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Probleme einer 'qualifizierten Wissenschaftlerarbeitslosigkeit': das Bemühen der 'Betroffenen' und die Ergebnisse der Selbstorganisation.

ÜBERSICHT:
I. Begriffsklärung: Die Problemgruppen 'Betroffener'.
II. Begriffsklärung: Die Arten der Probleme.
III. Das Umfeld der heutigen Probleme der Nichteinsetzbarkeit wissenschaftlicher Hochqualifikationen.
IV. Zur historischen Entwicklung der Habilitierten-Probleme.
V. Forderungen und Anregungen der Habilitierten-Kongresse und -tagungen seit 1990.

Dies ist der ausgearbeitete Text eines Referats, das auf der vom Institut Technik - Theologie - Naturwissenschaften der LMU München mitveranstalteten Tagung 'Mittendrin kommt das Aus. Beschäftigunschancen in den Biowissenschaften' (22./23. Okt. 1997) in der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten wurde. Zusammen mit den anderen Vorträgen der Tagung wird der Text wahrscheinlich in eine Tagungsveröffentlichung eingehen (Tel: 08158/251-124; FAX: 08158/996424).

 

I. Begriffsklärung: Die Problemgruppen 'Betroffener'.

Berufliche Unsicherheit, Einkommenslosigkeit, fehlende soziale Sicherung und gar Arbeitslosigkeit sind Probleme, die Wissenschaftler in entsprechender Lage mit jeweils einer großen Zahl anderer 'Betroffener' gemeinsam zu tragen haben, und insoweit sind ihre Probleme immer in den größeren Zusammenhängen zu sehen, in die sie gehören.

Allerdings ist die Zahl der 'betroffenen' Wissenschaftler - auch für sich genommen - nicht etwa unbeachtlich, und insbesondere wenn man sie einmal nicht primär als soziales, sondern als ein wissenschaftsstrukturelles und 'wirtschaftlich-standortbezogenes' Problem der Nicht-Nutzung vorhandener Hochqualifikationspotentiale betrachtet, ist es sinnvoll, sie auch für sich zu untersuchen und auf ihre Implikationen für die gesellschaftliche Entwicklung zu bedenken.

Zu den sinnvollerweise in einem solchen Zusammenhang zu erörternden Katergorien 'Betroffener' gehören die folgenden:

1. Die 'ungesicherten' Privatdozenten und außerplanmäßigen Professoren.
2. Die aus befristeten Mittelbaustellen entlassenen (habilitierten und sonst hochqualifizierten) Wissenschaftler .
3. Die in neues Hochschulrecht übergeleiteten habilitationsähnlich qualifizierten Wissenschaftler ohne Professorenstatus aus dem vormaligen DDR-Bereich.
4. Die stellungslos gewordenenen professorierten Wissenschaftler aus dem vormaligen DDR-Bereich.
5. Die stellungslos gewordenen hochqualifizierten Wissenschaftler ohne Habilitation oder ähnliche akademisische Graduierung aus der wissenschaftsnahen Praxis (West) und aus dem Bereich der Akademien und der Industrieforschung der früheren DDR.
 

II. Begriffsklärung: Die Arten der Probleme.

Bei der Übersicht über die Probleme, um deren Erörterung es bei der Frage nach den Faktoren und den Lösungsansätzen für heutige 'Wissenschaftlerarbeitslosigkeit' - in einem weiten Sinne gefaßt - geht, ist es sinnvoll, eine Aufgliederung vorzunehmen, die die Konzentration auf größere, die Gesamtentwicklung der Wissenschaftsbereiche betreffende Perspektiven erlaubt, ohne die persönlichen Schwierigkeiten, Enttäuschungen und Entmutigungen auszublenden, die manchem Anwesenden - mich eingeschlossenen - aus eigener Erfahrung wohl vertraut sind.

