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Zur Notwendigkeit eines "tertiären Wissenschaftssystems": Hochdynamische Innovationsgruppen in Organisation und bundesweiter Vernetzung durch "Landeszentren für dynamischen Wisssenschaftstransfer".

Denkschrift von B. Heimrich und C. Gizewski. 

 Diese Denkschrift entstand im Zusammenhang mit dem 3. Deutschlandtreffen habilitierter Wissenschaftler in Leipzig ("Wissenschaftlerarbeitslosigkeit und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik in Deutschland", Febr. 1994) im Laufe des Jahres 1994. Die Adressen der Autoren: Prof. Dr. rer. nat. Bernd Heimrich, Birkenweg 18, 36008 Hünfeld, Tel. 06652/73382 und: Fachhochschule Gießen-Friedberg, Fachbereich Technisches Gesundheitswesen (Fachgebiet Analoge und digitale Informatik), Wiesenstraße 14, 35390 Gießen. Privatdozent Dr. Christian Gizewski. Tietzenweg 98, 12203 Berlin. Tel. und FAX: 0331/8337810 (Technische Universität Berlin. Fachbereich Kommunikations- und Geschichtswissenschaften - Fachgebiet Alte Geschichte).

Die Tagungsmaterialien des 3. und 4. überregionalen Treffens der Hochschullehrer in ungesicherten Verhältnissen sind bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig (Tel.: 0341/960-2431, FAX: 0341/960-5091) erhältlich.


10 Jahre nach der erstmaligen Diskussion ihrer Grundgedanken hat diese Denkschrift im Zusammenhang mit den durch die sog. 'Hartz IV-Reformen' - auch des Arbeitsvermittlungsrechts - eine im Jahre 1994 noch nicht voraussehbare zusätzliche Bedeutung erhalten. Im Hinblick auf die §§ 2 und 10 Sozialgesetzbuch, II. Teil i. d. F. v. 24. 12. 2003 scheint die 'Bundesagentur' für Arbeit einen neuen Zumutbarkeits-Begriff bei der Zuweisung von Ersatzarbeit (§ 410, Abs. 2 Nr. 1 SGB II) ebenso wie bei der Einforderung von Qualifikationsmaßnahmen (§ 15, Abs. 1, Nr. 2 SGB II) auch für arbeitslose hoch- und höchstqualifizierte Wissenschaftler so auszulegen, daß diesen notfalls faktisch auch ein berufliches Ausscheiden aus dem Kreis wissenschaftlicher oder wissenschaftsnaher Tätigkeiten nahegelegt wird. Diese bereits durch Gerichtsentscheidungen als rechtsgemäß bestätigte Gesetzesanwendung könnte, bliebe sie unmodifiziert bestehen, in der Folge zu einer quantitativ beachtlichen Vernichtung wissenschaftlicher Produktivkraft im deutschen Bereich führen. Die Grundgedanken des hier vorgestellten institutionellen Modells für 'dynamischen Wissenschaftstransfer' sollten daher auch für den Bereich der Arbeitsvermittlung sowohl von den Gesetzgebern als auch von den Arbeitsämtern - im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten - in Erwägung gezogen werden. C. G., Okt. 2005

 

Vorbemerkung.

Die nachfolgenden Ausführungen verstehen sich im Zusammenhang mit der seit längerem geführten Diskussion über den ,,Wirtschaftsstandort Deutschland", d. h. über die Notwendigkeit, wissenschaftliche und technologische Neuentwicklungen in einem rohstoffarmen Land schnell in marktfähige Dienstleistungs- und Produktangebote für den Weltmarkt umzusetzen, über die damit korrespondierenden Anforderungen an die schnelle Veränderbarkeit beruflicher Qualifikationen und schließlich über die dadurch bedingten Reformnotwendigkeiten für das duale Ausbildungs- und für das Hochschulausbildungssystem (Universitäten und Fachhochschulen). Von diesem Themenkomplex versuchen wir eine Brücke zu schlagen zum Problem der Akademikerarbeitslosigkeit, die derzeit eine quantitativ und qualitativ beachtliche Dimension innerhalb der allgemeinen Arbeitslosigkeit erreicht hat und heute auch eine Vielzahl von Wissenschaftlern im engeren Sinne - bis hin zu denjenigen mit Hochschullehrerqualifikation (Habilitation) im Westen und im Osten des heutigen Bundesgebietes umfasst; aktuelle Schätzungen, wie sie etwa auf dem Leipziger Symposium "Wissenschaftlerarbeitslosigkeit und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik in Deutschland" (Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig, März 1994) vorgelegt wurden, weisen für den Bereich der alten und der neuen Bundesländer auf jeweils mehrere Tausend nicht oder überwiegend nicht genutzter wissenschaftlicher Höchstqualifikationen auf sehr vielen Fachgebieten - von den Geistes- und Sozialwissenschaften bis zu den naturwissenschaftlichen und technologischen Disziplinen - hin.

