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Für ein bundesweites, selbständiges, wissenschaftsnahes Informationssystem für wissenschaftliche Hochqualifikationen.
 ÜBERSICHT:
I. Arten des Nichtwissens über die in der Bundesrepublik verfügbaren Wissenschaftlerpotentiale.
II. Zwei Forderungen in enger Verbindung:
a) eine empirischen Studie über den Bestand wissenschaftlicher Potentiale (unter hochqualifizierten Wissenschaftlern in ungesicherten Verhältnissen) im Bereich der Bundesrepublik,
b) die darauf aufbauende Einrichtung eines bundesweiten, arbeitsamtsunabhängigen, öffentlichrechtlich und wissenschaftsnah organisierten Informationssystems für wissenschaftliche Hochqualifikationen.
III. Gründe für das Fehlen einer zeitgemäß aktualisierten empirischen Studie zur Lage verfügbarer wissenschaftlicher Hochqualifikationspotentiale.
IV. Gründe für das Fehlen eines bundesweiten, arbeitsamtsunabhängigen, öffentlichrechtlich und wissenschaftsnah organisiertenbundesweiten Informationssystems.
V. Der gegenwärtig abschätzbare Umfang des in Frage kommenden Wissenschaftlerpotentials.
VI. Zweck und denkbare Strukturprinzipien eines bundesweiten Informationssystems für wissenschaftliche Hochqualifikationen.

Dies ist der ausgearbeitete Text eines Referats, das auf der vom Institut Technik - Theologie - Naturwissenschaften der LMU München mitveranstalteten Tagung 'Mittendrin kommt das Aus. Beschäftigunschancen in den Biowissenschaften' (22./23. Okt. 1997) in der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten wurde. Zusammen mit den anderen Vorträgen der Tagung wird der Text wahrscheinlich in eine Tagungsveröffentlichung eingehen (Tel: 08158/251-124; FAX: 08158/996424). Ein weiteres Referat auf dieser Tagung: siehe TEXT 1.

Siehe als Anlage TEXT 3: Vorlage zum 2. Deutschland-Treffen der Wissenschaftler mit Hochschullehrerqualifikation (Berlin 2. - 4. Okt. 1992). "Grundüberlegungen für eine empirische Studie zur Situation der Wissenschaftler mit Hochschullehrequalifikation in sozial ungesicherten, wissenschaflich unbefriedigenden oder rechtlich unakzeptablen Verhältnissen im Osten und Westen des Bundesgebiets".

Siehe als weitere Anlage TEXT 4: Zur Notwendigkeit eines "tertiären Wissenschaftssystems": Hochdynamische Innovationsgruppen in Organisation und bundesweiter Vernetzung durch "Landeszentren für dynamischen Wisssenschaftstransfer". Denkschrift von B. Heimrich und C. Gizewski (1994).

Die Tagungsmaterialien des 3. und 4. überregionalen Treffens der Hochschullehrer in ungesicherten Verhältnissen sind bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig (Tel.: 0341/960-2431, FAX: 0341/960-5091), Materialien früherer Tagungen notfalls beim Autor dieses Textes (Tel. und FAX: 030/8337810) erhältlich.

I. Vorbemerkungen zur Tagung 'Mittendrin kommt das Aus. Beschäftigunschancen in den Biowissenschaften' (22./23. Okt. 1997)'.