A. 'Nicht-Probleme'.

Hier ordne ich solche Schwierigkeiten für Wissenschaftler ein, die - obschon u. U. sehr bedeutsam für den individuellen Lebenslauf - auch unter Berücksichtigung der Schwierigkeiten, in denen sich viele andere Menschen befinden - für sich genommen keine größere Tragödie sein müssen und zu tragen wären, wenn es nur vernünftige Auswege aus den größeren individuellen Problemen gäbe. 'Nicht-Probleme' in diesem Sinne sind m. E.:

a) Die fehlgehende Bemühung, Professor zu werden oder ein hohes Einkommen zu erzielen.
b) Die mißlingende Bemühung, ein Stipendium zu erhalten.
c) Die Entlassung aus einer befristeten Stellung und die Notwendigkeit, eine gewisse Zeit des Lebens arbeitslos zu sein und nach geeigneten Stellungen zu suchen.

B. Individuelle Probleme von größerem Gewicht.

Hier handelt es sich allerdings um ernsthafte Problemlagen für Wissenschaftler, die darüber hinaus teilweise - wie in Versicherungsfragen - speziell fast nur sie treffen.

a) Fehlende oder unnötig erschwerte wissenschaftliche Arbeitsmöglichkeiten an der Hochschule im Rahmen eines rein korporationsrechtlichen Verhältnisses.
b) Einkommenslosigkeit oder unzureichendes Einkommen sei es bei formeller Arbeitslosmeldung, sei es ohne formelle Arbeitslosmeldung.
c) Fehlender Grundversicherungsschutz, vor allem bei der Alterssicherung.
d) Probleme mit der Förderung von Forschungsvorhaben älterer, fachlich verdienstvoll arbeitender Wissenschaftler.

C. Wissenschaftstrukturelle Probleme.

Dies sind die Fragen, mit denen sich m. E. eine Tagung über Fragen der Wissenschaftlerarbeitslosigkeit (1) im weiteren Sinne vorrangig beschäftigen sollte, nicht weil die vorgenannte Problem-Kategorie keine Erörterung nötig hätte, sondern weil sie wesentlich, zumindest in längerer Perspektive, von einer sinnvollen Suche nach Lösungsansätzen für die nachfolgend genannten Probleme in der 'Öffentlichkeit', in den verschiedenen Verwaltungsebenen und -sektoren, in der Politik und auch in der Wirtschaft abhängt. Zu den wissenschaftsstrukturellen Problemen gehören die folgenden:

a) Unzureichende Information und verschiedenartig motviertes Desinteresse der 'Öffentlichkeit' an Qualität und Ausmaß der Problemlagen für hochqualifizierte Wissenschaftler.
b) Schwervermittelbarkeit größerer Mengen 'älterer Wissenschaftler' durch das Arbeitsamt
c) Einsatzverhindernde Mittelkürzungen - generell - im öffentlichen Dienst.
d) Systematische Verkleinerung oder Abschaffung der Personaletats in den wissenschaftsorientierten Arbeitsbereichen der Wirtschaft.
e) Häufige Perspektivlosigkeit normaler und außerordentlicher Fristarbeitsverhältnisse nach den Hochschulgesetzen und in WIP- und ABM-Programmen.
f) Fehlende Chancengleichheit bei der Bewerberauswahl für verfügbare Stellen.
g) Hauptproblem: Nichtnutzung in größerem Umfang verfügbarer Hochqualifikationspotentiale für verschiedene aktuelle und nicht übertrieben anspruchsvolle gesellschaftliche Bedürfnisse.

D. Selbstorganisation der 'Betroffenen' und ihr Zugang zur öffentlichen Aufmerksamkeit.

Ein für die 'Betroffenen' selbst wichtiger Komplex sind die Probleme mit der Organisation einer wirksamen und kontinuierlichen Interessenvertretung, die ich an dieser Stelle nur aufzählen kann:

a) Veranstaltung überregionaler Kongresse und Tagungen.
b) Organisierbarkeit örtlicher fachlicher und fachüberfgreifender Gruppen 'Betroffener'.
c) Die Schweransprechbarkeit der 'Verantwortlichen'.
d) Das - zumindest in wichtigen Punkten - konstatierbare Fehlen geeigneter verbandlicher Interessenvertretung für die erwähnten verschiedenartigen Gruppen 'Betrofferner' durch bestehende Organisationen.
 