Der Vorschlag, einen "tertiären Sektor" für "dynamischen Wissenstransfer" zu schaffen, der den von der "Standortdiskussion" immer wieder hervorgehobenen Notwendigkeiten besser als die vorhandenen Forschungs- und Ausbildungssysteme entspräche, ja Universitäten und Fachhochschulen entlasten und das duale Berufs ausbildungssystem und die Erwachsenen-Fortbildung ergänzen könnte, ist unseres Wissens noch an keiner Stelle gemacht worden. Sollte dies nicht so sein, so bitten wir alle Leser freundlicherweise um entsprechende Hinweise an die Verfasser. Es geht hier keineswegs um irgend ein Patentrezept, sondern vor allem darum, ein Grundsatzkonzept zur Diskussion zu stellen und allen wissenschaftspolitisch Verantwortlichen zur ggf. eigenen Fortentwicklung zu empfehlen.

 

A 1. Das Problem des aktuell bedarfsorientierten Forschungstransfers.

Wissenschaftlerarbeitslosigkeit oder allgemeine Akademikerarbeitslosigkeit in Deutschland lassen sich nur zum Teil als Folge der Wiedervereinigungspolitik, d. h. der durch sie bewirkten starken Reduzierung der Beschäftigtenzahl in allen Bereichen der wissenschaftlichen Einrichtungen der ehemaliger DDR erklären. Zwar wurden schätzungsweise über zwei Drittel der ehemaligen DDR-Wissenschaftler durch die sogenannte Evaluierung arbeitslos oder zumindest aus ihren früheren Beschäftigungsverhältnissen entlassen. Dies erklärt aber nicht allein die Gesamtzahl von derzeit über 250 000 arbeitslosen Akademikern in der Bundesrepublik, in der jährlich etwa 170000 Akademiker nach Beendigung einei Hochschulausbildung auf den Arbeitsmarkt drängen.

Die Zahl der arbeitslosen Akademiker in Deutschland spiegelt auch eine grundsätzliche Schwäche wider, die der Technologie- und Wirtschaftsstandort Deutschland gegenüber seinen Konkurrenten in Asien und Amerika hat. Zahlreiche Studien (1) und Veröffentlichungen (2 ) der letzten Zeit belegen nur allzu deutlich, daß deutsche Erfinder, wenn sie schon einmal Patente anmelden, sehr viel weniger neue wissenschaftliche Erkenntnisse in ihren Patentanmeldungen zitieren als ihre Konkurrenten aus Übersee Letztere benutzen neue wissenschaftliche Erkenntnisse um Größenordnungen häufiger. Dabei stammen die Vorarbeiten dazu nicht nur von Wissenschaftlern aus Asien und Amerika, sondern auch aus Deutschland, entsprechend ihrem weltweiten Anteil an wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Asiaten und Amerikaner setzen somit neue wissenschaftliche Erkenntnisse sehr viel schneller und stärker in vermarktungsfähige Erfindungen um als Deutsche. Dieser Tatbestand markiert einen schweren Strukturmangel des Industriestandorts Deutschland und läßt für die Zukunft besonders negative Folgen für die Zahl der hiesigen Hochlohnarbeitsplätze erwarten.

Dies Problem ist dramatisch und seit längerer Zeit bei uns in einer breiten öffentlichen Diskussion:

1) Die deutsche Industrie liegt zwar in einigen Bereichen weltweit in der Spitzengruppe, etwa im Anlagenbau, in Auto-, Chemie-, Elektroindustrie oder im Maschinenbau. Allerdings werden in diesen Industriezweigen Standardtechnologien und Standardprodukte in einem weltweiten Verdrängungswettbewerb vertrieben, den unsere Firmen nur deswegen mithalten können, weil sie permanent rationalisieren und die Produktion in Billiglohnländer verlagern; dadurch verlieren viele erfahrene Facharbeiter ihre Arbeit.