Auch die Referate dieser Tagung (siehe Übersicht) haben verschiedentlich deutlich gemacht, daß die empirischen Kenntnisse über hochqualifizierte Wissenschaftler schon innerhalb, insbesondere aber außerhalb normaler dienstrechlicher Beamten- und Anstellungsverhältnisse an der Hochschule in der Statistik des Bundes und der Länder vielfach unsicher sind. Diese Unsicherheit beginnt schon bei den Hochqualifizierten des Mittelbaus, die in die Betrachtung über wissenschaftliche Hochqualifikationen - ungeachtete der speziellen akademischen und wissenschaftlichen Bedeutung der Habilitation - unter wissenschaftsstrukturellen und -politischen Asspekten stets einzubeziehen sind. Die Unsicherheit erstreckt sich sodann speziell auf die Habilitierten, d. h. auf die als professorabel erwiesenen Wissenschafter, die als Mittelbauangehörige befristet und als Privatdozenten oder außerplanmäßige Professoren im sog. 'nebenberuflichen' Status ihrer Hochschule zugehören. In einer Dämmerungszone der allgemeinen Ahnungen und gesunden Vorurteile befinden sich auch die Habilitierten, die die formelle korporationsrechtliche Verbindung zur Hochschule aufgegeben haben und irgendwo im wissenschaftsfernen Berufsleben oder in sozial prekären Lagen zu finden sein dürften, wenn man sie dort suchte. Nicht zuletzt besteht erhebliche Unsicherheit im Hinblick auf die im Rahmen der Umstrukturierung der bundesöstlichen Wissenschaftslandschaft seit 1990 entlassenen Zehntausende hochqualifizierter Wissenschaftler aus den Hochschulen, den Akademien und der Industrieforschung des früheren DDR-Bereichs, von denen nach vorsichtigen Schätzungen allein bis zu 4000 habilitationsähnlich qualifiziert und aufgrund ihres Alters noch beruflich für wissenschaftsnahe Arbeiten verfügbar sein dürften (siehe Nr.7 Nr.7).Selbst wo es gesichertes empirisches Wissen gibt, müssen - und mußten auch in einigen Referaten dieser Tagung - wichtige Umstände dicht neben den - im ganzen wenigen - sicher bekannten Daten öfters unklar bleiben, z. B:

Das fehlende Wissen tritt in verschiedenerlei Gestalt auf.

Einmal liegt es einer Anzahl heute häufiger, auch von politischer Seite, zu hörender allgemein gehaltener Einschätzungen, Appelle und Bewertungen zugrunde, die das heutige Wissenschaftspersonal der Hochschulen betreffen,

Zum andern gibt es die Form - auch öffentlich - konzedierter Unsicherheit des Wissens,

Immer wieder hört man - auch von Politikern, die sich in das Gebiet eingarbeitet haben -, daß die diesbezüglichen Erkenntnisse aus vorliegenden empirischen Studien wie z. B. der 'Karpen-Studie' der achziger Jahre (siehe Nr.4 ) 'unsicher' seien. Daraus wird aber nicht unbedingt die Forderung nach nunmehr endlich genauer Untersuchung der fraglichen Verhältnisse abgeleitet, sondern eher die Legitimation zu waghalsigen Schätzungen und sachlich problematischen moralischen Appellen an die 'Betroffenen'.

Zum dritten gibt es auch ein Nichtwissenwollen in Form des Nicht-zur-Kenntnis-Nehmens-und- Erwägens zuverlässig ermittelter und der Allgemeinheit an sich bekanntgegebener statistischer Daten,

Das Desinteresse an solchen Daten, eventuell ihr Verschweigen, jedenfalls aber ihre folgenlose Erörterung auch im Bereich der Politik dürfte verschiedenartige Gründe haben und in der Vergangenheit gehabt haben, die an dieser Stelle nicht gründlich darzustellen sind. Jedenfalls sollten aber die 'Betroffenen' jeder Art ein Gespür dafür entwickeln, wem und insbesondere welchen wissenschafts-, gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Richtungen und Formeln in der Interessenvertretung und in der Politik sie sich in dieser Hinsicht anvertrauen wollen oder lieber doch nicht.

II. Zwei Forderungen in enger Verbindung: eine empirischen Studie über wissenschaftliche Potentiale unter hochqualifizierten Wissenschaftlern in ungesicherten Verhältnissen im Bereich der Bundesrepublik, und darauf aufbauend die Einrichtung eines wissenschaftsnahen bundesweiten Informationssystems über wissenschaftliche Hochqualifikationen.