III. Die Rahmenbedingungen der heutigen Probleme der Nichteinsetzbarkeit wissenschaftlicher Hochqualifikationen.

Die zuvor aufgegliederten Problem-Kategorien ungesicherter und nicht-genutzter wissenschaftlicher Hochschqualifikationen sind im verschiedenartigen größeren Umfeldern zu sehen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:

A. Wirtschaftslage, Staatsfinanzen und allgemeine Arbeitslosigkeit (siehe Nr.1 ).
 
B. Die Entwicklung des Hochschulausbaus und der Studentenzahlen (siehe Nr.2 ).
 
Warnend äußert sich zur Disproportion Studentenzahlen - Studienplätze und ihren Zahlen seit mehreren Jahren immer wieder die Hochschulrektorenkonferenz und seit Aug. 1996 auch Bundesbildungsminister Rüttgers. Die derzeitige Zahl der Studienplätze liegt um nur 50000 über der im Jahre 1975 - unter ganz anderen Verhältnissen - von Bund und Ländern vereinbarten 'Zielzahl' für den Ausbau des Hochschulwesens von damals 850000. Im Vorfeld des 'Bildungspolitischen Spitzengesprächs' der zuständigen Bundes- und Länderministerien im Jahre 1993 wurde vom Wissenschaftsrat ein 'Eckwertepapier' vorgelegt und von der Rektorenkonferenz mitgetragen, das eine 'Zielzahl' von 1250000 (bei 300000 Studienplätzen an Fachhochschulen) empfahl. Doch wurde diese Empfehlung vom damaligen 'Bildungsgipfel' nicht aufgegriffen. Also gibt es offenbar keine Zielvorgaben mehr, und es soll wohl aus finanziellen Gründen beim gegenwärtigen Studienplatzangebot bleiben, sofern die Länder nicht aus Spargründen weitere Studienplätze streichen.
 
C. Die Entwicklung der Habilitationen (siehe Nr.3 a ).
 

IV. Exkurs: Zur historischen Entwicklung der Habilitierten-Probleme.

A. Die klassische Privatdozentur.

Daß Gelehrte bzw. Wissenschaftler die Lehre 'privatim', d. h. in gesetzlich abgegrenzten, wenn auch ehrenvollen Betätigungsfeldern und ohne öffentliche Besoldung ausüben, läßt sich letztlich bis in die Antike zurückverfolgen (vgl. Codex Theodosianus, Buch 14, Titel 8 'De studiis liberalibus urbis Romae et Constantinopolitanae'). Die heutige hochschulrechtliche Form der Privatdozentur (und der mit ihr strukturell gleichen außerplanmäßigen Professur) geht auf das vergangene Jahrhundert zurück; doch sind historische Vorformen schon im 15. Jht. an deutschen Universitäten nachweisbar. Die Einkommenslosigkeit der Privatdozenten beleuchtet in ihrer Nützlichkeit für das öffentliche Hochschulwesen ein Zitat aus einer von dem berühmten Philologen und theoretischen Begründer des humanistischen Gymnasiums Friedrich August Wolf verfaßten Denkschrift zur Gründung der Berliner Universität aus dem Jahre 1807: "Sechzehn Professores ordinarii, d. h. die allein in Gehalt stehenden, würden ein hinreichendes Corpus der Universität ausmachen. Rechnete man für acht der vorzüglicheren 16000 Tlr. Gehalt, für andere acht aber 12000 Tlr., so blieben zu noch anderen Bedürfnissen 5000 Tlr. übrig. Nehmen wir dazu sechs Professores extraordinarii, die gewöhnlich auf Universitäten keine oder geringe Gehalte genießen und unter welche doch von obigem Rest leicht 1500 Tlr. verteilt werden könnten; nehmen wir endlich noch dazu acht bis zehn Privatdozenten, die nach der trefflichen deutschen Gewohnheit sich ohne Gehalt zu Lehrern qualifizieren, so wäre durch eine Zahl von dreißig Lehrern für die Notdurft der Lehrgegenstände und für den auf auf Universitäten üblichen Wohlstand hinlänglich gesorgt. Ein Corpus wäre sonach vorhanden... ." Berühmte Gelehrte bzw. Wissenschaftler sind im 19. und auch im20. Jht. nach der 'trefflichen deutschen Gewohnheit' über längere Strecken ihres Lebens oder auch lebenslang - wie Arthur Schopenhauer - Privatdozenten und ggf außerplanmäßige Professoren gewesen. Über ihre Zahl wurde niemals Bestand erhoben.