 

2) Der Aufwand für Forschung und Entwicklung in diesen Marktsegmenten beträgt nur null bis fünf Prozent vom Gesamtumsatz. Dabei erfordert die Entwicklung von Spitzentechnologien Anteile von bis zu dreißig Prozent am Umsatz für Forschung und Entwicklung. Spitzentechnologien werden nicht im Verdrängungswettbewerb vertrieben. ln Japan beispielsweise sind beinahe dreimal mehr Forscher pro erwirtschaftetem Bruttosozialprodukt beschäftigt als in Deutschland. Für die Industriezweige, die sich im Verdrängungswettbewerb befinden, wird der Standort Deutschland immer unattraktiver.

 

3) Beschleunigt wird dieser Trend durch eine fortwährende Ablösung der Standardtechnologie und der Standardprodukte durch neue Technologien und Produkte, die heutzutage fast ausschließlich aus dem Ausland kommen, aufgrund der dort in der Vergangenheit getätigten Forschungs-, Entwicklungs- und Patentaktivitäten. Ein Beispiel für den Prozeß des Verschwindens einer Technologie ist Stahl und seine zur Herstellung erforderliche Technologie. Vor hundert Jahren war die Herstellung von Stahl noch Spitzentechnologie, die nur wenige beherrschten. Heute ist seine Herstellung Standardtechnologie, am Ende eines sogenannten ,,Technologiezyklus" (Technologiezyklus: Spitzentechnologie > Standardtechnologie > Verlagerung der Standardtechnologie in Billiglohnländer > Verschwinden der Technologie durch Ersatz mit Besserem). Jede neue Technologie und die durch sie hergestellten Produkte durchlaufen diesen Zyklus in der Regel schneller, der Anteil der Beschäftigten dabei ist geringer. Stahl kann z. B. deshalb in Deutschland nur noch mit riesigen finanziellen Zuschüssen produziert werden. Billiglohnländer können ihn inzwischen weitaus preiswerter herstellen. Sein Ersatz durch andere Werkstoffe ist ebenfalls in vollem Gange.

 

Schon diese kurze Umschreibung des Problems macht deutlich, daß jetzt alles getan werden müßte, damit der Industriestandort Deutschland eine Zukunft hat. Ein wichtiger Bestandteil der notwendigen Verbesserungen ist ein Mehr an Forschungs-, Entwicklungs-, und Patentaktivitäten auf neuen, zukunftsweisenden Gebieten, zur Stärkung des Hochlohnsektors und eine dynamischere Weiterqualifizierung der durch den technologischen Wandel Entlassenen.

 

A 2. Die begrenzte Leistungsfähigkeit der bestehenden Institutionen der universitären und außeruniversitären Forschung für die aktuellen Notwendigkeiten des Forschungstransfers.

Wissenschaft und Forschung sind in Deutschland historisch bedingt gegliedert in die Grundlagenforschung an den Hochschulen, die angewandte Grundlagenforschung in den Max-Planck-Instituten, die Großforschungseinrichtungen und die industrienahe Forschung in den Fraunhofer-Instituten. Diese einzelnen Bereiche sind aus guten Gründen unabhängig von einem Verwertungsinteresse Dritter. Die finanziellen Mittel werden in einem föderalen System von Bund und Ländern gemeinsam aufgebracht, für die Fraunhofer-Institute nur zu dreißig Prozent. Zu diesen Strukturen kamen nach der Vereinigung noch ,,Blaue Liste Institute", WIP-geförderte Wissenschaftlergruppen (Wissenschaftler-IntegrationsProgramm) und vielfältige ABM-Projekte (Arbeits-Beschaffungs-Maßnahmen). Daneben existieren manigfaltige Forschungsaktivitäten in der Großindustrie, allerdings wie oben aufgezeigt, zumeist in Sektoren, in denen sich die Industrie in einem weltweiten Verdrängungswettbewerb befindet. Bisher gab es eine nur unvollständige Verbindung zwischen den Aktivitäten der Industrie und den staatlich geförderten, nämlich über die AIF (Angewandte Industrieforschung; diese ist nur mit einem geringen Förderetat ausgestattet) und die Projektförderungen des BMFT (Bundesministerium für Forschunng und Technologie). Hier konnte auch die mittelständische Industrie, obgleich nur in geringem Maße, partizipieren. Weitere Verbindungen in diesem lnnovationssystem waren über die Fraunhofer-Institute und durch die persönlichen Kontakte der Forscher untereinander gegeben.