Schon die sog. 'Karpen-Studie' wies in der Mitte der achziger Jahre darauf hin, daß die berufliche Unsicherheit (nur) unter Habilitierten ein damals in der Wissenschaft noch als beunruhigend empfundenes Maß erreicht hatte (siehe Nr.4 und Nr.5 ). Das galt auch schon für die auf dieser Tagung im Mittelpunkt stehenden Biowissenschaften (siehe Nr.3 b ). Nachdem sich das Phänomen schon Ende der siebziger Jahre als Nebenerkenntnis von Wissenschaftlerbefragungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Wissenschaftsrates statistisch zu äußern begonnen hatte, machte diese empirische Studie "über die Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses" deutlich,

Zu den Empfehlungen schon des 1. Deutschland-Treffens beruflich ungesicherter Hochschullehrer in Münster im Februar 1991 gehörten deshalb zwei Forderungen (1):

Diese beiden Empfehlungen an die Politik wurden auf den folgenden Kongressen und Tagungen beruflich ungesicherter Hochschullehrer wiederholt und ausgebaut. Sie gingen - mit anderen grundsätzlichen Forderungen - allen wissenschafts- und sozialpolitisch in Frage kommenden Behörden und Einrichtungen des Bundes und der Länder, manchmal mehrmals, zu.

III. Gründe für das Fehlen einer zeitgemäß aktualisierten empirischen Studie zur Lage verfügbarer wissenschaftlicher Hochqualifikationspotentiale.

Das von uns zu einem konkreten Modell ausgebaute Konzept, gegenwärtig in aktualisierter Form mittels einer empirischen Studie die Lage beruflich ungesicherter Hochqualifizierter genauer zu untersuchen (siehe TEXT 3), hat bei keiner der in Frage kommenden und von uns mehrfach angesprochenen öffentlichen Stellen - z. B. beim früheren Bundesbildungs- und beim heutigen Bildungs-, Technologie- und Forschungsministerium -, nennenswerte Resonanz gefunden, und dies nicht einmal nach den immens gewachsenen Problemen für die seit der (von uns grundsätzlich immer begrüßten) Wiedervereinigung der bundeswestlichen mit der bundesöstlichen Wissenschaftslandschaft stellungslos gewordenen Wissenschaftler aus den östlichen Bundesländern.

Aber schon Karpen und seine Koautoren stießen in den achziger Jahren bei der Suche nach einer Finanzierung der von ihnen sorgsam ausgearbeiteten Studie "Zur Lage des wissenschaflichen Nachwuchses" auf die hartnäckige Weigerung innerhalb der zuständigen Bundesministerien, sodaß schließlich der Deutsche Hochschulverband einspringen mußte. Dessen damaliger und noch heutiger Präsident hat seine Kritik daran in seinem Vorwort zu dieser Studie deutlich gemacht.

Und nicht nur das: Nach ihrem Erscheinen stieß die Studie auf mannigfache Einwände, die u. a. die Erhebungsmethoden und den unvollkommenen Rücklauf der Fragebögen bemängelten und daraus die überspitzte Konseqenz zogen, ihre Ausagen für unzuverlässig und unbrauchbar zu halten. Eine deshalb vom Wissenschaftsrat damals zum selben Thema in Auftrag gegebene Untersuchung ('Kossbiel-Studie') bediente sich allerdings sachlich notgedrungen ähnlicher Erhebungs-Methoden wie die Karpen-Studie und kam auch zu ähnlichen Ergebnissen wie diese. Daran schloß sich dann eine lange Periode des öffentlichen Vergessens beider Studien an.

Spätere Versuche von unserer - der 'Deutschland-Tagungs'-Organisatoren - Seite, vor allem nach der Wiedervereinigung 'die empirische Gesamtlage' unter Einbeziehung auch der neuhinzugekommenen Bundesländer zu klären, stießen auf das Argument der fehlenden Haushaltsmittel oder auf den Hinweis auf eine zu erwartende neue Erhebung des Wissenschaftsrats. Diese enthielt dann aber doch nichts zu dem zur Untersuchung anstehenden Thema, sondern exzerpierte letztlich nur die zum Thema nicht aussagekräftige Hochschul-Statistik des Statistischen Bundesamtes und wertete sie aus.