B. Die Diätendozentur und die Einführung der besoldeten wissenschaftlichen Assistentur nach dem 1. Weltkriege.

Die Privatdozentur beruhte als praktizierbares Modell von Anfang an auf dem Vorhandensein mehr oder weniger ausreichender Privatvermögen, die dem Privatdozenten sein Überleben gestatteten, während er sich selbstlos der wissenschaftlichen Tätigkeit widmete. Mit dem Ende des ersten Wekltkrieges und den Vermögensverlusten in seiner Folge fiel diese Form einer wirtschaftlichen Basis für viele Wissenschaftler fort. Um die als besonders wichtig und verdienstvoll geltenden unter ihnen dennoch nicht ganz unversorgt zu lassen und ihnen zumindest in bescheidenem wirtschaftlichen Rahmen eine wissenschaftliche Existenz zu ermöglichen, erhielt nun die - auch schon vor dem ersten Weltkrieg gelegentlich praktizierte - 'Notversorgung' über eine sog. 'Diätendozentur' größere Bedeutung. Auch die Einführung einer - besoldeten - wissenschaftlichen Assistentur als hochschulrechtlichen Stellentyps entsprang der veränderten Gesamtlage, d. h. den Vermögensverlusten in vormals gutsituierten bürgerlichen Familien. Diese stellenrechtlichen Institute wurden auch in der Hochschulverfassung der NS-Zeit fortgeführt und nach dem 2. Weltkrieg ebenfalls nicht grundsätzlich verändert. Allerdings zeigte sich in den 70er Jahren erstmalig statistisch das Problem, daß die Zahl der habilitierten Wissenschaftler in der (alten) Bundesrepublik die Zahl der zur Verfügung stehenden Hochschullehrer und sonstigen adäquaten wissenschaftlichen Dauerstellungen erheblich zu übersteigen begann (siehe Nr. 3a).

C. Die Hochschulreform der 70er Jahre.

Das Instrument der 'Diätendozentur' und vielfältige andere fallbezogen sinnreich ersonnene Hilfskonstruktionen wurden deswegen immer häufiger eingesetzt, um den auch quantitativen Problemen so gut es ging abzuhelfen. Doch wurde die Lage dabei so unübersichtlich, daß schließlich das Bundesverfassungsgericht klären mußte, wer trotz fehlenden Professorentitels seiner tatsächlich ausgeübten Funktionen nach 'Hochschullehrer im materiellen Sinne' sei (vgl. BVerfGE 35, 39 ff. [79] v. 29. 5. 1973). Mit dem 1976 in Kraft getretenen Hochschulrahmengesetz des Bundes wurde - unter anderem Wichtigeren - eine neue hochschulrechtliche Stellentypologie eingeführt, die den 'Wildwuchs' vorheriger Entwicklungen in die Form eines abschließenden Typenkatalogs überleitete. In diesem waren verschiedene neue Stellentypen für Habilitierte vorgesehen. Es fehlte jedoch der der 'Diätendozentur'. Mit seinem Fortfall wurde letztlich und zunächst relativ unbemerkt von den Betroffenen im Wege der Hochschulreform eine Mitverantwortung des Staates oder der Körperschaft Universität für die wenigstens exzeptionelle Versorgung notleidender hochqualifizierter Wissenschaftler abgelegt. Angesichts steigender Habilitiertenzahlen (siehe Nr.3a ), denen nach dem verfassungsgerichtlich mehrfach unterstrichenen Verbot unnötiger öffentlich-rechtlicher Zugangsbeschränkungen zu Berufen aller Art (Art. 12 GG; vgl. BVerfGE 7, 377 aus dem Jahre 1958) im Wege einer Bedarfsprüfung aufseiten der Fakultäten nicht mehr gesteuert werden konnte, war dies auch sicherlich ein besonders schwer lösbares Problem --- schwer lösbar sicherlich, aber nicht prinzipiell und auf alle Zeiten unlösbar.

