer, aber ohne zusätzliche emprische Untersuchung nicht genauer bestimmbarer Teil aus der oben zu 1. erwähnten 'Grauzone unbekannter Fälle' hier einzustellen.

Das bedeutet auch heute: Zur langjährigen Form der Lebensführung vieler habilitierter Wissenschaftler gehören verschiedenartige vorübergehende und insgesamt unangemessen honorierte Erwerbstätigkeiten, die eine Lebensplanung, eine soziale Absicherung und vor allem eine kontinuierlich projektierte Wissenschaftstätigkeit in dem für Habilitierte durchschnittlichen, schon vorgerückten Lebensalter oft erschweren .

V. Arbeitslos gemeldet waren nur 73 (= 2% von 3655) durch Auskünfte bekannter Habilitierter.

Das läßt vor allem darauf schließen, daß die normale arbeitsamtliche Vermittlung auf dem sog. '1. Stellenmarkt' außerhalb des Wissenschaftsbetriebs wegen dortiger Karrieremuster und Sparmotive (siehe III.) und innerhalb des Wissenschaftsbetriebs wegen fehlender Stellen selten zu einem Erfolg führt (anders als zeitweilig die - allerdings nur begrenzt wirksamen und im liberal-wirtschaftlichen Sinne 'systemfremd' eingesetzten - 'Berufsintegrationsmaßnahmen' für ältere Wissenschaftler und die nach der Wiedervereinigung in großem Maßstabe organisierten - befristeten - ABM-Programme für 'freigesetzte' Wissenschaftler aus dem früheren DDR-Bereich). Ferner bedeutet der Befund der 'Karpen-Studie', daß man die heutigen Zahlen arbeitslos gemeldeter Habilitierter mit einem Faktor von mindenstens etwa 10 zu multiplizieren hat, um die Größenordnung des Gesamtptroblems ungesicherter Habilitierter ungefähr abzumessen.

* Quelle: Ulrich Karpen, Manfred Borchert, Bruno W. Reimann, Dieter Mross, Zur Lage des habilitierten wissenschaftlichen Nachwuchses, Forum des Hochschulverbandes Heft Nr. 40, Bonn-Bad Godesberg Dez. 1986. Zusammenfassung: Christian Gizewski.


Verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung der hier veröffentlichten Beiträge: Christian Gizewski, EP: christian.gitewski@tu-berlin.de .