Wir haben für eine solche Studie in der Vergangenheit immer wieder detaillierte Überlegungen angestelllt, z. B. im Gespräch mit Herrn Prof. Karpen (Hamburg) und besonders mit seinem früheren Mit-Autor Prof. Reimann (Gießen), die - jeder auf seine Weise - eine Neuauflage der 'Karpen-Studie' unter heutigen Verhältnissen für dringend geboten halten. Auch von Sozialwissenschaftlern, die sich mit Wissenschaftsstrukturproblemen im Osten der heutigen Bundesrepublik befassen, wird eine fortgeschriebene empirische Studie ungefähr dieser Art gefordert. Die Kostenschätzung lag zuletzt bei 400.000,- DM.

IV. Gründe für das Fehlen eines bundesweiten, wissenschaftsnahen Informationssystems.

Ein bundesweites Informationssystem über wissenschaftliche Hochqualifikationen gibt es, was manchen erstaunen mag, bis heute nicht, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Die bei der Zentralstelle für Arbeitvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit bestehende Arbeitsmarktinformationsstelle erfaßt ensprechend ihrer gesetzlich festgelegten Zielsetzung strikt nur als arbeitslos oder arbeitsuchend gemeldete Wissenschaftler (und diese ohne Unterscheidung). Die gesetzlichen Voraussetzungen für die Arbeitslosmeldung legen die §§ 13 und 14 AFG fest. Das für die Vermittlung auch akademischer Arbeitskräfte danach vorgesenene Verfahren setzt strikt eine formelle Arbeitslosmeldung voraus und muß ferner unmittelbar darauf gerichtet sein, einen bestimmten Arbeitsuchenden mit einem bestimmten Arbeitgeber zur Begründung eines bestimmten Arbeitsverhältnisses zusammenzubringen. An die Kriterien dieser Rechtsvorschriften sind auch die die Geldleistungen der Arbeitslosenversicherung (Arbeitslosengeld und -hilfe, Finanzierung von Umschulungs- und Berufseingliederungsmaßnahmen) geknüpft. Dementsprechend sind die statistischen Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeit nur begrenzt aussagefähig für die interessierenden Fragen.

2. Die bei manchen wissenschaftlichen Fachverbänden (der Historiker, Soziologen, Germanisten, Romanisten, Chemiker u. a. ) geführten Verzeichnisse stellungsloser und -suchender Wissenschaftler werden oft nur von sich verantwortlich fühlenden Einzelpersonen eher unsystematisch und zeitlich sporadisch oder nur zum Zwecke einer 'Insiderinformation' geführt, und sie beziehen sich außerdem naturgemäß nur auf die jeweiligen Fachgebiete.

3. Das Statistische Bundesamt und die Statistischen Landesämter erheben keine spezifischen Daten zu verfügbaren Wissenschaftspotentialen im Bereich der Population 'beruflich ungesicherter oder nicht adaequat eingesetzter Wissensschaftler'. Das Hochschulstatistik-Gesetz (1971. i. d. F. v. 1980) sieht in § 8. Nr. 4 bundesweite Erhebungen nur "über Promotionen und Habilitationen nach Fachbereichen" vor. § 3 Nr. 2 sieht ferner Erhebungen über das Hochschulpersonal vor, auch über solches, bei dem "kein Anstellungsverhältnis zum Land oder zur Hochschule besteht". Doch wird bei letzterem nach § 5 Nr. 3 irgendeine "dienstrechtliche Stellung" offenbar vorausgesetzt. §1 Abs. 2 weist ausdrücklich auf die Begrenzung der statistischen Erhebungen durch die verwaltungsmäßigen Zuständigkeiten von Bund und Ländern hin. Für rein korporationsrechtlich zugeordnete Hochschullehrer (= Privatdozenten und außerplanmäßige Professoren) werden solche Zuständigkeiten offenbar nicht gesehen. Die Länderstatistikgesetze gehen darüber m. W. nicht hinaus. Auch die differenzierterte Untersuchung des Statistischen Bundesamts zum 'Personal an Hochschulen 1993' (Bildung und Kultur, Fachserie 11, Reihe 4.4, Wiesbaden 1996; siehe Nr.6 a und Nr.6 b) entspricht dieser gesetzlichen Begrenzung. Aus diesen Gründen kann auch die in § 14 HStatG vorgesehen Datenbank nicht die Funktion eines von uns vorgeschlagenen bundesweiten Informationssystems übernehmen.