D. Die qualitative Zunahme des Problems seit den 70er Jahren und seine empirischen Teil-Untersuchungen, besonders die 'Karpen-Studie'.

Die neuen Probleme erzeugten einerseits aus verschiedenartigen Gründen, vor allem wohl wegen ihrer politisch-praktischen Schwerbehandelbarkeit und sozialpolitischen 'Geringfügigkeit', die in solchen Fällen eintretenden Verdrängungsprozesse unter den Verantwortlichen, zum andern hin und wieder aber auch Aufmerksamkeit, vor allem im Wissenschaftsbereich selbst. Auf diese gehen letztlich die sog. 'Karpen-Studie' und verschiedenartige andere Teil-Studien zurück. Ihre Ergebnisse (siehe Nr.4 ) hätten schon Mitte der achziger Jahre zu einem hochschulpolitischen Umdenken führen müssen. Doch kam es letztlich nicht so weit (siehe dazu auch TEXT 2).

E. Die Probleme seit der Wiedervereinigung und die vier 'Deutschland-Treffen' (Münster 14. und 15. Febr. 1991, Berlin 2. bis 4. Okt.1992, Leipzig 4. un d 5. März 1994, Leipzig 18. Okt. 1996).

Doch bildeten sich an einzelnen Universitätsorten im Laufe der achziger Jahren immer wieder einmal Gruppen nicht-professorierter Wissenschaftler, die über verschiedenartigen Anlässen innerhalb ihrer Fachgebiete und auch über deren Grenzen hinaus und manchmal sogar interuniversitär kooperierten, um bestimmten Probleme der beruflichen Benachteiligung und Unsicherheit durch gemeinsame Aktionen, z. B. gemeinsam finanzierte Muster-Prozesse, und durch sachlich fundierte Appelle an die Verantwortlichen zu begegnen.

Eine besondere Qualität erreichte diese Art der Selbstorganisation Ende der achziger Jahre, als zugleich die Wiedervereinigung - auch die der Wissenschaftslandschaften der alten und der neuen Bundesländer - anstand.

Schon der erste bundesweite Habilitiertenkongreß (Münster, 1991) war zugleich ein gesamtdeutscher, und die seither entwickelten Perspektiven gemeinsamen Handelns der 'Betroffenen' schlossen immer den Ost- und den Westteil der neuen Bundesrepublik ein, ohne daß jedenfalls hier der eine versucht hätte, den anderen zu übervorteilen.

 

V. Die wichtigsten und ausgearbeiteten Vorschläge und Forderungen habilitierter Wissenschaftler in ungesicherten Verhältnissen auf den Deutschlandtreffen und überregionalen Tagungen seit 1990.

U. a. folgende Punkten haben überregionale Kongresse und Tagungen habilitierter Wissenschaftler (in ungesicherten Verhältnissen) seit 1990 beschäftigt und zur Entwicklung von Konzepten und Initiativen geführt, die - teilweise in Form von Denkschriften - auch den wissenschaftspolitisch verantwortlichen Ministerien und Organisationen in der ganzen Bundesrepublik übermittelt wurden.

1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.
2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.
3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.
4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.
5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur').
6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssystems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.
7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.
8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981).

 

Erläuterungen zu den Forderungen und Empfehlungen zu 1) - 8).

Zu 1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.