Dieses gesamte System war in den letzten Jahrzehnten nicht in der Lage, neue Spitzentechnologien in dem Maße hervorzubringen (3), wie es für ein Land wie die Bundesrepublik zur Erhaltung seiner Wirtschaftskraft erforderlich ist. Dieser Mißstand ist mittlerweile zwar erkannt, und die Bundesregierung hat beschlossen, einen Strategiedialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Staat zu iiitensivieren, um Forschung. Technologie und Innovation von bestehenden Defizitei' zu befreien. Dieser Dialog dürfte auch dazu führen, daß die mittelständische Industrie, die ein wichtiger Industriezweig ist, aber bisher kaum angemessen forschen und entwickeln konnte, jetzt besser Forschungsaktivitäten wird entfalten können, nämlich durch die Einbeziehung der Fachhochschulen in ein Verbund-Förderkonzept für angewandte Forschung und Entwicklung. Desweiteren wird auch Risikokapital bzw. werden Existenzgründerprogramme angeboten und dadurch die Gründung neuer Unternehmen ermöglicht. Auch die nach der Wende zum Erliegen gekommene Industrieforschung in den jungen Bundesländern wird vermutlich stärker gefördert werden.

Ein wesentlicher Mangel des bisherigen Systems war und bleibt jedoch weiterhin, daß von der Grundlagenforschung bis zur Herstellung eines weltmarktfähigen Produkts oder einer ebensolchen Dienstleistung kein einfach durchgängiger Pfad vorhanden ist. Die einzelnen Strukturbereiche sind zum großen Teil wegen spezifischer Interessenlagen in sich geschlossen. Daran wird sich im wesentlichen auch in der nächsten Zukunft nichts ändern, auch nicht durch die oben angeführten Verbesserungen und zu führenden Dialoge. Denn im Falle der Verbundforschung zwischen Fachhochschulen und mittelständischer Industrie würde zwar ein neues wichtiges Strukturelement eingeführt, dieses hätte aber nur begrenzte Effekte für eine Innovationsdynamik und vor allem ihre Durchsetzung. Die Bereitstellung von Existenzgründerprogrammen und Risikokapital verbesserte nur in kleinen Sektoren ein wenig die Möglichkeit, die schwer begehbaren Pfade von der Grundlagenforschung bis zum weltmarktfähigen Angebot, erfolgreich zu durchlaufen. Bis zur Durchsetzung auf einem Markt wäre dann noch eine weitere, bis zu zehn Jahren lange Risikostrecke zu bewältigen.

Aus diesem Grunde schlagen wir vor, einen anderen weit umfassenderen Neuansatz zu bedenken, der gemeinsame Anstrengungen zu bündeln, unzeitige Risiken zu minimieren und "wirklich Neues" in größerem Umfang und systematischer Weise hervorzubringen vermag, den eines selbstständigen und relativ weit konzipierten Systems für "dynamischen Wissenschaftstransfer" in Deutschland. Wirklich Neues entsteht meist in neuen Strukturen oder "zwischen" alten Strukturen (4); denn es pflegt nur dort zu gedeihen, wo es sich frei und selbstständig entfalten kann. Die sogenannte ,,Nobelpreisschmiede" der Firma IBM in Rüschlikon in der Schweiz ist der existierende Beweis für diese Behauptung.

 

A 3. Ein organisierbarer Lösungsansatz: hochdynamische Innovationsgruppen eines "tertiären Wissenschaftssektors".

Um ,, etwas wirklich Neues", das sich ,,zwischen" den Strukturen befindet, in Gang zu setzen und zu fördern, nach Möglichkeit mit weitweitem Erfolg, sollte ein ,,tertiäres System" der Wissenschaftsorganisation in Gestalt eines Netzes ,,hochdynamischer lnnovationsgruppen" (5) aufgebaut werden. Diese Gruppen könnten sich selbst auf kombinierten Wissenschaftsgebieten aus dem Fundus der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Akademiker rekrutieren. Die dynamische Selbstrekrutierung wäre etwas wirklich Neues: Ihre Basis wäre die wissenschaftlich-praktische Ideenfindung. Dadurch könnte die gesamtgesellschaftliche Nutzung von brachliegendem Humankapital auf evtl. sehr effektive Weise und auf völlig neuen Gebieten der Beschäftigungspolitik eingeleitet werden.