4. Der Wissenschaftsrat behandelte schon in seiner Untersuchung zum Personalbestand der Hochschulen 1988 nur Professoren, Hochschulassistenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und 'Lehrkräfte für besondere Aufgaben'. Auch in seiner letzten aus dem Jahre 1996 stammenden Untersuchung ergibt sich ein Interesse an Habilitierten im wesentlichen nur insoweit, als sie über irgendwelche Dienststellungen i. e. S. als Stelleninhaber den Hochschulen personalrechtlich zugeordnet sind. Nur ganz am Rande werden die sog. 'nebenberuflichen' Hochschullehrer (Privatdozenten und apl. Professoren) erwähnt.

5. Andere öffentliche Einrichtungen, die ein Informationssystem führen könnten und wollten, gibt es nicht.

Angesichts dieses Befundes kann man m. E. ohne Übertreibung von einer Art statistischem Verdrängungsprozeß gegenüber den Problemen tausender ungesicherter Habilitierter sprechen. Offenbar werden sie in den zuständigen Verwaltungen und Wissenschaftsorganisationen systematisch als reines Arbeitsmarktproblem aufgefaßt. Für den Arbeitsmarkt ist die auf den Wissenschaftsbereich zugeschnittene Habilitationsqualifikation grundsätzlich aber nur eine unter vielen anderen Spezial- oder Überqualifikationen, für die normalerweise keine Verwendung besteht. Sie wird auch in der internen Arbeitsamtsstatistik aus diesem Grunde offenbar nur selten erfaßt. Besonderes Interesse scheint sie allerdings hin und wieder dann zu finden, wenn es um ABM-Maßnahmen für Wissenschaftler oder das Ausmaß der Nichtvermittelbarkeit arbeitslos gemeldeter Hochschullehrer geht.

Insgesamt bedeutet das alles, daß niemand einen Überblick über die nach verschiedenen - wissenschaftlichen - Schätzungen mehrere tausend hochqualifizierter Wissenschaftler umfassende Gruppe der Bevölkerung hat, die zumindest teilweise nicht wissenschaftlich angemessen oder sonst gesellschaftlich produktiv eingesetzt wird.

V. Der gegenwärtig abschätzbare Umfang des in Frage kommenden Wissenschaftlerpotentials.

Die Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeit erfassen aller Wahrscheinlichkeit nach nur einen sehr kleinen Kreis beruflich ungesicherter Wissenschaftler. Das ergibt sich etwa daraus, daß schon die 'Karpen-Studie' für die Mitte der achziger Jahre das oben bereits erwähnte seltsame Phänomen zeigte: von den in dieser Studie erfaßten beruflich ungesicherten Habilitierten hatten sich umgerechnet nur gut 3,5 % arbeitslos oder -suchend gemeldet. Also waren 96,5 % beim Arbeitsamt gar nicht registriert worden.Übertrüge man dies Verhältnis auf heutige - weitaus schlimmere - Verhältnisse, so wären zum Beispiel zu den ca. 100 im Teilarbeitsamtsbezirk Berlin des Arbeitsamtsbezirks Berlin-Brandenburg (i. J. 1994) dauernd arbeitslos gemeldeten Hochschullehrern etwa das Dreißgfache hinzuzurechnen, um an die Größenordnung heranzukommen, die für ein bundesweites Informationssystem von Interesse sein könnte.