Zu den Empfehlungen schon des 1. Deutschland-Treffens beruflich ungesicherter Hochschullehrer in Münster im Februar 1991 gehörte "der Aufbau eines für die besonderen Bedürfnisse und Probleme der ungesicherten oder wissenschaftlich nicht sinnvoll eingesetzten Wissenschaftler geeigneten bundesesweiten, auf der Zusammenarbeit von Hochschulen, Arbeitssamtsverwaltungen und Betroffenen beruhenden und den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt für alle inner- und außeruniversitären Interessenten durchsichtig machenden Informationssystems". Diese Empfehlung wurde auf den folgenden Kongressen und Tagungen beruflich ungesicherter Hochschullehrer unbeirrt wiederholt und ausgebaut. Sie ging - mit anderen grundsätzlichen Forderungen - allen wissenschafts- und sozialpolitisch in Frage kommenden Behörden und Einrichtungen des Bundes und der Länder zu, ohne dort irgendeine erkennbare Resonanz zu finden. Bei der Einrichtung eines solchen Systems sind verschiedene rechtliche und organisatorische Fragen vorab zu klären. Dazu gehört u. a. auch die Frage, welcher Kreis von Hochqualifikationen erfaßt werden sollte. Dies läßt sich ohne eine genauere empirische Sondierung der in Frage kommenden Potentiale und eines potentiellen Bedarfs nicht von vornherein ganz sicher abgrenzen. Die Forderung nach entsprechenden Untersuchungen wurde daher ebenfalls immer wieder (und auch erfolglos) auf unseren überregionalen Treffen angeregt und gefordert. Generell kommen alle Träger von Qualifikationen in Betracht, die von irgendeinem Interesse für technologisch-wissenschaftlich fundierte oder begleitete Forschungs-, Lehr-, Untersuchungs- und Ausbildungszwecke in allen Bereichen des beruflichen Lebens - also nicht nur im Bereich der heutigen Formen organisierter Wissenschaft - sind oder sein könnten.

Zu 2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.

Die für den Hochschulbereich sehr speziell ausgebildeten Wissenschaftler werden prinzipiell dort auch benötigt, selbst wenn die öffentlichen Finanzen das so nicht zulassen. Ihr Wissen entspricht oft zwar nicht einer 'unmittelbaren Marktnachfrage', wohl aber durchweg längerfristigen, investiven kulturellen und auch wirtschaftlichen Zielen und Bedürfnissen der Gesellschaft. Daß dabei betriebswirtschaftsähnliche Kosten-Nutzen-Kalkulationen schwer durchzuführen sind, macht sie nicht überflüssig. Sieht man im kulturellen, fachlichen und technischen Wissensniveau einer Gesellschaft einen Entwicktungsfaktor und sieht man in der Zahl von derzeit zusammen ca. 1,9 Mill. Studenten in der Bundesrepublik überwiegend nicht die Auswirkung einer überflüssigen Ausbildungsnachfrage, so machen die heute vorhandenen nur 900.000 ,Studienplätze' das Ausmaß der Unterversorgung allein der wissenschaftsbasierten Ausbildung ('Lehre') mit adäquat ausgebildeten Wissenschaftlern deutlich. Auch daß sich über diese Forderung Wissenschaftspolitik und Finanzpolitik seit längerem wegen der öffentlichen Haushaltslage nicht verständigen können, nimmt ihr nichts von ihrer Richtigkeit und Dringlichkeit. Es wird nur deutlich, wie kurzschlüssig es wäre oder ist, derzeit nicht bezahlbare und deshalb nicht einsetzbare wissenschaftliche Qualifikationen als angeblich unbrauchbar abzuschreiben.

Zu 3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.

Ist die in der Wissenschaftstradition Deutschlands verankerte Habilitation bei korrekter Anwendung ihrer wissenschaftlichen Prinzipien ein geeignetes Verfahren, um Wissenschaftlern in politik-, interessen- und protektionsfreier Weise eine für die Berufung in das Professorenamt ausreichende Bewährung und Erfahrung in Forschung und Lehre förmlich zu bestätigen, so ist es im Interesse der Allgemeinheit sinnlos, die durch die Habilitation ermöglichte selbständige Vertretung des Faches (Hochschullehrertätigkeit im materiellen Sinne), welche im Rahmen einer Privatdozentur möglich ist, durch kleinliche Reglementierung zu behindern, wie es manchen Universitäten und Ländern leider vorgeworfen werden muß. Der Bundesgesetzgeber und die Landesgesetzgeber sollten Habilitation und Privatdozentur vielmehr so ausgestalten, daß die produktive Querverbindung zwischen beruflicher ~ und Hochschulwissenschaft, die der rein korporative Hochschullehrerstatus an sich ermöglicht, nicht behindert, sondern gefördert wird; dazu gehört auch die Lösung von Teilproblemen wie z.B im Bereich der Drittmittelbeschaffung oder bei der Unterstützung einkommensloser Privatdozenten nach dem Arbeitsförderungsgesetz.