Als Organisationsform wäre eine Bund-Länder-Körperschaft des öffentlichen Rechts bestehend aus zugeordneten Projektgruppen mit etwa drei bis zwanzig Mitgliedern pro Gruppe denkbar, die wissenschaftsbezogen und rechtlich verfaßt sein müßten. "Landeszentren für dynamischen Wissenschaftstransfer" der Bundesländer könnten - der Kulturhoheit der Länder entsprechend das tragende Gerüst des Systems sein und aufgrund einer Bund-Länder-Vereinbarung ihre Planungen und Entscheidungen bundeszentral - in einer "Bundeszentrale für dynamischen Wissenschaftstransfer" - abstimmen. Sie könnten auch dafür Sorge tragen, daß das verfassungsrechtliche Postulat der Wissenschaftsfreiheit sowohl im Innenbereich der Organisation als auch im Verhältnis zu den anderen bestehenden Bereichen der Wissenschaft und Gesellschaft gewahrt würde. Diesen, insbesondere der Wirtschaft, den öffentlichen Verwaltungen und den Gewerkschaften, sollte ein angemessenes Recht auf Einbringung von Initiativen eingeräumt werden. Ohne allzu starke statusrechtliche Differenzierung sollten ferner die Mitarbeiter der hoch-dynamischen Innovationsgruppen ein wissenschaftsadäquates Arbeits-, Äußerungs- und Mitwirkungsrecht in den Entscheidungsprozessen der Organisation erhalten. Die einzelnen Projektgruppen sollten grundsätzlich nur zeitlich befristet exisitieren, in der personellen Zusammensetzung leicht veränderbar sein und über ein superschnelles Kommunikationsnetz verfügen können, mit dem sie in der Lage wären, untereinander zum Zwecke der Ideenfindung, der Dynamisierung ihrer Innovationen und Arbeitsergebnisse und der Vermeidung von doppelter Arbeit, zu kommunizieren. Von außen sollten Interessenten ihre Probleme und Anliegen über eine zentrale Koordinationsstelle in geeigneter Weise in ein solches Netz einbringen können. Für die Finanzierung wäre eine Grundausstattung mit öffentlichen Mitteln essentiell. Durch Einwerbung von Drittrnitteln und andere privatwirtschaftliche Erwerbsformen, durch Beiträge der Förderinstitutionen für die Wissenschaft, durch Mittel nach dem Arbeitsförderungsgesetz und durch die gesellschaftsrechtliche Bildung von Risikokapital, könnten und sollten jedoch weitere Mittel gewonnen werden. Eine externe Prüfung der zu tätigenden Investitionen für die einzelnen Projekte würde auf diesem Wege über Gutachtergremien mitorganisierbar. lnnovationsgruppen, die ein erfolgreiches Produkt, ein Verfahren, eine Dienstleistung, eine Managmentorganisationsform oder ein lizenzfähiges Patent entwickelt hätten, würden aus der Organisation ausscheiden und ggf. als neues Unternehmen weltweit agieren können. Ein solches Unternehmen hätte später einen angemessenen zu regelnden Investitionskostenbeitrag an die Organisation zurückzuzahlen, wenn die Gewinne dies erlaubten.

Bei einem flächendeckenden, wirklich bedarfsgerechten und insoweit groß dimensiorierten Endausban einer solchen Organisation in Deutschland mit denkbaren 2000 bis 10000 Projekt-Gruppen, 16 "Landeszentren" und einer "Bundeszentrale für dynamischen Wissenschaftstransfer" wäre mit einem Finanzierungsbedarf bis zur Milliardenhöhe zu rechnen, der durch Entlastung an anderer Stelle teilweise kompensiert würde. Für eine Grundausstattung müßten gewiß der Bund und die Länder in nicht geringer Höhe aufkommen. Allerdings wäre dabei zu berücksichtigen, welche prioritäre Bedeutung solche investiven Aufgaben in eine praxisnahe Forschungs- und Berufsqualifikations-Organisation für verschiedene Bereiche der gesellschaftlichen Entwicklung (Wirtschafts- und Sozialpolitik, Universitäts- und Fachhochschulwesen, duale Berufs- und Erwachsenenforthildung) hätte. Finanzierungsbeiträge könnten jedoch auch, wie schon erwähnt, aus dem Bereich der Wirtschaft, von der Bundesanstalt für Arbeit und den Forschungsfoderungsinstitutionen verschledener Art erwartet werden - je nach der Verfassung der zu begründenden neuen Organisation, ihrer Nützlichkeit und ihrer Bedeutung für die potentiellen Finanzgeber.