Auf Nachfrage bei der Arbeitsamtsverwaltung Berlin wurde mir im vergangenen Jahr (1996) die Zahl von 1614 im 1. Halbjahr 1993 formell als arbeitslos oder arbeitssuchend gemeldeten Hochschullehrern im gesamten Bundesgebiet mitgeteilt - als Ergebnis einer arbeitsamtlichen Sonderstudie, die ich leider in den mir zugänglichen Bibliotheken bisher nicht habe finden können. Rechnete man diese Zahl in der genannten Weise hoch, so käme man auf eine Dimension von ca. 30000 hochqualifizierten Wissenschaftlern in beruflich ungesicherten Verhältnissen.

Im Hinblick auf die besondere Lage im östlichen Teil der neuen Bundesrepublik (Bundesgebiet - Ost) ist diese von der 'Karpen-Studie' ausgehende grobe Hochrechnugsmethode vielleicht nur für den Bereich der alten Bundesrepublik anzuwenden, und dort gibt es vielleicht (wenn auch nicht erkennbar) weitere Faktoren, die die Zahl weiter einschränken. Legten wir ein Faktor 10 zugrunde, so kämen wir aber immerhin - nur für den Bereich der alten Bundesrepublik (Bundesgebiet - West: 437 ) - auf eine Zahl von ca. 4300.

Für den Osten des neuen Bundesgebietes führen andere Schätzungsmethoden dennoch zur Annahme von ebenfalls mehreren tausend ungesicherten, nicht sinnvoll eingesetzten Wissenschaftlern mit habilitationsähnlicher Qialifikation (Meske, in 'Wissenschaftlrearbeitslosigkeit und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik in Deutschland, Dokumentation der FES Leipzig 1994, S. 117: "bis zu 4000"; siehe Nr.7 ). (3)

Im Ergebnis wären beide Zahlen und ihre Summe, sollten sie in etwa zutreffen, sicherlich ein gesellschafts- und wissenschaftsstrukturpolitisch gleichermaßen bedeutsames Problem zumindest mittlerer Größenordnung - relativ klein gewiß gegenüber vielen anderen sozialen und strukturellen Problemen sei es des Inlandes, sei es der größeren Welt, aber doch, wie ich meine groß genug, um daraus inbesondere seitens der Poltitik zwei relativ bescheidene und sinnvolle Konsequenzen zu ziehen:

1. Selbst wer als Politiker die angegebenen Zahlen (die an dieser Stelle nur grob begründet werden können) in Zweifel zieht, müßte m. E. dennoch damit einverstanden sein, sich dafür einzusetzen, die Verhältnisse nunmehr endlich empirisch genau zu klären. Es würde sich dann ja zeigen, ob die Verhältnisse gar nicht so schlimm sind, wie alle Indizien es bisher wahrscheinlich machen. Wer eine solche empirische Untersuchung prinzipiell nicht unterstützt, muß sich m. E. heute den Vorworf der Verdrängung oder der Verschleierung handfester Probleme im Wissenschaftssektor gefallen lassen.

2. Eine Zahl von in jedem Falle mehreren Tausend gesellschaftlich ungenutzter hochqualifizierter Wissenschaftler des Inlandes legt es nahe, über großräumige und wirklich 'zukunftsorientierte' Lösungen auf gesamtsstaatlicher Ebene nachzudenken, die , wenn nötig, auch den Bereich der vorhandenen Handlungsmodelle zu überschreiten bereit sein müßten, wenn diese - was mir heute schon erwiesen scheint - nicht ausreichend greifen.

 

VI. Zweck und denkbare Strukturprinzipien eines bundesweiten Informationssystems für wissenschaftliche Hochqualifikationen.