Zu 4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.

Die Wissenschaftlerförderung insbesondere der DFG, aber auch der privaten Förderungsinstitutionen stellt trotz der quantitativen Veränderungen im Bereich der Hochschullehrernachwuchserzeugung weiterhin, soweit ersichtlich, ausschließlich auf die Förderung junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler ab. Wenigstens teilweise sollten die Programme künftig den praxisorientierten Ausstieg von Wissenschaftlern aus Hochschullehrerkarrieren, etwa mit dem Ziel von (wissenschafstbasierten) Unternehmensgründungen oder für all gemeinnützliche (wissenschaftliche) Berufsfelder oder Kooperationszusammenhänge wirtschaftlicher und nichtwirtschaftlicher Art fördern.

Zu 5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur'; siehe Nr.8 ).

Im Mittelpunkt der Suche nach Auswegen müssen stets vorrangig systemkonforme Ansätze zu Problemlösungen stehen. Zeigt sich allerdings, daß diese nicht tragfähig genug sind, so ist es nicht hinnehmbar, ihnen den Schein von Allheilmitteln zu belassen und die Suche nach effektiveren Gesamt- und Teillösungen aufzugeben.

Ein seit Jahren propagierter unternehmensbezogener Lösungsansatz, welcher die Wissenschaltlerarbeitslosigkeit bzw. -nichtbeschäftigung im Wege individueller Unternehmensneugründungen oder (im östlichen Bundesgebiet) durch 'Ausgründungen' aus vormals öffentlich organisierten Wissenschaftsbereichen beseitigen will, verdient dabei zuerst erörtert zu werden. Er beruht auch auf Grundgedanken über eine 'neue Unternehmerkultur' und liegt letztlich einem ganzen System öffentlich finanzierter Gründungsbeihilfen und Wagnisübernahmen auch für von wissenschaftlichen Grundideen ausgehende - primär allerdings für nicht-wissenschaftliche Unternehmens-Projekte - zugrunde.

Es wäre angesichts des vielfach öffentlich verbreiteten Optomismusses heute auch öffentlich zu diskutieren, ob der 'Ansatz Neue Unternehmenskultur' im Bereich der Wissenschaft das erreichen kann, was er generell anstrebt. Zu berücksichtigen sind folgende Einwände: Nur mittelfristig ,wirtschaftlich realisierbaren Projekten mit wissenschaftlichen bzw. technologischen Grundideen eröffnet er - rein abstrakt - eine Perspektive. Fur die meisten wissenschaftlich produktiven und zugleich gemeinnützigen fachdisziplinären Arbeitsgebiete kommt er folglich -jedenfalls generell - gar nicht in Betracht. Aber auch dort, wo die staatliche Wissenschafts- und Technologie-Förderung sinnvoll ein realisierbares Projekt unterstützt, muß nach dem derzeitigen Erkenntnisstand mit Verlusten des eingesetzten Kapitals in mindestens 50 % der Fälle gerechnet werden; die Gründe dafür können in der Unternehmensidee, in Webfehlern der Kapitaldecke, in betriebs- organisatorischen Problemen und in solchen der langfristigen Behauptung gegen die die Marktkonkurrenz liegen.