 

B. Zusätzliche wissenschaftliche Aufgaben im Rahmen eines "tertiären Wissenschaftssektors".

Außer dem Netzwerk hochdynamischer, projektorientierter Innovationsgruppen, die die Hauptsache und das Hauptvolumen eines "tertiären Wissenschaftssektors" sein sollten und deren Zweck vor allem die Entwicklung von anwendungs- und marktreifen Technologie- und Dienstleistungs-Angeboten mit binnen- oder außenwirtschaftlicher Bedeutung wäre, sind im Rahmen der "Landeszentren für dynamischen Wissenschaftstransfer" und ihrer "Bundeszentrale" zwei weitere Typen von wissenschaftlichen Arbeitsgruppen denkbar:

 

C 1. Die Probleme des aktuellen praxisbezogenen Wissenschaftstransfers in der dualen Berufausbildung und in der llochschulausbildung.

Die Qualifikation durch das duale Berufsausbildungssystem erscheint heute vielen Arbeitsplatzsuchenden nicht attraktiv genug, was die Einkommensmöglichkeiten im Vergleich mit Hochschulqualifikationen betrifft, und andererseits zu wenig offen für die Aufnahme aktueller, praxisbezogener Zusatzausbildungen wissenschaftlicher Art, die in Zukunft, wie oben aufgezeigt, an Bedeutung immer mehr zunehmen. (6)

Die Fachhochschulen bieten ihrerseits schwerpunktmäßig ihre Studiengänge an, die für viele berufliche Funktionen im Bereich des Handwerks und der Dienstleistungen über den aktuellen und praxisbezogenen Bedarf an wissenschaftlicher Zusatzausbildung hinausgehen. Das gilt erst recht für die Universitäten. Fachhochschulqualifikationen haben zudem gegenüber Universitätsqualifikationen geringere Attraktivität in bezug auf die erzielbaren Karrieren und Einkommen.

Fachhochschulen und vor allem Universitäten ziehen damit heute viele Studenten an, die an sich nichts weiter anstreben als wissenschaftliche Zusatzausbildungen für aktuell zu besetzende, praxisorientierte Berufsfunktionen, die ihnen ein Optimum an Arbeitsplatzsicherheit und Einkommen sichern sollen. So gibt es heute viele Studienanfänger, die bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen haben und über zeit- und arbeitsaufwendige Studiengänge dieses Zusatzziel erreichen möchten.

Für ihren Qualifikationsbedarf ebenso wie für die Einsatzbedürfnisse der produzierenden und dienstleistenden Sektoren der Volkswirtschaft bedarf es demgegenüber eines dynamischeren Systems der Vermittlung von aktuell benötigten und, soweit nötig, wissenschaftlich fundierten Zusatzqualifikationen, die nicht im Wege längerer, zusammenhängender Studiengänge erworben werden müßten, sondern sowohl in ad-hoc-Ausbildungen als auch in baukastenartig zusammensetzbaren Zusatzqualifikationsmaßnahmen bestehen könnten.

Daß ein solcher Qualifikationsbedarf in Zukunft auch bei vielen der noch im produzierenden Gewerbe Beschäftigten immer dringlicher werden dürfte, will die Bundesrepublik ein Hochlohnland bleiben, dies kann man sich leicht vor Augen führen, wenn man die Konsequenzen bedenkt, die etwa die Einführung der kürzlich von der Daimler- Benz AG in der Öffentlichkeit vorgestellten Brennstoffzelle als neue Technologie eines zukünftigen Antriebes für Fahrzeuge mit sich bringen würde. Alle bisherigen Produktions-und Dienstleistungszweige die sich mit der Herstellung der Komponenten von herkömmlichen Benzin-und Dieselmotoren und deren Vertrieb beschäftigen, würden durch die Einführung des neuen Antriebssystems überflüssig. Wegen der geringeren Zahl der Komponenten und der Möglichkeit der gesteigerten Automation bei der Fabrikation der neuen Antriebstechnologie, bzw. deren Auslagerung in Niedriglohnländer oder in Länder mit denen technologische Kooperationen bestehen, könnten zehn bis dreißig Prozent der derzeitigen Arbeitsplätze der Beschäftigten im produzierenden Automobilsektor wegfallen. Die aufgrund der Vermarktung einer neuen Technologie Entlassenen, wären demgegenüber möglichst schnell wieder mit Hilfe von Qualifizierungen in die sich dynamisch entwickelnde Beschäftigungsstruktur zu integrieren. Auch die Nichtentlassenen in den weggefallenen Sektoren müßten für Tätigkeiten in gänzlich neuen Beschäftigungsfeldern weitergebildet werden.

