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"GRUNDÜBERLEGUNGEN FÜR EINE EMPIRISCHE STUDIE ZUR SITUATION DER WISSENSCHAFLTLER MIT HOCHSCHULLEHRERQUALIFIKATION IN SOZIAL UNGESICHERTEN, WISSENSCHATLICH UNBEFRIEDIGENDEN ODER RECHTLICH UNAKZEPTABLEN VERHÄLTNISSEN IM OSTEN UND WESTEN DES BUNDESGEBIETS.

Vorlage zum 2. Deutschland-Treffen der Wissenschaftler mit Hochschullehrerqualifikation (Berlin 2. - 4. Okt. 1992).

 Die nachfolgend abgedruckte 'Vorlage zum 2. Deutschlandtreffen ...1992.' beruht auf mehreren intensiven Beratungen über die kostengünstige und zeitsparende Durchführung einer zeitgemäß angelegten empirischen Studie in einer Arbeitsgruppe interessierter Wissenschaftler, an der sich u. a. auch der Mitautor der 'Karpen-Studie', der Soziologe Prof. Reimann (Gießen) beteiligte. Nach fünf Jahren und unter den mittlerweile hinzugekommenen neuen Perspektiven würde sich eine Studie heute einer Anzahl weiterer Fragen zuzuwenden haben, die mit der von uns zur öffentlichen Diskussion gestellten Installation eines bundesweiten Informationssystems für wissenschaftliche Hochqualifikationen zusammenhängen. Dabei wären insbesondere (aber nicht nur) Fragen zu klären, die mit den Informationsinteressen potentieller Nutzer eines solchen Systems auch außerhalb des Hochschulbereichs zusammenhängen. Der Kreis der einzubeziehenden Hochqualifikationen müßte ferner nicht auf die Habilitationsqualifikation beschränkt sein, sondern sollte z. B. die vielfältigen Kategorien hochqualifizierter Wissenschaftler ohne Habilitation aus der Berufspraxis, darunter auch diejenigen Wissenschaftler miteinbeziehen, die aus verschiedenen Gründen nach dem Gesetz für eine Berufung in Hochschullehrerpositionen ohne Habilitation in Frage kommen. C. G.

 

1. Eine Studie soll die Zielrichtung haben, die soziale und berufsperspektivische Situation prinzipiell aller Problemgruppen von Wissenschaftlern mit Hochschullehrerqualifikation in sozial ungesicherten, wissenschaftlich unbefriedigenden und rechtlich unakzeptablen Verhältnisse auf dem Gebiet der vereinigten Bundesrepublik empirisch ausreichend fundiert und typologisch genau zu ermitteln. Sie soll

insbesondere diejenigen Bereiche und Mengen von Wissenschaftlern mit Hochschuilehrerqualifikation genauer erfassen, die in früheren Studien (wie der 'Karpen-Studie') wegen fehlenden Rücklaufs der Fragebögen und indirekter Ermittlungsmethoden nur unklar ins Bild kamen,

ferner den Gesamtbereich der Wissenschaftlerprobleme in den neuen Bundesländern angemessen erfassen

und schließlich die Probleme primär vonseiten der betroffenen Wissenschaftler und nicht primär - obschon auch - vonseiten der mit 'Nachwuchs' zu versorgenden Hochschulstrukturen und außeruniversitären Institutionen fassen und erforschen.

2. Zu dem Kreis der zu untersuchenden Wissenschaftlergruppen sollen prinzipiell gehören:

a) aus dem Bereich der alten Bundesrepubiik einschließlich West-Berlins a l l e ungefähr seit dem Jahre 1 9 8 0 Habilitierten,

b) aus dem Bereich der früheren DDR einschließlich Ost-Berlins a l l e Inhaber des akademischen Grades 'Dr. sc.' ungefähr seit dem Jahre 1980, wegen des Untersuchungszweckes ungeachtet aller gegenwärtig hochschulrechtlich definierten Gleichstellungsvoraussetzungen zwischen Habilitation und habilitationsähnlichen Qualifikationen im Bereich der ehemaligen DDR.

Die genauere Abgrenzung, die aus methodischen oder praktischen Gründen geboten ist, darf nicht Vorwegselektionen bestimmter - etwa politisch klassifizierter - Gruppen zur Folge haben und muß prinzipiell dem Untersuchungszweck voll Rechnung tragen.

3. Die Befragung der Wissenschaftler soll unmittelbar erfolgen - unter weitestgehender Ermittlung der Adressen über die Verwaltungen der Universitäten, Fachbereiche und wissenschaftlichen Institutionen, ergänzend über Habilitiertenlisten bei den Fachverbänden, über örtliche lnitiativgruppen, soweit vorhanden, und mit anderen Hilfsmitteln. Eine Befragung der Dekane der zuständigen Fachbereiche kommt nur unterstützungshalber in Betracht, da in dieser Verfahrensweise früherer Studien vermeidbare Unschärferisiken liegen. Die Hinweise und Aussagen der Hochschulstatistiken (Statistisches Bundesamt, HIS Hannover, Forschungsstelle und ZAV/AIS der Bundesanstalt für Arbeit, Hochschulstatistik der früheren DDR und ihre gegenwärtige Fortschreibung an verschiedenen Stellen) sind mit heranzuziehen.