Ausgehend von den Ergebnissen einer eingehenden empirischen Studie könnte ein auf Dauer gestelltes bundesweites Informationssystem zur Erfassung wissenschaftlicher Hochqualifikationen wichtige Aufgaben für verschiedene Zwecke erfüllen:

Ob solche Zwecke mittels des von uns angedachten (und erst einmal nur zur öffentlichen Diskussion gestellten) bundesweiten Informationssystems zu erreichen sind, hängt allerdings auch von dem politischen und administrativen Zusammenhang und von den Handlungsbegrenzungen ab, in die man ein solches Informationsssystem gesetzgeberisch hineinstellen würde. Mit einer reinen statistischen Datenbank wäre es nicht getan. Auch nicht mit einer in ihren Handlungsmöglichkeiten unnötig eingeschränkten Behörde oder mit einem primär gewinnorientierten und auf buchmäßige Kalkulierbarkeit seiner Aktivitäten ausgerichteten Wirtschafts-Unternehmen. Vielmehr sollte und könnte es sich um ein bewegliches Instument einer großräumig konzipierten, 'zukunftsorientierten', investiven, öffentlichen Wissenschafts- und Technologiepolitik mit ausgesprochen praxisbezogener Beweglichkeit - z. B. bei der Stellengestaltung und bei der Aufgaben-Organisation außerhalb bestimmter Traditionen des Hochschulbetriebs - handeln. Aus diesem Grunde hat unsere diesem Thema gewidmete Denkschrift ein angedachtes Informationssystem mit der Organisation eines großräumigen, praxisnahen, investiven und nicht befristeten öffentlichen Wissenschaftlerbeschäftigungs-Programms verbunden. Eine solche Verbindung ist zwar nicht unbedingt nötig, und sie mag für manche Zeitgenossen auch nicht zeit- und systemgemäß erscheinen. Es ist ja die Frage, ob politisch daran überhaupt ein Interesse besteht oder formierbar ist,

Aber letztlich wäre eine Nichtlösung der gegenwärtigen Probleme mit dem wissenschaftlichen Potential des Inlandes sowohl diesen gegenüber untolerabel ungerecht als auch wossenschaftsstrukturell sinnlos, und sie lassen sich andrerseits - jedenfalls nach meiner Überzeugung - durchaus konstruktiv entzerren. Ihre Qualität und Quantität erfordert allerdings weit mehr als nur die gegenwärtig - und auch nur halbherzig - umgesetzten provisorischen Perspektiven und Lösungsmodelle. Verweise der 'Betroffenen' auf nur provisorisch oder nur begrenzt taugliche Modelle wie das der 'Unternehmensgründung', auf 'Stellenteilungs-' oder 'Friststellen-Modelle verschiedener Art oder gar auf 'Umschulungen' und zeitlich eng befristete arbeitsamtliche Arbeitsbeschaffungs- und Berufseingliederungsmaßnahmen, und auf ebenfals befristete WIP-Programme und werden für sich genommen m. E. keine wesentlichen Beiträge zum Abbau der - ironisch gesprochen - 'qualifizierten Inlands-Wissenschaftlerarbeitslosigkeit' i. w. S. leisten können.

 

Ein bundesweites Informationssystem für wissenschaftliche Hochqualifikationen könnte folgende relativ einfache Struktur haben:

a) Es sollte

alle ihm mitgeteilten wissenschaftlichen Hochqualifikationen erfassen, die aufgrund von Habilitationen oder vergleichbaren Qualifizierungen im Hochschulbreich oder anderwärts entanden sind. Eine Arbeitslosmeldung wäre nicht Voraussetzung für die Aufnahme in das System.

b) Es sollte prinzipiell allen Interessenten - so der Wissenschaft, der Poltik, der Verwaltung und der Wirtschaft - zur Abfrage der gespeicherten Daten zur Verfügung stehen.