Obwohl es heute für solche Zwecke manche privatrechtliche, gelegentlich auch öffentlich-rechtliche Institutionen der Berufsbildung (einschließlich Berufsakademien) gibt, ist dennoch anzunehmen, daß wichtige aktuelle und komplexe wissenschaftsnahe Aufgabenstellungen von diesen nicht in dem nötigen Maße und der nötigen Schnelligkeit abgedeckt werden können. Insoweit wäre ein übergreifendes öffentlich-rechtliches System für Zusatzausbildungen wissenschaftlicher Art von allgemeinem Nutzen, das der Forschungsseite eines "tertiären Wissenschaftssektores" gleichrangig an die Seite träte. Sein Verhältnis zum Privatschul- und Berufsakademiewesen ware ggf. als das einer ergänzenden und, wo nötig, ganz neuen öffentlichen Bedarfsdeckung im Bereich der Berufsqualifikation zu bestimmen. Auch dort, wo die durch Universitätsstudium erworbenen akademischen Qualifikationen einer Ergänzung durch aktuelle, praxisorientierte Zusatzausbildungen wissenschaftlicher Art bedürfen, die an Universitäten nicht angeboten werden können oder werden, wären diese im Rahmen eines dynamischen Wissenschaftstransfer-Systems vermittelbar.

Der ,,tertiäre Sektor" könnte teilweise in Zusammenarbeit mit Fachhochschulen und Universitäten teilweise auch in eigener Regie die erforderlichen Zusatzqualifikationen, die sich aus aktuellen oder bevorstehenden Marktentwicklungen sowie anderen sich abzeichnenden Bedarfslagen der Gesellschaft ergeben, schnell, wissenschaftlich zuverlässig und zielgerichtet-bedarfsorientiert vermitteln. Es könnte für Fachhochschulen und Universitäten entlastend wirken und die Bereitschaft der Bevölkerung zur Qualifikation rationeller nutzen. Darüber hinaus würde es die oftmals nicht ausreichend genutzte Innovationskraft mancher der formell oder informell arbeitslosen Akademiker aller Fachgebiete bis hin zu den habilitierten Wissenschaftlern in ungesicherten Verhältnissen angemessen verwenden können . (7)

 

C 2. Die Organisation der Lehre in einem "tertiären Wissenschaftssektor".

Die Lehre, die im Rahmen der ,,Landeszentren für Wissenschaftstransfer" zu organisieren wäre, sollte unter der Maxime der wissenschaftlich-technologischen Fachverantwortlichkeit der dafür in den wissenschaftsüblichen Verfahren als fachlich kompetent ausgewiesenen Wissenschaftler (Art. 5, Abs. 3 GG) stehen, wäre jedoch in zweckbestimmt ausgerichteten und ggf. leicht veränderbaren Ausbildungsgängen und ihren eher schulartigen Ausbildungsformen realisierbar.

Für die Planung und Durchführung der Lehre wären Entscheidungsgremien zu schaffen, die hinsichtlich der Beteiligungsrechte der eingesetzten Akademiker denen der Universitäten oder Fachhochschuler ähnlich sein müßten. Weisungsbindungen wären in Analogie zum Dienstordnungsrecht des Hochschulbereichs zu regeln. Die Stellentypologie jedoch könnte von der hochschulrechtlichen zweckentsprechend und markant abweichen, insbesondere in der Verwendung von Frist- und Teilzeitstellen. Die neben oder teilberufliche Verbindung der Akademiker zum Wissenschaftsbetrieb in den Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wäre ggf. nicht auszuschließen, sondern grundsätzlich zu unterstützen.

Das Lehrangebot wäre in verschiedenen Zusatzausbildungsgängen ausreichend nach den Ausbildungsvoraussetzungen der Studierenden und den Zielrichtungen der Zusatzausbildungen zu differenzieren soweit es im Rahmen der "Landeszentren für Wissenschaftstransfer" organisiert wurde. Es könnte in kultur- und sozialwissenschaftlich-, sprach-, managment- und technologiebezogenen Lehrbereichen dei "Landeszentren" - analog den Fachbereichen des Hochschulwesens - organisiert werden, wobei allerdings die Forschungsfragen in einem gemeinsamen Gremium der "Landeszentren" zu beraten und zu entscheiden wären.