4. Die Befragung der Wissenschaftler, die mittels eines ausführlichen Fragebogens vor sich gehen soll, soll ungefähr folgende Themenkomplexe erhellen;

a) Individueller Lebenslauf und Werdegang als Wissenschaftler; derzeitiger Hauptberuf; familiäre Situation.

b) Wissenschaftliches Profil und Qualifikationen, auch für angemessene außeruniversitäre Berufstätigkeiten. Bereitschaft zu außeruniversitärer Berufsarbeit.

c) Einkommenssituation in längerer Perspektive bis heute. Zeiten der Einkommenslosigkeit und formellen (angemeldeten) Erwerbslosigkeit.

d) Basisversicherungen (Kranken- Unfall- und Rentenversicherung Fürsorgeansprüche gegen Dienstherren, private Vorsorgemaßnahmen) in längerer Perspektive bis heute.

e) Berufliche Tätigkeit auf wissenschaftlich angemessenem Arbeitsgebiet und auf anderen Arbeitsgebieten in längerer Perspektive bis heute.

f) Bei Wissenschaftlern aus der früheren DDR: Entlassung aus früherem wissenschaftlichem Arbeitsverhältnis mit Gründen; einstweilige Weiterführung in einem wissenschaftlichen Arbeitsverhältnis mit Perspektive; dauerhafte Überführung in ein neues wissenschaftliches Arbeitsverhältnis oder Erreichen einer angemessenen beruflichen Tätigkeit.

f) Selbsteinschätzung und Selbstbewußtsein; Einschätzung der Systeme der Wissenschaftlerausbildung und -berufswege, des wissenschaftlichen Arbeitsmarktes und der Wissenschaftervermittlung (nach AFG und anderen Modi) sowie der Verfahrensweisen der Uberleitung und Abwicklung im Bereich der früheren DDR und Ost-Berlins.

Zur Veranschaulichung bestimmter typischer Problemkonstellationen ist zusätzlich zu der normalen Fragebogen-Erhebung in charakteristischen Einzelfällen die weitere Untersuchung durch Tiefeninterviews denkbar.

Die Erhebungen sollten so gestaltet sein, daß man aus ihren Ergebnissen ggf. unmittelbare Schlußfolgerungen für Verbesserungsvorschläge bei der Gestaltung des Hochschulrahmengesetzes und der Länderhochschulgesetze, beim Arbeitsförderungsgesetz, im Sozialversicherungsrecht, in den Systemen der Forschungsförderung und Wissenschaftlervermittlung, auch für den außeruniversitären Sektor, und für die Beseitigung vorurteilshafter Einstellungen zu Menge, Lage, Qualifikationsgrad und beruflicher Eignung von Wissenscbaftlern mit Hochschullehrerquaiifikation in ungesicflerter Stellung oder in unakzeptablen Verhältnissen ableiten kann.

5. Um ein Unterschungsvorhaben dieser Art praktikabel, d. h. mit einer nicht zu großen wissenschaftlichen Arbeitsgruppe in angemessen kurzer Zeit realisierbar und für eine Finanzierung durch öffentliche oder private Gedgeber (Stiftungen) attraktiv zu halten, sind solche Reduktionen des Erhebungs- und Datenverarbeitungsaufwandes denkbar und geboten, die die zu 1) formulierte generelle Zielrichtung nicht in Frage stellen.

Insbesondere ist die Konzentration auf bestimmte, im Ensemble und in ihrer Größe für quantitative Erhebungen genügend aussagefähige Universitätsorte, Universitäten, Fakultäten und Fachgebiete denkbar.

Auch der Untersuchungszeitraum muß ggf. wegen der o. a. Notwendigkeit auf einige Jahre reduziert werden.

Durch - evtl. gesondert auszuführende - Vor- und/oder Teiluntersuchungen soll einem dringenden Datenbedarf für eine sachgerechte öffentliche Diskussion der Probleme der betroffenen Wissenschaftlergruppen so bald wie nur irgend möglich zumindest bis zu dem Grade Rechnung getragen werden, daß exemplarisch fundiertes oder sonst plausibles Argumentieren mit wissenschaftsstatistischen Angaben möglich ist.

6. Bei einer Untersuchung sollten vorhandene Teiluntersuchunqen auf ähnlichen Gebieten, zum Beispiel aus der Arbeit des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin (Meske), oder aus der Münsteraner Untersuchung von PD Dr. Hübner, mitberücksichtigt werden, etwa als Teil einer Voruntersuchung über zwei oder drei Universitäten/wissenschaftliche Institutionen, die auch einem Finanzierungsantrag an öffentliche oder private Geldgeber zugrundegelegt werden könnte.

7. Die von dem initiierenden 'Diskussionskreis Empirische Studie' ausgehend von diesen Vor- stellungen erarbeiteten Ergebnisse und hergestellten Kontakte sollen weiterentwickelt werden. Der Diskussionskreis soll eine Studie dieser Art im Vorbereitungs- und Realisierungssradium weiter begleiten."

Christian Gizewski


Verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung der hier veröffentlichten Beiträge: Christian Gizewski [christian.gizewski@tu-berlin.de].