Wissenschaftler sind ganz überwiegend nicht geborene Unternehmer und entwickeln ihre Fähigkeiten schwerpunktmäßig in aller Regel abseits des wirtschaftlichen Geschehens. Nur dann, wenn unternehmerische Tätigkeit wirklich mit ihrer wissenschaftlich-fachlichen Entwicklung zusammenpaßt, hat eine berufliche Umstellung darauf einen wissenschaftlichen Sinn eine zugleich eine wirtschaftliche Chance. Umgekehrt aber: die wirtschaftlichen Folgen eines Mißlingens, insbesondere etwa im Falle eines Konkurses oder einer stillschweigenden Unternehmensliquidation, sind für den persönlich haftenden Wissenschaftler- Unternehmer gravierend, weil dann die Verschuldung ggf. zur Arbeitslosigkeit hinzukommt, selbst wenn der Staat einen Teil des Risikos abdeckt.

Zu 6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssvstems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.

Betrachtet man alle Einrichtungen der wissenschaftsbasierten Berufsausbildung im heutigen Deutschland zusammen, d h. nicht nur den Hoch- und Fachhochschulsektor, sondern auch die wissenschaftsnahen Lehrgänge im Rahmen privat oder öffentlich organisierter Berufsaus- und -fortbildung - vom dualen System der Lehrlingsausbildung über betriebsinterne Schulungen bis zu Berufsakademien aller Art -, so wäre an sich denkbar, daß optimal ausgebildete Wissenschaftler auch hier, außerhalb des Hochschulbereichs als Wissenschaftler einige sinnvolle und nötige Aufgaben erfüllen könnten Dazu könnte gehören, daß es außerhalb der Studiengänge des Hoch- und Fachhochschulbereichs Typen wissenschaftsbasierter, aber sehr praxisnaher und aktuell -bedarfsbezogener Aus- und Weiterbildungsformen für Wirtschaft und Gesellschaft zu betreuen gäbe ('dynamischer Wissenschaftstransfer'). Doch würde dies in gewissem Umfang einen Reform-Umbau aller Zweige wissenschaftsbasierter Berufsausbildung voraussetzen, einschließlich des Hoch- und Fachhochschulwesens, das damit aber vermutlich auch von einigen unnötig aufwendigen Ausbildungsaufgaben entlastet werden könnte .

Zu 7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.

Angesichts der wissenschaftlichen Reservearmee ausgebildeter Hochschullehrer und der knappen Zahl von Arbeitsplätzen sind strikt chancengerecht ausgerichtete Stellenbesetzungsverfahren im Interesse der Gerechtigkeit ebenso wie im Interesse einer rein fachlich objektivierten Auswahl erforderlich. Protektion und Willkürauswahl bei der Besetzung von Wissenschaftlerstellen sind wegen der gesetzlich weithin ungeregelten Verfahrensweisen im Wissenschaftssektor leider nicht selten. Ein Beweis dafür ist die sog. Gleichstellungsgesetzgebung mancher Bundesländer: sie setzt das Vorliegen von Mißständen voraus, die über die Benachteiligung von Frauen weit hinausgehen. Aus diesem Grunde sind künftig Iückenlose gesetzliche Regelungen, die verfassungsgemäß den gleichen Zugang aller Bewerber zu allen öffentlichen Ämtern des Wissenschaftsbereichs sichern (Art. 33, Abs. 2 GG), unvermeidlich; ein juristisch ausgearbeiteter, ausführlicher Entwurf dafür wurde auf dem 4. Deutschlandtreffen (Leipzig 1996) vorgelegt. (2) Auch die nicht-öffentlichen Positionen des Wissenschaftsbereichs sollten auf geeignete Weise in eine solche Gesamtregelung einbezogen werden.

Zu 8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981).

Es gibt unter den vielen nicht in dauerhafte Erwerbspositionen gelangten Wissenschaftlern ein Ausmaß an fehlender sozialer Sicherung, das heute grundsätzlich keiner anderen Berufsgruppe mehr zugemutet wird und eines Sozialstaats unwürdig ist. Nur weil diese Wissenschaftler nirgendwo eine wirkliche Interessenvertretung haben, werden ihre Probleme im Hinblick auf Altersversicherung, teilweise aber auch im Hinblick auf die Berufsunfähigkeits- und die Krankenversicherung sozialpolitisch ignoriert. 

Christian Gizewski


Verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung der hier veröffentlichten Beiträge: Christian Gizewski (Christian.gizewski@tu-berlin.de).