c) Das System sollte

Ein im Rahmen einer unserer Tagungen vorgetragener und später ausgearbeiteter Vorschlag zur Organisation eines 'Tertiären Wissenschaftsystems für dynamischen Wissenschaftstransfer' (B. Heimrich, C. Gizewski, Zur Nowendigkeit eines 'Tertiären Wissenschaftssystems'. Hochdynamische Innovationsgruppen in Organisation und bundesweiter Vernetzung durch 'Landeszentren für dynamischen Wissenschaftstranfer'. Denkschrift, in: 'Wissenschaftlerarbeitslosigkeit und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik in Deutschland'. hg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig, 1994; siehe unten als Anlage TEXT 4) (2) hat diese Aufgabe konzeptionell bei einer Bundesstelle für dynamischen Wissenschaftstransfer angesiedelt, weil es eine angemessene öffentlich-rechtliche Stelle für diesen Zweck gegenwärtig weder im Behördenaufbau der Länder noch in dem des Bundes gibt. Dies wäre nach unserer Vorstellung allerdings eine Behördenorganisation für ein großes gesellschaftsweites Beschäftigungsprogramm von Dauer (also nicht nur im Rahmen zeitlich eng befristeter Berufsintegrationsnmaßnahmen wie z. B. nach dem Arbeitsförderungsgesetz) und ein Instrument extrem aktiver Beschäftigungspolitik, das gegenwärtig wohl noch nicht zu den in fast allen politischen Parteien oder Lagern vertretenen global-wirtschaftsliberal akzentuierten Konzepten 'zukunfts'-bezogener Politik-Hoffnungen paßt.

d) Welcher Kreis von Hochqualifikationen erfaßt werden sollte, läßt sich ohne eine genauere empirische Sondierung der in Frage kommenden Potentiale und eines potentiellen Bedarfs nicht von vornherein ganz sicher abgrenzen. Generell kommen alle Träger von Qualifikationen in Betracht, die von irgendeinem Interesse für technologisch-wissenschaftlich fundierte oder begleitete Forschungs-, Lehr-, Untersuchungs- und Ausbildungszwecke in allen Bereichen des beruflichen Lebens - also nicht nur im Bereich der heutigen Formen organisierter Wissenschaft - sind oder sein könnten. Das heißt auch: es würde nicht nur um Habilitationsqualifikationen im engeren akademischen und hochschulrechtlichen Sinne des Wortes gehen.

e) Eine Vorstudie sollte ferner auch die Frage der finanziellen Beteiligung von Interessenten aller Art an der Finanzierung eines Informationssystems über Gebühren und und über Grundfinanzierungen klären.


ANMERKUNGEN.

1) Die Tagungsmaterialien des 3. und 4. überregionalen Treffens der Hochschullehrer in ungesicherten Verhältnissen sind bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig (Tel.: 0341/960-2431, FAX: 0341/960-5091), Materialien früherer Tagungen notfalls beim Autor dieses Textes (Tel. und FAX: 030/8337810) erhältlich.

2) Ein zufällig herausgegriffenes Beispiel dieser Denkweise bieten: M. Borchert, H. Gülicher, Tendenziell besser. Berufungschancen künftiger Habilitanden im Fach Wirtschaftswissenschaften, in: Forschung und Lehre, Mitteilungen des Deutschen Hochschulverbandes. 8/1996, 5.415: "Insgesamt scheint sich ab 1993 eine Trendwende in den meisten Fächern anzubahnen. Der Stellenmarkt für Hochschullehrer wird wieder angespannter, durchschnittlich entfallen auf jede freiwerdende Professorenstelle (scil. in wirtschaftswissenschaftlichen Fächern) zwei bis drei Nachwuchswissenschaftler. Wir halten dies für norrnal, da ein ausgeglichenes Verhältnis von Bewerbern und Hochschullehrer-Stellen der Qualität von Forschung und Lehre nicht förderlich sein kann".

Christian Gizewski


Verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung der hier veröffentlichten Beiträge: Christian Gizewski[[christian.gizewski@tu-berlin.de]].