 

D. Bundesweites Informationssystem über verfügbare wissenschaftliche Höchstqualifikationen bei der "Bundeszentrale für dynamischen Wissenschaftstransfer".

Im Rahmen eines bundesweit vernetzten Systems von "Landeszentren für dynamischen Wissenstransfer" sollte auch ein bundesweites Informationssystem über verfügbare wissenschaftliche Höchstqualifikationen aller Fachgebiete, wie es vom 2. Deutschlandtreffen habilitierter Wissenschaftler (Berlin 1992 ) konzeptionell diskutiert und empfohlen wurde, besondere Bedeutung haben. Ein derartiges Systeru wird heute nirgends geführt - und kann dies aus verschiedenen rechtlichen Gründen weder bei dei Bundesanstalt für Arbeit noch beim Statistischen Bundesamt -; seine Verwaltung könnte eine wichtige Teilaufgabe einer "Bundeszentrale für dynamischen Wissenschaftstransfer" sein. (8)

 

E. Konzeptionell weiter zu bedenkende Fragen.

Die in den vorhergehenden Abschnitten entwickelten Grundgedanken werfen eine Anzahl von Detail problemen auf, die in diesem Grundsatzkonzept zu klären einstweilen noch nicht sinnvoll ist. Daß dies hier noch nicht geschieht, heißt aber nicht, daß es nicht nötig oder möglich ist, sondern nur, daß die detailierte Klärung ohne eine vorhergehende Diskussion über Grundsätze verfrüht wäre. Eine größere Zahl von Fragen ergibt sich insbesondere im Hinblick für die folgenden Punkte:


ANMERKUNGEN.

1 Vgl. etwa Studien des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und lnnovationsforschung, Karlsruhe, 1993.

2 Siehe z. B. Bundesbericht Forschung, BMFT, 1993.

3 VgI. Bernd Heimrich, "Innovations-Schub", Rheinischer Merkur, Nr. 52, Dez. 1993.

4 Siehe bei Hubert Markl, Wissenschaft im Widerstreit, 1990, S. 117-143, Weinheim.

5 Vgl. Bernd Heimrich, "Innovativ statt arbeitslos", Deutsche Universititszeitung, 5/94, S.13.

6 Vgl. dazu etwa: Thesen 4 und 5 der ,,Thesen des Wissenschaftsrates zur Hochschulpolitik" vom 22. 1. 1993, soweit sie auf die Notwendigkeit zeitlich stark verkürzter, wissenschaftlich basierter, exakt arbeitsmarktbezogener Ausbildungsgänge und der Steigerung der Attraktivität der dualen Berufsausbildung hinweisen. Diese Thesen wurden vom sog. "Bildungsgipfel" (Nov.1993) übernommen. Dasselbe Thema haben in letzter Zeit eine Anzahl bildungs- und wissenschaftspolitischer Kongresse behandelt Vgl. etwa den Vortrag W. M. Catenhusen "Gesamtdeutsche Wissenschafts und Forschungslandschaft auf dem Weg in die Zukunft" auf der Fachtagung des "Wissenschaftsforums der Sozialdemokratie" in Jena (Juli 1993); ders., Vortrag "Bildung als Standortfaktor" auf dem bildungspolitischen Kongreß der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn (Sept. 1993); F. Butler (Wissenschaftsrat, BfA Nürnberg), Vortrag "Bildung und Beschäftigung" auf dem bildungspolitischen Kongreß der SPD-BT-Fraktion u. a. Veranstalter in Berlin (März 1994).

7 Zum Thema der formellen und informellen Wissenschaftlerarbeitslosigkeit, zum Ersatzbedarf der Hochschulen und zu dem auf sehr vielen Fachgebieten bestehenden erheblichen Wissenschaftleruberhang vgl.: Vortrag W. Benz (Wissenschaftsrat), "Die Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses", auf dem 44. Hochschulverbandstag in Rostock (März 1994); B: Reimann (Soziologisches Institut der Universität Gießen) und W. Meske (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) in Vorträgen auf dem Symposium der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig zum Thema "Wissenschaftlerarbeitslosigkiet und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik in Deutschland" (März 1994).

8 Vgl. das ausgearbeitete Konzept eines solchen bundesweiten Informationssystems mit Begründung im Gesamtheschluß des 2. Deutschlandtreffens habilitierter Wissenschaftler in ungesicherten Verhältnissen in Berlin (Okt.1992).


Verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung der hier veröffentlichten Beiträge: Christian Gizewski [christian.gizewski@tu-berlin.de].